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Grundfragen der textrezeption

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Verhältnis und Gegenstände der Begriffe Wert, Kanon und Zensur



/. / Zusammenhang der Begriffe
Die Begriffswörter »Wert«, »Kanon« und »Zensur« hängen logisch miteinander zusammen, indem sich ihre Inhalte einschließen oder voraussetzen. Wer Zensur ausübt, hat eine Intuition oder sogar eine genaue Vorstellung vom Kanon desjenigen, was gemäß stillschweigender oder ausdrücklicher sozialer Übereinkunft in einem bestimmten Redezusammenhang gesagt oder veröffentlicht werden darf, sowie vom Gegenkanon desjenigen, was dem eigenen Urteil oder der Ansicht Dritter zufolge unterbleiben muß. Das Aufstellen, Erhalten und Durchbrechen eines Kanons von Texten wiederum hat zur Voraussetzung, daß der ihn Errichtende, Wahrende und Verändernde den Wert der diesen Kanon bildenden Bestandteile sowie die Wert-haltigkeit des Kanons selbst vertritt. Ohne ein solches Wertkriterium, das im literarischen Leben auch ungenannt bleiben kann, läßt sich kein Kanon entwerfen und damit auch keine Zensur ausüben.

      1.2 Literaturwissenschaftliche Begriffsverwendung Beim Gebrauch der Grundbegriffe »Wert«, »Kanon« und »Zensur« in der Literaturwissenschaft lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Fälle unterscheiden, wenngleich sie oft miteinander einhergehen. Die Ausdrücke können zum einen dem Bereich der Literatur selbst angehören, etwa Bestandteile eines literarischen Textes und seiner Verwendung sein und beispielsweise werthafte Erscheinungen des literarischen Geschehens und seiner Referenz meinen. Der erste Vers des Volksliedes »Wie schön blüht uns der Maien« appelliert an den ästhetischen Wert der besprochenen Welt, während in Büchners »Woyzeck« der Titelheld dem ihn peinigenden Hauptmann mit der Replik »Er ist ein guter Mensch« zum Erstaunen des Zuschauers oder Lesers einen positiven ethischen Wert zuspricht. Homer hat Andromache in ihrer Totenklage auf Hektor von ihren »heftigsten Schmerzen« sprechen und so den Verlust des Gatten mit dem Gefühlswert in höchster negativer Steigerung belegenlassen. All diese Wertäußerungen gehören den Objektsprachen der Werke an, mit denen sich die Literaturwissenschaft befaßt.
      Zum anderen können die Begriffe »Wert«, »Kanon«, »Zensur« axiologische Termini der Rede über sprachliche Kunstwerke sein oder von Begriffen dieser Rede vorausgesetzt werden, wie vom Ausdruck »hoher Stil« in klassizistischen Werken oder von den Begriffen »Parteilichkeit«, »Positiver Held« und »Volkstümlichkeit« in der Doktrin des Sozialistischen Realismus; als ausformulierte literarische Entwürfe gehören sie zwar nicht dem engeren Feld der literarischen Texte an, wohl aber dem weiteren Gegenstandsbereich Literatur, zu dem auch alle Erscheinungen des literarischen Lebens zählen .
      Aristoteles handelt im sechsten Abschnitt seiner »Poetik« von der Ethik der dargestellten Tragödienhandlung, aber er wertet auch die Sprache ihrer Darstellung: »Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache.« »Anziehend geformt« ist für ihn eine Sprache, die über Rhythmus und Melodie verfügt. Horaz fordert im »Buch von der Dichtkunst« nicht nur, das Kunstwerk solle »einfach und einheitlich« sein, er verlangt von ihm neben der Schönheit auch Wirksamkeit: »Nicht genug ist's, daß schön [pulchra] sei die Dichtung, süß [dulcia] und zu Herzen gehend, soll sie den Hörer ergreifen [animum auditoris agunto].« Die Horazische Doppelfunktion der Dichtung, »nützen wollen die Dichter oder erfreuen / auch beides zugleich« , öffnet auch einen Wertfächer für die Sprachkunst .
      Schließlich gehört wie alle Literaturkritik die Verurteilung der symbolistischen Dichtung als »Entartung« oder von Zolas Prosa als »Pornographie« durch Max Nordau ebenso hierher wie Emil Staigers den »Zürcher Literaturstreit« auslösende Rede über »Schmutz und Schund« der Literatur seiner Zeit .
      Vor allem auf der Ebene der literatur- und kunstwissenschaftlichen Terminologie begegnen Werte auch als Inhalt entfalteter Begriffe. Sie sind - wie noch »das Vollkommene« bei Hans-Robert Jauss - wertträchtiger Bestandteil einer literaturwissenschaftlichen Metasprache und wurden nicht selten dem literarischen
Diskurs oder Äußerungen des literarischen Lebens entlehnt. Schließlich können im werttheoretischen Metadiskurs, wie in diesem Kapitel des vorliegenden Buches, auch diese ausdrücklich werthaltigen literaturwissenschaftlichen Begriffe Gegenstand axiologi-scher Betrachtung sein.i.j Wertungen in Texten
So bedeutsam es ist zu unterscheiden, ob im jeweils betrachteten Text selber die Rede von Werten geht oder der den Text Beurteilende die Werte zu- oder aberkennt, nicht immer ist dies dem Wortlaut so sicher abzulesen wie in den oben angeführten Beispielen. Kein Wörterbuch trennt werthaltige Lemmata wie »schön«, »gut« oder »Schmerz« von zunächst nicht werthaltigen Ausdrücken wie den Kopula und Partikeln oder dem Zustandsverb »sein«, die aber wie jedes andere Wort im literarischen Werk aufgrund der Stellung im Text, des Kontextes, der Referenz oder des intertextuellen Verweises werthaltig gemeint und verstanden werden können. So läßt sich kein unstrittiges Kriterium benennen, das dem Prädikat des ersten Verses im Eingangstext von Durs Grünbeins Zyklus »Den teuren Toten« zweifelsfrei einen Wert zuordnen läßt, obgleich es die Sterblichkeit der Menschen bezeichnet: »Unklar weshalb, es ist so, / Wer weiß warum.« Auch der Hinweis auf die Kluft zwischen dem festgestellten ontologischen Wert in der zweiten Hälfte des ersten Verses und dem zunächst als ungeklärt , dann als fraglich eingeschätzten Erkenntniswert führt, wie schon die Spannweite zwischen ökonomischem und affektivem Wert im Titelwort »teuren«, nur zu einer möglichen, keineswegs aber zwingenden Wertbestimmung. Wie in archaischer Rede kann im Gedicht dem Sein der höchste Wert zukommen, kann es - so auch im Realismus - hoch über dem meist selbst nicht ausgedrückten Zeichen-Sein einer jeder literarischen Äußerung, über seinem Zeichenwert stehen. Ist die Welt dagegen selber als Buch, Schrift oder Text gefaßt, steht der Zeichenwert über dem Seinswert: Was Zeichen ist, hat höheren Wert als das nur Dingliche. Schließlich kann in Umkehrung der aufgeführten Fälle - wie in buddhistischen Diskursen - gerade das Nicht-Sein oder aber, so in der Apophatik, das Nicht-Zeichen-Sein an der Spitze der Wertpyramide stehen.

      1.4 Gattungsbezeichnungen
Der Unterschied zwischen expliziter und impliziter Darstellungvon Werten im literarischen Werk wird in der literaturwissen-schaftlichen und -kritischen Praxis ebenso oft übergangen wie die Differenz zwischen literarischem und wissenschaftli-chem oder literaturkritischem Wertnachweis. Die Gattungs bezeich -nungen »Tragödie« und »Ode« gehören als Untertitel klassizistischer Dramen und Gedichte zum Wortlaut des jeweiligen Werks, beanspruchen im Werthorizont ihrer Poetik für das Werk die Zugehörigkeit zum »hohen Stil« und einen Spitzenplatz in der Gattungshierarchie . Der solche Werke betrachtende Wissenschaftler oder Kritiker sollte entscheiden, ob er die klassizistischen Ausdrücke »Tragödie« und »Ode« sowie die Begriffe »Lehrstück« und »Chronik« aus Brechts Gattungsvokabular als werthaltige Bestandteile des Textes oder aber als literaturwissenschaftliche Termini im engeren Sinne handhabt, denen er seinerseits wiederum Werte zusprechen kann.
     

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