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Zur Geschichte der Gattungspoetik



Die Lehre von der Einteilung der Dichtkunst ist einer der ältesten Wissenschaftszweige der abendländischen Kultur. Die erste zusammenhängende Darstellung zu diesem Thema, die »Poetik« des Aristoteles, die dieser Disziplin den Namen gab , enthält neben Hinweisen auf das Wesen und die Funktion der Dichtung schon Ansätze einer systematischen Gattungslehre. Dabei läßt der fragmentarische Charakter der Schrift keinen sicheren Aufschluß darüber zu, ob es Aristoteles mehr um einen systematischen Ãoberblick oder mehr um eine Musterpoetik speziell der Tragödie zu tunwar. Jedenfalls geht er überall von den besonderen Erscheinungen aus, um diese dann nach allgemeinen Gesichtspunkten zu ordnen . »Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik, sie alle sind in ihrer Gesamtheit nachahmende Darstellungen [mime-sis]. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in bezug auf die verschiedenen Mittel, die verschiedenen Gegenstände und die verschiedene Art der Darstellung und zwar nicht in gleicherweise.«
Das Mimesis-Prinzip bildet also die gemeinsame Basis sowohl der Künste untereinander wie - als »Nachahmung handelnder Menschen« - der poetischen Gattungen . Die weiteren drei Einteilungsprinzipien Mittel, Gegenstand und Art der Mimesis haben, wenn nicht für Aristoteles selbst, so doch für die Wirkungsgeschichte seiner Poetik weitreichende Bedeutung erlangt . Als das bis heute wichtigste Prinzip hat sich dabei die Art der Mimesis, das Redekriterium erwiesen: Der Dichter redet selbst , die handelnden Personen reden , Dichterrede und Personenrede wechseln sich ab . Je nach Auffassung des aristotelischen Grundsatzes von der »Nachahmung handelnder Menschen« lassen sich daraus zwei , drei oder vier Hauptgattungen ableiten. Die engere Auslegung des Nachahmungsgesetzes stellte die Aristoteles-Nachfolger seit der Renaissance vor die Entscheidung, entweder auch die Lyrik unter diesen Grundsatz zu zwingen oder ihn als übergeordnetes Prinzip ganz aufzugeben.
      Die letztere Möglichkeit wurde dadurch gefördert, daß die großen Poetiken des 16. und 17. Jahrhunderts, die sich auf Aristoteles beriefen , im Unterschied zu diesem weniger an theoretischen Einsichten als an verwertbaren Regeln und Ratschlägen für die Praxis interessiert waren und infolgedessen die Gattungen unverbunden nebeneinander in der Rangfolge ihrer zeitgenössischen Wertschätzung abhandelten.
      Mit der »Einschränkung der schönen Künste auf einen einzigen Grundsatz«, den der Nachahmung, bringt der französische Rationalist Charles Batteux 1746 die Vielfalt der Gattungsbestimmun-gen weit auseinander liegender Epochen erstmals in ein geschlossenes System, in dem nun auch die Lyrik als »Nachahmung der Empfindungen« ihren Platz findet. Damit gewinnt die Trias, die außer gelegentlichen Erwähnungen der Lyrik als dritter Hauptgattung in italienischen Poetiken des 16. Jahrhunderts nicht existiert hatte, kanonische Geltung - freilich auf Kosten jener Genres, die in dem System nicht unterzubringen waren, wie die Lehrdichtung oder andere, neu aufkommende Formen . Der normative Charakter dieses Systems besteht denn auch nicht so sehr in dem Anspruch, Handlungsanweisungen für den praktischen Gebrauch zu geben, als in der Entscheidung, den restriktiv verstandenen Nachahmungsgrundsatz zum Einteilungsgrund auch der Gattungspoetik zu machen und so der zeitgenössischen Ã"sthetik die Richtlinienkompetenz über jene einzuräumen.
      Schon Johann Adolf Schlegel, einer der Ãobersetzer der »Beaux-arts«, kritisiert die Einseitigkeit seiner Vorlage, der ähnlich wie Gottscheds »Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen« , der ebenfalls vom Prinzip der Naturnachahmung ausging, mit Alexander Gottlieb Baumgartens Lehre vom besonderen Erkenntnisvermögen der Poesie und Klopstocks dichterischem Irrationalismus der Boden entzogen war. Doch erst Herders individualistische Geschichtsauffassung stellt jegliche Gattungspoctik radikal infrage: »Wie keine zwei Historien in der Welt sich gleich erzählt werden müssen, so keine zwei Oden gleich gesungen. Aber da jeder Vogel wie seine Stimme und Gesangweise, so jeder Dichter seinen Standpunkt, Sehart, Empfindungsart hat, der er gemeiniglich treu bleibt, so bilden sich eigne Gesangarten, Behandlungen Pin-dars, Horaz', Petrarchs: jede kann schön sein, nur keine ist Schönheit. Es gibt also kein allgemeines Muster der Ode in Schwung, Irrung, Zurückkunft usw., kein[en] Bauplan [...] noch weniger ein Gesetz, aus welchen Materialien gebauet werden soll.« Allerdings bleibt Herder bei dieser nominalistischen Auffassung nicht stehen. Jenseits der Einzelwerke erkennt der »philosophische« Blick als elementare Ausdrucksweisen der menschlichen Seele »lyrische«, »epische« und »dramatische« Züge, die zeitlos und nicht an bestimmte Gattungen gebunden sind. Mit dieser folgenschweren Unterscheidung zwischen Einzelwerken, »historischen« Gattungen und »philosophischen« Grundbegriffen, die ähnlich in Emil Staigers »Grundbegriffe der Poetik« wiederkehrt, suchen Herder und seineidealistischen Nachfolger das Universalienproblem zu lösen, das mit dem Geltungsverlust der Regelpoetiken entstanden war. »Der Gegensatz von besonderem Phänomen und allgemeinem Prinzip, den die Gattungskritik des 18. Jahrhunderts aufdeckte, wird von den idealistischen Theoretikern der Jahrhundertwende philosophisch transzendiert.«
Die philosophische Richtung findet ihren krönenden Abschluß in der posthum erschienenen Ã"sthetik G. W. F. Hegels . In ihr, die einen integralen Bestandteil von Hegels philosophischem Gesamtsystem bildet, nimmt die Lehre von den poetischen Gattungen einen relativ gewichtigen Raum ein und erscheint als vollendet durchdachte Summe aller in der vorangegangenen Epoche seit Herder gewonnenen Einsichten und Denkanstöße. Wie der Begriff des Schönen als das »sinnliche Scheinen der Idee« nicht aus der Empirie, der vergleichenden Betrachtung der Menge aller schönen Gegenstände, geschöpft ist, sondern der philosophischen Reflexion entstammt, so sind wir auch bei der Gattungsbestimmung »überhaupt nicht von den einzelnen Erscheinungen her bei dem allgemeinen Begriff der Sache angelangt, sondern haben umgekehrt aus dem Begriffe die Realität desselben zu entwickeln gesucht« . Dieser Begriff ist das die gesamte Philosophie Hegels durchziehende Subjekt-Objekt-Schema, das nun auf die Gattungen und ihre geschichtliche Entwicklung angewendet wird. Dabei erscheint die Epik als die objektive, auf die Totalität der äußeren Erscheinungen gerichtete Dichtart und die Lyrik als die subjektive, die ihren Gegenstand in der inneren Welt des betrachtenden und empfindenden Gemüts hat; das Drama verknüpft objektive und subjektive Seite »zu einer neuen Totalität, in welcher wir ebensosehr eine objektive Entfaltung als auch deren Ursprung aus dem Inneren von Individuen vor uns sehen« . Zugleich repräsentieren die Gattungen unterschiedliche Entwicklungsstadien der Dichtkunst, so daß die systematischen Gattungsbegriffe gleichzeitig Manifestationen der Geschichte sind.
      Auf diese Weise ließ sich das Problem des Verhältnisses von Geschichte und System als gelöst betrachten, jedenfalls solange der Fortgang der Geschichte das solcherart entworfene System nicht eines besseren belehrte. Die Poetik nach Hegel kehrt denn auch alsbald zu der Frage nach der Allgemeingültigkeit der Gattungsbegriffe zurück. Dabei beruft sich Wilhelm Dilthey nicht mehr auf die Metaphysik, sondern nunmehr auf die Psychologie als letzte Begründungsinstanz: »Seitdem die Voraussetzung vom mustergülti-gen Wert der antiken Dichtung gefallen ist, können also nur aus der menschlichen Natur das Gesetz des Schönen und die Regeln der Poesie abgeleitet werden. Die Poetik hatte zuerst einen festen Punkt in dem Mustergültigen, aus dem sie abstrahierte, dann in irgendeinem metaphysischen Begriff des Schönen: nun muß sie diesen im Seelenleben suchen.« Die Annahme, die Gattungen und speziell die Gattungstrias ließen sich aus »der menschlichen Natur« herleiten, war bereits in Goethes Formel von den »Naturformen« der drei Hauptgattungen angelegt: »Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama. Diese drei Dichtweisen können zusammen oder abgesondert wirken. In dem kleinsten Gedicht findet man sie oft beisammen, und sie bringen eben durch diese Vereinigung im engsten Räume das herrlichste Gebild hervor, wie wir an den schätzenswerten Balladen aller Völker deutlich gewahr werden.« Im Gegensatz zu diesen überzeitlichen »Naturformen« haben die kleineren »Dichtarten« wie Ballade, Kantate, Drama usw. lediglich historische Bedeutung. Doch nicht allein diese Unterscheidung, sondern vor allem die Vorstellung vom Zusammenwirken der »Naturformen« hat, gemeinsam mit Herders »philosophischen« Grundbegriffen, zu Emil Staigers Konzept einer Fundamentalpoetik auf der Grundlage von Heideggers Existenzphilosophie beigetragen . In seinen »Grundbegriffen der Poetik« löst er den adjektivischen Gebrauch der Gattungsnamen von dem substantivischen ab, spricht also statt von Lyrik, Epik, Dramatik von »dem Lyrischen«, »dem Epischen«, »dem Dramatischen«. Er verwendet diese Begriffe zur Bezeichnung einfacher Stilqualitäten, die er auf anthropologische Gegebenheiten zurückführt. Diese Kategorien, »Gattungsideen«, wie Staiger sie nennt, dienen nur sehr begrenzt klassifikatorischen Zwecken, da nach Staiger »jede echte Dichtung an allen Gattungsideen in verschiedenen Graden und Weisen beteiligt ist« . Die moderne Gattungspoetik ist so mit ihrem Festhalten an der Gattungstrias in eine Sackgasse geraten. Aus ihr führen auch Versuche nicht heraus, die Zahl von drei auf vier Hauptgattungen zu erhöhen , solange sie auf der Idee der »Naturformen« bestehen. Gegen sie haben die beiden Literaturtheoretiker Rene Wellek und Austin Warren mit Recht zu bedenken gegeben,
»ob diesen drei Arten überhaupt solch ein letztlicher Status eignet, selbst wenn man sie als Bestandteile sieht, die in verschiedener Weise kombiniert werden können« . Nicht nur die Vielfalt des historischen Materials spricht dagegen, sondern die Gattungsbegriffe selbst zeigen die Begrenztheit der traditionellen Trias.
     

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