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Metapher und Metapherntheorie



Wie provozierend und produktiv zugleich dieses moderne Bildlichkeitsverständnis ist, wird deutlich, wenn man die rhetorische Tradition rekonstruiert, gegen deren Geltung moderne Poetiken und Metapherntheorien gleichermaßen opponieren. In der antiken Rhetorik ist die Metapher - gemäß der an Aristoteles orientierten Definition Quintilians - ein Tropus und gehört damit zu einer Redeweise, die »von ihrer natürlichen und ursprünglichen Bedeutung auf eine andere übertragen ist, um der Rede zum Schmuck zu dienen« . Der eigentliches wörtliche Ausdruck wird redewirksam durch einen anderen, >uneigentlichen< Ausdruck ersetzt. Diese Ersetzungs- oder Substitutionstheorie war jahrhundertelang das kanonische Erklärungsmuster für bildhaftes Sprechen wie für dichterische Bildlichkeit. Den Konsens zusammenfassend, heißt es bei Wolfgang Kayser: »Als dichterischste Figur des uneigentlichen Sprechens gilt seit je die Metapher, das heißt die Ãobertragung von Bedeutungen aus einem Bezirk in einen anderen, von Haus aus fremden.«
Ist die Metapher »die Ãobertragung von Bedeutungen aus einem Bezirk in den anderen«, so verbleibt die Synekdoche innerhalb des >Bezirks Formalismus und Strukturalismus; -> DekonstruktioN)
Stand indes schon für Quintilian und Cicero die Metonymie in enger Nachbarschaft zur Synekdoche, so sind auch die Grenzen zwischen Metapher und Metonymie zuweilen fließend. Im Unterschied zu Synekdoche und Metonymie aber ist die Metapher weder alltagssprachlich noch literarisch aus begriffslogischen Analogien schlüssig herzuleiten. Die bis in 20. Jahrhundert reichende Substitutionstheorie hat dort ihre Grenze, wo sie die Metapher als reine Wortmetapher und wortsemantisches Phänomen erörtert. Die aristotelische Metapherndefinition - sie begründet die rhetorische Metaphernlehre - als »Ãobertragung eines Wortes « fußt auf der Annahme von Analogien zwischen Wörtern. Der >Lebensabend< etwa ist zu verstehen als Beziehung einzelner sprachlicher Größen zueinander: »[...] das Alter verhält sich zum Leben wie der Abend zum Tag.« Zwei weitere Elemente dieser Metaphernlehre aber deuten in der Sache bereits ein Ãoberschreiten der lexikalischen Begriffsbestimmung an. So bezeichnet Aristoteles die Metapher als »fremdartig«, als etwas, das gewöhnliche Rede >erwei-tert< und als ungewöhnlich registriert wird. Damit deutet er einen wichtigen funktionalen Zusammenhang der Metaphorik innerhalb der Rede an, nicht zuletzt ihr produktives Wirkungspotential als Ã"ußerung. Folgerichtig heißt es an anderer Stelle: »Denn gute Metaphern zu bilden bedeutet, daß man Ã"hnlichkeiten zu erkennen vermag.« Die Metapher, so verstanden, entfaltet ein ihr gemäßes Erkenntnispotential, indem sie Dinge, Eigenschaften, Beziehungen in metaphorischer Rede zusammenbringt und Ã"hnlichkeiten anschaulich macht: auf fremdartige, ungewöhnliche, aber ebenso wirkungsvolle wie schöpferische Weise.
      In der modernen Metapherntheorie hat zuletzt Paul Ricceur eine solche Lektüre der aristotelischen Metaphernlehre angeregt . Ungleich schärfer indes lassen sich die Rolle des sprachlichen Kontextes und der ebenso sprach- wie erkenntnisproduktive Akt der Metaphernbildung mithilfe der Interaktions-theorie erläutern, die den bei Aristoteles schon angedeuteten metaphorischen Prozeß als aktiven, in seinen kommunikativ-situativen Ort eingebetteten Prozeß des Denkens und Sprechens reflektiert:

»Wir >meinen< oder >verstehen< einen gesprochenen Satz wörtlich oder metaphorisch. Dies hängt vom Kontext oder der Situation ab, also vom Sprecher, vom Hörer, vom Schreiber, vom Leser, von der Situation, vom interessierenden Thema, vom gemeinsam geteilten Wissen über die Welt. [...] Es gibt keine sprachliche Bedeutung an sich, sondern nur in bestimmten Situationen, für bestimmte Sprecher und Hörer, für bestimmte Absichten. Wenn wir uns die Bedeutung eines Wortes klarmachen, müssen wir uns seine Verwendung klarmachen. So muß die metaphorische Bedeutung nicht als Eigenschaft der syntaktisch-semantischen Einheit Satz, sondern als Eigenschaft einer Ã"ußerung bestimmt werden. Mit einer Ã"ußerung ist eine kommunikative Situation gegeben, nach der erst entschieden werden kann, ob ein Ausdruck metaphorisch gemeint ist oder nicht. Dies macht es freilich auch so schwierig, Regeln für das Bilden und Verstehen von Metaphern anzugeben.«
Der metaphorische Prozeß als Interaktionsprozeß ist kein Spezialfall >uneigentlichen< Sprechens mehr. Im Vergleich zur Substitutionstheorie ist die Interaktionstheorie gleichsam ein dynamisiertes Erklärungsmodell: Verabschiedet werden Begriffe wie Ã"hnlichkeit, Analogie, Uneigentlichkeit, Ãobertragung; schärfer in den Blick kommen das Nicht-Konventionelle, Offene, ja Unbestimmte in der metaphorischen Bedeutung, zugleich aber auch deren weit gefaßte textuell-dialogische Funktionsmeachnismen: Die Metapher erscheint hier als Aktivierung von Emotion, Erkenntnis und Vorstellungskraft, die Metapher als Veranschaulichung, Verfremdung, Spiel, Provokation, Verrätselung, Mythisierung. In den Zusammenhang der Interaktionstheorie gehört auch Harald Weinrichs Versuch, die Metapher als »Konterdetermination« zu erklären, als Auflösung der in der Wortbedeutung angelegten Erwartung durch eine kontextuell unerwartete Bedeutung:
»Wir wollen diesen Vorgang Konterdetermination nennen, weil die tatsächliche Determination des Kontextes gegen die Determinationserwartung des Wortes gerichtet ist. Mit diesem Begriff ist die Metapher definierbar als ein Wort in einem konterdeterminierenden Kontext. [...] Es entsteht ein Ãoberraschungseffekt und eine Spannung zwischen der ursprünglichen Wortbedeutung und der nun vom Kontext erzwungenen unerwarteten Meinung.«
Die Rolle der Rezipienten wird für den Prozeß des Metaphernverständnisses implizit hervorgehoben und so die funktionale Betrachtungsweise der Metaphorik akzentuiert. Ende der sechziger

Jahre entwickelt, trägt dieses Theoriekonzept der eminent wichtigen Rolle der Metaphorik in der modernen Poesie Rechnung, die sich nicht mehr traditionellen Schemata fügt. Die Historizität der Metapherntheorien wird vor solchem Hintergrund ebenso evident wie der veränderte Wertungsmaßstab. Hatte Hegels »Ã"sthetik« die »romantische Phantasie, die sich gern metaphorisch ausdrückt«, ebenso ablehnend wie weitsichtig mit einer Prognose zur Verselbständigung der Metapher in Verbindung gebracht: »der metaphorische Gebrauch [...] wird für sich selber Zweck« , so wird jene Verselbständigung des metaphorischen Prozesses zur Prämisse moderner Metaphernpoetik. »Um belebt zu bleiben, braucht eine Metapher zwei wesentliche Voraussetzungen«, heißt es bei Garcia Lorca: »Form und Aktionsradius«. Wie weit dieser reicht, läßt Lorcas berühmt gewordene Formel erahnen: »Die Metapher verbindet zwei entgegengesetzte Welten mit einem Reitersprung der Bildvorstellungskraft.«
Die Metaphorik der Poesie ist seit der Antike ein bevorzugter Gegenstand aller theoretischen Ãoberlegungen zur Metaphorik, ja eine klassische Schnittstelle zwischen literarisch-poetologischem und epistemologischem Diskurs. Zuweilen geriet gar die nichtliterarische Verwendung der Metaphorik fast ganz aus dem Blick. Denn die These, »daß die Tendenz zur Bildlichkeit gerade in der mitteilenden Sprache und nicht in der Poesie ihre maximale Verwirklichung« finde , hat sich kaum durchgesetzt. Dabei zeigt spätestens seit dem 18. Jahrhundert die öffentliche Wirksamkeit der politischen Metaphorik, in welchem Maße der nichtliterarische Metapherngebrauch zur Pragmatik alltäglicher Rede und Kommunikation gehört. Aus psychoanalytischer Perspektive hebt Michael B. Buchholz deshalb mit Recht hervor:
»Metaphern deuten [...] nicht nur an, sie haben nicht nur einen poetischen Ãoberschuß, sie organisieren unser Handeln und unsere Wahrnehmung und determinieren gar, was wir fühlen - mehr vielleicht, als wir denken. Sie sind der immanente Demiurg, dessen Geschöpfe wir sind und den doch niemand anders erschafft als wir mit der Sprache. Eben diese Doppelstellung als Schöpfer und Geschöpf zugleich macht auch eine anthropologische Dimension der Metaphern-Analyse aus; methodisch gewendet bedeutet dies, die Analyse zwischen Konstruktivismus und Dekonstruktion zu verorten.«

Dabei bezieht jenes »wir« den wissenschaftlichen Diskurs ein, als das explizite und implizite Metapherngeflecht im epistemologi-schen Zeitalter. Gemeint ist die Rolle der Metaphorik und metaphorischen Vorstellungskomplexe im menschlichen Handeln, in Erfah-rungs-, Wahrnehmungs- und Konzeptionalisierungsprozessen. Die literaturwissenschaftliche Metapherntheorie ist vor solchem Horizont trotz ihrer Zuständigkeit für die noch immer wirkende rhetorisch-poetische Tradition nur eine Teildisziplin der Metapho-rologie. Ihr Beitrag kann jedoch auch außerhalb des literarisch-hermeneutischen Erkenntnisinteresses sehr nützlich sein, wenn es um die terminologisch exakte Deskription metaphorischen Sprechens und die Klassifizierung metaphorischer Verwendungsweisen sowie um ein plausibles Begriffsinventar der Metaphernanalyse geht.
      In diesen Kontext gehören Unterscheidungen von Metapherntypen nach dem Grad ihrer Abweichung vom konventionellen Ausdruck. Dabei kann der metaphorische Sprachgebrauch verstanden werden als »ein konventionelles Verfahren der Ãoberschreitung konventioneller Ausdruck-Inhalt-Zuordnungen« . Er ist konventionell in dem Sinne, daß metaphorisches Sprechen Teil sprachlicher Konvention ist , aber es gehört gerade zu dieser Konvention, daß die Metapher, mit Weinrich formuliert, den erwarteten Ausdruck »konterdeterminiert«, also die Konvention überschreitet. Es gibt in vielen Sprachen eine große Zahl von Wörtern, deren ursprünglich metaphorische Bedeutung längst erloschen ist {tote Metaphern, wie lesen = sammeln, aufhebeN). Eher noch als Metaphern zu entschlüsseln sind alltäglich gewordene Wendungen wie >MotorhaubeBriefkopf< und >RedeflußSchullandschaftUnternehmenskulturDatenautobahnDonnerstimme< (frz. >voix tonnante

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