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Grundfragen der textanalyse

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Zur Wort- und Begriffsgeschichte



Das deutsche Fremdwort »Hermeneutik« wird in Zusammenhang gebracht mit der griechischen Wortfamilie »hermeneüein«, »herme-neia«, »hermeneüs«. Die Bedeutung von »hermeneüein« kann als »ausdrücken, aussagen, auslegen, interpretieren« umschrieben werden. Das Verbum bezeichnet also sowohl einfach »reden« oder »sprechen« als auch »verstehen« und »auslegen«, entsprechend der lateinischen Wortfamilie »interpretari«, »interpretatio«. Hermes, der Götterbote, ist der »hermeneüs« der Götter, der den Sterblichen den Willen der Unsterblichen durch das Medium der Sprache auslegt. In der Rezitation des Rhapsoden wird die Sprache selbst zur Interpretation. Im Orakel der Götter ist die Sprache Subjekt, in der Auslegung des Sehers hingegen Objekt der Interpretation .
      Für den Hermeneutik-Begriff im Feld der Dichtung ist die erste Hälfte des platonischen Dialogs »Ion« von besonderer Bedeutung. Sokrates sagt dort zu dem Rhapsoden Asklepios:
»Wahrlich, oft habe ich schon euch Rhapsoden beneidet um eure Kunst. Denn sowohl daß am Leibe immer geschmückt zu sein und euch aufs Schönste zu zeigen eurer Kunst angemessen ist, als auch daß ihr in der Notwendigkeit seid, mit vielen andern trefflichen Dichtern euch zu beschäftigen, besonders aber mit dem Homeros, dem trefflichsten und göttlichsten der Dichter, und seinen Sinn zu verstehen, nicht seine Worte nur, das ist beneidenswert.«
Der Rhapsode ist also Interpret, »hermeneüs« der Dichter, vor allem Interpret Homers. Die Dichter aber sind, wie Piaton den Sokrates im selben Dialog sagen läßt, »nichts als Sprecher der Götter, besessen jeder von dem, der ihn eben besitzt« . Das berühmte, auch als »Hermeneutik« bezeichnete Werk des Aristoteles »Peri hermeneias« ist kei-ne Hermeneutik im modernen Sinne einer Theorie der Interpretation, sondern eine Art logischer Grammatik. Diese analysiert grammatisch-syntaktische und logisch-semantische Probleme der Aussage- und Behauptungssätze in bezug auf ihre Funktionen der Wahrheit und Falschheit der Aussagen. Immerhin das erste Kapitel dieses Werks ist aber für Aristoteles' Verständnis von Sprache und Auslegung wesentlich. Es behandelt die sprachlichen Ausdrücke in ihrem Verhältnis zu den in ihnen ausgedrückten Gedanken und den mit ihnen gemeinten Dingen. Der Text enthält eine semiotische Theorie, eine Zeichenlehre. Gesprochene oder geschriebene Worte symbolisieren demzufolge »seelische Widerfahrnisse« und bilden gemeinte Dinge ab.
      Dieses aristotelische Zeichenmodell der Sprache zeigt Analogien zu Piatons Sprachmodell in seinem Dialog »Kratylos« - mit dem markanten Unterschied allerdings, daß Piaton den kommunikativen Aspekt der Sprache stärker betont und Verstehen als dialogischen Prozeß darstellt. Während Piaton von der Analyse der aus gesprochener Sprache gewonnenen Erkenntnisse auf das Denken schließt, vertritt Aristoteles in »De interpretatione« umgekehrt die These, die Untersuchung des Denkens gebe Aufschluß über die den Gedanken ihren Ausdruck verleihende Sprache . Dieser Gegensatz ist für verschiedene Konzepte der Bildung und Verifikation von Bedeutung, und für verschiedene Theorien der Interpretation besitzt er ein gar nicht zu überschätzendes Gewicht.
     

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