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>Nicht-mitteilende< Sprachfunktionen und Formen der Avantgarde



Bisher war ausschließlich von jener Art Dichtung die Rede, die Sprache in der einen oder anderen Weise als Mitteilungsorgan verwendet. Wo dies nicht der Fall ist, in der sogenannten Avantgarde-Literatur, versagt daher das Bühlersche Organon-Modell als Klassifikationsinstrument, und der Geltungsbereich der traditionellen Gattungslehre ist endgültig verlassen. »Es empfiehlt sich«, schreibt Franz Mon, einer der Wortführer der Konkreten Poesie, »den Gattungsbegriff, der der gewohnten Poetik schon Schmerzen bereitet,links liegen zu lassen. Die Unterscheidung von Prosa und Poesie und ganz und gar die von Lyrischem, Epischem und Dramatischem hat ihren Sinn verloren, wenn die Texte sich nicht mehr nach Haltungen von Ich, Du, Gesellschaft und Welt zu sich und zueinander charakterisieren, sondern nach ihren experimentellen Fragestellungen. Die Gattungseinteilung wird vollends zu Schrott, wenn man die intermedialen Textphänomene in den Blick nimmt, die eine immer wichtigere Rolle spielen: Texte, die in den Grenzbereichen zur Musik oder zur bildenden Kunst erscheinen und mit den Begriffen dieser Disziplinen oft ebenso beschrieben werden können wie mit denen der Poetik.« Sieht man von den intermedialen Fragen einmal ab , so entpuppt sich als gemeinsamer Grundzug aller hier genannten experimentellen Richtungen die Konzentration auf das Sprachzeichen selbst, das, was Roman Jakobson die poetische Funktion der Sprache nennt. Sie bezeichnet keine besondere ästhetische Qualität, sondern eine Eigenschaft des Sprachgebrauchs, die sich auch in nicht-poetischen Texten findet und in den oben benannten Produkten in den Vordergrund rückt. In einem »Text« wie dem folgenden von Timm Ulrichs
Un-ordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnung
Ordnung unordn gordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnungordnung
- wäre es daher völlig unsinnig, nach so etwas wie Sender, Empfänger oder Gegenstand zu fragen, auch wenn das Geschriebene nicht gegenstandslos, d. h. nicht ohne Bedeutung ist. Seine Bedeutung entspringt vielmehr seiner typographischen Form, der »Unordnung« der sechsten Zeile, und ist von dieser nicht ablösbar, wie diesin den älteren Figurengedichten von der Antike bis zum Barock der Fall ist, wo der Inhalt des Gedichts notfalls auch ohne seine besondere typographische Gestaltung auskommt .
      Die Materialität des Sprachzeichens ist aber nicht wie in der Visuellen Poesie allein an die graphische Form gebunden. Sie zeigt sich auch in der syntaktischen Anordnung der Sätze und Satzpartikel :
Helmut Heißenbüttel geh ich immer zuzu immer geh ichwieder zuich geh zu immer wiederimmer zugeh ich wieder zu rückimmerzu geh ich wieder zurück
Je nach Segmentierung des Textes beim Lesen bilden sich hier unterschiedliche syntaktische Einheiten heraus, die in ihrem semantischen Gehalt und ihrer kontinuierlichen Abfolge die Umschreibung einer Kreisfigur darstellen . Vorläufer solcher »Konstellationen« finden sich bereits bei Mallarme, Apollinaire und Arno Holz . Schließlich wird in den Lautgedichten beispielsweise Ernst Jandls vorzugsweise die phonetische Seite des Sprachzeichens betont, ohne daß die semantische - wie gelegentlich bei den Dadaisten - ganz verlorengeht.

     
Bei einer weiteren Spielart experimenteller Dichtung, bei der bereits vorgeformtes Sprachmaterial benutzt wird, um es durch Verpflanzung in einen anderen Kontext der Selbstentlarvung preiszugeben , kann nach Jakobson von metasprachlicher Operation gesprochen werden, insofern hier die Rede auf den Code und seine Eigenschaft gerichtet ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist Erich Frieds Gedicht »Tiermarkt/Ankauf«, in dem der Autor eine Anzeige des Polizeipräsidiums aus einer Westberliner Tageszeitung wörtlich wiedergibt und dadurch >verf remdetAbsurden Theaters< benutzt, die Unfähigkeit der Akteure zur Kommunikation bei gleichzeitigem Bedürfnis danach deutlich macht:

Eugene Ionesco, aus: »Die kahle Sängerin«
Mr. Smith: Hm. Pause

Airs. Smith: Hm, hm. Pause
Mrs. Martin: Hm, hm, hm. Pause

Mr. Martin: Hm, hm, hm, hm. Pause
Mrs. Martin: Oh, gewiß. Pause

Mr. Martin: Wir sind alle etwas heiser. Pause
Mr. Smith: Es ist aber gar nicht kalt. Pause

Mrs. Smith: Es ist gar kein Durchzug. Pause
Mr. Martin: Oh, zum Glück nicht. Pause

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