Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundlagen der textgestaltung

Index
» Grundlagen der textgestaltung
» Gattungsfragen
» Grenzen der traditionellen Gattungsbegriffe

Grenzen der traditionellen Gattungsbegriffe



Leitet man, wie hier geschehen und wie es teilweise der überkommenen Definition der Gattungstrias entspricht, diese Gattungstrias von den Sprachfunktionen ab, dann erweist sich ihre Begrenztheit schon auf rein begrifflich-deduktivem Feld. So wie Roman Jakobson über das Bühlersche Organon-Modell und seine drei Mitteilungsfunktionen hinausgeht, ist auch auf literarischem Gebiet mit weiteren >nicht-mitteilenden< Gattungsformen zu rech-nen. Zudem ergeben sich aus der Zuordnung von Gattungen und Sprachfunktionen weitere Einschränkungen und Differenzierungen, welche die Rede von den »Naturformen« als unzulässige Hypostasierung erscheinen lassen.
      1. Zur Lyrik gehören neben ihrer Kundgabefunktion die Versform und die relative Kürze. Dagegen scheiden nicht überwiegend kundgebende Aussageformen wie Epigramm, Sinnspruch, große Bereiche der Gedankenlyrik, Ballade, Fabel, aber auch vornehmlich appellative Gedichtformen wie Kampf- und Kriegslieder oder politische Gedichte wie Puskins »An die Verleumder Rußlands« oder Aleksandr Bloks »Skythen« aus dem Bereich der Lyrik aus.
      2. Um die darstellende Funktion geht es nicht nur bei der Epik, die ein Geschehen in der Zeit behandelt, sondern auch in Formen, die man mit dem schottischen Geistlichen Hugh Blair beschreibende Dichtung nennen könnte. Zu ihr gehören etwa das naturwissenschaftliche oder weltanschauliche Themen behandelnde Lehrgedicht wie Lukrez' »De rerum natura«, Alexander Popes »Essay on man« oder Goethes »Die Metamorphose der Pflanzen«. Lobreden auf berühmte Männer wie die »Leichabdankungen« des Barock sind hier ebenso zu erwähnen wie die »malende« Dichtung des 18. Jahrhunderts , mit der sich Lessing in seiner Schrift »Laokoon oder Ãober die Grenzen der Mahlerey und Poesie« auseinandergesetzt hat. Auch die Idylle und Satire als Gattungen lassen sich unter die beschreibende Dichtung rechnen. Die Diskussion um die beschreibende und didaktische Poesie hat im 18. und 19. Jahrhundert eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt und sowohl die Ã"sthetik wie die Gattungspoetik beschäftigt. Neuerdings hat Harald Weinrich aus sprachwissenschaftlicher Sicht versucht, Bericht und Beschreibung von den Tempusformen her zu bestimmen, ohne sich dabei um ästhetische oder poetologische Fragen zu kümmern.
      3. Die Appellfunktion ist nicht das einzige Kriterium dramatischer Dichtung. Ebenso und im allgemeinen Bewußtsein wohl vorrangig gehört die Bühnenfähigkeit dazu, die Forderung, daß die literarische Vorlage mit den Mitteln der Bühne realisierbar sein muß . Aber bei weitem nicht alle, vermutlich nicht einmal die Mehrzahl aller Bühnenstücke basierenauf einer Dialogform, bei der die appellative Sprachfunktion vorherrscht. Klotz und Szondi ordnen sie allein dem klassischen Dramentyp zu, einem Bühnenstück also, das in Europa seit der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert Vorbildcharakter besaß und vornehmlich auf der sogenannten Guckkastenbühne gespielt wurde. Das schließt nicht aus, daß diese Dialogform nicht auch in anderen, nicht-»klassischen« Stücken wie schon in der antiken Tragödie oder in Brechts »epischem Theater« anzutreffen ist. Daß mit der Krise des neuzeitlichen Dramas der Dialog mehr und mehr in Monolog übergeht, wie Szondi und, von einem anderen Blickwinkel aus, Volker Klotz behaupten, dürfte kaum strittig sein und verlagert das Gattungskriterium zunehmend vom sprachlichen Aspekt auf den der Darbietungsform, also auf die >Bühne< mit ihren vielfältigen Möglichkeiten. Das sogenannte Monodrama , das sich auf eine einzige zentrale Figur beschränkt, ist eine der Konsequenzen aus dieser Entwicklung, die mit der Verselbständigung der Figurenrede im inneren Monolog oder Bewußtseinsstrom im Bereich der Epik zusammenfällt und sich von diesen Formen in literarischer Hinsicht, d. h. unabhängig von ihrer Darbietungsform, so wenig unterscheidet wie Peter Handkes Sprechstücke von Formen der Rhetorik.
      Diese Hinweise haben die Grenzen der herkömmlichen Gattungstrias sichtbar gemacht. Sie umfaßt längst nicht alle Dichtungsarten und Einzelwerke, nicht einmal diejenigen, bei denen traditionellerweise der Mitteilungsaspekt der Sprache im Vordergrund steht. Natürlich gibt es diesseits und jenseits dieser Grenzen auch Mischformen, Texte und Textklassen, die verschiedenen Gattungen angehören - genauer formuliert: deren Eigenschaften die Anwendung zweier oder mehrerer Gattungsbegriffe zulassen. Hier wird man nur im Einzelfall entscheiden können, ob der Text mehr in die eine oder andere Richtung tendiert. Auch wenn diese Entscheidung nicht immer leicht fallen mag, liegt das am Gegenstand und seinem >Mischcharakter

 Tags:
Grenzen  der  traditionellen  Gattungsbegriffe    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com