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Grundfragen der textrezeption

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Ansätze historischer und soziologischer Rezeptionsforschung



Im Jahr 1967, in dem Jauß' Antrittsvorlesung »Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft« erstmals veröffentlicht wurde, erschien im »Merkur« ein Aufsatz von Harald Weinrich mit dem Titel »Für eine Literaturgeschichte des Lesers«, der ebenfalls von der Vernachlässigung des Publikums in der Literaturwissenschaft ausging und Perspektiven einer Ãoberwindung des Mangels zeigte. Zwar war der Text nicht so erfolgreich wie der Beitrag von Jauß, doch hat Weinrich erstmals auf Arbeiten hingewiesen, die die historische und soziale Stellung des Publikums zum Gegenstand von Ãoberlegungen gemacht haben . So wurde hier mit der Erinnerung an die Vorgeschichte der Rezeptionsästhetik zugleich die Grundlage für ihre Weiterentwicklung gelegt. Es handelt sich dabei um Arbeiten zur Wirkungsästhetik, zur Publikumsforschung und zur Literatursoziologie. Zwar hat auch die -> Literaturgeschichtsschreibung seit dem späten 19. Jahrhundert die Aufnahme von Autoren beim Publikum dokumentiert, doch fehlte den Arbeiten bis auf Franz Mehrings Lessing-Buch , das erst in den siebziger Jahren wiederentdeckt wurde , eine erklärungskräftige Theorie der Aneignung, da es hier in erster Linie darum ging, die Bedeutung der Autoren durch eine Darstellung ihrer Wirkung zu unterstreichen .

      Die Wirkungsästhetik, die vor allem für die -» Poetik des Dramas von Aristoteles bis hin zu Brecht grundlegend ist , sich aus den Prinzipien der Dramaturgie aber auch allgemein ableiten läßt , ist für eine rezeptionsgeschichtlich orientierte Literaturwissenschaft allerdings ein Grenzfall . Denn Aufbau, Stil und Aufführung eines Werkes werden in erster Linie von der beabsichtigten Wirkung auf ein Publikum aus betrachtet. Das Publikum existiert dabei in der Vorstellung des Autors oder Regisseurs, so daß die Wirkungsästhetik eher für die werkimmanente Rekonstruktion von Erwartungshorizonten von Bedeutung ist, wie sie Jauß' Programm vorsieht. Das gilt auch für Jean-Paul Sartresumfangreichen Essay »Was ist Literatur« von 1948, den Weinrich ebenfalls als Vorläufer für eine Literaturgeschichte des Lesers zitiert. Zwar finden sich dort im Kapitel »Für wen schreibt man?« wichtige Ãoberlegungen zur Rolle des Publikums, doch bleiben sie an den Autor als Gegenüber gebunden. »Das Publikum«, so Sartre, »ist eine Erwartung, eine Leere, die ausgefüllt werden will, ein Atemholen - im übertragenen und im eigentlichen Sinne des Wortes. Kurzum: es ist der Andere.«
Darüber hinaus hat Weinrich auf Erich Auerbach hingewiesen, in dessen Arbeiten das Publikum seit den dreißiger Jahren als Untersuchungsgegenstand eine zentrale Rolle einnahm: seine Dissertation »Das französische Publikum des 17. Jahrhunderts« , sein Hauptwerk »Mimesis« und vor allem die späte Aufsatzsammlung »Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter« . In einem umfangreichen Beitrag dieses Bandes mit dem Titel »Das abendländische Publikum und seine Sprache« , der offenbar als Buch geplant war und sich als Gegenkonzept zu Ernst Robert Curtius' Monumentalwerk »Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter« verstehen läßt, hat Auerbach die Grundlinien einer Geschichte der Träger literarischer Kultur von der Antike bis ins 17. Jahrhundert skizziert - eine Skizze, auf der Weinrichs Versuch einer historischen Lesertypologie aufbaut . Auerbach benutzt dafür die Kategorien des schriftunkundigen Zuhörers, des Philologen , des lesenden Laien und der lesenden Masse , mit denen sich zugleich die Formen des Lesens verändert haben: von der »intensiven« Lektüre weniger Texte zur »extensiven« Lektüre viele Texte .
      Während Auerbach seine Darstellung des Publikumswandels aus Hinweisen erarbeitet hat, die in den Texten selbst zu finden waren, und historische Dokumente eher ergänzend heranzog , legte Roger Escarpit, auf den Weinrich ebenfalls hingewiesen hat, 1958 den Entwurf zu einer soziologischen Analyse literarischer Werke vor, bei der nicht mehr die Besonderheiten des literarischen Textes, sondern das Phänomen des gedruckten Buches im Mittelpunkt stand , tendiert die leserorientierte Richtung eher zu den Kultur- und Sozialwissenschaften
Darüber hinaus hat Benjamin auf zwei Publikationen hingewiesen, die neben Levin Schückings »Soziologie der literarischen Geschmacksbildung« von 1921 als Vorläufer der Rezeptionsforschung gelten können und in neueren Arbeiten stärker beachtet werden , weil sie methodisch umsetzbare Vorschläge enthalten: Franz Mehrings »Lessing-Legen-de« von 1893 und Julian Hirschs »Genesis des Ruhms« von 1914. Hirsch, auf den Benjamin auch in seinem Brief an Löwenthal hinwies, entwickelte erstmals eine systematische Methode der Rezeptionsanalyse, in deren Mittelpunkt Persönlichkeiten stehen, die wegen ihrer Taten oder Werke auch über den Tod hinaus von einem größeren Publikum verehrt werden. Es ging Hirsch um das Phänomen des Ruhms und dessen Erklärung. Den Begriff definiert er im phänomenologischen Sinne als »kollektiv-psychologische Erscheinung«, die eine Beziehung zwischen dem für »eminent« gehaltene-nen Individuum und der »verehrungsbedürftigen« Masse stiftet . Methodisch wegweisend ist dabei vor allem seine Unterscheidung zwischen »ruhmerzeugenden und ruhmerweiternden Faktoren« auf Seiten des Individuums oder auf Seiten der Masse .
      Auch Benjamin hat das Phänomen des Ruhms mehrfach theoretisch zu durchdringen versucht. »Die Geschichte der großen Kunstwerke«, hieß es schon im »Ãobersetzer«-Aufsatz von 1923 nach einer Lektüre von Hirschs Buch, »kennt ihre Deszendenz aus den Quellen, ihre Gestaltung im Zeitalter des Künstlers und die Periode ihres grundsätzlich ewigen Fortlebens bei den nachfolgenden Generationen. Diese letzte heißt, wo es zutage tritt, Ruhm. Ãobersetzungen entstehen, wenn im Fortleben ein Werk das Zeitalter seines Ruhmes erreicht.« Da allerdings Erfolglosigkeit bei den Zeitgenossen und anhaltender Erfolg nach dem Tod das Schicksal vieler Schriftsteller und Künstler ist, wäre eine Theorie des Ruhms durch eine Theorie der ungleichzeitigen Rezeption zu ergänzen , auf die Benjamins Fragen nach den Ursachen von Erfolg oder Mißerfolg offenbar hinausläuft.
      Mehrings Lessing-Buch, das mit einer Darstellung der Rezeptionsgeschichte Lessings beginnt, war für Benjamin dagegen nicht in methodisch-kategorialer, sondern in politisch-konzeptioneller Hinsicht von Bedeutung. Mehring wollte zur »Rettung« des Autors »aus den Philisternetzen der Bourgeoise« beitragen und hat damit das Konzept einer Rezeptionsgeschichte als Ãoberlieferungskritik begründet, das Benjamin zu einem Grundgedanken seiner Rezeptionstheorie ausgebaut hat. »Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein«, so lautet eine berühmte Formulierung im »Fuchs«-Aufsatz , die Benjamin später in seine Thesen »Ãober den Begriff der Geschichte« übernommen und rezeptionsgeschichtlich erweitert hat: »Und wie es [das Dokument] selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Ãoberlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.«
In einem 1937 geplanten Buch über Baudelaire wollte Benjamin die Konzeption einer Rezeptionsgeschichte als Ãoberlieferungskritik in die Praxis umsetzen und in einer Vorrede theoretisch begründen. Doch wurde das Projekt nur zum Teil ausgeführt. Bekannt geworden ist die Vorrede, die nur zweieinhalb Druckseiten umfaßt, weil sie 1970 im »Kursbuch« unter dem Titel »Fragment über Methodenfragen einer marxistischen Literatur-Analyse« veröffentlicht und auf die aktuelle Diskussion in der Literaturwissenschaft bezogen wurde. Auch hier hat Benjamin - in Anlehnung an die von Hirsch für den Ãoberlieferungs-prozeß verwendete Fluß-Metapher - Fragen zur Kritik der Ãoberlieferung formuliert: »Die Quellen fließen nach Herzenslust, und wo sie sich zum Strome der Ãoberlieferung vereinigen, da tun sich schön tracierte Böschungen auf [...]. Wessen Mühlen treibt dieser Strom ? wer fischt in ihm ? - so fragt die kritische Theorie und verändert das Bild der Landschaft, indem sie nicht nur die physischen, sondern auch die gesellschaftlichen Kräfte beim Namen nennt, welche in ihr am Werke sind.« Der Interpret muß nach dieser Vorstellung die Faktoren herausarbeiten, die die Ãoberlieferung eines Werkes geprägt haben. Denn »es ist eine vulgärmarxistische Illusion«, so das häufig zitierte Fazit Benjamins, »die gesellschaftliche Funktion eines sei es geistigen, sei es materiellen Produkts unter Absehung von den Umständen und den Trägern seiner Ãoberlieferung bestimmen zu können« . Nicht alle Rezipienten wären danach für die Analyse der Rezeption von Bedeutung, sondern nur diejenigen, die am Ãoberlieferungsprozeß beteiligt sind und auf ein Werk Einfluß genommen haben . Je nach Einflußnahme lassen sich dabei Hierarchisierungen vornehmen. Setzen sich im Verlauf der Rezeptionsgeschichte neue Auffassungen durch , dann verändert sich nicht nur die Rezeption, sondern auch das Werk selbst. Der scheinbare Umweg über die Rezeptionsgeschichte führt zum Werk zurück, weil die in ihm wirkenden Kräfte und Interessen erkennbar werden. Die Analyse der Rezeption bleibt deshalb einem Werk nicht äußerlich, sondern ist Bedingung seiner Erkenntnis. Die aktuelle Aneignung von Werken und ihre Aneignung im Prozeß der Ãoberlieferung werden damit zu einer Einheit verbunden.

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