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Grundfragen der textanalyse

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» Grundfragen der textanalyse
» Zum Verhältnis von Hermeneutik und neueren antihermeneutischen Strömungen
» Die Schwierigkeit des Gesprächs zwischen Hermeneutik und >Anti-Hermeneutik

Die Schwierigkeit des Gesprächs zwischen Hermeneutik und >Anti-Hermeneutik



Nicht nur das Denken von Hermeneutik und >Anti-Hermeneutik< ist grundsätzlich verschieden, sondern auch die Objektkonstitution. Traditionelle -> Hermeneutik rekonstruiert ein Textobjekt im Sinne des Autors; an der -> Rezeptionsästhetik orientierte Hermeneutik beschreibt die Appellstruktur der Texte, die zwischen Text und Leser vermittelt. Derrida analysiert die Suche der Signifikanten nach dem nie Erreichbaren, aber doch immer wieder ersehnten und immer wieder aufgeschobenen Signifikat. De Man reflektiert die kognitive Struktur unauflöslich widersprüchlicher Lektüre. Kein Wunder, daß schließlich Literaturtheorien konzipiert werden, die entweder den Text als reine Projektion des Lesers betrachten oder aber, um der Annahme vollständiger Anarchie und Willkür der Literaturbetrachtung zu entgehen, die These vertreten, das Subjekt der Zeicheninterpretation, die die Deutungen bestimmende Größe, sei die Sozialisationsformen prägende Gemeinschaft, die »inter-pretive Community«, also eine letztlich politische Macht . Humpty-Dumpty scheint recht zu bekommen: »Die Frage ist, wer der Herr sein soll.« Kein Wunder, daß dies die feministische Literaturtheorie auf den Plan ruft, die Praktiken der männlichdominierten Interpretationsgemeinschaften zu hinterfragen . Auch die Sprache des Dialogs ist für ihn Brücke und Schranke. Sein Konzept des Dialogs vertritt weder den Idealismus der Möglichkeit unbegrenzter Selbsterkenntnis noch denjenigen des unbegrenzten Fremdverstehens. Gadamer betont aber das Primat der Sprachlichkeit unserer Welterfahrung gegenüber dem Primat des Selbstbewußtseins im Idealismus und gegenüber dem Tatsachenbegriff des Positivismus, da alles Bewußtsein und alles Wissen sich sprachlich artikuliere. Er beruft sich dabei auf Nietzsches Kritik der idealistischen Begründung der Wahrheit im Selbstbewußtsein, auf die Radikalisierung dieser Kritik durch Freud und auf Heideggers grundsätzliche Kritik des Bewußtseins. Wenn alles der Zwischenwelt der Sprache bedarf und der Begriff der >reinen Wahrnehmung< als dogmatisch negiert wird, dann erfolgt schon das sogenannte Wahrnehmen im Modus des »Et-was-als-etwas-Verstehen«, dann ist Interpretation nicht eine zu-sätzliche Prozedur des Erkennens, sondern macht »die ursprüngliche Struktur des >In-der-Welt-SeinsUrkundesinngemäßwörtlich Formen >textimmanenter< AnalysE). Die umstrittene Schlußzeile: »Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst«, interpretiert er weder im Sinne von >den Anschein haben< wie Staiger noch im Sinne von >schön scheinen< wie Leo Spitzer, sondern im Sinne von >leuchten< - wie sein philosophischer Lehrer Heidegger. Er begründet dies aber anders, nicht wie jener mit dem Verweis auf Hegels Ã"sthetik und damit auf »das sinnliche Scheinen der Idee«, sondern mit der Begründung, die Deutung des »scheint« im Sinne von >hat den Anschein< erfülle das Gesetz des Verses nicht. In der Tat liest sich der Text in diesem Sinne flüssiger. Lesen wir >scheinen< im Sinne von >videtur Strukturalismus, die generative Transformationsgrammatik, die »Archäologie des Wissens« , die Informations- und die Sprechakttheorie miteinander teilen. Derrida und Gadamer lehnen die Vorstellung von Codes, die die identische Zeichenreproduktion, die einen einfachen Bedeutungstransport erlauben, entschieden ab. Diese Modelle erfassen Textsorten und kommunikative Funktionen praktischer Alltagsrede und mechanisierbarer Abläufe von Handlungen. Differenzierteres Verstehen, wie es mitmenschliches Verstehen oder das Verstehen literarischer Texte erfordert, erfassen sie deshalb nicht, weil das Funktionieren dieser Modelle die restlose Konditionierung und Konventionali-sierung von Sprache voraussetzt. Sprache reduziert sich dann notwendig auf >leere Redes die nur wiederholt, was schon einmal viele gesagt haben. Insofern allerdings die Verstehenden dem Ãoberliefe-rungsgeschehen der Tradition unterworfen werden, ist die Distanzder Hermeneutik Gadamers zum Code-Modell der Sprache geringer als das Sprachdenken Derridas .
      Gemeinsam bleibt beiden Konzepten, daß die Zeitlichkeit der Zeichenartikulation beachtet wird. Dies führt bei Gadamer zur Pro-blematisierung, bei Derrida zur Negation der semantischen Identität der Zeichen. Manfred Franks Darstellung der theoretischen Positionen Derridas ist von neostrukturalisti-scher Seite als »hermeneutische Auslegung« Derridas kritisiert worden . Franks Versuch aber, Derridas Begründung der Unausdeutbarkeit von Mallarmes Text »Mimiques« zu analysieren und an diesem und an weiteren Beispielen zu zeigen, wie und weshalb nicht nur die einfachen Sprachkonzepte der Linguistik, sondern auch die Hermeneutik Gadamers an Texten Mallarmes oder Celans an ihre Grenzen stößt, hat auch im poststrukturalisti-schen Lager Anerkennung gefunden . Diese Texte sagen Unsagbares, enthalten aporetische Aussagen, das heißt, sie widersprechen sich selbst, verweigern rationalisierbaren Sinn, um doch durch Klang und Rhythmus auf ästhetisches Aussagepotential zu verweisen, das sich nicht nur eindeutiger Bedeutungsrekonstruktion, sondern auch hermeneutischer Bedeutungs- und Sinnkonstitution entzieht. Es ist kein Zufall, daß Gadamer sich vor allem auf eine klassisch-klassizistische Tradition bezieht, während Derrida sich mit besonderer Neigung dem Dichtungsbegriff Mallarmes zugewandt hat.
      Die Alternative Tnterpretierbarkeit oder Uninterpretierbarkeit der Texte< ist wohl zu einfach . Differenziertere Theorien der Literatur und der Auslegung müßten nicht nur die unterschiedlichen Formen der Bedeutungskonstitution verschiedener Textsorten berücksichtigen, sondern sollten sich auch an den je verschiedenen historischen Sprach- und Kunstbegriffen der Texte orientieren, dies allerdings nicht, ohne den weiteren Horizont der historischen Wandlungen der Begriffe und Funktionen von Autor, Text, Leser und Gesellschaft einzubeziehen. Solche Sicht könnte entscheiden, inwiefern verschiedene Konzepte der Auslegung sich in jeder Beziehung widersprechen, sich sinnvoll ergänzen , Defizite kompensieren oder die eine Ãobertreibung und isolierte Ansicht durch ein anderes Gegenextrem ersetzen. Der Optimismus, mit dem Schleiermacher das diesem Kapitel vorangestellte Zitat fortsetzt, ist heute grundsätzlich in Frage gestellt:

»Allein in dieser Schärfe oder Absolutheit ist der Gegensatz gar nicht vorhanden. Denn in jedem Fall ist immer eine gewisse Differenz des Denkens vorhanden zwischen dem Sprechenden und dem Hörenden, aber keine unauflösliche. Selbst im gewöhnlichen Leben, wenn ich bei vollkommener Gleichheit und Durchsichtigkeit der Sprache die Rede eines anderen höre und mir die Aufgabe stelle, sie zu verstehen, setze ich eine Differenz zwischen ihm und mir. Aber in jedem Verstehenwollen eines anderen liegt schon die Voraussetzung, daß die Differenz auflösbar ist. Die Aufgabe ist, in die Beschaffenheit und Gründe der Differenzen zwischen dem Redenden und dem Verstehenden genauer einzugehen. Dies ist schwierig.«
Die Aufgabe ist allen aufgegeben, die Schwierigkeit kaum zu bezweifeln, das Gelingen abhängig von der Präsenz oder Absenz des Subjekts, vom Selbstverständnis des Menschen, der partizipiert am Subjekt der Zeicheninterpretation, der teilhat an künstlerischer Kreation oder aber sich nur noch leidend erfährt als passives Objekt gesellschaftlich konventionalisierten Bedeutungstransports.
     

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Die  Schwierigkeit  Gesprächs  zwischen  Hermeneutik  >Anti-Hermeneutik    


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