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Bild und Literatur



Der Begriff »Bild« ist literaturwissenschaftlich eine unbestimmte, unscharfe Bezeichnung für unterschiedliche Formen einer sprachlichen Ausdrucksweise, die sich eines breiten Repertoires an Möglichkeiten >uneigentlichenBild< und >Bildlichkeit< Malerei und gelangen zu der Annahme, dem sprachlichen Bild sei - im alltäglichen Sprachgebrauch wie in der Literatur - ein Element der Anschaulichkeit eigen, das auf uns gerade wegen seiner lebendig-einprägsamen, plastischsinnfälligen Ausdrucksweise seine Wirkung erzielt. Bildhaftigkeit wird auf diesem Hintergrund zum Synonym für Einprägsamkeit, Farbigkeit, Lebendigkeit und Anschaulichkeit. Ein sprachliches Bild führt uns einen Gegenstand, einen Sachverhalt, einen Gedanken, ein Gefühl anschaulich vor Augen, entfaltet also seine Kraft aufgrund seiner sinnhaften Gestalt.
      Es ist kein Zufall, daß ein solches Verständnis von Bildhaftigkeit, auf die Poesie bezogen, schon in der Antike nicht nur die Rhetorikzu Definitions- und Klassifikationsversuchen reizte, sondern auch die Poetik zu Vergleichen zwischen Bildmalerei und Dichtung stimulierte. Am folgenreichsten hat sich die Formel des Horaz »ut pictura poesis« erwiesen, die in Malerei und Dichtung jahrhundertelang zeitweilig höchsten kanonischen Rang erhielt , indem sie Dichtung an Malerei, aber auch umgekehrt Malerei an Literatur und Schrift band und nicht zuletzt mit der Ikonographie eine bis ans Ende des 18. Jahrhunderts reichende Lehre schuf, in welcher der Zusammenhang von Literatur und bildender Kunst auf unterschiedlichsten Feldern künstlerischer Praxis konkretisiert und in Vorschriften gefaßt wurde. Diese Formel, wonach »die Dichtung dem Gemälde gleicht«, bezeichnete ursprünglich eher ein wirkungsästhetisches als ein genuin produktionsästhetisches Prinzip; sie hat aber bei ihren Auslegern vom Mittelalter über die Renaissance bis ins 18. Jahrhundert unterschiedliche Interpretationen erfahren. Ihnen gemeinsam war der Versuch, Bildlichkeit auf Vorschriften und Regeln festzulegen. Die Malerei als >stumme Poesie< und die Poesie als sprechende Malerek in der Verschränkung beider Künste wird die bildende Kunst in ihren Themen, Gegenständen und Darstellungsmodi an Texte geknüpft, vor allem an Bibelstellen, literarische Vorlagen, theologische und philosophische Schriften, während die Literatur ihrerseits, mit Martin Opitz' Worten, als »Poeterey / Ein redendes Gemähld', und Bild, das lebe«, sein müsse .
      Hatte die >Tropen Rhetorik bildhafte Rede in ihrer schmückenden Funktion als eine Redeweise unter anderen definiert, so zielt die Poetik mit ihrer weiten Auslegung der zitierten Horaz-Stelle auf das Selbstverständnis der Poesie. Eine solche Bestimmung ist keineswegs nur eine enge, reglementierende Vorschrift . Sie trägt vielmehr der grundlegenden Einsicht Rechnung, »daß die Sprache der Literatur, wie übrigens jede Sprache , in sich selbst bildlich ist. [...] Für das Bildkunstwerk wie für das poetische Gebilde darf gelten, daß ihre Bildlichkeit einen Sinn kommuniziert, den kein Begriff je genau bezeichnen würde. Bilder sind, weil ihr Sinn sich prima vista sinnlich mitteilt, interpretationsfähig.«
Unausgesprochen opponiert ein solches Verständnis von sprachlicher und literarischer Bildhaftigkeit gegen die nicht allein in der

Rhetorik verbreitete Ansicht, das sprachliche Bild ersetze einen Begriff. Daß sich Bildlichkeit nicht ohne Rest in Begrifflichkeit überführen läßt, daran haben diejenigen Anstoß genommen, welche im Bewußtsein, philosophische und wissenschaftliche Sprache sei der literarischen an Erkenntnisvermögen und Wahrheit überlegen, analytische Begriffspräzision dem zwiespältigen Schein literarischer Bildlichkeit entschieden vorzogen.
      Umgekehrt ist die Aufstiegsgeschichte der Literatur seit dem 18. Jahrhundert, ihre Etablierung als Leitmedium bürgerlicher Identitätsbildung, nicht abzukoppeln von der allmählichen Aufwertung poetischer Bildlichkeit als Ausdruck eines genuin subjektiven Vermögens. Der Legitimationsprozeß nimmt in der deutschsprachigen Literatur eine entscheidende Wendung, als die Zürcher Gelehrten Bodmer und Breitinger um 1740 gegen den frühaufklärerischen Ansatz Gottscheds das poetische Bild und, was noch wichtiger ist, die Freiheit der dichterischen Bildproduktion aus der funktionalen Unterordnung von Bild und Dichtung unter die begriffliche Wahrheit moralisch-nützlicher Lehrsätze lösen. Noch für Gottsched war beispielsweise metaphorisches Sprechen so beschaffen, daß es sich von einem philosophisch geübten Leser ohne Mühe in eine begriffliche Aussage zurückverwandeln ließ. In solcher Lektürearbeit sah er nicht zuletzt den Sinn des literarischen Leseprozesses überhaupt; Lektüre habe - eine wichtige Erkenntnis aufklärerischer Metapherntheorie - >vergnüglich< auf die Teilnahme am philosophischen Diskurs vorzubereiten, in dem man ohne sinnhaft-bildliche Einkleidungen von Wahrheit auskommen sollte. »Der Prozeß der >Erf indung< von Metaphern ist [hier] umkehrbar, ohne Verlust rück-führbar auf die >eigentliche< Aussage. Nicht für den angesprochenen Laien, aber für den philosophischen Kopf erwächst daraus das Lesevergnügen. Keine Rede also davon, daß der in einer Metapher vorgestellte Sachverhalt angereichert würde durch die gefühlsmäßigen und semantischen Implikate des Bildes.«
Bodmer und Breitinger machen den Weg frei für ein zunehmend subjektives und autonomes Verständnis literarischer Bildlichkeit, indem sie die Bedeutung von Imagination , Phantasie und Einbildungskraft als einer produktiven Tätigkeit von Autor und Leser theoretisch begründen. In den meisten europäischen Literaturen lassen sich im Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert analoge Prozesse beobachten. Die Poesie löst sich von der noch im Barock dominanten Geltung moralisch-religiöser Sinnbildlichkeit, welchedie einzelnen Bildfelder der Dichtung miteinander verknüpft und den Vorgang der Bilderfindung, mag sie - als Element rhetorischer »ars inveniendi« - noch so kühn und neuartig, noch so individuell und geistreich sein, in letzter Instanz auf die Konventionalität gesellschaftlich überlieferter Bildsemantik verpflichtet.
      Als historisches Phänomen ist die Geschichte literarischer Bildlichkeit daher unmittelbar verknüpft mit der Geschichte der Auto-nomisierung und Subjektivierung der Poesie. Jenseits der Konvention aber beginnt, forciert durch die europäische Romantik und den Symbolismus im 19. Jahrhundert, jener Prozeß der Chiffrierung und komplexen Verschlüsselung sprachlicher Bilder, deren Bedeutung sich erst jenseits von Übertragungs- und Ersetzungstheorien metaphorischen Sprechens entfaltet. Bildlichkeit konstituiert hier allererst Dichtung, wie der englische Romantiker Coleridge erläutert: »Die Macht der Dichtung liegt, in einem Wort, vielleicht darin, dem menschlichen Geist Energie einzuflößen, woraus für die Imagination der Zwang entsteht, das Bild zu produzieren.« In welchem Maße schließlich moderne Bildlichkeit selbstreferentiell ist, also auf sich selbst bezogen, auf sich selbst verweisend und abgeschottet gegen alltagssprachliche Konvention und alltägliche Kommunikation , das hat Höherer manifestartig für die moderne Lyrik zusammengefaßt: »Jedes Wort ist wie ein Bild zu betrachten, dann wie eine Reihe von Bildern. [...] Ein Bild ist kein Vergleich, sondern die Annäherung zweier Realitäten, je ferner, je genauer, der Reitersprung zwischen Entgegengesetztem, eine Assoziation der Ideen von großer Spannweite. [...] Das Bild ist unanpassungsfähig an irgendeinen Gegenstand der Wirklichkeit.« Das moderne Bild, das poetische Bild in der Moderne, >repräsentiert< keine Bedeutung, sondern entwirft den nur in ihm aufgehobenen Bedeutungszusammenhang, bis hin zur sogenannten absoluten Metapher, genauer: zu einer Form literarischer Bildlichkeit, die sich, wie in Garcia Lorcas Wendung »Es ziehen schwarze Pferde durch die tiefen Wege der Gitarre« , jedes Vergleichsansatzes entledigt und so die Metaphorizität der Sprache ad absurdum führt.
     

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