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Grundfragen der textanalyse

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» Problematisierungen der Hermeneutik im Zeichen des Poststrukturalismus
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Gegen Interpretation



Noch zu Beginn der siebziger Jahre schien es erstrebenswert, die auf unterschiedliche Weise - von der phänomenologischen über die sozialgeschichtliche bis zur psychoanalytischen und historischmaterialistischen - hermeneutisch fundierten Methoden der Literaturwissenschaft mit den an Saussure anschließenden struktura-listischen und textlinguistischen Methoden zu einem neuen, binnendifferenzierten textwissenschaftlichen Paradigma zu verbinden . Auf diese Weise hätte die vom Stammvater moderner Hermeneutik Friedrich Schleiermacher getroffene Unterscheidung zwischen »divinatorischem« und »komparativem« Verstehen, zwischen subjektiven Sinngebungs- und objektiven Erkenntnisprozessen, letztlich zu einer arbeitsteiligen Lösung auf texttheoretischer Basis gefunden. Daß die Kluft zwischen deskriptiven strukturalistischen und interpretierenden hermeneutischen Methoden dennoch nicht überbrückt wurde, lag nicht allein am Ausbleiben eines plausiblen, konsensfähigen Gesamtkonzepts . Denn inzwischen hatten die profiliertesten Vertreter des -» Strukturalismus in Frankreich wie Roland Barthes, Louis Alt-husser, Michel Foucault und Jacques Lacan den >Szientismus< ihrer bisherigen Arbeiten selbst kritisiert und zugleich die wissenschaftstheoretischen Prämissen geistes- beziehungsweise humanwissenschaftlicher Verfahren auf eine Weise verworfen, die statt einer Synthese eine radikale antihermeneutische Umorientierung auch in den Literaturwissenschaften nahelegte.
      Diese mit guten Gründen heute als >poststrukturalistisch< etikettierte Kritik richtete sich nicht mehr gegen einzelne Methodenund deren Grenzen, sondern stellte die Gegenstände und Untersuchungseinheiten bisheriger Forschung selbst in Frage: den Text als kohärentes, entzifferbares Werk, den Autor als Schöpfer von Sinn und die Geschichte als totalisierbaren, sinnhaften Prozeß. Sie setzten dagegen, was als Schlagwörter die nachfolgenden Debatten durchzieht: die Unlesbarkeit der Texte, das Verschwinden des Subjekts und die Textualität der Geschichte. Nicht, welche >Bedeutung< Texte, Subjekte und Geschichte haben, sollte untersucht werden, sondern auf welche Weise sie konstituiert werden und welche heterogenen Praktiken sie bündeln.
     

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