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Grundfragen der textrezeption

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Rezeptionsästhetik und ihre Diskussion



Daß literarische Texte nicht nur geschrieben und verbreitet, sondern auch gehört und gelesen werden, ist zwar eine Selbstverständlichkeit, wurde in der Literaturwissenschaft aber erst seit Ende der sechziger Jahre zum Gegenstand theoretischer Überlegungen und methodisch reflektierter Untersuchungen. So schreibt Leo Löwenthal 1932 in einem Aufsatz mit dem Titel »Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur«, der einen ersten Überblick über Grundfragen der Literatursoziologie auf der Basis einer kritischen Gesellschaftstheorie lieferte, daß »eine für die Forschung so unendlich wichtige und zentrale Aufgabe wie das Studium der Wirkung dichterischer Werke fast überhaupt nicht in Angriff genommen« worden sei, »obwohl in Zeitschriften und Zeitungen, Briefen und Erinnerungen ein unendliches Material bereit liegt, um über die Aufnahme der Dichtungen in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und Individuen sich zu unterrichten« .

      Durch den Nationalsozialismus und die Ablehnung gesellschaftlicher Fragestellungen in der Literaturwissenschaft der Nachkriegszeit hatte sich die Situation bis Mitte der sechziger Jahre in Deutschland nicht grundlegend geändert, so daß Hans Robert Jauß in seiner Konstanzer Antrittsvorlesung von 1967 die Feststellung von Löwenthal im Grundsatz wiederholte. Doch blieb es in diesem Falle nicht bei einer Mängelanzeige. Denn Jauß skizzierte erstmals eine Theorie der literarischen Rezeption, die zum Auslöser einer langjährigen Debatte in der Literaturwissenschaft wurde und in Verbindung mit Wolfgang Isers ergänzender Theorie des Lesers als Element des Textes das Selbstverständnis der philologischen Disziplinen langfristig verändert hat .
     
Wie nachhaltig die Wirkung der Überlegungen von Jauß und Iser war, zeigt nicht nur die Fülle der theoretischen Beiträge, historischen Studien und Dokumentationen zur Rezeption literarischer Werke, die seit Anfang der siebziger Jahre entstanden sind . Der Einfluß läßt sich auch an der Tatsache ablesen, daß literaturwissenschaftliche Einführungen und Lexika ohne Darstellungen zur Rezeption inzwischen undenkbar wären. Noch in der ersten Ausgabe der hier vorliegenden »Grundzüge« von 1973, die Anfang der siebziger Jahre konzipiert wurde, fehlte ein eigenes Kapitel zur Rezeptionstheorie, obwohl Jauß' Überlegungen bereits in die Abschnitte zur -» Hermeneutik, Literatursoziologie und -> Literaturgeschichtsschreibung eingegangen waren, also in die Darstellung jener Teildisziplinen der Literaturwissenschaft, in denen die Rezeptionsästhetik ihre größten Wirkungen entfaltet hat.
      Doch hat Jauß die innovative Funktion seiner Überlegungen zunächst nicht so klar gesehen, wie man in späteren Resümees lesen kann . Während er hier davon spricht, daß die Rezeptionsästhetik zu einem Wandel der herrschenden Auffassungen in der Literaturwissenschaft geführt habe, den er in Anlehnung an Thomas S. Kuhns Buch »Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« als »Paradigmawechsel« bezeichnet, hat er in einem Aufsatz von 1969 »drei große Paradigmen« in der Geschichte der Literaturwissenschaft unterschieden , ohne allerdings die Rezeptionsästhetik zu einem neuen Paradigma zu erklären .
      Da es bis heute jedoch keine Theorien der literarischen Rezeption gibt, die über die Referierung der Forschungsdiskussion hinausgehen und vor allem methodisch praktikabel sind, lassen sich die vorliegenden Ansätze nur verständlich machen, wenn man ihre Entwicklung und den jeweiligen Diskussionszusammenhang berücksichtigt. Ich beginne mit der Darstellung der Theorien von Jauß und Iser, da sie die Auslöser für die Neuorientierung in der Literaturwissenschaft waren, gehe dann auf die Vor- und die Nachgeschichte der Rezeptionsästhetik ein, die Möglichkeiten einer historischen und soziologischen Erweiterung der Rezeptionsforschung aufgezeigt haben, und skizziere schließlich den Stellenwert der Rezeptions-Problematik innerhalb der Empirischen Literaturwissenschaft, die sich jedoch nicht als Erweiterungder Rezeptionsforschung, sondern als eigenständige Disziplin begreift.
      Jauß' Ausgangspunkt in seinem ersten Entwurf zur Rezeptionsästhetik ist die Beobachtung, daß die Rolle des lesenden Publikums in den Literaturgeschichten seit dem 19. Jahrhundert sowie in marxistischen und strukturalistischen Literaturtheorien der Gegenwart vernachlässigt wird. Beiden Theorien gilt sein hauptsächliches Interesse, da sie seit Mitte der sechziger Jahre ernsthafte Konkurrenten der vorherrschenden werkimmanenten Interpretation zu werden schienen . »Ihre Methoden«, so wendet Jauß jedoch ein, »begreifen das literarische Faktum im geschlossenen Kreis einer Produktions- und Darstellungsästhetik. Sie verkürzen die Literatur damit um eine Dimension, die unabdingbar zu ihrem ästhetischen Charakter wie auch zu ihrer gesellschaftlichen Funktion gehört: die Dimension ihrer Rezeption und Wirkung.«
Das Interesse am Leser war Teil einer kommunikationstheoretischen Neuorientierung, die die historisch-hermeneutischen und sozialwissenschaftlichen Disziplinen seit Ende der sechziger Jahre in Deutschland vollzogen haben . Jauß selbst bezog sich jedoch auf jene Grundlegung einer philosophischen Hermeneutik, die Hans-Georg Gadamer in seinem Buch »Wahrheit und Methode« von i vorgenommen hatte . Gadamer knüpft hier an die Tradition der philosophischen Hermeneutik in Deutschland an, geht aber über die Entwürfe seiner Vorläufer Schleiermacher, Dilthey und Heidegger hinaus , indem er die »wirkungsgeschichtliche Verflechtung« des »historischen Bewußtseins« betont und den Vorgang des historischen Verstehens mit einer inzwischen berühmt gewordenen Metapher als spannungsvolle »Verschmelzung« der »Horizonte« von Gegenwart und Vergangenheit begreift . »Im Vollzug des Verstehens«, so Gadamer, »geschieht eine wirkliche Horizontverschmelzung, die mit dem Entwurf des historischen Bewußtseins zugleich dessen Aufhebung vollbringt« .
     
Doch hat Gadamer daraus keine methodischen Konsequenzen gezogen. »Es wird also nicht gefordert«, so schreibt er, »daß man die Wirkungsgeschichte als eine neue selbständige Hilfsdisziplin der Geisteswissenschaften entwickeln solle, sondern daß man sich selber richtiger verstehen lerne und anerkenne« . Die methodische Lücke, die durch den Verzicht auf die theoretische Durchdringung des »Prinzips der Wirkungsgeschichte« entstanden war, wollte Jauß ausfüllen, um einen Beitrag zur »Erneuerung der Literaturgeschichte« zu liefern : »Die Geschichtlichkeit der Literatur beruht nicht auf einem post festum erstellten Zusammenhang literarischer Fakten Hermeneutik und Rezeptionsgeschichte zu den Grundproblemen jeder historisch orientierten Rezeptionstheorie.
      Die Beliebigkeit, die sich ergeben würde, wollte man unterschiedliche Aussagen von Lesern der Gegenwart zur Grundlage der literaturhistorischen Urteilsbildung machen, hat Jauß durch eine Konzeption zu umgehen versucht, die er mit dem von dem Soziologen Karl Mannheim übernommenen Begriff des »Erwartungshorizonts« bezeichnet hat. Jauß versteht darunter ein »objektivierbares Bezugssystem der Erwartungen«, das sich »für jedes Werk im historischen Augenblick seines Erscheinens« ergebe und sich aus drei Faktoren zusammensetze: »aus dem Vorverständnis der Gattung, aus der Form und Thematik zuvor bekannter Werke und aus dem Gegensatz von poetischer und praktischer Sprache« . Der reale Leser kommt in dieser Konzeption nicht vor. Er wird zu einem
Konstrukt, das im Werk »vorausgesetzt« ist und ihm entnommen werden muß . Nicht der Leser, sondern eine im Text enthaltene Vorstellung vom Publikum rückt damit ins Zentrum der Rezeptionsästhetik.
      Jauß hat diese Konsequenz allerdings in seinem ersten Aufsatz nicht gezogen, sondern erst zum Bestandteil seiner Theorie gemacht, als Wolfgang Iser die begrifflichen und methodischen Grundlagen für die werkimmanente Auffassung des Lesers geschaffen hatte . Daraufhin betonte auch Jauß den »hermeneutischen Vorrang« eines »impliziten Lesers« , der von Iser als neue Kategorie eingeführt worden war. Auch dieser Begriff hat seine Vorgeschichte. Denn zunächst hatte Iser in seiner Konstanzer Antrittsvorlesung »Die Appellstruktur der Texte« von 1969 den Leserbezug des literarischen Werkes aus der Kategorie der »Unbestimmtheit« abgeleitet, die er aus Roman Ingardens Buch »Das literarische Kunstwerk« von 1931 übernahm . Ingarden versuchte hier aus phänomenologischer Sicht zu zeigen, daß ein literarisches Werk aus »schematisierten Ansichten« besteht und erst durch »Konkretisationen« in ein sinnhaftes Phänomen verwandelt wird .
      Während Ingarden den methodischen Schritt zum Leser als dem Träger literarischer »Konkretisationen« nicht vollzog, hat Iser die Kategorie der »Unbestimmtheit« zum »Umschalteelement zwischen Text und Leser« gemacht. Die Unbestimmtheits- oder Leerstellen werden damit zur »Basis einer Textstruktur, in der der Leser immer schon mitgedacht ist« . Da Iser aber ausschließlich die Funktion poetischer Unbestimmtheit für die »Konkretisation« von Texten untersuchte, blieb seine Idee der Rezeptionsanalyse in erster Linie Textanalyse, während die literatur-historische Dimension des Rezeptionswandels, die Jauß zunächst anvisiert hatte, nicht in den Blick kam. Der von Jauß verwendete Begriff der Rezeptionsästhetik trifft demnach eher auf Isers Theorie der Literatur zu, während Jauß' Rezeptionstheorie auch die Rezeptionsgeschichte, also die Geschichte der Überlieferung und Deutung von Werken umfassen sollte.
      Die Beschränkung auf die werkimmanente Ebene bleibt auch für die Erweiterungen bestimmend, die Iser an seinem ersten Entwurf vorgenommen hat. Während er den Begriff des »impliziten Lesers« in seinem Buch von 1972 ausschließlich im Titel verwendet , wird der Begriff in »Der Akt des Lesens« ausführlich erläutert. Iser hat damit eine bereits begonnene Diskussion über unterschiedliche Leserkonzeptionen aufgenommen und weitergeführt, die erstmals zu einer differenzierten Lesertypologie führte .
      Im Unterschied zum >idealenfiktivenintendierten< oder >rea-len< Leser besitzt der »implizite« Leser »keine reale Existenz«, sondern »verkörpert die Gesamtheit der Vororientierungen, die ein f ik-tionaler Text seinen möglichen Lesern als Rezeptionsbedingungen anbietet«. Weiter betont Iser, »daß dem Verfaßtsein der Texte Aktualisierungsbedingungen eingezeichnet sein müssen, die es erlauben, den Sinn des Textes im Rezeptionsbewußtsein des Empfängers zu konstituieren« . Das Problem der Einbildungskraft, das nicht nur hier, sondern von Anfang an im Hintergrund seiner Aktualisierungstheorie stand , behandelte Iser schließlich in »Das Fiktive und das Imaginäre« . Das Buch läßt die Herkunft aus der Rezeptionsdebatte allerdings kaum noch erkennen, da Iser von der Fiktions-Diskussion der Philosophie ausgeht und seinen Überlegungen eine anthropologische Ausrichtung gibt .
      Weit radikaler als Iser hatte allerdings Roland Barthes in seinem 1970 erschienenen Buch »S/Z« die Eigenständigkeit des Lesers betont und durch die Analyse von Balzacs Novelle »Sarrasine« demonstriert . »Unsere Literatur«, so schreibt Barthes zunächst , »ist von der gnadenlosen Trennung gezeichnet, die die literarische Institution zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher des Textes, seinem Besitzer und seinem Käufer, seinem Autor und seinem Leser aufrechterhält. Ein solcher Leser ist in einem Nichtstun versunken.« Über den Leser und seine vielfältigen, über den Text weit hinausgehenden Aneignungsformen bemerkt er dann : »Das Ich ist kein unschuldiges Subjekt, das dem Text vorherginge und das danach von ihm Gebrauch machte wie von einem Objekt, das zu zerlegen, oder wie von einem Ort, der zu besetzen wäre. Dieses >IchIch< halt macht.«

Zunächst haben freilich nicht die dekonstruktivistische Lektüre-Theorie von Barthes, sondern die Theorien von Jauß und Iser eine intensive Debatte in der deutschen Literaturwissenschaft ausgelöst. Sie wurde in Fachzeitschriften ausgetragen, in Sammelbänden dokumentiert und zum Gegenstand von Darstellungen mit zum Teil kritischen Neuansätzen . Dabei stand Jauß' Konzeption im Mittelpunkt, da sie durch die Verbindung von -» Hermeneutik und Rezeptionsgeschichte eine Vielzahl methodischer Probleme bündelt. Da sich erstmals auch Literaturwissenschaftler der DDR an der Diskussion beteiligten und einige kritische Beiträge in der Bundesrepublik ebenfalls vom Vorrang der Literaturproduktion ausgehen wollten , hat Jauß die Debatte zu einem »Dialog zwischen bürgerlichen und >materialistischer< Rezeptionsästhetik« erklärt , obwohl sich die Positionen bereits so sehr differenziert hatten, daß sie kaum noch auf einen Nenner zu bringen waren. Im Mittelpunkt stand jedoch immer die Frage, ob die Literaturwissenschaft auf die Autorität der Werke und ihrer Wirkungen zugunsten einer Autonomie der Leser und ihrer Rezeptionsweisen verzichten könne .
      Jauß selbst hat die Stränge der Diskussion zu drei Bereichen gebündelt, die er mit den Begriffspaaren »Rezeption und Wirkung«, »Tradition und Selektion« und »Erwartungshorizont und kommunikative Funktion« bezeichnete . Sie betreffen Fragen der Terminologie, der literaturgeschichtlichen Kanonbildung und der gesellschaftlichen Rolle der Literatur . Jauß hat dabei auf Fragestellungen zurückgegriffen, die Karl Robert Mandelkow in einem grundlegenden Aufsatz formuliert hatte . Schon der erste Problemkreis ist jedoch nicht nur terminologischer, sondern auch konzeptioneller Natur. Zwar wurde Jauß' Vorschlag akzeptiert, wonach »Wirkung« in erster Linie »das vom Text bedingte«, »Rezeption« hingegen »das vom Adressaten bedingte Element der Konkretisation oder Traditionsbildung« bezeichnen sollte . Doch sind die Probleme damit keineswegs geklärt. Denn beide Begriffe sind durch die Überlagerung von gegenwärtiger Aneignung und historischer Überlieferung viel zu komplex, als daß sie sich durch gegen-seitige Abgrenzung hinreichend bestimmen ließen. So umfaßt der Begriff der Rezeption nicht nur die Lektüre literarischer Werke in der Gegenwart, sondern auch so unterschiedliche Formen der Textverarbeitung wie -> Literaturkritik, -> Textedition, -> Übersetzung, Interpretation, Anthologisierung oder Bearbeitung in Vergangenheit und Gegenwart, die den zweiten Problemkreis, also das Verhältnis von »Tradition und Selektion« betreffen.
      Hier geht es darum, in welcher Weise Leser auf die Überlieferung und den herrschenden Kanon der Literatur durch Auswahl und Kritik Einfluß nehmen können . Die Frage nach dem Geltungsanspruch der Tradition hatte Ende der sechziger Jahre bereits in der Philosophie zu einer von Jürgen Habermas provozierten Debatte geführt, an der auch Gadamer teilnahm . Jauß hat die Problematik aufgegriffen und eine doppelte Distanzierung vorgenommen: zum einen gegen die konservative, an der »Autorität« eines klassischen Kanons orientierte Auffassung Gadamers, die von der werkimmanenten Literaturwissenschaft geteilt wurde , zum anderen gegen die dogmatische Kanonisierung der von Georg Lukäcs geprägten und am bürgerlichen Realismus orientierten Literaturauffassung der DDR . »Tradition im Bereich der Kunst«, so Jauß, »ist kein organisch-selbsttätiges Werden, substantielles Sich-Erhalten oder bloßes >Bewahren des Erbes

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