Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundfragen der textanalyse

Index
» Grundfragen der textanalyse
» Problematisierungen der Hermeneutik im Zeichen des Poststrukturalismus
» Kultureller Wandel und Textverstehen - ein unabgeschlossener Prozeß

Kultureller Wandel und Textverstehen - ein unabgeschlossener Prozeß



Die Auseinandersetzungen um die Grundlagen des Textverstehens in den Literaturwissenschaften sind Teil eines kulturellen Wandels in der Gegenwart . Auf die Widersprüchlichkeit und Unabgeschlossenheit dieses Prozesses, in dem literarische Texte aus ihren uns vertrauten kulturellen, sozialen und institutionellen Zusammenhängen entbunden werden, wird nur in wenigen Ausnahmen systematisch reflektiert. Die seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts sich entwickelnden unterschiedlichen Bedeutungs- und Funktionszuschreibungen der Literatur haben sich zu einem plu-ralen Konglomerat differenziert, innerhalb dessen sich keine hege-moniale Position erkennen läßt. An literarischen Texten entzünden sich heute keine Bedeutungskämpfe mehr, wie noch in der Aufklärung um Lessings »Nathan der Weise«, im 19. Jahrhundert um Heines Lyrik oder in der Moderne um Kafkas >eigenartige< Prosa . Selbst pornographische Texte, die über Jahrzehnte von der Ã-ffentlichkeit ausgeschlossen waren, werden höchstrichterlich freigegeben* . Literatur ist nicht nur den meisten Menschen, sondern auch der Mehrheit der Literaturwissenschaftler gleich-gültig. Das hängt damit zusammen, daß ein strukturiertes und differenziertes Wissen, das notwendig ist, um Lesarten zu produzieren, gesellschaftlich nicht mehr generell höher bewertet wird als ein unmittelbarer Zugriff: woraus postmoderne Texte ihren Erfolg beziehen. Der bisher stärkste Kontext literarischen Verstehens, sein spätestens seit Humboldt als unentbehrlich geltender Anteil an Kultur, Bildung und Persönlichkeitsbildung , zerfällt zu einer milieuspezifischen Option einzelner Schichten. Nur in diesem jetzt sich auflösenden Kontext war bisher ein Konsens über die Grundlagen des Textverstehens möglich.
      Wer diesen Kontext bewahren möchte, wird den hermeneu-tischen Textbegriff und die hermeneutischen Methoden verstärkt in eine Richtung fortschreiben, in der Literatur die Gesellschaft offen hält und im humanen Sinn gestaltet:
»Durch seine Unausschöpflichkeit stellt das Werk Fragen an das Leben und an seine Zeit: es stellt sie in Frage; doch eben nicht nur seine Zeit, sondern jede kommende, die sich zur Einlösung seines immer noch unvollendeten Sinns aufrufen läßt. Da alle Deutung schöpferisch und alle Schöpfung ein >factum ex improviso< ist, vermittelt jede divinatorische Lektüre ein Erlebnis von Freiheit.«
Wer hingegen hinnimmt, daß »Zeichen heute im erschlagenden Ãobermaße nicht produziert werden, um verstanden zu werden« , der diagnostiziert in dem Versuch, sie zu verstehen, einen Anachronismus. Hermeneutische und antiherme-neutische Ansätze sind nicht vermittelbar, weil sie bisher eine historisch fundierte Analyse der Funktion von Literatur in der Gegenwart nicht zu leisten vermochten und weil sie, wie Harro Müller konstatiert, nicht »radikal nach den Konstitutionsbedingungen des [...] Sinns« fragen. Beide weichen der Tatsache aus, daß jeder Text ein historisches >Ereignis< mit einer endlichen Menge von Aussagemöglichkeiten, Aussagen und Aussagewirkungen ist. Hermeneutik und Dekonstruktion interpretieren gegen das Geschehensein an, so wie Erinnerung gegen das Geschehensein von Geschichte arbeitet, die in ihrer Faktizität und damit scheinbaren Sinnlosigkeit nicht ertragen werden kann. Um dem Dilemma der Interpretation zu entgehen, könnte die Literaturwissenschaft versuchen, Texte als Ereignisse >anzunehmenWahrheit< eines Textes zu Tage fördern und ihre Kohärenz nicht durch ein erkennendes Subjekt oder Instanzen wie den >Autor< und das >Werk< zu garantieren ist; Hermeneutik könnte jene >Deutungen< der Literatur liefern, ohne die eine Kommunikation zwischen Individuen in unserer Gesellschaft nicht funktioniert und so belanglos ist wie eine Literaturwissenschaft, die auf sie vollständig verzichtet.
     

 Tags:
Kultureller  Wandel  Textverstehen  -  unabgeschlossener  Prozeß    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com