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Darstellende Funktion: Epik



Ã"hnliche Vorsicht wie bei der Lyrik ist bei der Epik als »Darstellung« geboten. Ihre größere >Sach Fiktionalität und PoetizitäT), läßt sich feststellen, daß für keine Gattung das Problem der Fiktionalität so sehr im Mittelpunkt steht wie für die Epik, so daß im Englischen >fiction< gleichbedeutend mit Erzählprosa ist, während im Deutschen auch die Dramatik zur fiktionalen Literatur zählt. Diese terminologische Differenz ist von Harald Fricke 1982 zum Anlaß genommen worden, Epik und Dramatik nach Art ihrer Fiktionalität zu unterscheiden. Wie immer man zu dieser gattungskonstitutiven Unterteilung stehen mag, sicher ist, daß ihr ein viel älteres Kriterium, das oben erwähnte Redekriterium, zugrunde liegt, wonach die epische Dichtung entgegen der dramatischen durch eine vermittelnde Instanz, den Erzähler, bestimmt ist. Damit aber verschiebt sich die eingangs gestellte Frage nach dem Objekt auf die nach dem Subjekt der Aussage. Von ihm, d. h. vom medialen Charakter des Epischen her gewinnt Franz K. Stanzel 1979 Zugang zur Gattungsfrage, ohne diese ausdrücklich zu thematisieren .
      Um Abgrenzungsprobleme von der angeblich dramatisierenden Prosadichtung des Naturalismus geht es auch in der ersten größeren Abhandlung zum Erzählerproblem, in Käte Friedemanns Abhandlung »Die Rolle des Erzählers in der Epik« von 1910. Im Gegensatz zu der programmatischen Forderung Friedrich Spielhagens , einzig legitime, weil »objektive« Form der zeitgenössischen Epik sei die den Erzähler möglichst ausschaltende personale Erzählweise, sieht Friedemann das »Wesen der epischen Form« gerade »in dem Sichgeltendmachen« eines erzählenden Subjekts, eben des Erzählers, »der selbst als Betrachtender zu einem organischen Bestandteil seines eigenen Kunstwerks wird« . Hier knüpft Wolfgang Kayser an, wenn er verlangt, der Erzähler sei »immer eine gedichtete, eine fiktive Gestalt, die in das Ganze der Dichtung hineingehört« . Infolgedessen hört in dem Maße, in dem »stream of consciousness«, innerer Monolog und erlebte Rededie Oberhand gewinnen, die überschauende und sinngebende Instanz eines persönlichen Erzählers also hinter den partikularen Eindrücken der Figuren zurücktritt, der Roman auf, Roman zu sein - aber auch Kunstwerk. »Der Tod des Erzählers ist der Tod des Romans« also nicht bloß als einer Gattung, sondern überhaupt als eines ästhetischen Gebildes. Damit ist ein bestimmter Erzähltyp, der des »auktorialen Romans«, zur Gattungsnorm über alle anderen erhoben und die Gattungstheorie zum Instrument der Wertungsästhetik degradiert .
      Von einer anderen Seite her nähert sich Käte Hamburger dem Problem des Erzählers. Die epische Fiktion ist für sie dadurch gekennzeichnet, daß in ihr und nur in ihr »von dritten Personen nicht oder nicht nur als Objekten, sondern auch als Subjekten gesprochen, d. h. die Subjektivität einer dritten Person als einer dritten dargestellt werden kann« . In dem Maße, in dem die subjektive Sichtweise der dargestellten Figuren die des Erzählers verdrängt, wie es beim personalen Erzählen der Fall ist, verschwindet der Erzähler nicht nur als Person, sondern auch als mediale Instanz. Folgerichtig schließt Hamburger den Ich-Roman mit seinem durchgängig präsenten fiktiven Erzähler-Ich aus der fiktionalen Gattung aus und sieht in ihm einen eigenständigen Typus des Erzählens.
      Stanzeis Typenkatalog belegt die Einseitigkeit sowohl der einen wie der anderen Auffassung. Das epische Subjekt ist weder allein eine »fiktive Gestalt« noch eine abstrakte »Erzählfunktion« , sondern beides, je nach dem Standpunkt, den es gegenüber dem Erzählten einnimmt. Das eine Mal steht es über den Dingen, betrachtet das Geschehen, von dem es berichtet, mehr von außen , das andere Mal versetzt es sich in die Gestalten hinein, sieht und erlebt die Welt aus ihrer Sicht , ein weiteres Mal ist es als erlebendes und erzählendes Ich sowohl innen- wie außenbezogen . Doch stets verweist das Erzählte auf eine mediale Instanz, sei diese nun im Werk selbst als Person oder bloß als anonymer Bezugspunkt greifbar.
      Am äußersten Ende seines Kategorienspektrums, bei der Opposition von »Erzähler« und »Reflektorfigur«, zeigt sich jedoch, daß Stanzel mit dem Redekriterium allein nicht auskommt. Wo es nur noch eine Reflektorfigur gibt wie in Arthur Schnitzlers »Leutnant Gustl« oder in manchen Passagen von James Joyces »Ulysses«, aberauch im sogenannten Dialogroman des 18. Jahrhunderts, eine vermittelnde Instanz also nicht mehr auszumachen ist, schwindet die Grenze zur dramatischen Dichtung. Was die Beispiele mit der epischen Dichtung verbindet, ist die Tatsache, daß es sich bei ihnen um die Darstellung eines Geschehens in der Zeit handelt, bei »Leutnant Gustl« sogar um eine Handlung mit Anfang, Ende und einem Höhepunkt wie bei einer >echten< Novelle. Der Zeitfaktor ist ein notwendiges, wenn auch nicht hinreichendes Merkmal, das Eberhard Lämmert 1955 zur Grundlage seines Buches über die Zeitorganisation des Erzählens gemacht hat. In Verbindung mit dem Redekriterium bestimmt es die Eigenart und strukturelle Vielfalt epischer Dichtkunst.
     

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