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Grundfragen der textrezeption

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Ãobersetzung und »Ã"quivalenz«



Die ersten Ansätze einer dezidiert wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fragen der Ãobersetzung schließen sich an die Etablierung der Linguistik in den fünfziger und sechziger Jahren als eigenständige Wissenschaft und die in ihrem Kontext untersuchten Fragen der maschinellen Ãobersetzung durch den Computer an. In der Folge ist innerhalb der Ãobersetzungswissenschaft zu unterscheiden zwischen ausschließlich linguistisch orientierten Ansätzen und solchen, die neben dem rein linguistischen Aspekt des Sprachwechsels auch den kommunikativen Aspekt des Ãobersetzens zu berücksichtigen suchen. Abgesehen von einigen Ausnahmen hat sich die Ãobersetzungswissenschaft zu einer Domäne vorrangig deutschsprachiger Forscher entwickelt.

      Trotz der differenten Ausprägungen einzelner Ansätze innerhalb der Ãobersetzungswissenschaft lassen sich doch einige Konstanten zeigen, die die Diskussion der vergangenen drei Jahrzehnte durchgängig bestimmt haben. Grundlegend ist zum einen das Wiederaufgreifen des in der Literaturtheorie seit der Romantik verabschiedeten Konzepts der Dichotomie von Form und Inhalt, demzufolge die Aussage eines Textes nicht an seine spezifische sprachliche Form gebunden sei und daher als Invariante in der Ãobersetzung erhalten bleiben könne. Daraus folgt die Annahme einer prinzipiellen Ãobersetzbarkeit der Sprachen. Zum anderen ist der Begriff der Ã"quivalenz bestimmend, der seit Roman Jakobsons Beschreibung des Verhältnisses von Original und Ãobersetzung als »equivalence in dif-ference« für konstitutiv angesehen, je nach Ansatz aber unterschiedlich definiert und gewichtet wird.
      Gegenstand der Translationslinguistik, wie sie von der »Leipziger übersetzungswissenschaftlichen Schule« durch Otto Kade,

Albrecht Neubert und Gert Jäger vertreten wird, ist die »Untersuchung der Translationsprozesse als sprachlicher Prozesse«. Ausgehend von dem informationstheoretischen Modell von Sender, Empfänger und Code wird Ãobersetzen als ein Sonderfall der sprachlichen Kommunikation begriffen: Da Sender und Empfänger nicht über dieselbe Sprache, und das heißt nicht über den gleichen Code verfügen, muß im Ãobersetzen ein Codewechsel stattfinden, bei dem über die Herstellung von Ã"quivalenzrelationen der Informationsgehalt der Ã"ußerung als Invariante erhalten bleiben soll. Aufgabe der Translationslinguistik ist es, ausgehend von konkreten Texten und ihren Ãobersetzungen die Regelmäßigkeiten zu beschreiben, die die Ã"quivalenzbeziehungen zwischen zwei Sprachen steuern, um so sprachenpaarbezogene Ãobersetzungswörterbücher und -grammati-ken zu erstellen. Die Analyse literarischer Ãobersetzungen wird von der Translationslinguistik bewußt ausgeschlossen, da die Relation zwischen literarischen Texten und ihren Ãobersetzungen aufgrund ihrer Formbetontheit nicht über die Bezugsgröße der Inhaltsinvarianz zu bestimmen sei. Der Ãobersetzung literarischer Texte hafte ein Moment der Kreativität an, das nicht wissenschaftlich operatio-nalisierbar sei. Gegenstand der Translationslingusitik sind danach allein pragmatische bzw. Sachtexte, bei denen die Form dem Inhalt untergeordnet ist.
      Eugene A. Nida, dessen 1964 erschienenes Buch »Towards a Science of Translation« als »Meilenstein« gilt, »mit dem die Ãobersetzungswissenschaft als Wissenschaft recht eigentlich begründet wurde« , wendet sich neben den sprachlichen vor allem auch den kommunikativen, empfängerbezogenen Aspekten der Ãobersetzung zu. Von vorrangiger Bedeutung ist für Nida die Analyse semantischer Probleme unter Einbeziehung moderner linguistischer Methoden wie der frühen Ansätze Noam Chomskys zur generativen Transformationsgrammatik, der allgemeinen Semantik und der language-and-culture-Forschung Sapirs und Whorfs. Vor diesem Hintergrund entwirft Nida eine Theorie der Ãobersetzung, die vor allem in ihrer Forderung nach Erhalt der »message« des Textes ihre Herkunft aus dem Kontext der Bibelübersetzung zu erkennen gibt. Auch in Nidas Definition des Ãobersetzens hat die Forderung nach der Invarianz der Bedeutung Vorrang, während die Form - Nida benutzt den Begriff »style« - nur als ein Sekundäres hinzutritt: »Translating consists in reproducing in the receptor lan-guage the dosest natural equivalent of the source-language message,first in terms of meaning and secondly in terms of style.« Der Ãobersetzer ist also in erster Linie dem Inhalt des Ausgangstextes verpflichtet und erst in zweiter Linie der Form. Folgerichtig plädiert Nida für eine zielsprachenorientierte, freie Ãobersetzung. Als konstitutiv für die Ãobersetzung wird die Erreichung von Ã"quivalenz definiert. Dabei unterscheidet Nida formale Ã"quivalenz, die sich in Form und Inhalt am Ausgangstext ausrichtet, und dynamische Ã"quivalenz , die sich an der Zielsprache und dem Empfänger der »Botschaft« ausrichtet und vorzuziehen ist. Ein vielzitiertes Beispiel für einen Fall dynamischer Ã"quivalenz ist die Ãobersetzung »Seehundbaby Gottes« für »Lamm Gottes« in den Eskimosprachen, in der der Begriff »Seehundbaby« die Konnotationen des Begriffs »Lamm« ersetzen soll. Es geht also um »Wirkungsgleichheit«. Zugrunde liegt ein Begriff der prinzipiellen Verstehbarkeit und damit zugleich auch Ãobersetzbarkeit. Nida geht von »underlying bases for human communication« aus und damit wie Chomsky von einer allen Sprachen eignenden universalen Tiefenstruktur. Nida wendet sich entschieden gegen die Relativitätsthese von Sapir/ Whorf, wenn er formuliert: »What people of various cultures have in common is far greater than what separates them.« Auf der Grundlage des Primats der Inhaltsübersetzung muß die Ãobersetzung literarischer Texte allerdings auch in Nidas Theorie weitgehend ausgegrenzt werden: »In transferring the message from one language to another, it is the content which must be preserved at any cost; the form, except in special cases, such as poetry, is largely secondary.«
Erstmals innerhalb der Ãobersetzungswissenschaft betont Wolfram Wilss deren hermeneutischen Charakter, indem er auf die Instanz des Verstehens beim Ãobersetzen aufmerksam macht . Das verschafft Wilss die Möglichkeit - vor allem in seinen späteren Arbeiten, in denen er den Ãobersetzungsprozeß unter kognitionspsychologischen Prämissen untersucht -, Kategorien wie künstlerische Kreativität und Intuition mit einzubeziehen. Orientiert an der Textlinguistik, definiert Wilss »Ãobersetzen« als »Text-verarbeitungs- und Textreverbalisierungsprozeß, der von einem ausgangssprachlichen Text zu einem möglichst äquivalenten zielsprachlichen Text hinüberführt und das inhaltliche und stilistische Verständnis der Textvorlage voraussetzt« . Darüber hinaus sei Ãobersetzen eine »spezifische Form interlingualer Kommu-nikation«, die auf »sprachliches Handeln und Entscheiden bezogen ist und an konkreten sprachenpaarbezogenen Fragestellungen orientiert sein muß« . Jede Ãobersetzung ist Wilss zufolge daher der Versuch der »Synchronisation von syntaktischen, lexikalischen und stilistischen Regelapparaten zweier Sprachen« . Im Prozeß des Ãobersetzens unterscheidet Wilss eine Verste-hensphase und eine Rekonstruktionsphase, in der der Ãobersetzer den Ausgangstext »unter optimaler Berücksichtigung kommunikativer Ã"quivalenzgesichtspunkte reproduziert« , wobei Ã"quivalenz als Näherungswert aufgefaßt wird.
      Wie Nida geht Wilss von prinzipieller Ãobersetzbarkeit aus, die gewährleistet sei »durch die Existenz von syntaktischen, semantischen und erfahrungslogischen Universalkategorien« , und kommt damit unter dem Begriff der linguistischen Unübersetzbarkeit zu einer ähnlich gelagerten Ausgrenzung von literarischen Texten, in denen die »sprachliche Form die Bedeutung mitkonstituiert« und damit für die »Erreichung einer funktionalen Ã"quivalenz wesenskonstitutiv ist« .
      Allerdings betont Wilss, Ã"quivalenz sei keine übersetzungs-prozessuale, sondern eine übersetzungs&n'toc^e Kategorie. Dabei formuliert er den Anspruch, auf der Grundlage »erschöpfender, alle relevanten Textmerkmale erfassender Analyse- und Syntheseprozeduren« die Vergleichsgrundlage für die Erfassung von Ã"quivalenz bereitzustellen, ohne allerdings die hermeneutischen Voraussetzungen dieses ausschließlich am Ausgangstext orientierten Vergleichs zu reflektieren.
      In seinen späteren Arbeiten verlagert Wilss das Interesse auf ko-gnitionspsychologische Aspekte, um den Prozeß des Ãobersetzens zu analysieren, d. h. »mentale Zustände und Prozesse ans Licht zu heben und Ãobersetzen als eine komplexe Form der Sprachverwendung vorzuführen« . Ãobersetzen wird als zweckrationales Sprachhandeln verstanden, das sich rekonstruieren lassen soll. Ziel dieses Handelns ist »Wirkungsgleichheit«, wobei -auf der Grundlage eines nachrichtentechnischen Kommunikationsmodells - die Selbigkeit des übermittelten Sinns als interlinguales tertium comparationis für garantiert angenommen wird. Um »Variabilität des Ãobersetzens«, d. h. verschiedene Ãobersetzerlösungen zu erklären, führt Wilss die Begriffe des kulturellen Kontextes und der subjektiven Kreativität ein. Mit kulturellem Kontext sind nicht nur die bereits bei Nida berücksichtigten außerliterarischen Bedingungen gemeint, die das fertige Produkt der Ãobersetzung bestimmen,sondern kulturelle Faktoren, die den mentalen Entscheidungs-prozeß des Ãobersetzers beeinflussen.
     

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