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Zur Geschichte der Auslegung von den Anfängen bis zu Luther



Jeder Versuch einer Skizze der hermeneutischen Positionen und Modelle könnte den falschen Eindruck hervorrufen, es gebe eine kontinuierliche Entwicklung von den Ursprüngen der griechischen Philosophie bis zu den >Zielformen< der zeitgenossischen Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer und Paul Ricceur. Gerade solche Ansätze zu einer sich gewissermaßen zielgerichtet verstehenden Universalgeschichte provozieren natürlich den Widerspruch sowohl der Spezialisten einzelner Epochen wie den Widerspruch der antihermeneutischen Positionen von Dekonstruktivismus und Poststrukturalismus, welche die Bruchstellen der Tradition betonen . Es wäre aber zweifellos falsch, aus diesem Grunde auf eine Skizze historischer Positionen zu verzichten. Im

Gegensatz zu naturwissenschaftlichen Methoden und Verfahrensweisen veralten historische Modelle des Lesens und Verstehens von Texten nicht, ja sie sind ganz unerläßlich für das Verständnis mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Texte, deren Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart reicht.
      Das Problem der Hermeneutik wird immer in Zeiten der Traditionskrise, in Zeiten des Wandels religiöser, kultureller, moralischer und ästhetischer Normen aktuell. Die Geschichte der Hermeneutik kennt zwei grundsätzlich verschiedene Verfahren der Auslegung von Texten, die sonst nicht mehr verständlich oder nicht mehr sinnvoll erscheinen. Die grammatisch-rhetorische Auslegung überträgt mittels sprachlogischer Analyse und mit Hilfe der Wort- und Bedeutungsforschung einen nicht mehr verständlichen Text in moderne Sprache . Dabei soll der ursprüngliche Sinn bewahrt werden. Die allegorische Interpretation hingegen gibt einem buchstäblichen Sinn eine übertragene Bedeutung, einen allegorischen, symbolischen Sinn .
      Diese Unterscheidung wurde in der Antike maßgeblich in der Interpretation Homers entfaltet. Dessen Schriften hatten in der Antike eine Verbindlichkeit und Autorität, wie sie die Bibel für das Mittelalter gewann. Die Wandlungen des Denkens vom anschaulichen Vorstellen des Mythos zur abstrakten philosophischen Reflexion führten zur Uminterpretation der homerischen Mythen . Diese allegorische Tradition wurde von den Stoikern erweitert, die etwa die homerischen Götter als Veranschaulichungen kosmischer Kräfte und moralischer Tugenden deuteten. Die grammatisch-historische Auslegung versucht also den Sinn eines alten Textes durch Neuformulierung zu erhalten. Die allegorische Auslegung hingegen bewahrt alte, kanonisch gewordene Texte in ihrem ursprünglichen Wortlaut. Sie gibt ihnen aber im Kontext eines anderen neuen Denkens oder eines anderen neuen Dogmas einen neuen Sinn. Die alexandrinische Gelehrtenschule lehnte die Allegorese freilich ab und zeichnete sich durch streng grammatisch-historische und textkritische Methoden aus , während die Schule von Pergamon sie anwandte.
      Dieser Gegensatz der Interpretationstypen prägt sich auch in der Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift aus. In den Auslegungspraktiken der griechischen Kirchenväter des 2. und 3. Jahr-hunderts stehen sich die Schule von Antiochia, die am wörtlichen historischen Sinn der Schrift festhält, und die allegorische Auslegungslehre von Alexandria gegenüber. Origenes verbindet historisch-philologisches Textstudium mit der Auslegung eines mehrfachen, bei Origenes eines »dreifachen Sinnes« der Schrift, nämlich eines »somatischen« , eines »psychischen« und eines »pneumatischen« . Der weiten Dimension der Schrift entspricht konsequent die Weite seiner theologischen Konzeption, die Theologie, Seinslehre und Hermeneutik umfaßt .
      Unter den lateinischen Kirchenvätern betont Ambrosius die allegorische, Hieronymus die buchstäblich-historische Auslegung, während Augustinus beide Arten zu verbinden sucht. Als ehemaligem Lehrer der -» Rhetorik war ihm die historisch-sprachwissenschaftliche Auslegung vertraut, die wissenschaftliche Interpretation entsprach seinem neuplatonischen Seinsbegriff und war ihm durch Ambrosius vermittelt worden. Die durch Augustin in »De doctrina christiana« fixierte exegetische Tradition eines mehrfachen Schriftsinnes ist durch das ganze Mittelalter hindurch bedeutsam gewesen. Die »vier Sinne der Schrift« erläutert der Merksatz des Augustinus von Dakien, der eine Formulierung Augustins nur unwesentlich variiert:
Littera gesta docet, quid credas allegoria Moralis quid agas, quo tendas anagogia
I Der wörtlich-buch stäbliche Sinn erhellt die geschichtlich gesehene Tatsache; was heilsgeschichtlich zu glauben, in der Geschichte des alten Bundes vorgebildet und im neuen Bunde ausgeführt ist, vermittelt der allegorische Schriftsinn. Der "moralische Sinn verweist auf ethisch richtiges Handeln, der »sensus anagogicus« schließlich zielt auf die letzte, die eschatologische Wirklichkeit am Ende der Tage. Ein beliebtes Beispiel ist die vierfache Auslegung des Worts »Jerusalem« - nämlich als der historischen Stadt im wörtlichen Sinne, die allegorisch auf die Kirche verweist, moralisch-tropologisch die Seele des Christen und anagogisch-eschatologisch die Gottesstadt, das >Himmlische Jerusalems bedeutet.
      Im zweiten Schriftsinn, dem >sensus allegoricusTypologie< ist eineseit dem Neuen Testament praktizierte Methode der Exegese, die Personen und Geschehnisse des Alten Testaments als Vor-Zeichen, als Präfigttrationen des Neuen Testaments deutet, etwa nach dem Vorbild des Paulus, der Adam als Präfiguration, als Typos Christi bezeichnet . Der Antitypos Christus verweist also auf den Typos Adam zurück wie dieser auf ihn voraus. Eva und Maria, Joseph oder Simson und Christus, Rhea, Rachel und Martha, Maria, Eden und Golgatha, Synagoge und Ecclesia, der Zug durch das Rote Meer und die Erlösung im Blut Christi stehen in demselben Verhältnis von Verheißung und Erfüllung. Die typologische Deutung entziffert also heilsgeschichtliche Realprophetie und erweist so die Ãobereinstimmung und Zusammengehörigkeit des Alten und des Neuen Testaments. Faßt man nun, in nachbiblischer Zeit, die neu-testamentlichen Figuren selbst wiederum als Typen auf, so erfüllen sich diese als Antitypen in der letzten Zeit. Man hat deshalb literarische Figuren in der Imitatio, der Nachfolge Christi, auch als »Post-figurationen« Christi bezeichnet.
      Die christliche Hermeneutik des Mittelalters ist zwar aus dem »Buch der Schrift« abgeleitet, aus der Bibel, bezieht sich aber ebenso auf das »Buch der Natur«, die Schöpfung. Für den Kirchenvater Augustinus ist zwar die menschliche Zeichensprache durch Konvention vermittelt, die Heilige Schrift aber vermittelt gemäß dem Willen des Schöpfers auch die Bedeutung von Sachverhalten. Die von Augustinus getroffene Unterscheidung von Wort- und Sachverhalten wird im 12. Jahrhundert intellektuelles Allgemeingut und auch auf profane Literatur bezogen. Die Semiotik, die Zeichenlehre, ist so nicht nur Gegenstand der Grammatik und Sprachlehre, sondern wird erweitert zu einer Hermeneutik der natürlichen und historischen Dinge, schließlich auch der literarischen - vor allem der antiken Tradition -, deren Figuren und Inhalte nun christlichen Sinn bekommen. Die Fülle der Zeichen und des Sinns ist das Wesen christlichen Schöpfungsverständnisses, so wie es Freidank, ein Lehrdichter des 13. Jahrhunderts, prägnant formuliert:
Diu erde keiner slahte treit, daz gar si äne bezeichenheit. nehein geschepfede ist so fri, sin bezeichne anderz, dan si si.
      Die Erde trägt keinerlei , das ganz ohne Bedeutung wäre.

     
Kein Geschöpf ist so frei,daß es nicht noch anderes bedeutet als sich selbst.
Wie sehr allegorisches und typologisches Denken nicht nur mittelalterliche Bibelexegese leiten, sondern auch als sprach- und stilbildende Kräfte die mittelalterliche Dichtung geprägt haben, ist durch die Forschungen von Julius Schwietering, H. H. Glunz, Erich Auerbach, Max Wehrli, Friedrich Ohly und ihren Schülern deutlich geworden. Die Literaturwissenschaft wird hier allerdings sorgfältig unterscheiden müssen: zwischen der Allegorese als dichterischer Anwendung einer ursprünglich geistlichen Zwecken reservierten Theorie der Auslegung, die aus dem Litteralsinn eines Wortes weitere spirituelle Dimensionen erschließt, und der dichterischen Technik der Allegorie, die in der Figurenlehre der -> Rhetorik als eine »continuata metaphora«, eine fortgesetzte Ãobertragung, ein Gefüge mehrerer Metaphern darstellt, in dem etwa eine Idee durch Personifikation veranschaulicht wird. Handelt es sich bei der Allegorie darum, durch Wortfiguren einen gegebenen abstrakten Sinn konkret zu veranschaulichen, so gilt es bei der Allegorese, aus einem gegebenen Wort oder Ding die verschiedenen, durch das Buch der Schrift oder durch das Buch der Natur offenbarten spirituellen Sinne zu erschließen. Die spirituellen Dingbedeutungen sind gesammelt worden in Enzyklopädien, Bestiarien , Lapidarien und allegorischen Wörterbüchern. Die namentlich von Friedrich Ohly begründeten und geförderten Studien zur spirituellen Bedeutungskunde des Mittelalters eröffnen interpretatorische Möglichkeiten für die mittelalterliche Dichtung, die noch in ferner Zukunft nicht ausgeschöpft sein werden .
      Allegorese und Typologie sind für das gesamte geistliche und weltliche Schrifttum wichtig, insofern die antike Tradition im Mittelalter als Präfiguration der christlichen verstanden worden ist. In diesem Sinne sind etwa Vergil und Ovid ausgelegt worden. Sicher waren die exegetischen Methoden für die Bibeldichtung, etwa die Tradition der Hohelied-Auslegung und Hohelied-Dichtung bis ins 17. Jahrhundert wichtig. Unterschiedlich aber wird die Bedeutung von Allegorie und Typologie für das Verständnis weltlich-höfischer Dichtung eingeschätzt. Gewiß ist auch hier schon im Sinne der Dichter selbst zu unterscheiden zwischen »matiere« und »san« , zwischen »rede« und »meine« . Unterschiedlich aber wird die Frage beurteilt, inwiefern ein systematisches Vorgehen nach der Hermeneutik des mehrfachen Schriftsinns legitim sei . Dies muß von Fall zu Fall untersucht werden. Einleuchtend und belegbar ist immerhin, daß die Tradition Vollzugsformen des Lesens und Verstehens wie des Schreibens geprägt hat. Gottfrieds von Straßburg Minnegrotten-Allegorese im »Tristan«-Roman ist eine vom Autor ausdrücklich definierte Anwendung spiritueller Exegese. Dante hat diese Methode in seinem »Convivio« beschrieben und betrachtet sie selbst in der »Epistola a Cangrande« als Schlüssel zum Verständnis der »Divina Commedia«. Clemens Heselhaus hat versucht, Dantes Interpretationstheorie zu einer modernen Hermeneutik umzubilden und sie auf Texte der neueren Literatur zu übertragen. Dies allerdings ist nicht generalisierbar und nur für spezielle Beispiele säkularisierter Nachwirkung mittelalterlicher Tradition in der Literatur des 20. Jahrhunderts möglich. Wilhelm Dilthey, der wirkungsgeschichtlich wichtigste Historiker der Hermeneutik, läßt die Wissenschaft der Hermeneutik erst mit dem Protestantismus beginnen . Er unterschätzt damit die Bedeutung der antiken Philologie und der Prinzipien der Auslegung der Kirchenväter, vorab Augustins, für die Entwicklung von Theorie und Praxis der Auslegung.
     

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