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Zur Geschichte der Hermeneutik von Luther bis Schleiermacher



Die außerordentliche Bedeutung Martin Luthers für den Fortschritt der Auslegungskunst ist nicht zu bezweifeln und schon von Karl Holl prägnant charakterisiert worden . Gerhard Ebe-ling hat in einer grundlegenden Untersuchung Luthers Schriftprinzip aus dessen exegetischen Schriften abgeleitet . Natürlich ist Luthers Schriftauslegung ohne die philologischen Grundlagen des Humanismus nicht denkbar. Grundsätzlich neu und anders aber ist sein Verhältnis zur Tradition und zur Allegore-se. Erasmus' von Rotterdam hermeneutische Schrift »Methodus« hatte noch die Allegorese des Origenes als vorbildlich gepriesen. Luther formulierte dagegen, nachdem er in der Psalmenvorlesung von 1513 noch an den vierfachen Schriftsinn angeknüpft hatte, 1519 erstmals sein Auslegungsprinzip, das mit der Formel »scriptura sui ipsius interpres« - »die Schrift legt sich selbst aus« berühmt gewor-den ist . Das Verstehen folgt aus dem eindeutigen »sensus litteralis«. Einzelne Stellen werden an der Gesamtaussage der Schrift überprüft, zu der der Ausleger im >hermeneutischen Zirkels vom Einzelnen zum Ganzen verfahrend, durch Detailanalyse vom Buchstaben zum Geist der Schrift vorstößt. Ausgangspunkt der Bibelübersetzung war der Bezug zu den griechischen und hebräischen Urtexten, die nicht »wort uß wort«, sondern »sin uß sin« übertragen werden sollen, um so die Sache der Bibel in die Sprache der Zeit seiner Mitmenschen zu übertragen . Stärker als Luther orientierte Melanchthon die Hermeneutik an Rhetorik und Dialektik. Matthias Flacius hat dann mit seiner »Clavis scripturae sacrae« von 1567 ein Standardwerk geschaffen, das zur Grundlage für alle Hermeneutiken der lutherischen Orthodoxie wurde . Es verbindet biblischtheologische Wortforschung mit der Analyse von Grammatik, Rhetorik und Stilart biblischer Schriften und kombiniert so den Ertrag humanistischer Studien mit dem reformatorischen Prinzip der Schrift.
      Die Hermeneutiken lutherischer Orthodoxie beschränken zwar die dogmatische Relevanz auf den einfachen Schriftsinn. Die Allegoresen leben aber als metaphorische Spielarten, als »applica-tiones«, als Anwendungen auf das konkrete Leben der Gläubigen, und in der didaktischen Lehre vom vierfachen Nutzen der Schrift fort. Das wirkt sich nicht nur auf das im 17. Jahrhundert nicht immer von der Dichtung zu trennende Erbauungsschrifttum aus, sondern auch auf Texte der bedeutendsten Dichter des Jahrhunderts wie etwa Gryphius und Grimmeishausen . Die Wirkungsgeschichte der typologischen Auslegung führt zu figuralen Strukturen in der Dichtung, wie sie Erich Auerbach in seinem Buch »Mimesis« dargestellt hat . Er bestimmt dort Figuraldeutung als »Zusammenhang zwischen zwei Geschehnissen oder Personen [...], in dem eines von ihnen nicht nur sich selbst, sondern auch das andere bedeutet, das andere dagegen das eine einschließt oder erfüllt. Beide Pole der Figur sind zeitlich getrennt, liegen aber beide, als wirkliche Vorgänge oder Gestalten, innerhalb der Zeit; sie sind beide in dem fließenden Strom enthalten, welcher das geschichtliche Leben ist, und nur das Verständnis, der intellectus spiritualis ihres Zusammenhangs, ist ein geistiger Akt.«

Albrecht Schönes Interpretation von Andreas Gryphius' Trauerspiel »Carolus Stuardus« deutet in produktiver Aneignung dieser Tradition die Figur des Titelhelden überzeugend als postfigurale Gestaltung Christi .
      Die Geschichte der theologischen Hermeneutik zwischen Luther und Schleiermacher bildet »Vollzugsformen des Verstehens« aus , die für das Verständnis der Genese einer philosophischen Hermeneutik und für die Entwicklung der Hermeneutik zu einer allgemeinen Theorie der Geisteswissenschaften grundlegend sein könnten. Dies wird jedoch von verschiedenen Forschern sehr unterschiedlich beurteilt. Die Hermeneutik dieses Zeitraums ist noch viel zuwenig gründlich erschlossen. Immerhin sind einige Forschungsbeiträge zu nennen: Hasso Jägers »Studien zur Frühgeschichte der Hermeneutik« sind Johann Conrad Dannhauers »Idea Boni Interpretis et Malitiosi Calumniatoris« von 1630 gewidmet; die Texte von Manfred Beetz untersuchen vor allem das Verhältnis von Logik und Rhetorik in Barock und Aufklärung; der von Axel Bühler herausgegebene Sammelband »Unzeitgemäße Hermeneutik« diskutiert »Verstehen und Interpretation im Denken der Aufklärung« . Ãoberblick und Orientierungshilfe gibt Werner Alexanders »Hermeneutica generalis. Zur Konzeption und Entwicklung der allgemeinen Vcrstehenslehre im 17. und 18. Jahrhundert« .
      Das Verhältnis von Logik und Rhetorik ist die für die Theorie der Auslegung wie für die Praxis der Interpretation literarischer Texte zentrale Frage dieses Zeitraums. Johann Conrad Dannhauer, der Straßburger Theologe, hatte ab 1629 in seiner Rhetorikvorlesung erstmals den Terminus »Hermeneutica« gebraucht und setzte sich in seiner »Idea Boni Interpretis [...]« zum Ziel, im Anschluß an den aristotelischen Traktat »Peri hermeneias« eine wissenschaftliche Verfahrensweise für die höheren drei Fakultäten zu entwickeln, die es erlauben sollte, schriftliche Aussagen sinn- und sachgerecht auszulegen. Er stellt dabei nicht lediglich eine Sammlung von Interpretationsregeln auf. Vielmehr entwickelt er im Anschluß an die aristotelische Analyse der Aussage- und Behauptungssätze eine Lehre von den richtigen und falschen Begriffsverbindungen; besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Beziehungen der »signa voluntaria«, der durch Konvention entstehenden Ausdrücke, mit den »signa doctrinalia«, den Termini der Logik. Der rechte Interpret analysiert die nicht einsichtigen Sätze durch Reduktion auf ihre logischen

Voraussetzungen und unterscheidet so den wahren Sinn vom falschen. Freilich kann die hermeneutische Analyse und Synthese nur die immanente Schlüssigkeit belegen, nicht die sachliche Richtigkeit, nur den richtigen Sinn einer Aussage, nicht den Sinn richtiger Aussage, auch wenn sich Dannhauers Interpretationslehre letztlich doch auf den Wahrheitsgehalt der Sache bezieht. Jäger , der eine differenzierte Analyse der »Idee des guten Interpreten« vorgelegt hat, betont das Gewicht der Logik gegenüber der Rhetorik und unterstreicht polemisch wertend den radikalen Gegensatz dieser rationalen Hermeneutik zu allem, was sich später seit Schleiermacher und im 20. Jahrhundert so nenne.
In Dannhauers »Hermeneutica sacra« von 1654, die zum ersten Mal das Wort »Hermeneutik« im Titel führt, bekommt die -> Rhetorik ein ganz anderes, weit stärkeres Gewicht. Denn die »Idea Boni Interpretis« stellt eine allgemeine Lehre für die höheren Fakultäten mit besonderer Berücksichtigung ihrer dogmatischen und normativen Ansprüche dar, nicht aber eine spezielle Hermeneutik, die sich mit den besonderen Strukturen einer bestimmten Textsorte beschäftigt.
      Noch entschiedener gilt die Bedeutung der Rhetorik für die Auslegung der Poesie, die einer ganz anderen Logik und Wahrheit verpflichtet ist als die dogmatischen Wissenschaften. Deshalb ist es fragwürdig, diese Frühgeschichte der Hermeneutik mit der Behauptung zu beenden, die heutige Hermeneutik hätte keine Ahnen, sie sei »traditionslos« . Auch die ältere Hermeneutik rekonstruiert nicht nur die Korrektheit der sprachlichen und gedanklichen Fügung und ihren Bezug zu einer eindeutigen Wahrheit. Zweifellos aber vertrat Dannhauer einen schon der Frühaufklärung sich nähernden Rationalismus.
      Die pietistische Gegenbewegung erhebt das eigene persönliche und lebenspraktische Anwenden der Schrift zum Kriterium der Wahrheit . Die philologisch-historische Arbeit war in der Orthodoxie und im Pietismus nur Hilfswissenschaft einer wesentlich dogmatisch begründeten Disziplin. Die philologischhistorische Interpretation als selbständige, erkenntnisleitende Methode gedieh vorerst außerhalb der Kirche, etwa bei Spinoza oder Hugo Grotius. Hugo Grotius versteht die historischen Texte der Bibel anhand derselben Prinzipien wie die profane, die weltliche
Geschichte. Die Differenz zwischen »hermeneutica sacra« und »hermeneutica profana« entfällt. Die hermeneutischen Regeln gelten gleicherweise für alle schriftlich fixierten Ã"ußerungen .
      Die für den Hauptstrom der Aufklärung repräsentative Hermeneutik des Philosophen Christian Wolff begründet Hermeneutik auf der Basis eines naiven Realismus. Ihr Ziel ist die Erforschung des Geistes des Autors, um die hermeneutische Wahrheit, das heißt hier die Rekonstruktion der Meinung des Autors zu bestimmen . Die Vollzugsform des Verstehens ist dadurch bestimmt, daß die zu verstehende Sache mittels rein rational zu begründender Methoden erfaßt wird. Weder die Eigenart verschiedener Textsorten und die Medialität der Sprache, die durch die Art des Sprechens aussagt, was explizit nicht gesagt wird, noch die historische Differenz zwischen Text und Interpret werden berücksichtigt. So ergeben sich Widersprüche zwischen ungeschichtlich vernünftig begründeter und historisch sich entwickelnder Wahrheit der Texte, Widersprüche, die etwa in Lessings Schriften thematisch geworden sind. Der Leipziger Theologe und Altphilologe Johann August Ernesti unterschied zwischen der »subtilitas intelligendi« und der »subtilitas explicandi«, zwischen dem Verstehen aus dem historischen und dem Verstehen aus dem sprachlichen Kontext, zwischen einem eindeutigen allgemeinen Wortsinn und der Vielfalt der sich historisch je verschieden ausprägenden Bedeutungen. Die pietistische Hermeneutik etwa Johann Jakob Rambachs hatte bereits einen dritten Modus des Verstehens dazugefügt: die »subtilitas applicandi«, die Anwendung auf die konkrete Lebenspraxis der Hörenden. Es sind dies schon Aspekte der spezifischen Modi des Verstehens, die auch die gegenwärtige hermeneutische Diskussion beschäftigen. Strittig ist allerdings, ob dies drei verschiedene, zwar nicht unabhängige, sondern verbundene, aber doch deutlich trennbare Phasen des Verstehensprozesses seien - oder ob diese als drei Momente eines einzigen und unteilbaren Vermittlungsprozesses zu betrachten wären.
     

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