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Historisch-deskriptive Ãobersetzungsforschung



Parallel und in Abgrenzung zu den linguistischen Ansätzen der Ãobersetzungswissenschaft, die zumeist produktiv-präskriptiv orientiert sind, hat sich in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen. Das geschah mit der Etablierung einer dezidiert historisch-deskriptiven Ãobersetzungsforschung, der es weniger um eine Theorie der Ãobersetzung geht als vielmehr um die Erforschung der Rezeption von literarischen Ãobersetzungen und Ãobersetzungskonzeptionen. Hier sind vor allem zwei Ansätze zu unterscheiden: der systemtheoretische, zieltextorientierte Ansatz, wie er von Forscherteams in Belgien und den Niederlanden einerseits und Israel andererseits vertreten wird, und der transferorientierte Ansatz des Göttinger Sonderforschungsbereichs »Die literarische Ãobersetzung« . Mit beiden wird ein dritter Weg eingeschlagen zwischen der linguistisch orientierten Ãobersetzungswissenschaft und den hermeneutischen, literaturwissenschaftlich angelegten Ãobersetzungstheorien.

      Auch der systemtheoretisch orientierte Ansatz ist funktional und damit zugleich zieltextorientiert. Anders allerdings als der Pragma-tismus der Skopostheorie bewegt er sich nicht auf der Ebene der Ãobersetzungstheorie, sondern konzentriert sich auf historische Ãobersetzungsforschung. Im Zentrum des Interesses steht nicht die Frage nach der Beziehung der Ãobersetzung zum Original, sondern die Frage nach der Funktion der Ãobersetzung in der Zielliteratur. Ziel ist es, einen theoretischen Rahmen zu erarbeiten, der es ermöglicht, »to historicize actual translated texts and see the temporal nature of certain aesthetic presuppositions which inf luence the pro-cess of translation« .
      Grundlegend für den systemtheoretischen Ansatz wurden die in den siebziger Jahren publizierten Arbeiten des Kulturtheoretikers Itamar Even-Zohar, der an die Literaturtheorie des Russischen Formalismus anknüpft, vor allem an Jurij Tynjanovs Modell der »literarischen Evolution« . Demzufolge ist nicht nur die Sprache, sondern auch jedes literarische Werk und die jeweilige Literatur, zu der es gehört, als System zu begreifen. Werke sind also nicht isoliert zu betrachten, sondern lassen sich in ihrer Besonderheit immer nur im Zusammenhang mit dem Stellenwert begreifen, den sie innerhalb des Systems besitzen, also über ihre »Differenzqualität« zu anderen literarischen und außerliterarischen Elementen. Even-Zohar prägt den Begriff des »Polysystems«, der auf die offene Struktur und die Einwirkung interkultureller Transferprozesse auf das literarische System hinweisen soll. Das Polysystem ist »a System of various Systems which intersect with each other and partly overlap, using different options, yet functioning as one structured whole, whose members are inter-dependent« .
      Das Polysystem besteht Even-Zohar zufolge also aus verschiedenen Teilsystemen, die sich hierarchisch zueinander verhalten: Im Zentrum des Systems stehen die kanonischen, und das heißt hier, in Umkehrung des allgemeinsprachlichen Kanonbegriffs : die innovativ wirkenden Texte. Historische Veränderungen innerhalb des Polysystems zeichnen sich ab in Verschiebungen der Hierarchie, indem bislang nicht kanonisierte Texte von der Peripherie ins Zentrum rücken und somit eine Umstrukturierung zur Folge haben. Derartige Transferprozesse finden auch zwischen verschiedenen Polysystemen statt, wie im Fall der Ãobersetzung. Indem Ãobersetzungen eine Position im Polysystem der Zielliteratur einnehmen, erhalten sie eine Funktion, die sich wie im Falle nicht-übersetzter, originaler Texte als >peripher< oder >zentral< bestimmen läßt.
     
Abhängig von ihrer Position innerhalb des Polysystems hat übersetzte Literatur zugleich auch einen Einfluß auf die Normen der Ãobersetzungspraxis: Nimmt sie eine zentrale, innovatorische Position ein, wird sich als Ãobersetzungsnorm Nähe zum Ausgangstext, d. h. Adäquatheit, durchsetzen, um die »Bereicherung« der Zielliteratur zu gewährleisten. Nimmt sie dagegen eine marginale Position ein, wird als Norm die Orientierung an vorhandenen Modellen der Zielkultur dominieren.
      Zwar ist Even-Zohars Polysystemtheorie nicht unumstritten geblieben; Kritik richtete sich vor allem gegen den hier verwendeten Systembegriff analysis« des Ausgangstextes gewonnen wird und als »invariant of the comparison« dienen soll . Dies steht in verblüffendem Widerspruch zu Tourys dezidiert funktionalem, zieltextorientiertem Ansatz: Während er auf der einen Seite von der Differenz linguistischer Systeme ausgeht, postuliert er auf der ande-ren Seite mit dieser Invariante eine zwei Sprachen zugrundeliegende strukturelle Universalie - ohne die hermeneutischen Implikationen zu reflektieren, die sich aus einer >textemischen Analyse< des Ausgangstextes ergeben.
      Die Annahme eines solchen >tertium comparationis< ist allerdings nicht zwingend für die Stringenz von Tourys »Theory of Translation« . Sie hat in der Folge innerhalb der Ubersetzungsforschung weite Beachtung gefunden und so wie Even-Zohars Polysystemtheorie einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung der zur gleichen Zeit in Belgien und den Niederlanden betriebenen »Translation Studies« geleistet. In der 1985 erschienenen Gruppenveröffentlichung »The Manipulation of Literature« formuliert Hermans die wesentlichen Aspekte des neuen Ansatzes: Literatur wird als dynamisches und komplexes System betrachtet; der Ansatz zur Erforschung literarischer Ãobersetzungen ist deskriptiv, zieltextorientiert, funktional und systemisch; leitende Fragen sind die nach den Normen, die die Produktion und Rezeption von Ãobersetzungen steuern, und die nach der Funktion der Ãobersetzung innerhalb der Zielliteratur und für das Verhältnis der Literaturen zueinander . Im selben Band umreißen J. Lambert u. a. vor dem Hintergrund ihrer Studien zur Ãobersetzung in Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Konsequenzen dieses Ansatzes für die praktische Forschungsarbeit, wenn sie betonen, daß Ãobersetzungen nicht isoliert betrachtet werden dürften: »Translations and translators inevitably operate in the context of collective norms and modeis« . Daher dürften sich die Untersuchungen nicht auf die Beziehung einzelner Ausgangs- und Zieltexte beschränken, sondern müßten das gesamte System beider Literaturen in den Blick bekommen, um zu schlüssigen Aussagen zu kommen.
      Derartige großangelegte Ãobersetzungsstudien sind in der Folge nicht nur von den belgischen und niederländischen Forschungsteams betrieben worden, sondern - mit einer etwas anderen Akzentsetzung - auch vom Göttinger Sonderforschungsbereich »Die literarische Ãobersetzung«. Der Göttinger Ansatz versteht sich als transferorientiert. Das heißt: Es geht hier nicht primär um die Stellung des übersetzten Textes im System der Zielliteratur, sondern um die Ãobersetzung als Ãobersetzung, als einen Text, der zwischen den Sprachen, Literaturen und Kulturen vermittelt. Das Augenmerk des transferorientierten Ansatzes gilt weniger der wie auch immer festzustellenden Ã"quivalenz der Ãobersetzung, sondern vielmehr der

Differenz, die aus dem Aufeinandertreffen zweier verschiedener Sprachen, Literaturen und Kulturen entsteht und als kulturschaffend begriffen wird. Jede Ãobersetzung impliziert Interpretation und entfaltet eine sprachliche, literarische und kulturelle Produktivität, die eine Bereicherung der Zielkultur darstellt. Erklärtes Ziel des Sonderforschungsbereiches ist es, einen Beitrag zur »Kulturgeschichte der Ãobersetzung ins Deutsche« zu leisten.
      Arbeitsschwerpunkte des Sonderforschungsbereiches, in dem zahlreiche Philologien vertreten sind, sind sowohl Forschungen im Bereich der Geschichte der Ãobersetzungskonzeptionen als auch der Geschichte der Ãobersetzungspraxis, die die »äußere Ãobersetzungsgeschichte« umfaßt, d. h. die sozialen und institutionellen Bedingungen für die Entstehung von Ãobersetzungen, und die »innere Ãobersetzungeschichte«, d. h. die Beschaffenheit der Ãobersetzungen selbst . Veröffentlicht in den »Göttinger Beiträgen zur internationalen Ubersetzungsforschung« wurden so beispielsweise Studien zur Ãobersetzung aus zweiter Hand, zu Mehrfachübersetzungen eines Werkes, Ãobersetzerprofilen, Kanonisierungsstrategien und -ten-denzen über die Auswahl der zu übersetzenden Texte . Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Dramenübersetzungen, die in besonderem Maße bestimmten Traditionen und Konventionen der Theaterpraxis unterliegen . Und schließlich gilt das Interesse der Ãobersetzung als einem Medium der Fremderfahrung, als Schnittstelle von »Kontakt- und Transferprozessen zwischen den Kulturen«. Insofern versteht sich die Ubersetzungsforschung auch als »bedeutender Zweig der Kulturwissenschaft« .
     

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