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Empirische Literaturwissenschaft



Während sich die hermeneutisch orientierte Rezeptionsforschung um eine Verknüpfung von Werk- und Rezeptionsanalyse bemühte, hat die Empirische Literaturwissenschaft eine radikale Trennung zwischen Werk und Aneignung vorgenommen. Wie die empirischorientierte Literatursoziologie , so will auch sie keine Aussagen über die ästhetische Qualität von Texten machen, sondern ausschließlich ihre kommunikative Funktion untersuchen. Trotz einiger Vorläufer betont die Empirische Literaturwissenschaft die Neuartigkeit ihrer Konzeption. Sie will kein empirisch verfahrender Zweig innerhalb der herkömmlichen Literaturwissenschaft sein, sondern die Disziplin dadurch neu begründen, daß sie die Verfahrensweisen der empirischen Sozialforschung auf die Analyse literarischer Kommunikation überträgt . Die Eigenständigkeit wird äußerlich durch die Großschreibung des Adjektivs »Empirisch« zum Ausdruck gebracht. »Empirisch« bedeutet dabei im Sinne des kritischen Rationalismus und der analytischen Wissenschaftstheorie, daß Aussagen grundsätzlich durch Erfahrungen überprüfbar und falsifizierbar sein müssen . Damit verbunden sind der Anspruch auf Anwendungsorientierung und ein hohes Maß an Exaktheit in Begriffen und Definitionen, die zu einer starken Formalisierung der Sprache führt und die Lektüre der einschlägigen Schriften nicht immer zum Vergnügen werden läßt.

      In Deutschland wurde die Empirische Literaturwissenschaft 1972 von Norbert Groeben begründet . Sie hat 1980 mit dem »Grundriß der Empirischen Literaturwissenschaft« von Siegfried J. Schmidt ein umfassendes theoretisches Fundament bekommen , ist aber keineswegs abgeschlossen und für Erweiterungen offen . Während die theoretischen Entwürfe durch Systematik und Genauigkeit beeindrucken und für die hermeneutische Literaturwissenschaft zweifellos eine Bereicherung darstellen können, haben die bisherigen Erträge empirischer Untersuchungen für den außenstehenden Beobachter eher begrenzten Wert, da sie vor allem der internen Theoriebildung dienen und kaum neue Einsichten in Textstrukturen oder Rezeptionsweisen vermitteln . Doch könnten Anspruch und Grenzen der Empirischen Literaturwissenschaft nur im Rahmen eines neuen Positivismusstreits geklärt werden, der in den sechziger Jahren zur Klärung von theoretischen Gegensätzen in der deutschen Soziologie geführt hatte , die Literaturwissenschaft aber noch nicht erreichte, so daß die Herausforderungen der Empirischen Literaturwissenschaft trotz einiger Ansätze bisher unbeantwortet blieben.
      Allerdings gibt es auch innerhalb der Empirischen Literaturwissenschaft unterschiedliche Positionen mit unterschiedlichen Entwicklungen, die deshalb verschiedene Bewertungen erfordern. Während die von Norbert Groeben begründete Richtung von der Psychologie ausgeht und sich als leserbezogene Rezeptionsforschung begreift , ist die von Siegfried J. Schmidt geprägte Schule stärker auf die Linguistik und die Kommunikationswissenschaften bezogen und als umfassende Handlungstheorie konzipiert. Ausgangspunkt ist hier nicht mehr das Verhältnis von Text und Leser wie bei Groeben, sondern das literarische Handeln auf den Ebenen der Produktion, Vermittlung, Rezeption und Verarbeitung . So definiert Groeben Rezeption als »Informationsverarbeitung, die die im Text enthaltene linguistische Information so mit Weltwissen usw. verbindet, daß dabei auch über die im Text enthaltenen manifesten Bedeutungsinhalte hinaus Information >geschaffen< wird« . Schmidt schreibt dagegen: »Rezipieren heißt Kommunikate konstruieren und nicht Sinn ermitteln. Kommunikatproduktion im Literatursystem geschieht aus Anlaß der Wahrnehmung von literarischen Gegebenheiten.«
Die Definition setzt zwei theoretische Erweiterungen voraus, die die Emprirische Literaturwissenschaft der Schmidt-Schule in den achtziger Jahren vollzogen hat: zum einen die Verbindung zur soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns, wobei Schmidt nicht nur synchrone, sondern auch diachrone Ziele verfolgt (Schmidt 1989; -> Literatur als >System

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