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Grundfragen der textanalyse

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Das unendliche Spiel differentieller Relationen: Jacques Derrida



Derridas Sprachkritik beruht auf einer Umkehrung des traditionellen Primats der mündlichen Rede, des Logos, gegenüber der Schrift. Im Text »La Pharmacie de Piaton« bezieht er sich auf die folgende Stelle in Piatons Dialog »Phaidros«:
»Sokrates: Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch zu helfen imstande.
      Phaidros: Auch hierin hast du ganz recht gesprochen. Sokrates: Wie aber ? Wollen wir nicht nach einer anderen Rede sehen, der echtbürtigen Schwester von dieser, wie sie entsteht und wieviel besser und kräftiger als jene sie gedeiht ?
Phaidros: Welche doch meinst du, und wie soll sie entstehen ? Sokrates: Welche mit Einsicht geschrieben wird in des Lernenden Seele, wohl imstande, sich selbst zu helfen, und wohl wissend zu reden und zu schweigen, gegen wen sie beides soll.
      Phaidros: Du meinst die lebende und beseelte Rede des wahrhaft Wissenden, von der man die geschriebene mit Recht wie ein Schattenbild ansehen könnte.«
Diese Privilegierung der mündlichen Rede gegenüber der schriftlichen wurde, wie Derrida ausführt, von Rousseau, Hegel, Husserl, Heidegger wiederholt. Sie alle, meint er, seien noch einer logozentrischen Metaphysik verhaftet, selbst Heidegger, dessen Dekonstruktion der Metaphysik Derrida radikalisiert. Am Beispiel des Platon-Textes versucht er zu zeigen, wie die durch den Logos verdrängte Schrift im Text wirkt und ihn von innen dekonstruiert.
      In Piatons Text erscheint die Ambivalenz der Schrift als Heilmittel und als Droge und Gift, als »pharmakon«, in ihrer Doppelfunktion als Stütze des Gedächtnisses und als Grund von dessen Degeneration, da die Schrift dem Gedächtnis nur äußerlich sei und keine Wahrheit, sondern nur Schein erzeuge. In der Perspektive des platonischen Dialogs ist die Schrift suspekt, weil sie »umherschweift« und weil sie nicht versteht, »zu wem sie reden soll und zu wem nicht«. Als Schrift ist sie von direkter Kommunikation gelöst, bedarf sie der Hilfe, der Autorität des Vaters. Diese väterliche Instanz des Platonischen Dialogs sieht Derrida in Zusammenhang mit der Autorität des metaphysischen Philosophen und mit der Instanz des Väterlichen als Verkörperung der Autorität schlechthin. Da Derrida das hierarchische Verhältnis von Wort und Schrift umkehrt, ist diese Umkehrung auch eine Negation der Autorität, eine Negation der abendländischen Tradition, eine Negation der Identität des Sinns und Auflösung der festumgrenzten Totalität des Texts - ja letztlich eine Negation jedes Ganz-heits- und Totalitätsdenkens, eine Negation der Interpretation und Hermeneutik, soweit sie auf die Reproduktion eines Sinns oder auch nur auf die Begründung eines Zusammenhangs verschiedener Möglichkeiten einer Sinnbildung angelegt ist .
      Dies führt Derrida zur radikalen Kritik des klassischen -> Strukturalismus und zur Kritik traditioneller Zeichenbegriffe. Derrida kritisiert selbstverständlich die vorstrukturalistische Zeichendefinition des »aliquid stat pro aliquo« , die klassische Repräsentationsfunktion eines Signifikanten, der ein eindeutiges Signifikat vertritt, als metaphysischen Schein. Es ist dies ein substantiali-stischer ist Derridas Konzept jedenfalls als »remede« - je nachdem »pharmakon« -, als differenzierendes Gegengift zur Dogmatik identischer Bedeutungsrekonstruktion sinnvoll. Hermeneutik und antihermeneutische Strömungen teilen den Mangel, verschiedene Arten der Zeichensynthesen in verschiedenen Sprachtypen und Textsorten nicht zu unterscheiden. Sie teilen ein zwar unterschied-liches, aber jedenfalls engagiertes und differenziertes Verständnis literarischer Texte. Möglichkeiten und Grenzen des Gesprächs zwischen hermeneutischen und antihermeneutischen Strömungen zeigen sich prägnant am Beispiel des literarischen Textes.
     

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