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Grundfragen der textanalyse

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Die Unlesbarkeit der Texte: Paul de Man



In den frühen siebziger Jahren hat sich in Amerika die literaturtheoretische Bewegung des Dekonstruktivismus unter dem direkten Einfluß von Jacques Derrida, der in Yale wirkte, gebildet . In Kontakt mit postmodernen Varianten von Kunst und Literatur entwickelte sie sich als Gegenbewegung gegen den »New Criticism« . Harold Bloom, Geoff-rey H. Hartman, J. Hillis Miller und Paul de Man bildeten den »Yale Deconstructionism« und gaben gemeinsam den erfolgreich wirkenden programmatischen Sammelband »Deconstruction and Criticism« heraus . Durch die Vermittlung Derridas wurden Heidegger und Nietzsche zu Einflußgrößen des amerikanischen Dekonstruktivismus. Kleinster gemeinsamer Nenner der verschiedenen Varianten ist die Negation jedes Ideenplatonismus, die Negation fester Bedeutungen in literarischen Texten und die Umwertung aller traditionellen Formen des Wissens und der Wissenschaft. Der Leser wird zum Objekt des Textes, die Interpretation weist die Selbstaufhebung der Texte nach und wird so zur radikalen Anti-Hermeneutik. Lentricchia hat Paul de Man als »Godfather« der Bewegung bezeichnet.
      In »Blindness and Insight: Essays in the Rhetoric of Contempor-ary Criticism« schreibt de Man, sein Interesse gelte dem Problem des literarischen Verstehens und den theoretischen Fragen über die Möglichkeit literarischer Interpretation . Ihn interessieren allerdings weder die Klassiker philosophischer Hermeneutik noch die Versuche, Literaturwissenschaft als strenge Wissenschaft zu begründen, ohne den Prozeß der Interpretation zu analysieren. Ihn interessieren die kognitiven Strukturen des Interpretationsprozesses und die Logik des literaturkritischen Diskurses. So bekommen Lesen und Lektüre bei ihm ganz besonderes Gewicht. Mit ganz anderen Voraussetzungen des Sprach- und Werkbegriffes als der »New Criticism« und mit einer auf die kognitiv erfaßbaren Textaspekte weitgehend eingeschränkten Textwahrnehmung erinnert seine Verfahrensweise dochan die werkimmanente Analyse und an die Techniken des »close reading«. Während aber die sogenannte »immanente Interpretation« und der amerikanische »New Criticism« an der Einheit des Werks festhielten, dessen Stimmigkeit und innerer Zusammenhang gerade seinen Kunstcharakter ausmachte , formuliert de Man die These, im literarischen Text stünden sich Logik und -» Rhetorik unversöhnbar gegenüber und sprengten die Einheit des Textes. So verstanden sagen literarische Texte nie, was sie bedeuten wollen. Die Leserin erfährt die Lektüre als kognitiven Prozeß, der sich selbst bezweifelt, da die rhetorische Form den referentiellen Gehalt in Frage stellt.
      Nachdem de Man in »Blindness and Insight« alle früheren Versuche der Bestimmung des Literarischen kritisiert und abgelehnt hatte, glaubte er, durch die Analyse der komplexen Verbindung von Einsicht und Blindheit die Eigenart des Literarischen bestimmen zu können. Der Widerspruch zwischen logischer und figuraler Bedeutung, zwischen referentiellem und rhetorischem Bezug offenbart sich dem Leser in der Dialektik von Blindheit und Einsicht als Einsicht in die Blindheit der so ihre Bedeutung selbst dementierenden Texte. Er nennt »jeden Text >literarisch< im vollen Sinne des Wortes [...], der implizit oder explizit seinen eigenen rhetorischen Modus bezeichnet und seine mögliche Fehldeutung als Korrelat seines rhetorischen Charakters, seiner >Rhetorizität< vorwegnimmt« . Ebenso problematisch ist die vorausgesetzte Sprachtheorie. Sprache erscheint nur als widersprüchliche Substanz sich gegenseitig widersprechender Mittel logischer und rhetorischer Darstellung. Die Möglichkeit, auch eine »Appellstruktur der Texte« zu beachten und nicht nur eine rezeptiv-kognitive Aktivität der Leser, also auch affektiv und kognitiv produktive Aktivitäten der Leserinnen zu erwägen, wird nicht in Betracht gezogen . Abgesehen von den genannten fragwürdigen Voraussetzungen und Defiziten wird man de Man die Anerkennung für intellektuellen Scharfsinn und stilistische Brillanz sowie für die Schärfung der Sensibilität für Paradoxien und Widersprüche der Literatur nicht versagen können. Allerdings kann er hier an ein reiches Erbe des »New Criticism« anschließen .
      De Mans »Allegorien des Lesens« sind jedoch nach ihren eigenen Voraussetzungen immer Fehlschläge, Dekonstruktionen der eigenen Lektüre. »The allegory of reading narrates the impossibility of reading.« Das Mißlingen dieser Lektüre beruht jedoch nicht auf einem unhintergehbaren Charakter der Poesie oder der poetischen Sprache, sondern auf der rationalistischen Reduktion der Poesie und auf der Reduktion des Problems der Bedeutung auf das Problem der Referenz. De Mans Art der Problemlösung des Verstehens abstrahiert von jeder Möglichkeit kommunikativer Funktion der Sprache und nivelliert ohne ausreichende sprachwissenschaftliche und philosophische Begründung die Differenz zwischen wissenschaftlichem und poetischem Text. Der Schluß des Textes »Semiologie und Rhetorik« lautet: »Literatur und Literaturwissenschaft - die Differenz zwischen ihnen ist Trug - ist verurteilt , für immer die strengste und folglich am wenigsten verläßliche Spra-che zu sein, in deren Begriffen der Mensch sich selber benennt und verwandelt.« Dies provoziert kritische Lektüre und die Fragen: Inwiefern ist das >am wenigsten Verläßliche< Folge generalisierender, zwischen Literatur und Literaturwissenschaft nicht unterscheidender »Strenge«? Inwiefern könnte diese Position immerhin Korrektiv einer Objektivität sein, die sich ihrer Subjektivität nicht bewußt ist ? De Man beschreibt literarisches Bewußtsein als tragisch gespaltenes Bewußtsein unentscheidbarer Perspektiven, ohne in kritischer Praxis zu unterscheiden, was er theoretisch gelegentlich durchaus trennt: verschiedene Organisationsformen des Wissens, der Wissenschaft, der Literatur und der Politik (vgl. de Man und Menke 1993; -» Literaturals >System

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