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Schwierigkeiten einer Theorie des literarischen Wertes



Wer eine Theorie des literarischen Wertes entwirft, steht zunächst vor der Schwierigkeit, daß sie in jedem Fall eine Theorie der Literatur voraussetzt. Letztlich ist sie im jeweiligen Selbstmodell der Kultur verankert. Umgekehrt enthält jede Literaturtheorie ausdrücklich oder unausdrücklich Wertbegriffe, mit deren Hilfe sich die Erscheinungen, die zum Gegenstandsbereich der Literatur gezählt werden sollen, erst gegen die übrigen Phänomene abgrenzen lassen. Comics werden im Literaturunterricht der Schulen behandelt, seit in den siebziger Jahren ein auf der Kommunikationstheorie fußender, die bis dahin vorherrschende Werthierarchie einebnender Literaturbegriff die Literaturdidaktik eroberte.

      Eine zweite Schwierigkeit der literarischen Werttheorie rührt aus der Unklarheit des »Wert«-Begriffs her. Von Beginn an schwankt er zwischen der Bedeutung >PreisWürde Dekonstruk-tion nehmen. Derrida stellt, eher dem Vergleichswert zuneigend, den »symbolischen Nullwert« heraus. Unter dieser Voraussetzung ist nur eine negative Axiologie möglich, die mit den Werten und Werturteilen auch jedes Wertsystem außer Geltung zu setzen sucht oder bereits gesetzt sieht . Die in Hochmoderne und -» Strukturalismus vorherrschende Neigung zur Ã"quivalenz wird abgelöst vom Hang zur Invalenz. Im Gegenzug wird die Axiologie der negativen Ã"sthetik als neue Ethik vorgetragen.
      Positive Werttheorien dagegen wählen zunächst zwischen äußersten Möglichkeiten: Sie können den Wert entweder als dem beurteilten Gegenstand, z. B. einem literarischen Kunstwerk, objektiv eigen, ihm »inhärent«, »intrinsik« entwerfen, oder ihn als dem zu beurteilenden Gegenstand von außen - z. B. aufgrund des individuellen oder kollektiven Geschmacks - zugewiesene Größe, als »ex-trinsik« auffassen. Der Extremfall ist auf der einen Seite der Wertobjektivismus, der in der Kunstperiode überwog und Hogarths
»Analysis of Beauty« prägt. G. D. Birkhofs Entwurf des berechenbaren »ästhetischen Maßes«, das proportional zur Zahl der Ordnungsbeziehungen steige und der Komplexität des aufgewendeten Materials gemäß sinke, ist ihre positivistische Ausprägung. Max Bense und Rul Gunzenhäuser haben ihn kybernetisch umgesetzt zum Maß der »ästhetischen Information«, das den Quotienten aus subjektiver Redundanz und statistischer Information bildet.
      Am anderen Ende der Skala steht jener Wertsubjektivismus, der die Valeur in das Belieben des Urteilenden stellt - seit altersher unter der Losung »Ãober Geschmack läßt sich nicht streiten« . Gracian hat im 17. Jahrhundert den »richtigen Geschmack« beim »Mann von Welt« wie von der Erfahrung so auch vom Blick nach Innen abhängig gemacht. Daraus entwickelte sich im Ãobergang nach Frankreich die sozialethische Bindung des »guten Geschmacks« an den »Ehrenmann« . Seit Gottsched wird unterschieden zwischen überindividuellem Unterscheidungsgeschmack , Dichte, Einstimmigkeit , Vielstimmigkeit , Komplexität, Welthaltigkeit, gesellschaftliche Relevanz eines literarischen Textes - und 2. den durch Vergleich herbeigeführten »quantitativen« Wert, z. B. »bester Roman des Jahres«, »schwächster Abschnitt der Erzählung«, »gelungenste Aufführung des Stücks«. Allerdings kann das Vorordnen des Wertmaßstabes die Frage nicht beantworten, ob er wiederum den Erscheinungen selber oder aber dem individuellen Welterleben des Subjekts oder der sozialen Ãobereinkunft entstammt. Vorsicht ist geboten, wenn die Begründungskategorie mit demselben Ausdruck »Wert« belegtwird wie die durch sie begründeten Kategorien. Heuristisch hilfreich scheint es, zwischen drei Wertebenen zu unterscheiden, von denen Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker handeln können.
     

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