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Grundfragen der textanalyse

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» Problematisierungen der Hermeneutik im Zeichen des Poststrukturalismus
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Die poststrukturalistischen Herausforderungen



4.1 Die Abwesenheit von Bedeutung
Die poststrukturalistische Behauptung, daß Texte auch >funktio-nierenlesbarBuchstabenWort< eine Durchgangsstation der vorher und in Zukunft gesprochenen Worte; es ist nicht von wesenhafter Schwere, sondern erscheint als zeitlich unabgeschlossener Prozeß, dessen Bedeutung mit jedem neuen Wort verschoben wird und niemals im hermeneutischen Sinn zu verstehen ist. Die Lektüre, die den unendlichen Text, das Rauschen der Zeichen, wie Barthes schreibt, weiterschreibt, erwächst einem Begehren, das gerade durch den Mangel an Bedeutung ausgelöst wird. Der Text verbirgt nicht in der Tiefe einen Sinn, den der Interpret im Nachvollzug aufzudecken hätte; er ist eine unendliche Bewegung, die der Leser für einen


Moment, den der Deutung nämlich, anhält .
      Sieht man von dieser generellen, primär ideologiekritisch motivierten Ablehnung kultureller >Bedeutungsverwaltung< ab, wie Barthes sie vorträgt, dann zeichnen sich bisher drei ernsthafte alternative Ansätze ab, die auf unterschiedliche Weise die hermeneutischen Selbstverständlichkeiten in Frage stellen:
- die historische -> Diskursanalyse in der Nachfolge Michel Foucaults;
- die sich auf Jacques Derrida berufende -» Dekonstruktion;
- schließlich der von der Systemtheorie und Kognitionsfor-schung inspirierte empirische Konstruktivismus .
      Die Diskussion ist noch zu neu, als daß sich nicht, zumindest was die akademische Literaturwissenschaft betrifft, in den antiherme-neutischen Ansätzen traditionelle hermeneutische Methoden fortschreiben würden: in der Diskursanalyse sozialhistorische, ideologiekritische und psychoanalytische , im Dekonstrukti-vismus Phänomenologie und Werkimmanenz , im Konstruktivismus -> Theorien der lit. Rezeption, Literatur- und Kommunikationssoziologie sowie Textlinguistik sind, methodisch betrachtet, ein Gegenmodell zu Gadamers hermeneutischem Dialog des Interpreten mit dem Text. Genau dessen konstituierendem Moment, der Autonomie des verstehenden Subjekts und des verstandenen Werks, gilt die Kritik - und damit der Vorstellung, daß sich hinter einem Text, der uns nur in seiner >Materialität< gegenwärtig ist, immer ein Subjekt verberge, dessen ursprüngliche Aussage seine eigentliche Bedeutung ausmache. Diskursanalyse untersucht die umfassenden Bedingungen der Möglichkeit von »Aussagen«:
»Die Aussageanalyse ist also eine historische Analyse, die sich außerhalb jeder Interpretation hält: sie fragt die gesagten Dinge nicht nach dem, was sie verbergen, [...] nach dem Nicht-Gesagten [...].

     
Sondern umgekehrt, auf welche Weise sie existieren, was es für sie heißt, manifestiert worden zu sein, Spuren hinterlassen zu haben und vielleicht für eine eventuelle Wiederverwendung zu verbleiben.«
Die uns präsenten Zeichensysteme werden deshalb nicht »Texte« oder in unserem Fall »Dichtung« genannt, weil dies schon eine historische Bedeutungszuschreibung wäre. Sie sind Elemente von Diskursen, deren Homogenität erst in der Analyse festgestellt wird. Als Texte gewinnen sie dadurch jedoch erneut eine Bedeutung, die über ihre sprachliche Repräsentationsfunktion hinausreicht, eine Bedeutung, die in der historischen Alltagspraxis zu finden ist. »Dieses mehr macht sie irreduzibel auf das Sprechen und die Sprache.« Auf dieses »mehr« richtet die Diskursanalyse ihr Erkenntnisinteresse.
      Aus dieser Herangehensweise ergeben sich gravierende Einwände gegen hermeneutische Selbstverständlichkeiten. Zunächst sind das Werk und sein Autor nicht mehr unbefragt Ausgangs- und Endpunkt der Interpretation. Sie verschwinden nicht mit ihren Ã"ußerungen, sondern sie werden zu >Elementen< größerer synchroner und diachroner Einheiten. Texte werden radikal auf ihre >Ma-terialität< reduziert, also von Selbst- und Fremdzuschreibungen und damit der Interpretation getrennt.
      Ein für Literaturwissenschaftler unmittelbar zugängliches Beispiel ist die Kategorie »Autor«. Foucault betrachtet den Autor nicht als Subjekt der Aussage, dessen Intention und deren Inhalt zu untersuchen wären, sondern als >AussagesubjektSubjekt< konstituiert wird, das sich dann in der Position eines >Aus-sagenden< befindet. »Wer darf sprechen?« - lautet die Leitfrage . Bedeutung haben Texte aus dieser Sicht nicht von >innenaußen< je historisch hergestellt.
      Ungelöst bleibt bisher die Frage, wie sich ein Text in seiner historischen Einmaligkeit und Vernetzung rekonstruieren läßt, in einem Zustand also, in dem er dem Interpreten niemals unmittelbar zugänglich ist . Die Zeit, die immer auch eine Zeit der Auslegung ist, kann nicht übersprungen werden. Genau das versucht die historische Diskursanalyse, die Foucault als »Archäologie des Wissens« bezeichnet hat, annäherungsweise. Auch die »dichte Beschreibung« des Ethnologen Clifford Geertz ist ein solcher Versuch, eine praktische und an kon-kreten Ergebnissen orientierte Alternative zur Hermeneutik zu schaffen, indem deren Tendenz zur Universalisierung und Totalisie-rung durch historische Relativierung gegengesteuert wird.

      4.J Dekonstruktion
Die von Gadamer geprägte literaturwissenschaftliche Hermeneutik ist, bei aller Differenzierung, einem Modell der Repräsentation von Sprache verpflichtet. Ausdruck, Bedeutung und Wirklichkeitsbezug eines Textes entspringen nach diesem Konzept nicht dem System der Zeichen, sondern einem vorgängigen Bewußtsein; Zeichen bilden das Denken eines Subjekts oder die Realität ab. Daß die Dichtung dem Text vorangeht und ihren Sinn in ihm festschreibt, hat Gadamer immer wieder betont, vor allem dann, wenn es sich um Texte mit Wahrheitsanspruch handelte, die er als »klassisch« definiert. »Klassisch ist, was sich bewahrt, weil es sich selbst bedeutet und sich selber deutet; was also derart sagend ist, daß es nicht eine Aussage über ein Verschollenes ist, ein bloßes, selbst noch zu deutendes Zeugnis von etwas, sondern das der jeweiligen Gegenwart etwas so sagt, als sei es eigens ihr gesagt.« Derrida und der literaturwissenschaftliche Dekonstruktivismus lehnen die Vorstellung einer vorangehenden und sich durch die Zeit bewahrenden Bedeutung als >Metaphysik< ab. Für sie sind >Zeichen< im Sinne einer konsequent struktura-listischen Lesart der Linguistik Saussures die Gegenwart eines > Abwesendem, Lese-Zeichen, die einzig auf die Differenz zu anderen Zeichen eines Systems verweisen . Die Zeichen gehen der Bedeutung voraus, die erst durch die Lektüre hergestellt werden muß. Aber auch die Lektüre vermag die im System präsente Bedeutung nicht zu erreichen, weil sie immer nachträglich ist. Jede Lektüre ist einmalig und wird durch eine neue Lektüre revidiert. Deshalb, so die Schlußfolgerung, sind Interpretationen »unentscheidbar« . Wenn »Bedeutung [...] in einem selbst nicht Bedeutenden« gründet , eben dem System der Sprache, dann kann es auch keine kohärente Weitergabe vom Autor über den Text zum Leser geben, welche die hermeneutische Interpretation gegen Verluste zu schützen hätte. Wo Gadamer einen kontinuierlich erhellenden Dialog zwischen Autor/Text und Leser einrichten möchte, da sieht Derrida eine »diskontinuierliche Umstruktierung« und einen unüberwindlichen Bruch. Aus der grundlegenden Zurückweisung einer »semantische[n] Identität« ergeben sich weitreichende Konsequenzen für den Literaturbegriff und den Umgang mit Texten. Ein Text, der weder seinen Sinn in sich selber hat noch eine Bedeutung, die ihm vorausgeht, kann auch nicht auf einen authentischen oder ursprünglichen Sinn hin entziffert werden.
      Das Problem der Doppel- oder Mehrfachcodierung, vor das jeder komplexe literarische Text den Interpreten stellt, wird von Derrida von textexternen Instanzen abgekoppelt. Es verschwindet jedoch keineswegs, sondern konstituiert im Gegenteil - eher traditionell -die dekonstruktivistische Lesart: nun als interner Widerspruch von Texten, die durch ihre eigenen Strategien und unbewußten Brüche die Heterogenität ihrer Bedeutung selbst inszenieren . Dekonstruktion unterstellt die interne Heterogenität von Texten, wie die Hermeneutik eine Tiefendimension annimmt. In beiden Fällen wird, wenn auch durch konträre Zuschreibungen, ein Raum zwischen den Zeichen geöffnet, den die Interpretation ausfüllt.
      Aus der »Unmöglichkeit des Lesens«, die von der Dekonstruktion so betont wird, ergibt sich in der Praxis eine Interpretation, in der, wie bei der Hermeneutik, ein Text >lesbar< gemacht und damit auf das Wissen und den Wahrnehmungshorizont des Interpreten reduziert wird - und dies durch den weitgehenden Verzicht auf Kontextanschlüsse in erheblichem Maße. Allerdings verhält sich der Dekonstruktivismus kritisch und subversiv gegen kulturelle Bedeutungszuschreibungen, die als Deutungsanweisungen in die Struktur der Texte eingeschrieben sind.
      4.4 Konstruktivistische Ansätze
Die antihermeneutische Haltung des empirischen Konstruktivismus und der von der Systemtheorie geprägten Literaturwissenschaft erwächst aus ihrer Grundorientierung am naturwissenschaftlichen Paradigma Aussagen über den Text und das verstehende Individuum treffen könne. Text und Leser seien autonome, geschlossene >SystemeverstehenInterpretationenEinheiten< wie einer Kultur oder Gesellschaft kommuniziert werden. Zugänglich seien auf der Subjektseite die menschlichen Wahrnehmungs- und Verstehensstrukturen, die von der Kognitionswissenschaft am Zusammenhang von Denken und Sprechen empirisch erforscht werden.
      Den literarischen Text sieht der Konstruktivismus als einen Reiz oder Impuls. Dieser löst eine interpretierende Aktivität des Subjekts aus, das »unter Aktivierung aller affektiv-kognitiven Bezugssysteme selbstreferentiell ein autonomes Resultat [erzeugt], dessen In-tersubjektivierbarkeit allein durch biologische und soziale Parallelitäten zwischen Aktanten gewährleistet wird« . Was also eine konstruktivistische Literaturwissenschaft aufdeckt, sind »primär die Eigenschaften von Beobachtern, nicht die der >GegenständeTextekonstruiertZuschreibungen< von Individuen sind die Beschreibungsvarianten so unterschiedlich wie ihre >Erzeuger»Wortlaut< ist keine verläßliche methodische Grundlage der Interpretation« . Während die hermeneutische Literaturwissenschaft sich auf die Autorität der Texte beruft und diese theoretisch zu begründen sucht und poststrukturalistische Verfahren die Autorität der Textbedeutung durch die des Signifikanten und der Materialität der Zeichen ersetzen, reduziert der Konstruktivismus den literarischen Text auf eine Funktion im Wahr-nehmungs- und Verstehensprozeß. Klassifizierungen wie >litera-risch< und >ästhetischWesenheiten< von Texten. Daraus folgt eine Vernachlässigung traditioneller literaturwissenschaftlicher Arbeitsfelder und eine Neuorientierung in Richtung einer empirischen Medienwissenschaft . Die theoretische Option, als Kernbereich die »Selbstbeschreibungsfähigkeit psychischer Systeme« abzustecken, birgt die Gefahr einer Spezialisierung auf Erkenntnisse, die für den Gesamtrahmen der Literaturwissenschaften nur von bedingter Relevanz sind. Theoretisch ungelöst bleibt das Problem, daß die Interpretationen von Beobachtern selbst >Texte< beziehungsweise >Textangebote< sind, über die aus konstruktivistischer Perspektive keine Aussagen gemacht werden können. Sich auf eine unendliche Folge von Interpretationsangeboten zu beschränken - wozu der Konstruktivismus tendiert -, entzöge den Literaturwissenschaften ihre bisherige kulturelle Legitimation, ohne eine neue anzubieten.

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