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Essay und Feuilleton



Der Essay ist ein subjektiv gestaltetes und stilästhetisch durchform-tes abgeschlossenes Stück nichtfiktiver Prosa, das prinzipiell weder thematisch noch tendenziell eingegrenzt ist und seinen Gegenstand in aller Regel kritisch-skeptisch, intuitiv-assoziativ, anregend, facettenreich und oft auch mehr oder minder dialogisch behandelt. Der Essay ist, was sein Alter anbelangt, das
Gegenstück zum Brief. Während dieser fast genauso alt sein dürfte wie das Schreiben selbst, gibt es eine bewußt gepflegte literarische Textsorte unter dem Namen >Essay< erst seit etwa zweieinhalb Jahrhunderten. Seither ist er indes für die Literatur so eminent wichtig geworden, daß die jüngere Gattungstheorie und -> Literaturgeschichtsschreibung die essayistische Prosa als vierte Hauptgattung der Literatur betrachtet - neben Lyrik, Erzählkunst und Drama . Essayistische Prosa bietet die deutsche, erst recht die englische und französische Literatur des 18. Jahrhunderts in reicher Fülle. Diese Prosa ist damals auffallend häufig mit der Briefform verbunden - wie das gerade besonders deutlich die vielen >kritischen< Arbeiten des »entscheidende[n] Inaugurator[s] des Essays in der deutschen Literatur«, nämlich Lessings , wie aber auch die Werke anderer großer >Essayisten< des 18. Jahrhunderts - etwa Herders, Schillers, Forsters - zeigen. Der Begriff >Essay< ist, im Anschluß an seine Verwendung in der französischen, englischen und amerikanischen Literatur - etwa bei Montaigne, dem >ersten< Essayisten , Francis Bacon und Ralph Waldo Emerson - hierzulande erst 1859 durch Herman Grimm in Umlauf gebracht worden. Seitdem gewann die neue literarische Kunstgattung rasch an Gewicht. Kaum ein namhafter Autor in den letzten eineinhalb Jahrhunderten, der nicht Beiträge zur Spezies Essay beigesteuert hätte. Ja, viele Romanschriftsteller haben die im Essayistischen liegenden Gestaltungsmöglichkeiten genutzt, um reflexionsbestimmte und diskursive Partien ihrer Werke in essayistischer Manier darzubieten. Was ältere Romanautoren in ihre Erzählwerke noch als gedanklich-theoretische Binnentexte, Digressionen o. ä. einschalteten, das wird in modernen Romanen - bei Romanciers wie Thomas Mann, Hesse, Musil, Broch, Frisch, Johnson, Peter Weiss und vielen anderen -zum integralen Bestandteil und Strukturelement der epischen Präsentation; so gilt der >Essayismus< geradezu als ein essentielles Gestaltungsprinzip dieser Romane, der überdies als dominant gewordener Erkenntnismodus »alle gattungsspezifischen Grenzen sprengt« .
      Das Feuilleton ist dem Essay eng benachbart. Als bewußt kultiviertes Genre ist es nur etwa ein halbes Jahrhundertjünger als dieser. Im Pariser »Journal des Debats« zunächst nur als Füllsel im Anzeigenteil eingeführt, wurde das zunächst rein publizistisch intendierte Feuilleton nach 1830 ein festes Ingredienz aller europäischen Zeitungen . Was als kleine und eher marginale Ergänzung zu aktuellen Meldungen, Nachrichten und Berichten aus Politik, Wirtschaft usw. >unterm Strich< entstanden war, entwickelte sich im 19. Jahrhundert rasch zu einer Bruderform des Essays, die sich allerdings in wesentlichen Punkten von diesem unterschied: Der >Feuilletonist< (im engeren >Genrecausierende< Charakter des Feuilletons darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Verfasser nicht allein unterhalten, sondern zugleich auch immer, auf gleichsam spielerische Weise, aufklären und belehren will. Das verlangt den konzentrierten Einsatz stilistischer und rhetorischer Mittel. So haben sich nicht nur in Frankreich, England und Amerika, sondern auch im deutschsprachigen Raum viele Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhundert als glänzende Feuilletonisten hervorgetan. Sie haben die ästhetisch-artistischen Qualitäten ihrer Feuilletons derart gesteigert, daß diese zu einem unübersehbaren Bestandteil der jüngeren deutschen Literatur geworden sind. Zu nennen wären als bedeutende Verfasser feuilletonistischer Prosa in erster Linie Heine, Börne, Glassbrenner, Fontane, Hermann Bahr, Franz Blei, Peter Altenberg, Alfred Polgar, Tucholsky, Kisch, Robert Walser, Sigismund von Radecki, Friedrich Sieburg, Benno Reifenberg, Walter Jens.
     

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