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Grundfragen der textrezeption

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Kanonbildung



3.1 Mechanismen der Kanonisierung
Welche Faktoren und Prozesse dazu führen, daß ein literarischer Text kanonisiert wird oder auch nicht, ist noch nicht zufriedenstellend erforscht worden. Es liegen zwar theoretische Konzeptionen und diverse Studien zu verschiedenen Autoren, Werken und einzelnen möglichen Einflußfaktoren vor , der Gesamtprozeß der Kanonbildung bedarf aber noch immer genauerer historisch-empirischer Untersuchungen . Zwar dürfte das Phänomen >Kanon< fast so alt wie die Literatur selbst sein ; einer eingehenderen Analyse stand aber bis in dieses Jahrhundert hinein unter anderem die Auffassung im Wege, es seien immer - gewissermaßen gesetzmäßig - >die besten< Werke und Autoren, die kanonisiert werden, oder anders ausgedrückt: die Ansicht, im Kanon setzten sich universale Werte durch.

      Kanonbildung als Durchsetzung zeitloser literarischer Qualität nach eigenen Gesetzen - dieser Auffassung wird heute ein differen-zierteres Modell entgegengestellt. Unter einem >Kanon literarischer Texte< wird das Resultat von Deutungs- und Selektionsprozessen verstanden, in denen literaturinterne und soziale Komponenten auf komplexe Weise zusammenspielen . Die Kriterien, nach denen Texte ausgewählt und interpretiert werden, sind historisch und kulturell variabel; ihre Geltung hängt auch von der jeweiligen Träger- oder Interessengruppe ab, die die Kanonisierung vollzieht. Betrachtet man das Corpus an Texten, das lange Zeit als >der< Kanon galt, nämlich den >Kanon der Gebildetem, der von Bürgertum und Universität getragen wurde, dann kommen folgende Faktoren in den Blick: Literaturintern dürften ästhetische Programme, Gattungstraditionen sowie normative, zum Beispiel autonomieästhetische Vorgaben und Wertungen in verschiedenen Institutionen auf die Kanonbildung eingewirkt haben ; als Faktoren des sozialen Umfelds scheinen politische Konstellationen und wechselnde kulturelle Bedingungen eine Rolle gespielt zu haben, etwa Regierungsformen und ihre politische Funktionalisierung von Literatur, ideologische oder weltanschauliche Präferenzen einer Zeit .
      Fragt man, warum überhaupt das Bedürfnis besteht, aus der Men-ge von Texten einige herauszustellen, die als besonders >wertvoll< gelten, so kommt man zu mindestens drei wichtigen Funktionen, die Kanones erfüllen . Erstens tragen sie zur Selbstdarstellung und Identitätsstiftung einer Gruppe oder Gesellschaft bei: Die Mitglieder der Gruppe sehen in ihnen Normen und Werte repräsentiert, die die Gruppe konstituieren. Zweitens haben Kanones Legitimationsfunktion; sie dienen der Rechtfertigung und Abgrenzung der Gruppe gegen andere. Und drittens liefern Kanones Handlungsorientierung. Kanonisiert werden Texte, die prägnante Formen von Wissen, ästhetische Normen, Moralvorstellungen und Verhaltensregeln kodieren, nach denen sich Mitglieder einer Gruppe oder Gesellschaft richten können. Diese Funktionsbestimmung kann die Kanonpluralität, also das Neben- und Gegeneinander verschiedener Kanones erklären: Verschiedene Trägergruppen haben abweichende Selbstdarstellungs- und Legitimationsbedürfnisse und kanonisieren daher unterschiedliche Texte. Darüber hinaus läßt die Funktionsbestimmung erkennen, daß es nicht allein um die kanonisierten Texte geht, sondern immer auch um ihre Deutungen und um die Wertvorstellungen, die sie repräsentieren sollen. Neben einem »materialen Kanon«, der die >wert-vollen< Texte überliefert, ist ein »Deutungskanon« anzunehmen ; in ihm sind die Interpretationen der Texte festgeschrieben, die in einer Institution zu einem bestimmten Zeitpunkt als >kanonisch< gelten.
      Ein Kanon literarischer Texte liegt in der Regel nicht als Liste oder Verzeichnis vor, sondern ist vielmehr über die Präsenz literarischer Texte und die Kommunikation über sie rekonstruierbar, die für verschiedene Kanones in unterschiedlichen Institutionen und Medien stattfinden kann. Dazu zwei Beispiele: Um den akademischen Kanon zu rekonstruieren, ist zu fragen, für welche Autoren Werkausgaben, vor allem kritische Ausgaben erstellt worden sind; es ist zu prüfen, welche Autoren und Texte in Literaturgeschichten behandelt, wie ausführlich sie dargestellt und wie sie bewertet werden. Aufschlußreiche Informationen bieten darüber hinaus Anzahl und Tenor der Monographien und anderer wissenschaftlicher Publikationen über Autoren oder Werke; und schließlich ist es aussagekräftig, ob zu einem Autor oder Werk regelmäßig Veranstaltungen im Lehrangebot an Universitäten nachzuweisen sind. Soll der >bildungsbürgerliche Kanon< profiliert werden, sind andere Fragen zu stellen. Es ist zu prüfen, ob Leseausgaben eines Autors kontinuierlich erhältlich sind, ob sich seine Texte in Anthologien findenlassen und in >Klassikerbibliotheken< aufgenommen wurden. Auch Einträge in Universallexika, Feuilletonartikel zu Jubiläen, Präsenz auf dem Theater oder intertextuelle Bezugnahmen dokumentieren die Bedeutung eines Autors in diesem Kontext, und als besonderes Indiz kann es gelten, wenn seine Texte zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht an der Schule zählen. Auch wenn der akademische und der bildungsbürgerliche Kanon unterschiedlich rekonstruiert werden, so stimmen sie doch in weiten Teilen überein - was historisch aus der Entstehungssituation und Entwicklung des Literatursystems zu erklären ist und aus den Rollen, die Bürgertum und Literaturwissenschaft dabei spielten .
      Nachdem die Kanonisierung literarischer Texte bisher nur anhand kontextueller Faktoren thematisiert worden ist, liegt nun die Frage nahe, ob es nicht doch bestimmte Eigenschaften eines Textes gibt, die eher für oder eher gegen seine Kanonisierung sprechen. Auch diese Frage läßt sich wieder nur relativ zum jeweils untersuchten Kanon beantworten. Pauschal betrachtet scheinen zwei Merkmale die Chancen eines Textes zu erhöhen, in den bildungsbürgerlichen und den akademischen Kanon aufgenommen zu werden: Zum einen muß er komplex genug sein, um mehrmals gelesen werden zu können, zum anderen muß er für verschieden komplexe Lesarten und unterschiedliche Wertvorstellungen anschlußfähig sein. Alle spezielleren Kriterien können nur mit stärkerem Bezug auf die jeweilige Trägergruppe erklärt werden. Wenn zum Beispiel für die im Bildungsbürgertum kanonisierten Texte angeführt wird, sie behandelten zentrale menschliche Probleme auf besonders repräsentative Weise, dann hängt die Einschätzung, was für wen repräsentativ ist und welche Probleme als >zentral menschlich< einzustufen sind, von den Normen und Werten dieser Gruppe ab. Textmerkmale scheinen insgesamt für die Kanonisierung eine geringere Rolle zu spielen als Kontextbedingungen .
      3.2 Zur Frage der Berechtigung von Kanones Insbesondere in den USA wurde lebhaft und von unterschiedlichen theoretischen Positionen aus um die Vorteile und Gefahren von Kanones diskutiert. Die wichtigsten Einwände richten sich gegen

Voraussetzungen und Folgen der Kanonisierung. Nur zwei dieser Einwände seien hier angeführt: Zum einen werden mit der Hochwertung eines bestimmten Korpus von Texten zahlreiche andere Texte abgewertet und ausgegrenzt. Ein Kanon spiegelt - gewissermaßen >per definitionem< - Normen und Werte einer machthabenden Gruppe und wird seinerseits als Machtinstrument eingesetzt, da er als >Maßstab< oder >Filter< für die Zulassung und den Ausschluß neuer Texte dient. Zweitens kann eine Kritik der Kanonbildung an den oben angeführten Bestimmungen der Funktionen anknüpfen, die Kanones für Gruppen oder Gesellschaften haben. In immer stärker differenzierten Gesellschaften ist es zunehmend problematisch, von homogenen sozialen Schichten oder Gruppen zu sprechen, und einen einheitlichen Kanon von der gesellschaftlichen Reichweite, wie er noch für >das Bildungsbürgertum< angesetzt werden kann, gibt es heute nicht mehr.
Sind Kanones heute also entbehrlich, weil Einheit nicht mehr herzustellen ist, oder sind sie nicht wünschenswert, weil jeder Versuch, eine Einheit herzustellen, mit einer zu hohen Ausschlußrate zu bezahlen wäre? In dem Für und Wider der Diskussion wurde eine Alternative vorgeschlagen, die dem Pluralismus im Fach Germanistik entspricht: Nach dem Vorbild amerikanischer Hochschulen, wo es neben dem traditionellen Kanon der >männlichen weißen Autoren< neue Kanones etwa weiblicher Autoren und verschiedener ethnischer Gruppen gibt, wurde für mehrere, gruppengebundene Kanones plädiert. Problematisch ist diese Lösung, weil sie der akademischen Kommunikationsgemeinschaft die gemeinsame Grundlage entzieht; denn die Anzahl der Texte, die allen bekannt sind, wird kontinuierlich abnehmen.
      Damit haben wir wieder die einleitende Frage dieses Artikels erreicht, was Studierende der Literaturwissenschaft heute lesen sollen. Angesichts der skizzierten Forschungssituation kann sie hier nicht definitiv, sondern nur mit einigen pragmatischen Hinweisen beantwortet werden: Relevant für das Studium sind nach wie vor die literarischen Texte und Autoren, auf die sich andere Autoren bezogen und die auf die Entwicklung der Literatur - in formaler wie inhaltlicher Hinsicht - maßgeblich eingewirkt haben . Dieser traditionelle Kanon ist so lange unentbehrlich, wie Literatur
Wissenschaft auch -> Literaturgeschichtsschreibung und Rekonstruktion literarischer Problemsituationen betreibt. Er bildet damit eine wichtige Grundlage zur akademischen Verständigung und nicht zuletzt auch zur Selbstverständigung: Als materialer wie als Deutungskanon kodiert er prägnante kognitive und emotionale Schemata und Werte, die zur Ausdifferenzierung einer Kultur beigetragen haben, an der auch die Gegenwart teilhat.
     

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