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Brief



Je nach der Intention des Briefschreibers nimmt ein Brief in der Hauptsache eine der vier oben angeführten dominanten Funktionen der Sprache wahr; meist jedoch übernimmt er mehr als eine. Nicht zuletzt dieser >Fähigkeit< des

Briefes ist es zuzuschreiben, daß sich Literaten seiner öfter und auf vielfältigere Weise bedient haben als jeder anderen eingangs genannten Form von Gebrauchstexten. Er ist wohl die älteste ver-schriftlichte Textsorte überhaupt. Diente er seit dem Aufkommen der Schriftkultur als Ãobermittlungsträger von Nachrichten und Instruktionen zwischen räumlich getrennten Partnern wie auch, zumal im Mittelalter, als Rahmen für die Fixierung von rechtsgeschäftlichen Vorgängen mit urkundlicher Wirkung, so erweiterten sich mit dem Beginn der Neuzeit die Möglichkeiten seiner Verwendung: Man benutzte die Briefform im Zeitalter der Reformation z. B. zu publizistischen Zwecken , wohingegen die ungezählten Briefschreiber des briefsüchtigen 18. Jahrhunderts den Brief vor allem zur intimen An- und Aussprache gebrauchten. Eine Unzahl von >BriefstellernHelden< und der >Heldin< - hochgestellten Personen aus Sage oder

Geschichte - gewechselt werden. Die berühmtesten deutschen »Helden-Briefe« stammen von Christian Hofmann von Hofmanns-waldau . Erdachte und rhetorisch effektvoll stilisierte Briefe in Prosa und in Versen gehören zu den wichtigsten Einlagen in den Romanen der barocken und galanten Literatur. Aus den ungezählten persönlichen Briefwechseln des 18. Jahrhunderts ging eine Fülle von »Vertrauten« oder »Freundschaftlichen Briefen« hervor-in Druck gegebene Sammlungen von privaten Briefen, die auf diese Weise Bestandteil der Literatur, zumal derjenigen der Empfindsamkeit, wurden . Manchmal schrieb man sich auch in Versen oder verschickte Gedichte anstelle von Briefen, wie etwa Goethe an Frau von Stein oder gute Freunde oder wie Gleim an Jacobi . Waren die in Versen behandelten Briefthemen nicht nur für den persönlichen Adressaten erheblich, sondern konnten allgemeineres Interesse beanspruchen, so publizierte man solche brieflichen Verse als »poetische Epistel«. Auch für diese »Epistel« hatte die antike Literatur - in der Gestalt der Episteln des Horaz und Ovids - das Muster geliefert. Im 17. und 18. Jahrhundert erfreute sich die Vers-Epistel bei sehr vielen Autoren großer Beliebtheit. Auch ungezählte Gelegenheitsdichter produzierten sich gern mit poetischen Versbriefen. Deutsche Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts haben gleichfalls noch poetische Episteln gestaltet.
      Den Reiz des persönlich-intimen Prosabriefes beutete man etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts an anderer Stelle in der Literatur nachgerade exzessiv aus: in den nach den Mustern Richardsons und Rousseaus massenhaft verfaßten Briefromanen, die ja aus den fingierten Briefen einer Gruppe von Briefschreibern oder eines einzelnen bestanden .
      Die Briefform nutzten Literaten aber auch noch zur Realisierung vieler weiterer kritischer, polemischer oder künstlerischer Absichten, vornehmlich im brieffreudigen 18. und 19. Jahrhundert. Viele der folgenreichsten Kontroversen sind in >kritischen< Briefen öffentlich ausgetragen worden . Häufig enthielten >kritische< Briefe Besprechungen wichtiger neuer zeitgenössischer - deutscher oder ausländischer - Werke der Literatur.
      Einen Höhepunkt solcher in epistolarer Form präsentierter Literaturkritik sind Lessings »Briefe die Neueste Literatur betreffend« . Der berühmte 17. Brief aus dieser Brieffolge verdeutlicht übrigens am besten, daß die >kritischen< Briefe oder Briefreihen des 18. Jahrhunderts vielfach auch als Vehikel für Polemik und Satire in der Auseinandersetzung mit literarischen Gegnern genutzt wurden. In der Hauptsache zeitkritisch ausgerichtet sind demgegenüber die vielen ebenfalls im 18. und 19. Jahrhundert beliebten Reisebrieffolgen . Die Verfasser solcher Reisebriefe benutzten die Briefform auch als Mittel einer literarisch-publizistischen Fiktion und zugleich als Tarnung gegen mißtrauische Zensoren.
      Andererseits enthalten viele der >kritischen< Briefe des 18. Jahrhunderts Passagen in essayistischer Schreibweise. Zu regelrechten Briefessays entwickelten sich im letzten Drittel dieses Jahrhunderts zahlreiche Brieffolgen, insofern sie grundlegende Fragen aspektreich, aber nicht systematisch im Rahmen einer Brieffiktion erörtern. Man denke an Herders »Briefe zur Beförderung der Humanität« oder an Schillers Werk »Ãober die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen« . Erst im 19. und 20. Jahrhundert allerdings wird der Essay, und so auch der Epistolar-Essay, zu einer zielstrebig gepflegten literarischen Textsorte. Hugo von Hofmannsthals »Ein Brief« ist einer der berühmtesten Briefessays der deutschen Literatur.

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