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Zu Wilhelm Diltheys Intention, Werk und Wirkung



Wirkungsgeschichtlich ist die psychologische Interpretation Schleiermachers zweifellos viel früher und stärker beachtet worden. Das ist vor allem auf die frühe Rezeption und nachhaltige Wirkung Diltheys zurückzuführen. Sein Aufsatz »Die Entstehung der Hermeneutik« hat lange Zeit die Einschätzung Schleiermachers bestimmt.
      Diltheys frühe und heute überholte Studie über Schleiermachers Verhältnis zur Bibelhermeneutik ist erst 1966 ediert worden. Auch seine differenziertesten Versuche zum Verstehensproblem sind Fragmente aus dem Nachlaß. Frühere Studien aber legen die wirkungsgeschichtlich weit verbreitete Fehlinterpretation nahe, Diltheys Verstehensbegriff sei zureichend bestimmt mit der Formel »Einfühlung durch Identifikation mit eigenen Lebensäußerungen«. Daß der frühe Dilthey im Gegensatz zum späten die psychologischen Momente stärker betonte, entsprach seiner Lebensphilosophie und seiner Frontstellung gegen den Positivismus, der die Eigenart geisteswissenschaftlicher Erkenntnisgegenstände nicht berücksichtigte und auch diese Bereiche dem naturwissenschaftlichen Methodenideal unterzogen hatte. Das erste Kapitel der »Einleitung in die Geisteswissenschaften« beginnt mit der Diagnose einer Situation, durch die Verfahrensweise, Intention und Ziel des Denkens Diltheys verständlich werden. Er vergleicht dort die Gesellschaft mit einem Maschinenbetrieb, der durch die Handlungen der Individuen erhalten wird, ihnen aber als Ganzes vollständig unverständlich ist. Innerhalb dieser Gesellschaft sei »der mit der isolierten Technik seines Einzelberufs Ausgerüstete [...] in der Lage eines Arbeiters, der ein Leben hindurch an einem einzelnen Punkte dieses

Betriebs beschäftigt ist, ohne die Kräfte zu kennen, welche ihn in Bewegung setzen, ja ohne von den anderen Teilen des Betriebs und ihrem Zusammenwirken zu dem Zwecke des Ganzen eine Vorstellung zu haben« .
      Dieser Prozeß hat Folgen für den Einzelnen wie für das Verhältnis der Wissenschaften. Das abstrakte Naturverhältnis der Naturwissenschaften und die durch sie ermöglichte Technik führen zu einem Chaos im Innenleben des Menschen. Sie werden »in eine dunkle, unaufklärliche und als empirisches Datum hinzunehmende Welt von Antrieben und Gefühlen versenkt, ohne ein Element des Allgemeinen und Vernünftigen in sich« . Die Geisteswissenschaften sollten den zerrissenen Zusammenhang zwischen der individuellen Welt der Subjekte und der Objektwelt wieder herstellen. Nach Dilthey sind die Bedingungen des Bewußtseins nicht in einem abstrakten Erkenntnissubjekt gegeben - nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, wie das die idealistische Philosophie angenommen hatte, sondern Leben ist begründet in der ihm eigenen Einheit von Erkenntnis, Bewußtsein und Handeln. Die letzte Bedingung allen Erkennens ist also im Lebenszusammenhang gegeben; Leben wird im Erlebniszusammenhang verstanden. Das Grundverhältnis von Erleben und Verstehen ist nicht zirkulär. Das eigene Erlebnis wird durch das Erlebnis des anderen aufgehellt. Im ersten Teil des »Plan[s] der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften« heißt es:
»Das Verstehen ist ein Wiederfinden des Ich im Du; der Geist findet sich auf immer höheren Stufen von Zusammenhang wieder; diese Selbigkeit des Geistes im Ich, im Du, in jedem Subjekt einer Gemeinschaft, in jedem System der Kultur, schließlich in der Totalität des Geistes und der Universalgeschichte macht das Zusammenwirken der verschiedenen Leistungen in den Geisteswissenschaften möglich.«
Im selben Text bestimmt Dilthey »Erlebnis« als das, »was im Fluß der Zeit eine Einheit in der Präsenz bildet, weil es eine einheitliche Bedeutung hat«. In der Tat hatte der Erlebnis-Begriff in der Literaturwissenschaft eine ungeheure Konjunktur. Freilich nicht in den differenziertesten Bestimmungen von Diltheys fragmentarischem Werk, die erst aus dem Nachlaß gewonnen wurden, sondern aus seinem gefährlich vereinfachenden, die Literatur der Klassik mythi-sierenden und philosophisch wie germanistisch problematischen Buch »Das Erlebnis und die Dichtung« von 1905 . Es glorifiziert Goethes Leben und Werkzur wunderbaren Einheit und Harmonie; Rätsel, Dissonanzen und Widersprüche werden unterschlagen. Dadurch wird Goethes Persönlichkeit um ihre Widersprüche, ihr Unglück und ihr Scheitern gebracht, dadurch werden auch die Texte geglättet und harmonisiert, so daß sie ihre perspektivenreiche Differenziertheit verlieren.
      Diltheys Hermeneutik ist allumfassend, ihr Konzept aber nur in Bruchstücken unterschiedlicher Konkretion und Präzision ausgeführt. Der Terminus »Hermeneutik« selbst wird von ihm nicht einheitlich verwendet, bezeichnet aber vor allem die Theorie des Verstehens im weitesten Sinne, die Theorie der Sach- und Umweltbezüge so, daß Hermeneutik zur Erkenntnistheorie wird . Eine Bestimmung mittlerer Reichweite definiert die Theorie der Auslegung als methodische Auseinandersetzung mit Gegenständen der Kultur. Diese bestimmt er als »kunstmäßiges Verstehen von dauernd fixierten Lebensäußerungen« . Schließlich bezeichnet er ebenfalls in der Abhandlung »Die Entstehung der Hermeneutik« die hermeneutische Wissenschaft als die »Kunstlehre der Auslegung von Schriftdenkmalen« .
      Dilthey unterscheidet in seinen Entwürfen >elementare< und >hö-here< Formen des Verstehens. Die literaturwissenschaftlich interessantesten, differenziertesten höheren Formen finden sich erst in den späten Nachlaß-Fragmenten, so daß das Dilthey-Bild der Germanistik weitgehend von den Simplif ikationen und Mythisierungen aus »Das Erlebnis und die Dichtung« bestimmt wurde. Im Gegensatz zu diesem vulgären Dilthey-Verständnis des reinen Einfühlens, der reinen Projektion eigenen Erlebens auf fremde Lebensäußerungen fordert »höheres Verstehen«, wie es Dilthey in seinen späten Entwürfen bestimmt hat, nicht nur Projektion, sondern anschließende vergleichende Reflexion von Eigenem und Fremdem. Verstehen ist damit schon für Dilthey ein reproduktiv-produktiver Prozeß. Weder reduziert er den Textprozeß auf bloße Projektionen des Lesers, noch reduziert er den Text auf Intentionen oder ein Bewußtsein des Dichters. In aller Klarheit wird das deutlich zu Beginn des »Plans der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften « . Dilthey entwik-kelt dort das Problem der Verbindung subjektiver Erfahrung und ihrer wissenschaftlichen Objektivation zu immer differenzierteren Unterscheidungen zwischen elementaren und höheren Formen des Verstehens.
      In elementaren Formen des Verstehens wird aus der Wiederkehr derselben Bedeutung eines Wortes, einer Gebärde, einer äußeren Handlung auf deren neue Bedeutung in einem neuen analogen Falle geschlossen; es ist dies das Verfahren des Analogieschlusses. Höhere Formen des Verstehens reflektieren nicht nur auf die Bedeutung eines Wortes, sondern reflektieren auch die Weise, in der die einzelnen Wörter im Textgefüge miteinander verbunden sind. Es wird also versucht, nicht nur Bedeutungen aus einzelnen Fällen abzuleiten, sondern auch die spezifische Eigenart des neuen Falles tiefer zu begründen. So wird der Analogieschluß durch einen Induktionsschluß abgelöst: Ein literarischer Text ist nie ein Fall, der auf einen je schon vorhandenen Fall lückenlos zurückgeführt werden könnte.
      Der Vorgang literarisch-ästhetischen Verstehens ist also ein Induktionsschluß ganz bestimmter Art, der Analogien und Differenzen verwandter Bedeutungsbeziehungen präzise bestimmt. Dilthey bestimmt den Prozeß >höheren< Verstehens als Folge von Versuchen wechselnder Hypothesenbildung über das Verhältnis von inhaltlichen und formalen Teilen und dem Ganzen inhaltlicher und formaler Strukturen. »Alles Probieren im Verständnisvorgang« müsse »die Worte zu einem Sinn und den Sinn der einzelnen Glieder eines Ganzen zu dessen Struktur zusammennehmen. Gegeben ist die Folge der Worte. Jedes dieser Worte ist bestimmt-unbestimmt. Es enthält in sich eine Variabilität seiner Bedeutung. Die Mittel der syntaktischen Beziehung jener Worte zueinander sind ebenfalls in festen Grenzen mehrdeutig: so entsteht der Sinn, in dem das Unbestimmte durch die Konstruktion bestimmt wird. Und ebenso ist dann der Kompositionswert der aus Sätzen bestehenden Glieder des Ganzen in bestimmten Grenzen mehrdeutig und wird vom Ganzen aus festgelegt. Eben dieses Bestimmen unbestimmtbestimmter Einzelheiten ...« - mit diesen Worten bricht Diltheys Fragment ab. Wir erkennen aber, daß dieses Bestimmen »unbestimmt-bestimmter« Einzelheiten und seine Ordnung durch die Konstruktion schon vor Dilthey in der Hermeneutik des Theologen Schleiermacher als grammatisch-komparatives Verstehen beschrieben und schließlich, nach Dilthey und Schleiermacher, in Methoden des -» Strukturalismus unserer Tage präziser ausgearbeitet worden ist.
      Diltheys Entwurf einer umfassenden Kritik historischer Vernunft wurde nicht ausgearbeitet, und der schon von Schleiermacher geleisteten Differenzierung der Analyse sprachlicher Kommuni-kation nähert sich Dilthey erst in den wirkungsgeschichtlich weitgehend vernachlässigten Schriften des Nachlasses. Seine Absicht, eine Funktionsbestimmung der Geisteswissenschaften in der Moderne durch Kritik der historischen Vernunft zu leisten, bleibt aber immer noch ein nicht eingelöstes Desiderat der Forschung. Sein Werk enthält eine Fülle von Anregungen, auch wenn die begriffliche Ausarbeitung heute fragwürdig erscheint und Dilthey selbst seine differenzierte Rezeption in der Germanistik durch sein Buch »Das Erlebnis und die Dichtung« eher verhindert hat.
     

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