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Autobiographische Texte



In der Autobiographie gibt der Schreibende eine zusammenhängende bekenntnishafte Darstellung seines Lebens oder einer wesentlichen Teilstrecke seines Lebensweges. Da der Autor diese Darstellung in aller Regel erst im reiferen Alter formuliert, verbindet er mit dem Bericht über sein Leben zumeist den Versuch, die dessen Gang prägenden Faktoren und Einflüsse herauszuarbeiten -mit dem Ziel, den eigenen Lebenslauf »als ein geschlossenes Ganzes darzustellen, Strukturen und Entwicklungslinien in ihm aufzu-decken« und so die >Wahrheit< über sein Leben als die Summe von Erlebnissen, Erfahrungen, Erkenntnissen, Bestrebungen, Taten, Fügungen und Wirrungen, Erfolgen und Niederlagen zu vermitteln. Kennzeichnend für die Struktur der Autobiographie ist die chronologische Abfolge der berichteten Lebensereignisse sowie die Doppelung des Ichs in ein erzählendes und ein erzähltes Ich, als Subjekt und Objekt. Die Grundzüge der Gattung finden sich bereits in den spätantiken »Confessiones« des Kirchenvaters Augustinus. Die bürgerlichen Autobiographien des 18., 19. und 20. Jahrhunderts von den zahlreichen und vielfältigen Autobiographien des Pietismus über die literarisch komplexen Texte Rousseaus , Goethes , Gervinus', Wilhelm von Kügel-gens, Malvida von Meysenbugs, Schnitzlers, Tollers, Canettis u. a. schließen ihre Darstellung meist an dem Punkt, an dem Entwicklung, Bildung und Werdegang des Individuums in die Ãobernahme einer klar umrissenen Rolle in der Gesellschaft einmündet . Der literarisch orientierte Autobiograph offeriert seine - durchkomponierte - Darstellung nicht nur in geformter Prosa, sondern verschmilzt mit dem Bericht über seinen Lebensgang auch fiktiv-erzählerische und sym-bolisch-überhöhende Elemente - wie das Goethe bereits im Titel seiner Autobiographie »Dichtung und Wahrheit« andeutet, die zum klassischen Muster des Genres geworden ist . Die künstlerisch durchformte Autobiographie berührt sich daher mit dem autobiographischen Roman, wie er z. B. in unterschiedlichen Variationen von Grimmeishausen im »Simplizissimus«, von Karl Philipp Moritz im »Anton Reiser«, von Alfred de Musset, Keller, Thomas Mann, D. H. Lawrence, Erich Kästner oder Peter Weiss gestaltet worden ist.
      Nicht selten dienen als Materialsammlung für eine spätere Autobiographie die Aufzeichnungen in einem Tagebuch. Dieses besteht aus täglich oder doch vergleichsweise regelmäßig niedergeschriebenen - und fast immer auch datierten - Eintragungen eines Verfassers, der auf diese Weise monologisch-subjektiv das eigene Leben, Erleben, Denken, Meinen, Fühlen, Träumen, Planen und Handeln authentisch festhält und dokumentiert - für sich selbst.
      Regeln für Inhalt, Form und Umfang solcher diaristischen Aufzeichnungen existieren nicht. Das Führen von Tagebüchern im beschriebenen Sinne kam bezeichnenderweise erst im Zusammenhang mit dem wachsenden Interesse am Schicksal und Innenleben des Individuums auf. Im Pietismus des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert, der dem Gläubigen eine intensive Selbstbeobachtung und -prüfung abverlangte, wurde das Tagebuch ein bevorzugtes Medium, das in säkularisierter Form seine Fortsetzung und Steigerung im späteren 18. Jahrhundert erlebte. Als solches diente es nicht nur als Erinnerungsstütze, sondern mehr noch und zunehmend als Mittel der Selbstanalyse, Selbstvergewisserung, Selbstbesinnung, Selbstkritik usw. sowie der Speicherung von Ideen und Werkentwürfen. Wo bei der Führung eines Tagebuches der Gedanke an eine absehbare Veröffentlichung aufkommt und Inhalt und Stilgebung der Aufzeichnungen bestimmt, ist ein entscheidender Schritt hin zur Literarisierung dieser zunächst >vorliterarischen< Textsorte getan. Dort, wo die Veröffentlichung geplant und vom Diaristen selbst realisiert wird, sind die Grundvoraussetzungen für die Entstehung eines literarischen Tagebuchs< gegeben. Entscheidende Schritte in Richtung der Literarisierung des Tagebuchs tut der Autor, der die Form des Tagebuchs bewußt wählt und die Aufzeichnungen kunstvoll stilisiert oder der fiktive Tagebücher als Einlagen in Erzählwer-ken verwendet oder der schließlich ein fiktionales Werk vollständig in Tagebuchform oder tagebuchähnlicher Form gestaltet und dabei eine weitere Möglichkeit der Ich-Erzählung wahrnimmt . Die Bedeutung autobiographischer Schreibweisen für die Entwicklung eines >weiblichen< Schreibens ist von der neueren feministischen Literaturwissenschaft intensiv erörtert worden (vgl. exemplarisch Heitmann 1994; -» Feministische Zugänge - >Gender Studies

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