Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundfragen der textanalyse

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Die hermeneutischen Selbstverständlichkeiten



Hermeneutik und Wissen
Eine Schwierigkeit der Diskussion um die Grundlagen des Textverstehens liegt darin begründet, daß die neuzeitliche Hermeneutik nach Schleiermacher, die bis zur poststrukturalistischen Kritik mit wachsendem Universalitätsanspruch aufgetreten ist, ihre historischen Konstituierungsbedingungen weitgehend ausgeblendet hat . Dazu gehört in erster Linie die historische Tatsache, daß sie sich selbst in einem unmittelbaren Entstehungszusammenhang mit jenen >Einheiten< oder Rede- und Texttypen befindet, die sie >auslegthineinzulegenOffenbarung< einer übermenschlichen Instanz unverständlich, unklar oder mehrdeutig schienen. Auf diese Weise erhoffte man zum Beispiel die Echtheit biblischer oder antiker Texte feststellen zu können. Die Divination und Intuition des Interpreten, die Schleiermacher anstrebte, konnte nur deshalb hierüber hinausgehen, weil den Texten inzwischen ein >Mehr< an Bedeu-tung zugeschrieben wurde. Verstehen hieß nun An-Eignung, Teilhabe durch >Mitschöpfung< eines Sinns, der mit erlernbarem, gelehrtem Wissen nicht mehr zu ergreifen ist.
      Auf die Literatur bezogen kann man festhalten, daß bis zur »hermeneutischen Wende« noch -> Poetik und -> Rhetorik, die das Literaturwissen tradierten, systematisierten und normierten, zum Verständnis der Texte ausreichten. Solange literarische Texte als mit Hilfe dieses Wissens entschlüsselbar galten - selbst wenn sie die ausgesuchtesten Embleme benutzten -, gab es keinen Ansatzpunkt für eine divinatorische Interpretation, die in der Tat aus der alten Perspektive den >Sinn< verfehlt hätte. Vom Standpunkt unserer Gegenwart und damit eines anderen Wissens aus können wir zum Beispiel prämodernen Texten unbewußte Anteile unterstellen und diese >auslegengelehrten< Deskription. Um diese neue Literatur nicht zu verfehlen, mußten Interpretation und theoretische Reflexion die traditionelle Poetik und Hermeneutik überbieten und zugleich unterbieten . Sie überboten sie in der philosophischen Ã"sthetik, die als theoretische Grundlegung der Kunst das poetische Regelwissen nicht mehr tradiert und nur noch marginal berücksichtigt . Sie unterboten sie mit der sich herausbildenden philosophischen Hermeneutik Schleiermachers, die sich präzise dem neuen Problem der unabdingbaren Interpretationsbedürftigkeit aller Werke >von Rang< stellt. Dazwischen - auf mittlerem Abstraktionsniveau und in kritischer Ãobernahme poetologischen Basiswissens und der althermeneuti-schen >ars critica< - entstand die Philologie als moderne Textwissenschaft.
      Ausschlaggebend für diese Ausdifferenzierung im Umgang mit Texten waren die Auswirkungen des neuen anthropologischen, sozialen, politischen, ökonomischen und psychologischen Wissens über das Subjekt. Es erlaubte, mit dem Dichter, seinem Werk und seinem Leser emphatische Vorstellungen von Genialität, Originalität, Freiheit und Autonomie zu verbinden, die den Zeitgenossen plausibel schienen. Das Individuum erhielt durch dieses Wissen eineintellektuelle und emotiale Tiefenbedeutung, ohne deren >Deutung< seine sprachlichen Ã"ußerungen, Produkte und Handlungen nicht mehr verständlich erschienen. Mit dem um 1800 sich herausbildenden Dichtertypus gewann die bürgerliche Gesellschaft eine neue Subjektposition, in der sich unterschiedliche Individualitätskonzepte kreuzen und zu einer Sozialfigur von geradezu symbolischer Bedeutung verbinden . Die Folgen im kulturellen Alltag blieben nicht aus. Eine Literatur, die sich in kürzester Zeit differenziert, individualisiert und statuserhöht präsentierte, erfordert zu ihrem Verstehen ein Wissen, über das selbst der gebildete Normalleser in der Regel nicht verfügt. Daher tauchte im 18. Jahrhundert ein Stellvertreter auf, der Literaturkritiker, der den entstehenden Graben überbrückt . Er imitiert die Tätigkeit, die bis dahin nur bei theologischen und juristischen Texten vonnöten war: die Interpretation. Damit wurde eine wesentliche Veränderung eingeleitet, die sich bis heute fortsetzt: Der Leser sozial anerkannter Literatur tritt hinter jene Institutionen zurück, die jeweils einen verbindlichen Interpretationsanspruch vertreten, den sie mit ihrem Textwissen, ihrem Kontextwissen und ihrer hermeneutischen Professionalität legitimieren: Literaturkritik, Schule und Universität .
      Schleiermachers Hermeneutik konstruiert einen systematischen Zusammenhang zwischen den Texten und den neuen Subjekt-zuschreibungen und gibt Tiefendimensionen an, auf die hin Texte gelesen werden müßten, um adäquat verstanden zu werden. Diese Lesart setzt wiederum ein differenziertes Wissen über das Individuum und seine Psyche, über Geschichte und die Textualität der Texte selbst voraus. Letztlich liest der Hermeneut nun auf das Tndividuel-le< hin, das im Innenraum eines Textes zu einer besonderen Gestalt findet. Die wahre Bedeutung eines Werkes liegt in dieser Gestalt.

      3.2 Historisches Verstehen
Wilhelm Diltheys zur geisteswissenschaftlichen Methode ausgearbeitete Hermeneutik, die für die deutsche Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts zum bestimmenden Paradigma wird, tradiert als unbefragte Prämisse die emphatische Subjekt- und Texttheorie der klassisch-romantischen Epoche. Unter dem Druck des positi-vistisch-naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs strebt sie, in Ãoberbietung des >Individuellen< Schleiermacherscher Konzeption, ein Verstehen an, dem ein höherer Allgemeinheitsgrad zukommt. Dies gelingt in einer Zusammenhangkonstruktion, die die Endlich-keit und Einzigartigkeit des Individuellen in der Totalität der geschichtlichen Bewegung aufgehen läßt:
»Die geschichtliche Welt als ein Ganzes, dies Ganze als ein Wirkungszusammenhang, dieser Wirkungszusammenhang als wertgebend, zwecksetzend, kurz: schaffend, dann das Verständnis dieses Ganzen aus ihm selbst, endlich die Zentrierung der Werte und Zwecke in Zeitaltern, Epochen, in der Universalgeschichte - dies sind die Gesichtspunkte, unter denen der anzustrebende Zusammenhang der Geisteswissenschaften gedacht werden muß.«
Damit wird jene methodische Unbestimmtheit installiert, nach der »jede Handlung, jeder Gedanke, jedes gemeinsame Schaffen, kurz jeder Teil dieses historischen Ganzen seine Bedeutsamkeit durch sein Verhältnis zu dem Ganzen der Epoche oder des Zeitalters« hat und die als »hermeneutischer Zirkel« die post-strukturalistische Kritik zur Ablehnung herausfordert. Literatur wird aus einem Ereignis zu einem Schrift-Dokument, dessen Sinn ihm von der Geschichte vor-geschrieben ist. Ziel der Interpretation ist nicht >die< Bedeutung eines Textes, sondern sein Sinn in der Geschichte, der allein Bedeutung zukommt. Die Historisierung des Textes im Blick auf eine vorgegebene Totalität entzeitlicht ihn paradoxerweise zugleich, indem sie seine konkrete Gegenwärtigkeit entwertet. In der geistesgeschichtlichen Konstruktion ist dies jedoch kein Widerspruch, weil Dichtung im emphatischen Sinn immer schon eine Ãoberschreitung des Individuellen und ein privilegiertes Verstehen des Ganzen ist. Die Hermeneutik vollzieht den Weg der Dichter zum Ganzen durch »kunstgemäßes methodisches Erfassen« nur nach.
      Die Vorstellung, daß »Dichtung [...] Lebensdeutung« ist und Literatur etwas präsentiert, »das bedeutsam ist in sich« und das von der Hermeneutik in einem zweiten, begrifflichen Diskurs verdoppelt und damit gesichert und tradiert wird - diese Vorstellung macht die Attraktivität und zugleich die fundamentale Schwäche hermeneutischer Konzepte aus. Der behauptete semantische Mehrwert der Texte resultiert allein aus der Privilegierung von Autor und Werk. Vom Werk wird angenommen, »daß es in sich seinen Sinn trägt, unabhängig von der wechselnden Bedeutung alles Einzelnen im Zusammenhang des Lebens« . Ihn vermag nur derjenige zu entziffern, der um ihn weiß. Ohne »gestaltende Deutung oder deutende Gestaltung« und damit ohne Totalität gibt es aus dieser Perspektive keinen Sinn, um densich hermeutischesBemühen lohnte. Für die geisteswissenschaftliche Hermeneutik von der Jahrhundertwende bis zur werkimmanenten Methode sind alle anderen Texte profane Mitteilung ohne >TiefeDichter< sich zwar der allgemeinen Sprache bedienen müsse, »aber nicht so wie die gewöhnlich Redenden und Schreibenden die Worte verbrauchen müssen, sondern so, daß das Wort erst wahrhaft ein Wort wird und bleibt« . Während Sprache also zeichenhaft und >leer< ist, wird der Dichtung Symbolhaftigkeit und damit semantische >Fülle< zugeschrieben; das Kunstwerk ist ein »eminenter Text«, das heißt »ein in sich selbst gefestigtes autonomes Gebilde« . An dieser Unterscheidung wird die antihermeneutische Kritik ansetzen. Für Gadamer hingegen »gewinnt das Wort im literarischen Text erst seine volle Selbstpräsenz« . Der Begriff der »Selbstpräsenz« zieltauf die Prämisse der Intentionalität und damit der Autorität von Texten, die eine hermeneutische Lektüre erst in Gang setzen. Daß Interpretieren unter dieser Prämisse unabdingbar wird, hat Heidegger in »Kant und das Problem der Metaphysik« - einem in Zusammenhang mit der Debatte um Hermeneutik und Antihermeneutik zu wenig beachteten Text - deutlich ausgesprochen:
»Um freilich dem, was die Worte sagen, dasjenige abzuringen, was sie sagen wollen, muß jede Interpretation Gewalt brauchen. Solche Gewalt aber kann nicht schweifende Willkür sein. Die Kraft einer vorausleuchtenden Idee muß die Auslegung treiben und leiten. Nur in Kraft dieser kann eine Interpretation das jederzeit Vermessene wagen, sich der verborgenen inneren Leidenschaft eines Werkes anzuvertrauen, um durch diese in das Ungesagte hineingestellt und zum Sagen desselben gezwungen zu werden.«
Die »Kraft einer vorausleuchtenden Idee« sieht Gadamer in dialektischer Wendung in der kulturellen Tradition, dem »Ãober-heferungsgeschehen« , dessen historischer >Gewalt< das Kunstwerk abgerungen wurde und mit deren Hilfe es durch den Interpreten zum erneuten Sagen gezwungen wird. Dennoch vermag der Sinn eines Werks in der Begriffssprache des anderen, des Interpreten, nicht eingeholt zu werden, »weil das Eigentliche unübertragbar bleibt« . Aus dieser Vorstellung erwächst die Motivation hermeneutischer Verfahren, weil die Uneinholbarkeit Befremden, Unverständlichkeit und Strittigkeit beim Leser hervorruft, die Gadamer aus seinem anthropologischen Selbstverständnis heraus für unerträglich hält.
      Damit wäre Literatur, was ihr »Eigentliches« betrifft, unlesbar, wenn dieses nicht in der Intuition, das heißt >ganzheitlich< wahrgenommen werden könnte. Hier kehrt die romantische Vorstellung des Individuellen als des Singulären innerhalb einer Sprache wieder, die ohne dessen >Inspiration< allgemein - und gewöhnlich -ist. Was eigentlich-einmalig ist, ist auch durch Deutung nicht wiederholbar, sondern nur wieder-holbar. Hermeneutisches Textverständnis schlußfolgert daraus, daß nur das Eigentliche zum Verstehen zwingt, weil es, wie Martin Heidegger schreibt, uns einen »Stoß« versetzt und die Suche nach der Wahrheit und Bedeutung an-stößt. »Nur wo der Text schon entziffert ist und der entzifferte Text sich nicht anstandslos ins Verständliche umsetzen läßt, sondern Anstoß fordert, fragt man danach, was eigentlich dasteht.«
Literarische Texte sind bei Gadamer und überhaupt in der Hermeneutik nach Schleiermacher von eigenartiger Ambivalenz. Sie sind einmalig, >Wort< in dessen Selbstpräsenz und deshalb unein-holbar, und sie sind als Schrift defizitär, weil sich in ihnen der lebendige, kommunikativ-situative, >geistigeWort< und den intentionalen, dialogischen Anteil zu retten. »Insofern bedeutet Lesen und Verstehen, daß die Kunde auf ihre ursprüngliche Authentizität zurückgeführt wird.« Damit konstituiert Gadamer ein auf den Text als Autorität zentriertes und ihn zugleich immer schon transzendental überschreitendes Interpretieren, das die Materialität der Literatur und die Präsenz des Interpreten verdrängt, denn der »Interpret hat keine andere Funktion als die, in der Erzielung der Verständigung ganz zu verschwinden« .
      3.4 Das Problem des Doppelsinns der Sprache Hermeneutik insistiert seit Dilthey darauf, daß das Problem der Mehrdeutigkeit der Sprache nicht allein linguistisch oder sprachphilosophisch zu lösen sei, sondern im Kontext einer historisch fundierten Auslegepraxis. Diesen Aspekt hat Paul Ricceur stärker als Dilthey und Gadamer herausgearbeitet. Für ihn stellt das »Problem des Doppelsinns« der Sprache die eigentliche Herausforderung der Hermeneutik dar. Damit meint er jedoch nicht die vormoderne Vorstellung eines intendierten und durch Gelehrsamkeit entschlüsselbaren mehrfachen Schriftsinns, sondern in erster Linie die durch Sigmund Freud entdeckte Symptomatik der Sprache im Spiel zwischen Bewußtem und Unbewußtem .
      Durch die Reduzierung der Hermeneutik auf eine »Theorie der Regeln, die eine Exegese leiten« entlastet Ricceur sie vom Universalitätsanspruch einer philosophisch-anthropologischen Theorie des Verstehens. Ausgangspunkt bleibt jedoch der klassisch-romantische Symbolbegriff, den Ricceur umstandslos mit dem linguistischen Zeichenbegriff gleichsetzt. Mit der Semiotisie-rung der Hermeneutik wird zumindest die Tatsache eingestanden, daß in der Wahrnehmung des Interpreten nur ein je präsentes Zeichensystem existiert. Dennoch hält Ricceur an der hermeneuti-schen Tradition fest, die davon ausgeht, daß sich über die Intention des Autors, über unbewußte Prozesse oder geniale Sprachschöpfung tieferer Sinn unsichtbar-sichtbar in den Text einschreibt. »Der symbolische Sinn wird innerhalb und mittels des wörtlichen Sinns konstituiert.« Dabei bringe der Symbolcharakter der Sprache mythische Dimensionen hervor, die auf ihre Logik hin gelesen werden können und müssen. Hermeneutik umfaßt für ihn daher die Wiederherstellung der ursprünglichen »Botschaft« und die Entmystifizierung ihrer mitgelieferten Selbstdeutungen. Die Interpretation behält hier die Ambivalenz, die sie schon bei Gadamer kennzeichnete: Der Hermeneut entdeckt, weil er von der >Tiefe< weiß, hinter der Kargkeit der Zeichen und ihrem entzifferbaren Sinn die »Fülle« symbolischer Bedeutungen und reduziert sie auf die wahre'Bedeutung des »ursprünglichen Wortes« , das nie gesprochen wurde.
      Jürgen Habermas hat die universalistische Hermeneutik als idealisierendes, ahistorisches Verstehensmodell kritisiert , ohne deren intentionalen, referentiellen Bedeutungsbegriff und interaktionistische Grundstruktur aufzugeben. Bei ihmrückt das deutende Individuum mit seinen konkreten Interessen und Bedürfnissen, aber auch in seiner historischen und gesellschaftlichen Eingebundenheit in den Vordergrund. In Habermas' »kritischer Hermeneutik« ist Interpretation, wenn sie nicht >bewußtlos< die Tradition wiederholt, kritische Selbstaufklärung und damit Teil eines Emanzipationsprozesses .
      Der Ambivalenz der Interpretation, die bei Habermas von den Texten auf die Subjekte verlagert wird, möchte die neuere Hermeneutik, wie sie Frank im Rekurs auf Schleiermacher entworfen hat, entkommen . Obwohl er Verstehen und Interpretieren weiterhin als Grundlage der Aneignung von Texten aufrecht hält, nimmt er nicht mehr die prätextuellen Bedeutungszu-schreibungen an den »Strom der Geschichte« , den »eminenten« Text der Dichter und den Symbolcharakter der Sprache auf. Poststrukturalistischen Kritikern gesteht er im Rekurs auf Saussure zu: »[...] das Subjekt ist nicht länger mehr Herr seines Sinns, es erwirbt sein >Selbstverständnis< im Zeichen-Zusammenhang einer Welt, in deren Struktur eine bestimmte Deutung des Sinns von Sein eingegangen ist.« Die neuere Hermeneutik gibt, die »Grenzen der Beherrschbarkeit der Sprache« anerkennend, zumindest die Vorstellung eines ursprünglichen, mit sich selbst identischen Textsinns auf, den es durch die Interpretation freizulegen gelte.
     

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