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Literaturgeschichtsschreibung von der Antike bis ins I6. Jahrhundert



Auch wenn man von einer Literaturgeschichtsschreibung im engeren Sinn erst seit dem späten 18. Jahrhundert sprechen darf, läßt sich ihre Entstehung über die altphilologischen Disziplinen seit dem


Humanismus bis in die Antike zurückverfolgen. Das erste überlieferte Modell findet sich im 4. Kapitel der aristotelischen »Poetik«, wo der knappe Ãoberblick über die griechische Literatur seit vorhomerischer Zeit, speziell über die Entwicklung von Tragödie und Komödie im Vollzug der Entelechie jeder Gattung, zur Begründung der sachgerechten Beschaffenheit literarischer Werke dient. Die erste Formulierung des bis heute erfolgreichen Dreiphasen-Modells geht auf Dionysios aus Halikarnassos zurück , die sich in byzantinischer Zeit zu mehr oder weniger umfangreichen Nachschlagewerken entwickelten . Während des gesamten Mittelalters stehen ähnliche Biographiensammlungen im Vordergrund, die jeden Autor kontextfrei anhand seiner wichtigsten Daten erfassen . Hierbei sind - Manfred Fuhrmann zufolge - drei Haupttypen zu unterscheiden: erstens der »Schriftstellerkatalog«, der im wesentlichen auf »De viris illustribus« des Kirchenvaters Hieronymus zurückgeht; zweitens der »Accessus ad auctores« ; drittens das in Chroniken und Enzyklopädien tradierte bio-bibliographische Wissen. All dieses Material wird mehr oder weniger nur angehäuft, kaum jedoch schon kritisch in Schlußfolgerungen auf allgemeine Strukturen ausgewertet. Gerade innerhalb von poetischen Werken dienen solche Schriftstellerkataloge vielmehr der Selbstreflexion des jeweiligen Autors, der sich in die Reihe seiner Vorläufer und Zeitgenossen einordnet, um auf diese Weise das eigene Vorgehen zu charakterisieren .
      Erst im italienischen Humanismus wird das von Dionysios begründete Dreiphasenmodell wieder aufgegriffen , zumal dieses sich dem Vertrauen auf die neue Blüte nach derlangen Karenzphase des Mittelalters geradezu aufdrängte: Je mehr der Unterschied von Antike und Neuzeit ins Bewußtsein rückte, desto mehr wurde er auch der Erklärung bedürftig. Im 15. Jahrhundert finden sich schließlich Ansätze zu einer Auseinandersetzung mit dem Grundproblem der Periodisierung. Die anscheinend erste Darstellung der Literaturgeschichte als Prozeß bieten die »Scriptorum illustrium Latinae linguae libri XVIII« des Sicco Polentone im ^.Jahrhundert. Hier wird, bei der Dichtung genauso wie bei der Sachprosa, unterschieden zwischen den drei Stufen »antiquitas« - »aetas posterior« - »aetas nostra« . Im 16. Jahrhundert ist diese Zyklus-Theorie vielfach weitergeführt und hauptsächlich von Julius Caesar Scaliger in den »Poetices libri VII« zu einer Differenzierung in fünf Epochen verfeinert worden. Unbeschadet ihrer Differenzen stimmen diese Sammelwerke vor allem darin überein, daß sie in der Hauptsache zu Unterrichtszwecken dienten und deshalb kaum zwischen den verschiedenen Formen der Literatur unterschieden; vielmehr bezogen sie sich ebenso auf Dichtung wie auf Prosa und thematisierten gleichermaßen Historiker wie Theologen usw. Ebenso selbstverständlich fanden zunächst nur die klassischen Sprachen Griechisch und Latein Berücksichtigung, bevor dann auch der neuzeitlichen Sprachen und Literaturen gedacht wurde . Neben solchen bio-bibliographischen Nachschlagewerken ist im Mittelalter - ebenfalls in Anlehnung an antike Vorbilder - auch die Gattung der Annalistik gepflegt worden, die nach der strikt äußerlichen Chronologie die literarischen Erscheinungen notiert und insofern zuallererst Informationsaufgaben erfüllt.
     

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Literaturgeschichtsschreibung  der  Antike  bis  ins  I6.  Jahrhundert    





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