Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundfragen der textrezeption

Index
» Grundfragen der textrezeption
» Literarische Wertung und Kanonbildung
» Wertung von Literatur

Wertung von Literatur



Unter dem Begriff »Wertung« ist eine Handlung zu verstehen, mit der ein Subjekt einem Objekt die Eigenschaft zuordnet, in bezug auf einen bestimmten Maßstab, einen Wert, positiv oder negativ zu sein. Ein Text ist demnach nicht an sich wertvoll oder auch wertlos, sondern wird es erst, wenn man ihn auf einen Wertmaßstab bezieht und fragt, ob und in welchem Umfang er diesem Maßstab entspricht. Diese sehr formale Bestimmung erlaubt es, die zwei Formen zu erfassen, in denen sich die Wertungen von Literatur manifestieren: sprachlich formulierte Wertungen und wertende Handlungen . Zugleich läßt sich ausgehend von dieser Bestimmung eine der am häufigsten gestellten Fragen beantworten: Wie verbindlich sind

Wertungen? Und drittens ist zu fragen, welche dieser Maßstäbe zur Beurteilung von Literatur theoretisch gefordert und praktisch angewendet worden sind oder werden .
      2.1 Erscheinungsformen von Wertungen
Versucht man, sich einen Ãoberblick über die Wertungen im Umgang mit Literatur zu verschaffen, so bietet sich eine Einteilung in die oben angesprochenen zwei Formen des Wertens an: Literatur wird zum einen mit sprachlichen Ã"ußerungen beurteilt. Zum anderen manifestieren sich Wertungen in Form von Handlungen, die den Handelnden als Wertung nicht bewußt zu sein brauchen. In beiden Fällen liegen - meist implizite - Werte zugrunde. Im ersten Fall stellen Werte die Voraussetzung dafür dar, von der Beschreibung eines Textes zu seiner Wertung zu gelangen: Sie bilden die Rechtfertigungsgrundlage sprachlicher Wertungen. Im zweiten Fall bilden Werte die Motivationsgrundlage einer Handlung und leiten sie. Um diese zwei Formen, in denen sich Wertungen manifestieren, zu unterscheiden, sollen die sprachlich formulierten im folgenden »sprachliche Wertungen« genannt werden, während die Wertungen, die sich in nicht-sprachlichen Handlungen ausdrücken, als »motiva-tionale Wertungen« bezeichnet werden .
      Sprachliche Wertungen können explizit oder implizit sein. Die wichtigste explizite Form stellen Werturteile dar, das heißt Aussagen der Form »Grass' neuer Roman ist ein Meisterwerk«. Impliziten Wertungen dagegen sieht man ihren wertenden Charakter nicht sofort an. Eine Aussage wie »Grass' neuer Roman ist sehr umfangreich« zum Beispiel beschreibt eigentlich einen neutralen Sachverhalt; in bestimmten Kontexten kann sie aber wertend eingesetzt werden, etwa wenn der Sprecher vorher klar gemacht hat, daß er knappe, kurzgefaßte Erzähltexte für zeitgemäß hält und besonders schätzt.
      Motivationale Wertungen manifestieren sich meistens in Form von Selektionen. Zu ihnen zahlen Akte bewußter Entscheidung, etwa die Wahl eines CEuvres für eine Gesamtausgabe oder auch die Entscheidung für den Kauf eines Romans; darüber hinaus können aber auch vorbewußte Selektionen durch Werte motiviert werden, wie unten am Beispiel des Lesens erläutert wird.
      Alle diese Wertungen kommen in jedem Bereich des Handelns mit Literatur vor: bei der Produktion , Rezeption , Distribution und Verarbeitung von Literatur . Wertungen gehören damit zum Gegenstandsbereich einer Literaturwissenschaft, die ihre Aufgabe nicht allein in der Analyse und Historiographie literarischer Texte sieht . An zwei knappen Beispielen sollen diese abstrakten Ausführungen veranschaulicht werden: Anhand des Leseprozesses und der literaturwissenschaftlichen Praxis soll gezeigt werden, welche sprachlichen und motiva-tionalen Wertungen den Umgang mit Literatur bestimmen können.

      2.1.1 Lesen
Schon der Akt des Lesens und Verstehens von Texten kann von wertgeleiteten Selektionen beeinflußt werden. Kognitionspsy-chologische Untersuchungen haben gezeigt, daß bereits die Wahrnehmung selektiv ist, d. h. Leser nehmen unterschiedliche Merkmale eines Textes auf und verarbeiten sie auf verschiedene Weise. Für diese Unterschiede sind unter anderem »Schemata« verantwortlich, die Textwahrnehmung und -verstehen steuern. Das Verstehen eines Textes hat man sich nämlich, zumindest nach heute konsensfähigen Modellen , nicht als passive Ãobertragung von Textinformation auf das Leserbewußtsein vorzustellen, sondern als aktive Konstruktionsleistung des Lesers. Dieser erstellt mithilfe von Schemata, d. h. erlernten Mustern zum Beispiel von Handlungsfolgen oder Erzählabläufen, eine für ihn sinnvolle Lesart eines Textes . Schemata werden im Sozia-lisationsprozeß erworben, in ihre Ausbildung fließen subjektive Komponenten und intersubjektive Komponenten ein. Ãober die Schemata können Werte verschiedenster Art - ethische, politische, hedonistische und formal-ästhetische - auf den Verstehensprozeß einwirken, ohne daß es den Lesern bewußt ist: Ihre Lesart erscheint ihnen keineswegs wertgeleitet, sondern einfach >evident Feministische Zugänge - >Gender StudiesProbehandeln< ermöglicht, das von konkreten Handlungszwängen entlastet ist. Die zweite Gruppe von Wertungen fragt nach dem Wert einzelner literarischer Texte oder Textgruppen unter literaturwissenschaftlichen Perspektiven. Sie können als >interne< Wertungen bezeichnet werden. Drei Typen von Wertungen sind hier wiederum zu unterscheiden: Selektionen, Einstufungen und Werturteile.
      Literaturwissenschaftler selektieren, indem sie manche Werke einer Edition oder Interpretation für wert erachten oder sie in eine literarhistorische Darstellung aufnehmen, andere dagegen nicht. Die Maßstäbe hinter diesen Wertungen bleiben meist implizit. Es können Normen und Werte sein, die in der Institution Literaturwissenschaft gelten oder von einzelnen Gruppen von Forschern akzeptiert werden; aber auch individuelle Vorlieben für bestimmte Themen, Autoren oder Gattungen können diese Wertungen beeinflussen .
      Die Texte, die den Selektionsfilter passiert haben und in den Kanon literaturwissenschaftlich relevanter Texte aufgenommen worden sind, werden nicht alle als >gleichwertig< beurteilt. Vielmehr werden sie unterschiedlich eingestuft, und zwar nach denselben historisch variablen Maßstäben, die auch zur Selektion herangezogen werden können. Dieses Einstufen literarischer Texte kann in Form sprachlicher, expliziter Wertungen vorgenommen werden; meist vollzieht es sich aber in motivationalen Wertungen - etwa wenn es allein an der Häufigkeit oder Intensität abzulesen ist, mit der ein literarischer Text behandelt wird. So gibt es in der Literaturwissenschaft eine implizite Hierarchie der Forschungsgegenstände,die einen Indikator für die Einstufung literarischer Texte zu bestimmten Zeiten bildet: Heute sind zum Beispiel Arbeiten über Autoren wie Goethe, Kafka oder Thomas Mann häufig vermutlich prestigeträchtiger als Studien zu Gottsched, Keller oder Heinrich Mann.
      Sprachliche Wertungen kommen in Interpretationen und literarhistorischen Darstellungen vor. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein finden sich zahlreiche explizite Werturteile in Literaturgeschichten. Zum Selbstverständnis der Literarhistoriker gehörte es unter anderem, die Qualität literarischer Werke zu beurteilen, >wertvolle< von >wertloser< Literatur zu trennen und dies auch deutlich auszusprechen. In neueren Literaturgeschichten dagegen dominieren die Dokumentation von Entwicklungen, die historische Einordnung und Erklärung, und es wird nur noch selten in expliziter Form gewertet. Die Literarhistoriker erfüllen dieselbe Selektionsfunktion wie ihre Vorläufer, formulieren ihre Darstellungen aber >sachlicherGender StudiesMoralische Qualität literarischer Texte< dürfte im Literatursystem als positiver Wert relativ weite Anerkennung finden, außer vielleicht in Gruppen, die eine ästhetizistische Literaturauffassung vertreten. Zur intersubjektiven Verständigung über Wertungen trägt drittens die Begründung eines Urteils bei. Im Beispiel wird die Begründung der Wertung vorangestellt: Vormwegs Beschreibung der Textmerkmale und seine Interpretation der Texte dienen als Grundlage seines Urteils.
      Die subjektiven Aspekte der Wertungen liegen auf der Hand und relativieren zum Teil die intersubjektiven. Zum einen spielt eine Rolle, daß es immer ein Komplex von Voraussetzungen ist, den ein Subjekt ins Spiel bringt, wenn es Objekteigenschaften auf Werte bezieht. Wenn für Vormweg das formale Merkmal >Wahrhaftigkeit des Erzählens< eine positive moralische Eigenschaft darstellt, dann dürfte diese Einschätzung zwar relativ konsensfähig, keineswegs aber zwingend sein; wenn er >Sachlichkeit< ebenso einstuft, dann scheint dieser Zusammenhang noch weniger zwingend. Andere Interpreten könnten bestreiten, daß ein solches stilistisches Merkmal überhaupt mit ethischen Maßstäben beurteilt werden könne. Wenn Personen Textmerkmale auf Werte beziehen, dann sind diese Bezugnahmen zwar oftmals konsensuell und damit keineswegs beliebig; Werte sind aber so allgemein formuliert, daß es immer mehrere Möglichkeiten gibt, wie sie sich in Objekten konkretisierenkönnen. In der aktuellen Zuordnung, die ein Wertender vollzieht, liegt also das Subjektive seiner Wertung.
      Einen zweiten subjektabhängigen Faktor stellt die unterschiedliche Gewichtung der Eigenschaften dar, in denen sich ein Wert realisieren kann. Vormweg urteilt, daß die Moralität der Erzählungen Bölls ihren literarischen Wert ausmache. Dabei setzt er voraus, daß Texte auch dann literarisch wertvoll< sein können, wenn sie keine hervorragenden ästhetischen Qualitäten, dafür aber ausgeprägte moralische Eigenschaften aufweisen. Andere Böll-Interpreten gewichten anders; sie attestieren seinen Texten durchaus Moralität, werten sie aber mit Hinweis auf fehlende formal-ästhetische Qualitäten negativ. Grundlage dieser Wertung ist die Annahme, positiver literarischer Wert werde in erster Linie von ästhetischen Merkmalen der Form realisiert, während die moralischen Qualitäten höchstens zweitrangig sind.
      In wissenschaftlichen Kontexten kommt es darauf an, die Wirkung der subjektiven Faktoren zu verringern und so die Verbindlichkeit von Wertungen zu erhöhen. Unverbindlich, also von nur begrenzter Gültigkeit, sind Urteile, bei deren Begründung sich der Sprecher auf das eigene Gefühl, auf seine subjektive Einschätzung beruft. Als >verbindlich< kann dagegen ein Werturteil gelten, mit dem der Sprecher den Anspruch verbindet, es intersubjektiv begründen zu können, und >fundiert< ist ein Urteil, wenn der Sprecher diesen Anspruch einlöst. Indizien für einen intersubjektiven Geltungsanspruch stellen textintern ein argumentativer Zusammenhang und kontextuell die Wahl bestimmter Textsorten und Veröffentlichungsformen dar. Von Wertungen - seien sie explizit oder implizit -, die in einer Rezension in einer Tageszeitung oder in einem wissenschaftlichen Artikel in einer germanistischen Fachzeitschrift veröffentlicht werden, können Leser erwarten, daß sie zumindest begründbar sind. Anders ausgedrückt: Wenn der Verfasser sich unverbindlich und nur als Privatperson äußern wollte, dann hat er das falsche Medium gewählt.
      Um ein Werturteil über einen literarischen Text zu begründen, muß ein Sprecher drei Bedingungen erfüllen: Er muß erstens Argumente dafür vorbringen, daß der Text die Eigenschaften, auf die er sich bezieht, auch tatsächlich aufweist; in unserem Beispiel leistet Vormweg dies mit seiner Beschreibung und Interpretation der Texte Bölls. Zweitens muß er den Wertmaßstab rechtfertigen, den er sei-nem Urteil zugrundelegt. Rechtfertigen läßt sich ein Wert nicht in einem absoluten Sinn, sondern immer nur im Zusammenhang eines Wertsystems, in dem der Wert gilt. Vormweg könnte seinen Wertmaßstab zum Beispiel dadurch rechtfertigen, daß er von der Literatur als solcher einen - wie auch immer bestimmten - moralischen Appell an die Leser fordert, der sich auch im Einzeltext dokumentieren müsse, und würde sich damit in die lange Tradition moralischer Wertung von Literatur einordnen. Drittens muß ein Sprecher begründen können, daß er den Wert zu Recht auf die Texteigenschaften bezogen hat beziehungsweise daß die Texteigenschaften tatsächlich in der Lage sind, den Wert zu realisieren. Vormweg hätte also zu begründen, daß es einen Zusammenhang zwischen den angeführten formalen Texteigenschaften und seinem moralischen Wertmaßstab gibt, wobei er zum Beispiel die potentielle Wirkung einer >authentischen< Erzählweise auf die Leser anführen könnte. Ein Werturteil wie das Vormwegs kann demnach als Beispiel für eine verbindliche Wertung gelten, zu deren expliziter Fundierung noch zwei Schritte ausgeführt werden müßten.
      2.j Wertmaßstäbe in literaturwissenschaftlicher Theorie und Praxis Ein auch nur annähernd vollständiger historischer Abriß der literaturwissenschaftlichen Wertungsdiskussion und ihrer Kriterien kann hier nicht gegeben werden. Statt dessen gehe ich klassifikatorisch vor, indem ich die Typen von Wertmaßstäben behandle, die in Theorie und Praxis der Literaturwissenschaft vertreten beziehungsweise angewendet worden sind.
      Folgende Ãoberlegung kann den Ausgangspunkt der Rekonstruktion bilden: Die Wertung von Literatur betrifft die Gegenstandskonstitution des Faches und bildet eine der >Schaltstellender Gesellschaft erbringt. Zum anderen zeigt sich die Schaltstellenfunktion darin, daß die Wertmaßstäbe, mit denen Literatur beurteilt wird, in der Regel keine >rein literarischen* sind, sondern normative Vorgaben aus philosophischen, religiösen, ethischen, sozialen, politischen und anderen Rahmentheorien enthalten. Dementsprechend lassen sich unter den Werten, die bis heute in der Literaturwissenschaft zur Beurteilung von Literatur herangezogen worden sind, formal-ästhetische Werte unterscheiden von inhaltlichen, die stärker an nicht-literarische Rahmentheorien gebunden sind.
      Formal-ästhetische Maßstäbe beziehen sich auf formale, strukturelle, sprachliche Eigenschaften literarischer Texte; zu ihnen zählen zum Beispiel >SchönheitSelbstreferenzOffenheitStim-migkeitGanzheitMoralitätFreiheitHumanitätEmanzipation< und andere importiert werden.
      Zwei weitere Typen von Werten werden an Literatur herangetragen: relationale und wirkungsbezogene Werte. Relationale Maßstäbe bestimmen den >Wert< literarischer Texte in Hinsicht auf eine Bezugsgröße. Diese Bezugsgröße kann die natürliche Sprache sein, ebenso die literarische Tradition oder auch die Realität. Beispiele sollen dies verdeutlichen. Literatur wird oftmals über ihre Abweichung von der >normalen< Sprachverwendung bestimmt . >Abweichung< kann in diesen Theorien zum Wert werden, mit dem auch einzelne Texte beurteilt werden können: Ein Text, der sich durch ein hohes Maß an formalen Qualitäten wie >Versifikation< oder ungewöhnliche Bilden von der Alltagssprache unterscheidet, wäre demnach besonders positiv zu bewerten. In bezug auf die literarische Tradition sind es meist >Inno-vation< und >Originalitätwertvoll< gelten nur die Texte, die literarische Muster oder

Inhalte nicht bloß reproduzieren, sondern mit eigenem schöpferischen Impetus neu gestalten . Wird Literatur auf Realität bezogen, sind es oft positiv aufgefaßte Werte wie >Wirk-lichkeitsnähe< oder >Authentizität< - allerdings auch manchmal deren Gegensätze -, die auf die Texte angewendet werden. Eine authentische Darstellung sozialer Wirklichkeit etwa kann unter dieser Voraussetzung als positiv, eine surrealistisch verfremdende Gestaltung dagegen als negativ beurteilt werden .
      Mit wirkungsbezogenen Werten werden die vermutlichen oder tatsächlichen Effekte beurteilt, die literarische Texte für ihre Leser haben. Dies können zum einen Wirkungen sein, die allein von individuellem Interesse sind, zum Beispiel kognitive Effekte , auf Emotionen bezogene Wirkungen oder praktische Wirkungen . Zum anderen können dies aber auch Effekte sein, die unter gesellschaftlichem Aspekt relevant sind, wie kommerzieller Gewinn und die Zunahme an Prestige durch die Beschäftigung mit kulturell anerkannten Objekten. Während in der Literaturwissenschaft formal-ästhetische, ethischmoralische und relationale Werte dominieren, spielt für andere Handlungsbereiche folgender Typus von Werten eine größere Rolle: für die nicht-professionellen Leser - neben den inhaltlichen Werten - die individuell wirkungsbezogenen Werte, allen voran wohl die >Lust am LesenPrestigewertInnovation< und >OriginalitätLiteratur< entstanden (Schmidt 1989, Kap. 10 und 12; h> Literatur als >SystemGender Studies

 Tags:
Wertung  Literatur    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com