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Appellative Funktion: Dramatik



Diejenige Gattung, die ohne mediale Instanz auskommt, so daß ausschließlich die »nachgeahmten Gestalten selbst als handelnd tätig auftreten« , ist schon nach antiker Auffassung das Drama . Doch bietet auch hier das Redekriterium allein offensichtlich keine zureichende Unterscheidungsgrundlage. Zum einen, weil Formen wie Ich- oder Briefroman den Erzähler zugleich als Handlungsträger ausweisen, vor allem aber, weil auch im Umkreis der Dramatik mit epischen Gestaltungstendenzen zu rechnen ist, wie wir nicht erst seit Brechts Konzept eines »epischen Theaters« wissen. So stellt sich die Frage, wieweit die Dramatik als »plurimediale Darstellungsform« überhaupt in das System der literarischen Gattungen gehört. Zwar hält die bis ins 18. Jahrhundert maßgebliche Dramentheorie des Aristoteles an der Vorherrschaft des Wortes für die dramatische Kunstform fest - eine der Voraussetzungen für den Siegeszug des Dramas innerhalb der Gattungspoetik bis Hegel -, verliert damit aber gerade die für die Entwicklung des Theaters maßgeblichen Aufführungsbedingungen aus dem Blick. Aber auch wenn man sich auf den rein sprachlichen Aspekt beschränkt, ergeben sich Probleme, die der Klärung bedürfen.
      Der Aufklärungsphilosoph Johann Jakob Engel betrachtet in seinen »Ideen zu einer Mimik« den Dialog als ausschlaggebendes Moment, das die dramatische Dichtung von der monologischen Epik unterscheide: »Im Drama erscheinen Perso-nen, die sich in wirklicher gegenwärtiger Unruhe befinden; Personen, die ihre Gefühle selbst im Augenblick des Eindrucks, ihre Ideen selbst im Augenblicke des Entstehens mittheilen; die nie mit der Ausbildung dieser Gefühle und Ideen allein zu schaffen haben, sondern immer Absichten erreichen wollen, immer mit ihren Gedanken vorwärts in die Zukunft streben, immer Veränderungen und Umwälzungen ihres innern und äußern Zustands bald selbst bewirken, bald von Andern erfahren.« Ã"hnlich erklärt Peter Szondi das Drama aus der Neigung des Menschen, »die Weltwirklichkeit, in der er sich feststellen und spiegeln wollte, aus der Wiedergabe des zwischenmenschlichen Bezuges allein aufzubauen [...]. Das sprachliche Medium dieser zwischenmenschlichen Welt ab er war der Dialog. Er wurde in der Renaissance, nach Ausschaltung von Prolog, Chor und Epilog, vielleicht zum erstenmal in der Geschichte des Theaters zum alleinigen Bestandteil des dramatischen Gewebes.« Ausdrücklich wird hier wie bei Engel der dramatische Dialog von anderen Formen des Gesprächs abgegrenzt. Nach Wolfgang Kayser ist es die appellative Sprachfunktion, die das Spezifische des dramatischen Dialogs ausmacht: »Da ist der letzte Sinn des Sprechens nicht Kundgabe einer Verschmolzenheit oder Darstellung eines anderen Seienden, sondern da löst die Sprache aus, da pro-voziert das Wort etwas, was bisher nicht da war, da empfindet sich das Ich dauernd angesprochen, aufgefordert, angegriffen, da spannt sich alles auf das Kommende.« Kein Zweifel, daß mit solchen Bestimmungen nicht das Drama schlechthin, sondern nur ein bestimmter Dramentyp getroffen ist. Szondi behält daher den Begriff »Drama« konsequenterweise allein dem klassischen Dramentyp vor, dessen Eigenart neben der Dominanz des Dialogs in seiner »Absolutheit«, d. h. in seinem nicht-medialen Charakter besteht und der sich darin »sowohl von der antiken Tragödie wie vom mittelalterlichen geistlichen Spiel, vom barocken Welttheater wie vom Historienstück Shakespeares« unterscheidet . Ob allerdings der Begriff der »Episierung«, den Szondi zur Charakterisierung der modernen Dramatik von Ibsen bis Brecht benutzt, dieser insgesamt gerecht wird oder letzten Endes doch nur wieder dem Systemzwang der Gattungstrias gehorcht, mag dahingestellt bleiben. Entscheidend ist, daß der dramatische Dialog mit seiner appellativen Sprachfunktion auf einen bestimmten Dramentyp beschränkt ist, auch wenn dazuwohl mehr gehört als bloß das von Szondi ins Auge gefaßte klassische Drama, »wie es im elisabethanischen England, vor allem aber im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts entstand und in der deutschen Klassik weiterlebte« .
      Zu einem ähnlichen Ergebnis wie Szondi gelangt Volker Klotz in seinem Buch »Geschlossene und offene Form im Drama«. Während der dramatische Dialog auch bei ihm ausschließlich dem geschlossenen Typ zukommt, neigt der offene Dramentyp zu monologischer Rede der Figuren: Es »sind vornehmlich Selbstaussagen der Personen und Situationsreflexe, Ã"ußerungen der inneren Verhältnisse der Menschen und Antworten auf das, was sie gerade im Augenblick des Sprechens von außen her bedrängt«, die das sprachliche Gefüge der offenen Form prägen - . ' . r
Das Problem von Klotz' typologischer Darstellung ist, daß sie aufeine Gattungsdefinition verzichtet und der Begriff des offenen Dramas daher notgedrungen so weit gefaßt ist, daß er alles einschließt, was nicht zum relativ fest umrissenen geschlossenen Dramentyp gehört; alle weiteren Differenzierungsversuche jenseits des auch historisch verhältnismäßig eng begrenzten Geltungsbereichs klassischer Dramatik unterbleiben. In Ermangelung einer auch nur halbwegs schlüssigen Gattungsdefinition hat man sich stattdessen mit der losen Begriffsklammer >Bühnenstück< zu begnügen. Dieser Begriff bietet aber letztlich allen möglichen theatralischen Formen von der griechischen Tragödie bis zum mittelalterlichen Fastnachtsspiel, vom Musiktheater bis zur Pantomime Raum und verlangt nach einer eigenen, an der Darbietungsform statt an der Sprachfunktion orientierten Systematik .
     

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