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Grundfragen der textanalyse

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Vorbemerkungen



Die deutschen Fremdwörter »Hermeneutik« und »hermeneutisch« werden je nach historischem und philosophischem Kontext mit so verschiedenen Wortinhalten, Denkformen und Interpretationskonzepten in Zusammenhang gebracht, daß es höchst gefährlich geworden ist, sie zu gebrauchen. Dennoch werden alle, die literaturwissenschaftlich tätig sind, sich mit den Beziehungen zwischen Theorie und Praxis der Textanalyse und Interpretation beschäftigen müssen. Wer meint, sich auf die Praxis beschränken zu können, belegt damit nur, daß er weder über ein kritisches Bewußtsein seiner eigenen Voraussetzungen verfügt noch die unterschiedlichen Konzepte in der wissenschaftlichen Kommunikationsgemeinschaft kennt. Theoriefeindlichkeit ist zwar dann verständlich, wenn Theorie den konkreten Zusammenhang mit der Praxis verfehlt. Dies rechtfertigt es aber nicht, aufgrund einer mangelhaften praxislosen Theorie zu theorielosen Praktiken überzugehen.
      Den »Modell«-Begriff der Kapitelüberschrift auf die Hermeneutik zu beziehen, ist je nach Verständnis des Begriffs und je nach her-meneutischer Theorie sinnvoll oder höchst problematisch. »Modell« kann sich ebenso auf den Bereich des Hersteilens und Nachmachens beziehen wie auf den Bereich der Theorie. Wirkungsgeschichtlich bedeutsame Praktiken der Auslegung haben als »Modelle« fungiert, sind nachgeahmt worden, auch ohne daß die sie leitende Theorie erkannt worden wäre. Modelle eines so hochkomplexen Prozesses wie des Verstehens literarischer Texte sind verschiedenen Gefahren ausgesetzt. Entweder nähern sie sich dem Original so weit an, daß sie den erklärenden Charakter verlieren, oder sie reduzieren die Komplexität des Originals so stark, daß das Modell trivial wird und spezifische Eigenschaften des Originals verfehlt. Unterschiedliche hermeneutische Konzepte gehen implizit oder explizit von völlig verschiedenen Modellvorstellungen der Sprache, der Kunst und des Verstehens-prozesses aus. Ein knapper historischer Exkurs kann diese Implikationen nicht explizit rekonstruieren, wohl aber bestimmende Entwicklungslinien skizzieren, die deutlich machen, wie unterschiedliche Modellierungen, im handwerklichen wie im strengeren Sinne des Wortes, zu unterschiedlichen Problemlösungen der Interpretation geführt haben.
     

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