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Grundfragen der textanalyse

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» Grundfragen der textanalyse
» Zum Verhältnis von Hermeneutik und neueren antihermeneutischen Strömungen
» Vorbemerkungen

Vorbemerkungen



»Die Frage ist«, sagte Alice, »ob man es machen kann, daß Wörter viele verschiedene Dinge bedeuten.«
»Die Frage ist«, sagte Humpty-Dumpty, »wer der Herr sein soll -, das ist alles.«
Lewis Carroll
»Wir müssen auf das Verhältnis eines Sprechenden und Hörenden zurückgehen. Ist Denken und Gedankenverbindung in beiden ein und dasselbe, so ergibt sich bei Gleichheit der Sprache das Verstehen von selbst. Wenn aber das Denken in beiden wesentlich verschieden ist, ergibt es sich nicht von selbst auch bei Gleichheit der Sprache. Nehmen wir beide Fälle absolut, so verschwindet die Aufgabe, denn im ersteren Falle entsteht sie gar nicht, weil sie mit der Auflösung rein zusammenfällt, im zweiten Falle ist sie, wie es scheint, unauflösbar.«
Friedrich Schleiermacher

Schleiermacher nennt hier zwei absolute Extremfälle, so absolut, wie sie nur in der Reinheit abstrakten Denkens, aber nicht in der Differenziertheit konkreten Lebens vorkommen: den Extremfall des absoluten Verstehens und den Extremfall der Unlösbarkeit des Verstehensproblems. Er nennt mit »Gleichheit der Sprache« und »Gleichheit des Denkens« die Voraussetzungen, deren Existenz oder Absenz über Verstehen oder Nichtverstehen entscheidet. Absolute Gleichheit der Sprache kann es aber gerade nach Schleiermachers eigener Sprachauffassung nicht geben, da Sprache für Schleiermacher ein »individuelles Allgemeines« ist . Er begründet die Grenzen der Auslegung mit dem unendlich Unbestimmten der Sprache und der Individualität: »Denn überall ist
Konstruktion eines endlichen Bestimmten aus dem unendlichen Unbestimmten. Die Sprache ist ein Unendliches, weil jedes Element auf eine besondere Weise bestimmbar ist durch die übrigen. Ebenso aber auch die psychologische Seite. Denn jede Anschauung eines Individuellen ist unendlich. [...] Sollte die grammatische Seite für sich allein vollendet werden, so müßte eine vollkommene Kenntnis der Sprache gegeben sein, im anderen Falle eine vollständige Kenntnis des Menschen.«
Absolute Gleichheit des Denkens und der Sprache ist nur vorstellbar, wenn wir die Menschen als identisch programmierte Automaten denken. Es ist wichtig, daran zu erinnern, daß Schleiermacher durchaus der Rigorosität radikalen Modelldenkens fähig ist. Allerdings ist er ebenso der beweglichen Modifikation im Wechsel der Reflexion von Idealtypen zur Analyse konkreter Situationen fähig. Unser Motto signalisiert den Wechsel der Perspektive mit dem relativierenden »wie es scheint«, das das abschließende »unauflösbar« in Frage stellt. Und so lautet der folgende Satz: »Allein in dieser Schärfe oder Absolutheit ist der Gegensatz gar nicht vorhanden. Denn in jedem Falle ist immer eine gewisse Differenz des Denkens vorhanden zwischen dem Sprechenden und dem Hörenden, aber keine unauflösliche. Selbst im gewöhnlichen Leben, wenn ich bei vollkommener Gleichheit und Durchsichtigkeit der Sprache die Rede eines anderen höre und mir die Aufgabe stelle, sie zu verstehen, setze ich eine Differenz zwischen ihm und mir. Aber in jedem Verstehenwollen eines anderen liegt schon die Voraussetzung, daß die Differenz auflösbar ist.«
Selbst im Falle idealer Voraussetzungen täglicher Rede bleibt die Differenz, und doch soll mit dem guten Willen die Voraussetzung der Auflösbarkeit gegeben sein. Dies scheint widersprüchlich, entspricht aber durchaus der Schleiermacherschen Eigenart, sowohl das scheinbar selbstverständliche Verstehen zu problematisieren als auch die prinzipielle Möglichkeit des Verstehens trotz des Bewußtseins seiner Schwierigkeiten offenzuhalten. Gespräche zwischen Hermeneutik und antihermeneutischen Strömungen sind extrem schwierig, da die genannten Parteien von völlig verschiedenen philosophischen und sprachtheoretischen Voraussetzungen ausgehen. Ihr Sprechen wie ihr Denken sind so verschieden, daß vorerst die Gegensätze genannt werden müssen, bevor Voraussetzungen und Möglichkeiten eines Dialogs in Betracht gezogen werden können.
     

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