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Die linguistisch-strukturalistische Wende nach I968



Die Rezeption des schon 1915/1916 in Rußland entstandenen Formalismus , des Prager Strukturalismus, der dänischen Glossematik und des französischen Strukturalismus führte mit den Neuerungen der generativen Transformationsgrammatik zu einer linguistischen Wende nicht nur der Sprach-, sondern auch der Literaturwissenschaft. Sie ist dokumentiert in den wirkungsgeschichtlich folgenreichen, von Jens Ihwe herausgegebenen Bänden »Literaturwissenschaft und Linguistik« . In seinem Aufsatz »Interpretation und Analyse. Brechts Gedicht >Die Literatur wird durchforscht werden Formen >textimmanenter< InterpretatioN). Er meint, dieses Problem durch den Einbezug des Kontexts zu lösen: »Der Kontext müßte bei einer informationstheoretischen Definition des Textes als wichtigster Faktor vorangestellt werden. Er kann dann bewältigt werden, wenn er in die Untersuchung so einbezogen wird, daß er alle nur zufälligen, einmalig individuellen Momente radikal verliert.« Fernziele dieses Konzepts sind die elektronische Ãobersetzung dichterischer Texte und eine Poetik, die es erlauben würde, Texte mit exakt bestimmbaren Wirkungen auf die Leser zu schreiben; der Text würde so zur eindeutigen Botschaft mit kalkulierbarer Wirkung.
      Zweifellos sind linguistische Methoden der Analyse für die Produktion von Agitations- und Werbetexten nützlich, problematisch aber für die Anwendung auf den poetischen Text, der nicht im gleichen Sinne produzierbar ist. Ihwe hat aus der Reduktion des ästhetischen Texts zum linguistischen Objekt radikale Konsequenzen gezogen. Er bezeichnet die Rede von ästhetischen Gegenständen als sinnlos. »Die einzige sinnvolle Bedeutung, die man der Redevon >Kunstwerken< als >Objekten< geben kann, ist, daß sie sprachliche Gebilde sind.« Er schließt daraus, die Frage nach der richtigen Interpretation eines Kunstwerks sei sinnlos, wenn sie als empirische Frage aufgefaßt werde: »Es gibt kein Objekt, an dem, wenn nicht die Wahrheit , so doch zum mindesten die >Korrekt-heit< oder Plausibilität einer >Interpretation< abgelesen werden könnte.« Er schließt mit der These, daß sich mit nichtexistenten Objekten keine wissenschaftliche Disziplin begründen lasse. Interpretationen seien nur Anwendungen eines spezifischen literarischen Normensystems auf sprachliche Gebilde, deren Gebrauchswert über- beziehungsweise unterdeterminiert sei. Diesen Bereich schließt er aber aus dem Gebiet zu bearbeitender wissenschaftlicher Gegenstände ausdrücklich aus. Die Verpflichtung auf einen rigiden Wirklichkeits- und Wahrheitsbegriff führt zu größerer Strenge der Wissenschaft, aber um den Preis des Verlusts des ästhetischen Objekts .
      Michael Titzmann, der eine sorgfältig durchdachte und mit konkreten Analysebeispielen versehene Einführung in die Strukturale Textanalyse geschrieben hat , hat nach Ihwes Leichenrede auf die Interpretation den Erbanspruch strukturaler Textanalyse angemeldet, die die Leerstelle der Interpretation ausfüllen müsse. Titzmann will den Pluralismus der Interpretationen durch strukturale Analysen der Rekonstruktion des Einzeltexts und der ihm begründet zuzuordnenden Kontexte ablösen: »Eine strukturale Textanalyse, wie sie hier angedeutet wurde, muß notwendig behaupten, daß es zu einem gegebenen Zeitpunkt, bei einem gegebenen Stand der semiotischen Theorien und der geltenden Wissenschaftstheorie nur eine befriedigende Analyse geben kann.« Der literarische Text wird zur >nature morte

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Die  linguistisch-strukturalistische  Wende  nach  I968    


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