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Funktionen der Sprache und Gattungssystem



Trotz solcher Bedenken sind die drei Gattungsbegriffe weitgehend eingebürgert und aus dem wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken. Eine Möglichkeit, die traditionelle Trias aufzubrechen, ohne die Begriffe Lyrik, Epik und Dramatik selbst preiszugeben, besteht darin, die Gattungen von den Sprachfunktionen her zu definieren, wie sie Karl Bühler "1 in seinem Organon-Mo-dell und in erweiterter Form Roman Jakobson in seinem Aufsatz »Linguistik und Poetik« formuliert haben .
      Nach Bühler ist das Gesprochene nicht nur durch seinen Gegenstand charakterisiert, wenn auch durch diesen primär und grundlegend, sondern ebenso durch den Sprechenden und den Angesprochenen, und zwar nicht in dem äußerlichen Sinne, daß es von einem konkreten Subjekt hervorgebracht, auf einen konkreten außersprachlichen Gegenstand oder Sachverhalt bezogen und von einem ebenfalls konkreten Subjekt aufgenommen wird, sondern durch Positionen im »logischen Schema des Sprachereignisses«, innerhalb der Struktur des sprachlichen Zeichens selbst. Demnach wird die expressive Funktion bestimmt durch den Sprecher- oder Senderbezug , die appellative Funktion durch den Hörerbezug und die darstellende Funktion durch den Bezug zum Gegenstand .
      Zu diesen Funktionen treten nach Jakobson die phatische Funktion, wenn das Kontaktmedium zwischen Sprecher und Hörer im Mittelpunkt steht , die metasprachliche Funktion, wenn der gemeinsame Code überprüft wird und schließlich die poetische Funktion, sofern das Sprachzeichen selbst das Hauptinteresse beansprucht . Diese poetische Funktion ist nicht, wie der Name vermuten lassen könnte, auf dichterische Texte beschränkt, sondern bezeich-net eine allgemeine Möglichkeit der Sprachverwendung - wie die Vorliebe der Umgangssprache für Paronomasien, Alliterationen oder onomatopoetische Ausdrücke beweist .
      Diese sechs Funktionen treten nur selten isoliert voneinander auf, aber doch so, daß eine Unterscheidung nach der jeweils dominanten Funktion sinnvoll erscheint. Die Affinität der Sprachfunktionen zu den literarischen Gattungen liegt auf der Hand. Auf sie hat schon der Literaturwissenschaftler Wolfgang Kayser in seinem Buch »Das sprachliche Kunstwerk« aufmerksam gemacht, indem er das Bühlersche Schema - allerdings in der stark erweiterten, spekulativ unterfütterten Fassung des Sprachphilosophen Heinrich F. J. Junkers - mit der Gattungstrias korreliert und die Gattungen damit erneut als »Naturformen« zu etablieren sucht . Ebenso stellt schon Jakobson selbst in dem genannten Aufsatz eine Verbindung zwischen literarischen Gattungen und Sprachfunktionen her: »In der epischen Dichtung, die sich an der dritten Person orientiert, kommt besonders die referentielle [= darstellende] Funktion der Sprache zum Zuge; Lyrik, die sich an die erste Person richtet, ist eng mit der emotiven [= expressiven] Funktion verbunden.«
Derartige Zuordnungen leiden darunter, daß sie das Verhältnis von Sprachfunktionen und literarischen Gattungen nicht näher bestimmen und damit eher zu einer Stabilisierung als zu einer kritischen Ãoberprüfung und Revision der gängigen Gattungsvorstellungen beitragen .
     

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