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Grundfragen der textanalyse

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» Problematisierungen der Hermeneutik im Zeichen des Poststrukturalismus
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Die antihermeneutische Wende



Bei allem Methodenstreit in den Literaturwissenschaften blieb bis in die siebziger Jahre hinein weitgehend unbestritten, daß eine wie auch immer geartete Hermeneutik die systematische Grundlage jeglichen Textverstehens bilde. Denn literarische Texte, zumal solche von Rang, geben - so der Konsens - ihre Bedeutung nur demjenigen preis, der sie nach den Regeln der Kunst auszulegen versteht. Sie sind eine historisch-ästhetische >QuelleSinn< zu schöpfen* gelte. Das ist eine ehrwürdige Vorstellung, die bis zum Talmud, zur Exegese der »Heiligen Bücher« und der Auslegungstradition römischen Rechts zurückreicht. Seit der Renaissance und dem Humanismus gilt sie auch für das Studium der >alten Schriftstellers deren Werke im Wandel der Zeiten ihre ursprüngliche Bedeutung verloren zu haben schienen. Solange literarische Texte als Quelle von Erfahrung, Wissen und Wahrheit eine gewisse Autorität beanspruchen durften , konnte die Hermeneutik als >Königsweg< zu ihrem Verstehen gelten. In dieser Grundvorstellung waren sich die in ihren Fragestellungen und Erkenntnisinteressen zum Teil erheblich divergierenden Methoden der Literaturinterpretation und -analyse weitgehend einig.
      Diese Vorstellung setzt sich mit Friedrich Schleiermacher um 1800 durch. Von da ab kann man von moderner Textwissenschaft sprechen; Manfred Frank hat diese Phase als »hermeneutische Wende« bezeichnet. »Diese Wende bestand in der grundsätzlichen
Reflexion auf Deutungsabhängigkeit jeder, auch der automatisierten Sinnzuweisung und der Maxime, nichts für selbstverständlich zu halten.« Erst die poststrukturalistische, durch die analytische Philosophie und die moderne Linguistik sekundierte Skepsis hat den Grundkonsens aufgekündigt. Aus dieser Sicht sind Texte selbstregulierende Zeichensysteme mit Mehrfachcodierung und ohne eine ihnen von einer vorgängigen Instanz wie einem Gott, dem Gesetz oder dem Dichter verliehene Tiefendimension. Wenn sie nicht länger >Quellen< sind, sondern nun >TexturenZeit der Auslegung< vorbei. Denn, so die neue Auffassung, »Texte ergehen, fungieren und funktionieren - auch und gerade wenn sie nicht eigens interpretiert werden« . Hermeneutisches Verstehen erscheint nun, um eine prägnante Formel Harro Müllers aufzugreifen, als »Sinnzentrierungspolitik mit [...] Heteronomiebeseitigungsverfahren« . Folgt also der hermeneutischen am Ende des 20. Jahrhunderts die antihermeneutische Wende der Literaturwissenschaft ?
Ein zu rasches Fazit: Wissenschaftsgeschichte läßt sich in den Geisteswissenschaften selten als Bruch beschreiben. In unserem Fall stellt es sich zumindest so dar, daß die grundlegenden Probleme der Hermeneutik und des Textverstehens ebenfalls noch die antiherme-neutischen Ansätze bestimmen, die bisher keine konsensfähigen Lösungen für sie bieten konnten. Auch darf nicht unterschlagen werden, daß die Hermeneutik-Diskussion der letzten dreißig Jahre zu kritischer Selbstreflexion und zu Differenzierungen geführt hat, die manche poststrukturalistische Globalkritik an der Interpretation ungerechtfertigt erscheinen lassen . Ein Beispiel für eine reflektierte Hermeneutikdefinition bietet Hans Blumenberg: »Hermeneutik geht auf das, was nicht nur je einen Sinn haben und preisgeben soll und für alle Zeiten behalten kann, sondern was gerade wegen seiner Vieldeutigkeit seine Auslegungen in seine Bedeutung aufnimmt. Sie unterstellt ihrem Gegenstand, sich durch ständig neue Auslegung anzureichern, so daß er seine geschichtliche Wirklichkeit geradezu darin hat, neue Lesarten anzunehmen, neue Interpretationen zu tragen.«
Dennoch hat sich trotz der Selbstproblematisierung der Hermeneutik und der Abarbeitung an der poststrukturalistischen Herausforderung die von Frank 1977 geäußerte Hoffnung, daß eine reformulierte »neuere Hermeneutik« »der zeitgenös-sischen, zwischen zwei divergierenden methodologischen Optionen zerspaltenen Literaturwissenschaft zur Rückgewinnung der Einheit ihrer theoretischen Praxis verhelfen könnte« , nicht erfüllt. Ein konstruktiver Dialog ist bisher nicht in Sicht . Deshalb wird es auch in absehbarer Zeit notwendig sein, die Auseinandersetzung um die Grundlagen des Textverstehens weiterzuführen.
     

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