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Bildfeld und Allegorie



Für den literarischen wie nichtliterarischen Metapherngebrauch spielen schließlich nicht nur einzelne Metapherntypen, sondern deren komplexe Bildfelder eine wichtige Rolle. Weinrich hat den Begriff in Anlehnung an Jost Triers Wortfeldbegriff geprägt: »Die aktuell geprägte oder vernommene Metapher wird von einem in der sprachlichen und literarischen Tradition vorgegebenen Bildfeld getragen« , wobei er die Felder in einen >bild-spendenden< und >bildempfangenden< Bezirk unterteilt. So ist in Durs Grünbeins Vers »In solcher Frühe / Ein unbekanntes Tier, vergaß ich meinen Weg« das Bildfeld der Tiermetaphorik ein Rekurs auf eine in der Metapherngeschichte höchst wirksame >Zentral-metapherZentralmetaphern< enthält im Kern die Geschichte menschlichen Selbst- und Weltverständnisses, wie die folgenden Beispiele andeuten sollen.
      Die Theater- und Bühnenmetaphorik hat gesellschaftliche Rollenspiele und die Stellung des Menschen im >Welttheater< reflektiert. Soziale Prozesse und Zukunftsprognosen wurden in den Bildfeldern des Weges , die Metaphorik des Kranken und des Gesunden . Er subsumiert unter diesem Begriff die weiter ausgeführte, fortgesetzte Metaphorik der Rede, in diesem Falle die ständig variierte Ausfaltung der Staatsschiffmetapher in immer neuen politischen Bilddetails.
      »Die Form der Allegorie definiert Quintilian als einen Text, als eine Geschichte, einen Diskurs. Die Allegorie ist eine narrative Sequenz, eine Erzählung mit bekannter Handlungsstruktur. Zeit ist ein konstitutives Element der Allegorie. [...] Die komprimierte Sinnfülle einer Metapher verlangt ja geradezu danach, fortgesponnen zu werden. [...] Die Form der Allegorie ist also eine Geschichte, eine Geschichte mit kohärentem, kontinuierlichem Zusammenhang.«
Die narrative Komponente ist für das Verständnis komplexer allegorischer Bildprogramme besonders aufschlußreich und verbindet literarische Allegorien mit denen der bildenden Kunst. Nicht jede Definition der Allegorie berücksichtigt indes deren aus der Entfaltung metaphorischen Sprechens motivierten >erzählenden< Grundzug. Unter den konkurrierenden Erklärungsmustern nimmt, trägt man die Begriffsbestimmungen selbst neuester Sachlexika zusammen, immer noch Goethes ebenso folgenreiche wie in neuerer Zeit revidierte Dichotomie von Allegorie und Symbol eine Sonderstellung ein. Die Hochschätzung des Symbolbegriffs soll, durchaus apologetisch gedacht, das eigene Spätwerk gegen den Vorwurf des

Allegorisierens verteidigen: »Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild, und so, daß die Idee im Bild immer unendlich wirksam und unerreichbar bleibt«, während die Allegorie »die Erscheinung in einen Begriff« verwandelt und »den Begriff in ein Bild, doch so, daß der Begriff im Bilde immer noch begrenzt und vollständig zu halten« sei .
      Goethe akzentuiert eindeutig die Begriffsallegorie, also die Art von Allegorie, die Begriffe - wie Gerechtigkeit, Freiheit, Tugend, Zeit, Welt - personifiziert . Die Begriffsallegorie ist aber weder die einzige Form der Allegorie noch, wie immer wieder behauptet, ein bloßes Zeugnis rationalistischer Bildlichkeit, das allegorische Bildform und allegorischen Sinn auf eindeutige Weise zur Deckung bringt. Die bis in die Spätantike zurückreichende Unterscheidung von rhetorischer und hermeneutischer Allegorie markiert die Differenz zwischen der allegorischen Wortfigur und der Allegorese, dem allegorischen Auslegungsprozeß. Diese vermittelt einen Eindruck davon, wie mehrdeutig und verschlüsselt allegorisches Bilder-Lesen sein kann. So lassen sich die Texte des Mittelalters zu einer allegorischen En-zyklopädistik, der mittelalterlichen Bedeutungsforschung, bündeln, die ein weitgespanntes Spektrum allegorischer Sinnträger und Bedeutungen repräsentiert und sich »der Erforschung der im weiten Sinne allegorischen Zeichenhaftigkeit der Welt der Schöpfung und des von Menschen Geschaffenen und Geschehenen« widmet .
      Die Allegorie ist eine Art des >uneigentlichen< Sprechens, die, vereinfacht formuliert, etwas anderes sagt als sie meint. Sie wird vom Rezipienten verstanden, wenn er das >Andere< zu entschlüsseln versteht. Die Rekonstruktion des allegorischen Sinns kann ihren Schlüssel im Text, im Bildprogramm der Allegorie enthalten . Im anderen Falle ist der allegorische Sinn nur aus dem historisch-kulturellen, religiösen, literarischen und sozialgeschichtlichen Kontext zu entwickeln, den der Gebrauch der Allegorie voraussetzt und an dem dieser vielfältig partizipiert. So spontan, so auf ihren je besonderen Effekt die Metapher in der Rede bezogen ist, so verbindlich und allgemein sind Allegorie und allegorische Deutung in kultureller Praxis verankert. Die Allegorie ist zwar auch ein »direkt-indirekter Sprechakt« , zugleich aber, darüber hinausweisend, eine an kulturelle Formationen gebundene kommunikative Verständigungsform. Sie kann schließlich, wie im Barock, die Dinge der sieht-baren Welt zu allegorischen Zeichen der Vergänglichkeit werden lassen: »Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn ? / Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten, // Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind, // Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder find't!«
Die Prädominanz solcher Vanitas-Allegorien hat Walter Benjamin vor Augen, wenn er über die barocke Allegorie schreibt: »Allegorien sind im Reiche der Gedanken was Ruinen im Reich der Dinge.« Mit seinen Ding-, Zeit-, Pflanzen-, Tier- und Zahlenallegorien steht das 17. Jahrhundert am Ende einer allegorischen Tradition, die weit ins Mittelalter zurückreicht. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wenn im Barock die Kunstform der Emblematik besonders beliebt war, die Bild und Text verbindet, indem ein allegorisches Bildelement mit einer Inschrift und einem erklärenden Epigramm ein Sinn- und Denkbild verschlüsselter Welt- und Daseinsinterpretation repräsentiert . Benjamins Aufwertung von Allegorie und Emblem hat die Frage nach der Gegenwärtigkeit allegorischer Formen stimuliert. Kurz verweist auf allegorische Deutungen Kafkas , während H. Schütz anhand illustrer Beispiele aus dem modernen »theatrum emblematicum« erläutert, wie am Ende des 20. Jahrhunderts, etwa als Warenembleme der Werbung oder aber als mit den Mitteln der Kunst zum Sprechen gebrachte Alltagsgegenstände, ein »Theater der Embleme« wiederkehrt .
      Die drei Elemente emblematischer Bedeutung hat Jürgen Link mit veränderten Definitionen auf den Begriff des literarischen Symbols übertragen und diesen nach Jahrzehnten literaturwissenschaftlicher Abstinenz wieder aktiviert . Methodologisch nicht unumstritten, wird das Symbol »als motiviertes, und zwar ikonisch« und »quasi-ikonisch motiviertes Zeichen« aufgefaßt, als ein Zeichenkomplex, der letztlich, konsequent zuende geführt, den traditionellen Begriff der Bildlichkeit insgesamt ersetzt. Wenn die literarische Symbolik dann »als fundamentales, sehr verbreitetes Konstituens literarischer Diskurse - mit Koppelungsmöglichkeiten zu allen anderen Teilstrukturen« - bezeichnet wird, dann ist die Bildlichkeit von Literatur und Sprache kein marginales Rhetorik- und Stilphänomen mehr, sondern ein brisanter Forschungsgegenstand, am dem wissenschaftliche Theorien ihre Plausibilität erweisen können. Aber nicht nur Emblem und

Symbol, auch die Metaphorik reizt gerade neuere und neueste Theorieansätze zu weiteren Ãoberlegungen. So ist, mit Jacques La-can formuliert, der »schöpferische Funke der Metapher« für die poststrukturalistische Prämisse einer Aufhebung fester Signifikant-Signifikat-Verbindungen von besonderem Interesse, denn im metaphorischen Prozeß wurde stets schon ein »Wort für ein anderes« gesetzt . Metaphorisches Sprechen, so verstanden, interpretiert nicht bloß Wirklichkeiten, sondern konstruiert sie. Es sind nicht zuletzt die Interpreten und Analytiker, die dafür einen anschaulichen Beweis liefern .
     

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