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Grundfragen der textrezeption

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Zur Bestimmung von Begriff und Gegenstand



Forschungsarbeiten zur Theorie, Praxis und Rezeption der Übersetzung haben in den letzten vier Jahrzehnten international immer mehr an Bedeutung und Umfang gewonnen, so daß die zahlreichen Publikationen zum Thema kaum mehr überschaubar sind. Dabei bleibt die Beschäftigung mit Fragen der Übersetzung nicht beschränkt auf die Literatur- und Sprachwissenschaft, sondern findet auch - zumeist unter Zugrundelegung eines weiter gefaßten Über-setzungsbegriffs - in der dekonstruktivistischen , kulturwissenschaftlichen und ethnologischen Diskussion statt. Ein einführender Überblick über die wichtigsten und interessantesten Ansätze zu Fragen der Übersetzung ist daher notwendig selektiv.

      Im Feld der philologischen Auseinandersetzung mit der Übersetzung läßt sich neben zahlreichen Arbeiten im Bereich der hermeneutischen Übersetzungstheorie, die sich vor allem auf Schleiermacher gründet , zwischen zwei neueren Grundrichtungen unterscheiden. Beide haben sich in den letzten Jahrzehnten international etabliert und bestimmen die Diskussion wesentlich: Auf der einen Seite hat sich eine vorrangig linguistisch orientierte Richtung herausgebildet, die sich dezidiert Übersetzungswissenschaft, »science of translation«, nennt und vor allem Fragen der Theorie und Praxis des Übersetzens zum Gegenstand hat. Ihr Interesse gilt einer allgemeinen Übersetzungstheorie, die die Übersetzung sowohl literarischer als auch nicht-literarischer Sach- und Fachtexte beschreiben können soll. Darüber hinaus wird der Praxisbezug und der von der Übersetzungswissenschaft zu leistende Beitrag zur Ausbildung von Dolmetschern und Übersetzern betont.
      Dem steht auf der anderen Seite der aus verschiedenen Einzelphilologien und der Komparatistik hervorgegangene historischdeskriptive Ansatz der »translation studies« oder Übersetzungs-forschung gegenüber, dessen Interesse vor allem der Beschreibung der Rezeption und Geschichte der literarischen Übersetzung und Übersetzungskonzeptionen gilt. Auf eine einfache Formel gebracht,ließen sich diese beiden Richtungen innerhalb der Philologie charakterisieren mit den Fragen: >»Wie soll/muß man Literatur übersetzen ?< und >Wie ist Literatur nun wirklich übersetzt worden ? Fiktionalität und PoetizitäT).
      Die Übersetzung von Sach- und Fachtexten ist vorrangig unter pragmatischen Gesichtspunkten zu sehen als die Übermittlung von Informationen in einer anderen Sprache. Die Übersetzung literarischer Texte dagegen ist Bestandteil der Rezeption eines Textes oder Werkes. Als ein auf einen Prätext - das Original bzw. den Ausgangstext - sich beziehender Text stellt sie einen Fall von -» Inter-textualität dar .
      Eine weitere Konstante bei den Versuchen, den Begriff der Übersetzung zu definieren, ist das Merkmal der »doppelten Gerich-tetheit« , d. h. die Bindung der Übersetzung an Original und Zielsprache zugleich. Vor dem Hintergrund der Geschichte der Übersetzung und ihrer Konzeptionen wird deutlich, daß die über Jahrhunderte hinweg gestellte Frage, ob Übersetzungen wörtlich oder frei sein sollen, zumeist normativ zugunsten einer der beiden Lösungen beantwortet wurde. So ist in der frühen Geschichte der Übersetzung bei Cicero und dann Horaz die Orientierung an der Zielsprache maßgebend. Hieronymus sagt von seinen Übersetzungen aus dem Griechischen, daß er »einen Sinn durch den anderen« ausgedrückt habe, nimmt allerdings die »Heiligen Schriften« von dieser >freien< Methode aus, da in ihnen »auch die Wortfolge ein Mysterium ist«. Jahrhundertelang wird, bis zur Romantik, die freie Übersetzung weitestgehend als Norm gelten.
      Erst mit der Abkehr von der rationalistischen Sprachtheorie der Aufklärung, die die Wörter als Stellvertreter universaler Sachverhalte und Gedanken versteht, erst in der neueren -» Hermeneutik also wird nicht nur das Verstehen, sondern auch die Übersetzbarkeit überhaupt problematisiert. Schleiermacher geht in seiner Abhandlung »Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens« von der Sprachgebundenheit der Gedanken und der unaufhebbaren Differenz der Sprachen aus und kommt zu dem Schluß, daß es eine Äquivalenz der Bedeutung nicht geben kann. Daher plädiert er gegen die »einbürgernde«, sich wie ein Original der Zielliteratur gebende Übersetzung und für eine »verfremdende«, d. h. an der Sprache des Originals orientierte Übersetzungsmethode, deren Sprache »ahnden läßt, daß sie nicht ganz frei gewachsen, vielmehr zu einer fremden Aehnlichkeit hinübergebogen sei« .
      Auch wenn gegen Ende des 19. Jahrhunderts Wilamowitz-Moel-lendorff noch einmal die freie Übersetzung zur Norm erhebt und fordert, »den Buchstaben zu verachten und dem Geiste zu folgen«, wird Schleiermachers Ansatz, der die Übersetzung als Paradigma einer »Kunst des Verstehens« des Fremden begreift, in der Folge bestimmend für die hermeneutische Übersetzungstheorie.
      Hans-Georg Gadamer verwendet den Begriff in einem philosophisch weiterreichenden, fundamentalen Sinn: Er versteht die Übersetzung als hermeneutische Grundsituation, in der die »Fremdsprachlichkeit [...] nur einen gesteigerten Fall von hermeneutischer Schwierigkeit, d. h. von Fremdheit und Überwindung derselben« bedeutet . Wie im Bemühen um dialogische Verständigung müsse der Übersetzer »den zu verstehenden Sinn in den Zusammenhang hinübertragen, in dem der Partner des Gesprächs lebt« . Da aber Verstehen als an Sprache gebunden gedacht wird, sich erst im Medium der Sprache vollzieht, ist jede Übersetzung bereits Interpretation, »die Vollendung der Auslegung, die der Übersetzer dem ihm vorgegebenen Wort hat ange-deihen lassen« .
      Rudolf Kloepfer definiert Übersetzen als »eine Form des den Erkenntnisprozeß weiterführenden, unabschließbaren, ins Offene führenden Deutungsversuches von Dichtung« , die das Überleben des literarischen Werkes bedeute. Unab-schließbar sei dieser Prozeß insofern, als jede Übersetzung nur »einer der möglichen Wege des Verstehens bzw. Erkennens« sei . Übersetzungen werden hier also verstanden als Dokumente der Wirkungsgeschichte eines Werkes, in denen der Übersetzer »den originalen künstlerischen Willen mit den Mitteln einer anderen Muttersprache« nachzuvollziehen versucht. Das Ergebnis ist kein Äquivalent, sondern »ein dem Original zumindest analoges Ganzes« .
      Dagegen nimmt Friedmar Apel eine rezeptionsgeschichtliche Perspektive ein, um eine »Radikalisierung der hermeneutischen Fragestellung« vorzunehmen. Die hermeneutische Problembestimmung von Übersetzung als »sprachliche Ob-jektivation eines je historischen und subjektiv bestimmten Verstehens eines Textes« sei unzureichend, da sie ein »Nacheinander von Verstehen, Auslegung und sprachlicher Objektivation« voraussetze . Es müsse vielmehr davon ausgegangen werden, daß

»sich das je bestimmte Verstehen eines Textes erst in der Übersetzung selbst« herstelle. Zudem sei die Problembestimmung um die Rolle des Lesers zu erweitern, da jede Übersetzung »die Kristallisation eines Erfahrungsprozesses« sei, »der in der Rezeption [...] gleichsam wieder verflüssigt wird« . Im Sinne von Hans Robert Jauß' rezeptionsgeschichtlichem Konzept versteht Apel Übersetzungen als Konkretionen des Bedeutungshorizontes eines Werkes, die so eine konstruktive Funktion innerhalb seiner Rezeptionsgeschichte erfüllen .
     

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