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Heuristische Wertungsbezüge und Ebenen des literarischen Wertes



Die an kulturellen Wertungen beteiligten Komponenten lassen sich gliedern in drei Gruppen mit insgesamt neun Arten von Wertbezügen. Bei der ersten, oben bereits eingeführten Gruppe ist der


Bezug so dem Dreieck der Personalpronomina nachgebildet, daß die in jeder Wertung unverzichtbare >dritte Person< die erste Stelle einnimmt. Bei der zweiten Gruppe steht der Bezug zur Wertung selbst im Vordergrund, während die letzte Gruppe die Wertung in ihrem Verhältnis zu außerhalb des je einzelnen Wertes und der jeweiligen Wertung liegenden Eigenschaften und Erscheinungen bestimmt :
Die ersten drei Beziehungen betreffen neben dem obligatorischen Gegenstand die Subjekte und Adressaten der Wertung. Wertungsobjekt kann eine natürliche oder kulturelle Erscheinung sein; Wertender und Wertungsadressat können persönlich oder unpersönlich, individuell oder kollektiv bestimmt sein.
      Die Wertung kann auf eine Wertungsgrundlage, d. h. ein Wer-tungs-Kriterium bezogen sein, das entweder mit einer Eigenschaft des Bewerteten übereinstimmt oder durch die Wertung erst an den Wertungsgegenstand herangetragen wird.
      Die Wertung kann ihrer Art nach absolut oder relativ , sie kann positiv, neutral oder aber negativ und schließlich auch subjektiv oder aber objektiv gesetzt sein.
      Die Wertungs-Gattung bestimmt die Wertung ihrem Charakter nach. Hier wird eine Gruppierung aller Werte in fünf Gattungen vorgeschlagen, die den ästhetischen Wert neben den epistemischen, den praktischen, den ludischen und den religiösen Wert setzt.
      Die Wenungs-Ordnung gibt die Art des Verhältnisses zwischen bewerteten Gegenständen und Werten an. Sie legt fest, wie sich ein bestimmter Wert im Bewerteten zu anderen, womöglich gegensätzlichen Werten verhält, wie sich das Bewertete auf andere bewertete Gegenstände und wie es grundsätzlich auf Werte bezogen ist. >Polyvalenz< heißt die Vereinigung von inkompatiblen Werten in einem Gegenstand, >Heterovalenz< die Verteilung inkompatibler Werte auf verschiedene bewertete Erscheinungen. >Ambivalenz< setzt Mehrwertigkeit voraus, Heterovalenz bildet die Voraussetzung für Einwertigkeit. >Ã"quivalenz< ist die Gleichbewertung verschiedener Erscheinungen. >Invalenz< erklärt mögliche Werte mit Blick auf das potentiell Bewertete für nicht gültig; sie ist strikt zu scheiden von der negativen Wertung, welche dem Bewerteten einen negativen Wert zuweist. >Monovalenz< setzt das Vorhandensein von nur einem einzigen Wert in einer Erscheinung voraus, Polyvalenz dagegen negiert das Vorhandensein von nur einem einzigen Wert in einer Erscheinung.
     
Durch die Wertungs-Situation ist eine Wertung entweder in einen nur eine einzige Wertung zulassenden, monologischen Wertungszusammenhang eingebettet, oder aber in einen dialogischen axiomatischen Kontext , der alternativen, womöglich sogar gegensätzlichen Wertungen Raum gibt.
      Wertungen treten schließlich oft in einem Beziehungsgeflecht auf, das hier Wertungs-feW genannt wird. Das innere Wertungsfeld bilden Wertungen, die sich auf Werte einer einzigen Wertgattung beschränken; bezieht sich die Wertung dagegen auf Werte, die mehr als einer Wertgattung angehören, so liegt der Wertbezug im äußeren Wertungsfeld. Dies ist etwa immer dann der Fall, wenn der ästhetische Wert mit dem Erkenntniswert oder dem ethischen Wert korreliert.
      Wie sich sprachlicher Text, literarisches Kunstwerk und ästhetischer Akt unterscheiden lassen, so können wir zu heuristischen Zwecken auch drei verschiedene Wert-Ebenen abgrenzen, deren Verankerung in der Gegebenheit des Werks unterschiedlich zu beurteilen ist. Der Materialwert bestimmt die Eignung des künstlerischen Materials, d. h. von Sprache, Ideologemen und Referenzpartikeln zur Bildung des Kunstwerks. Er erstreckt sich sowohl auf das Inventar der sprachlichen Elemente und ihre Syntagmatik als auch auf das Feld der durch sprachliche Mittel bezeichneten Gegenstände und die Regeln ihrer raumzeitlichen, logischen Verknüpfung. Schließlich umfaßt der Materialwert auch die bedeutungsverleihenden Zuordnungsverfahren von Einheiten des sprachlichen Materials zu bezeichneten Gegenständen.
      So griff Heinrich Heine im »Buch der Lieder« ganz anders als sein Zeitgenosse August von Platen nicht zum gehobenen Idiom der deutschen Klassik, sondern zur schlichten Sprache und Formenwelt der Volkslieder sowie den von ihnen inspirierten Gestaltungsformen romantischer Lyrik und konfrontierte die poetischen Materialien von Sprache und Gattung mit Weltpartikeln einer >prosaisierten< - nach dem Zeitgeschmack eher geringwertigen -Wirklichkeit. In genau diesem Sinne hat Heiner Müller wiederholt »die DDR« als Material seiner Stücke bezeichnet; es tritt gleichwertig zum Material seiner am deutschen Klassizismus geschulten Sprache und der intertextuell vor allem auf Antike und Shakespeare bezogenen Stoffe und Motive.
      Nicht der geschriebenen Sprache haben Rousseau und Herder den höheren
Wert zuerkannt, sondern der mündlichen Rede - wegen ihrer Ursprünglichkeit. Derrida dagegen gibt gegenüber dem Redelaut der Schrift den Vorzug, weil sie die ontisch-onthologische »differance« zu erkennen gibt, die zwar »ursprünglicher« ist als der Sprachlaut, anders als er aber nicht mehr Ursprung zu sein vorgibt .
      Der künstlerische Wert bestimmt die Eignung des Kunstwerks, den Autor sowie den als Mitschöpfer aufgefaßten Leser oder Hörer zum Herstellen des dynamischen ästhetischen Gegenstandes zu bewegen . Der künstlerische Wert nutzt den Materialwert des in das Kunstwerk eingeführten Materials und vermittelt ihn mit dem Wert seiner künstlerischen Konstruktion. Die Konstruktion ist darauf gerichtet, durch je spezifische prägnante Vielfalt und Anordnung der Bestandteile die Komplexität des künstlerischen Textes auf ein möglichst hohes Niveau an positiver oder negativer Welthaltig-keit zu heben. Während der Materialwert im Verhältnis zum künstlerischen Wert instrumenteil ist, ist der künstlerische Wert, bezogen auf den ästhetischen Wert, funktional latent.
      Die Heineschen Kontrafakturen romantischer Dichtung motivieren die Leser als raffiniert konstruierte zyklische Kunstgebilde dazu, einen ästhetischen Gegenstand zu erzeugen, der jene »romantique defroque« verkörpert, die den hohen Selbstanspruch säkularer Heiligkeit und den romantischen Gestus ästhetischen Heilens opfert zugunsten des sprachlichen Vorzeigens alltäglicher Verwundungen.
      Der ästhetische Wert nutzt die Spanne zwischen der Einheit und heterogenen Fülle des ästhetischen Objektes und tritt in ästhetischen Bildungen zutage wie dem >TragischenElegischen< oder dem >Erhabenendeutsche Volkslieder gelesen und gehört oder - ihren künstlerischen Wert gänzlich verkennend - als mißlungene romantische Gebilde. Im Ausland hingegen war die romantische Folie weniger übermächtig, und so begegnen solche Mißverständnissedort bezeichnenderweise seltener.
Wenn die Wertästhetik nicht postmodernem Relativismus erliegen will, sollte sie sich der Erhebung von Wertkriterien sowie der drei Instanzen des Wertens und der zugehörigen Funktionen widmen: dem Wertenden und seiner vor allem literaturpsychologischen Symptomatik, dem Werturteilsadressaten und seiner gesellschaftlichen Apellativität sowie dem bewerteten Gegenstand mit materiellem, künstlerischem und ästhetischem Wertcharakter.
     

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