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Schleiermachers Hermeneutik - Medium der Vermittlung zwischen den Traditionen, Ferment neuer Konzepte



Mit Schleiermachers Hermeneutik beginne in jeder Hinsicht etwas grundsätzlich Neues, das Verstehen als solches werde zum Problem gemacht, und so stelle die psychologische Interpretation »sein Eigenstes« dar: lange ist diese Meinung die vorherrschende gewesen - angefangen mit Wilhelm Dilthey, gestützt von Hans-Georg Gadamer, suggeriert schon durch Schleiermachers Selbsteinschätzung. Aufgrund dieser Meinung hat Gadamer auf die Diskussion des zweiten Hauptstücks der Schleiermacherschen Hermeneutik, die grammatische Interpretation, weitgehend verzichtet. Dabei verdankt gerade die grammatische Interpretation Schleiermachers der vorangehenden Tradition der Bibelhermeneutik trotz gravierender Differenzen jedenfalls die Anregung zu kritischer Transformation . Die ersten Notizen zu seiner Interpretationstheorie verfaßte Schleiermacher während des Studiums von Ernestis »Institutio interpretis Novi Testamenti«. Es ist Peter Szondis Verdienst, schon 1970 auf die früher übersehenen Aspekte der Tradition in Schleiermachers Konzept verwiesen und zugleich ihre in die Zukunft weisenden Möglichkeiten erkannt zu haben. Er spricht von einer »neuen noch ausstehenden Interpretationslehre, zu deren Ausarbeitung die Literaturwissenschaft sich mit der neueren Sprachwissenschaft verbünden muß, um über ihre heute übliche Praxis der Interpretation hinaus zu gelangen« .
      Im Zentrum von Schleiermachers Hermeneutik steht weder der Bezug auf eine Wahrheit der Sache noch der auf eine fixierte Bedeutung, sondern das Verstehen eines Aktes, einer Handlung sprachlicher Kommunikation. Sein Interesse gilt gleichermaßen mündlicher und schriftlicher Kommunikation, handle es sich nun um einen alltäglichen Dialog oder um einen literarischen Text. Schleiermacher versteht eine sprachliche Ã"ußerung als ein Lebensmoment, als Handlung, als Prozeß, den er in seiner Genese und Funktion zu verstehen versucht. Das heißt, er versucht sprachliche Ã"ußerungen oder ihre Dokumente aus dem Textkontext und dem historischen Lebenskontext so zu rekonstruieren, daß nicht nur intuitives, sondern intersubjektiv begründbares Wissen sein Verständnis belegt. Er unterscheidet im Akt des Sprachverstehens zwei Momente, die nur in gegenseitiger Relation zureichend erkannt werden können:

»Hiernach ist jeder Mensch auf der einen Seite ein Ort in welchem sich eine gegebene Sprache auf eine eigenthümliche Weise gestaltet, und seine Rede ist nur zu verstehen aus der Totalität der Sprache. Dann aber auch ist er ein sich stetig entwickelnder Geist, und seine Rede ist nur als eine Thatsache von diesem im Zusammenhange mit den übrigen.«
Mit der Analyse der Rede in bezug »auf das Ganze der Sprache« befaßt sich die grammatische Interpretation; die Untersuchung der Rede im Kontext des Denkens des Autors oder der Sprechenden leistet dann diepsycholo-gische oder technische Interpretation. Schleiermacher spricht von zwei Arten des Zusammenhangs der Wörter: vom ganzen Zusammenhang, also vom Bezug zur Sprache als System, und vom unmittelbaren Zusammenhang, dem Wort im Satz. Peter Szondi hat mit guten Gründen die These vertreten, daß Schleiermacher hier Grundbegriffe und Relationen moderner, durch Ferdinand de Saussure begründeter Sprachtheorie vorwegnehme, nämlich die Begriffe von »langue« und »parole« und die paradigmatische und die syntag-matische Beziehung . Freilich können wir die Qualität dieser Relationen erst unter Voraussetzung von Schleiermachers Begriffen der Sprache und des Denkens präziser verstehen. Seine Hermeneutik ist in Beziehung zu setzen zu seiner Dialektik, die die sprachliche Verständigung bestimmt. Sie ist charakterisiert durch die relative Identität von Sprechen und Denken. Sprache wirkt als Begrenzung der Subjektivität des Denkens. Umgekehrt wirkt die Subjektivität des Denkens als kreative Energie der Individualisierung der Sprache.
      In Schleiermachers Hermeneutik von 1809/181 o finden wir diese Relationen prägnant und konzentriert:
»Verhältniß des Redenden zur Sprache; er ist ihr Organ und sie ist seines.
      1. Die Sprache ist für jeden leitendes Princip, nicht nur negativ, weil er aus dem Gebiet des in ihm befaßten Denkens nicht herauskann, sondern auch positiv, weil sie durch die in ihr liegenden Verwandtschaften seine Combination lenkt. Jeder kann also nur sagen, was sie will, und ist ihr Organ.
      2. Jeder, dessen Rede Object werden kann, bearbeitet selbst oder bestimmt die Denkweise auf eine eigenthümliche Art. Daher ja die Bereicherung der Sprache mit neuen Objecten und Potenzen, die immer von der Sprachthätigkeit einzelner Menschen ausgehen.

     
3. Weder die Sprache noch der Einzelne als productiv-sprechend können anders bestehen als durch das Ineinander-Seyn beider Verhältnisse.«
Die Sprechenden sind also wechselweise Subjekt und Objekt der Sprache, die zwischen Wahrnehmung und Denken vermittelt, deren Wesen die zwischen Wahrnehmung und Denken vermittelnde Anschauung ist. Die beiden Hauptteile der Auslegung sind die allgemeine, sprachbezogene und die personenbezogene Auslegung. Die letztere untersucht dabei die individuelle Seite des Textprozesses als umgekehrte Komposition; die erstere, dem Allgemeinen der Sprache geltende Auslegung, untersucht den Textprozeß als umgekehrte Grammatik. Der gegenseitige Bezug aber macht deutlich, daß es hier nicht um Reproduktion einer einmal gesetzten Bedeutung geht, sondern um die Analyse einer Sprachhandlung, um die Analyse eines kreativen Prozesses. Sprechen und Verstehen korrespondieren und konstituieren so Prozesse einer innerhalb bestimmter Grenzen freien Geistestätigkeit.
      Diese Hermeneutik unterscheidet sich grundsätzlich von all jenen interpretationstheoretischen Modellen, die Kommunikation lediglich als Bedeutungstransport und Interpretation als Bedeutungszuweisung betrachten oder die etwa die Logik der Aussagen und ihr Entsprechungsverhältnis zur Wirklichkeit als Kriterium eindeutig richtiger Interpretation postulieren. Diese gegenüber der älteren Hermeneutik grundsätzlich andere, nicht rein instrumenteile, sondern kreative Funktion der Sprache wird zwar bei Schleiermacher in zuvor nicht vorhandener Klarheit analysiert. Sie ist aber vorbereitet durch die zunehmende Distanz von der Hermeneutik der Aufklärung bereits bei Hamann, Herder und Friedrich Schlegel .
Die Polarität von Allgemeinem und Individuellem prägt sich nicht nur in der Dialektik von grammatischer und psychologischer Auslegung, sondern auch innerhalb der psychologischen oder technischen Auslegung aus. Dieser Begriff umfaßt sowohl die psychologische Auslegung im engeren Sinn, die sich auf die Individualität des je besonderen Sprachprozesses bezieht, als auch die je besondere Vermittlungsqualität von Gedanken und Bildern in bezug aufdas Lebensganze der Schreibenden oder Sprechenden. Die psychologische Auslegung im weiteren, »technischen« Sinn betont die »techne«, die spezifische Fügungsart des Stils, als charakteristische Modifikation der Sprache und der Weise der Komposition. Dabei setzt sie selbstverständlich die umfassendste Kenntnis der historischen Voraussetzungen des kulturellen Kontexts als notwendige Bedingung zur Bestimmung des Individuellen voraus.
      Schleiermachers Konzept der Auslegung ist nicht ganz so unabhängig von der früheren Tradition, wie dies Dilthey später suggerieren wird. Das Konzept der grammatischen Auslegung kann als Versuch kritischer Rekonstruktion jener Auslegungsregeln betrachtet werden, die die vorangehende Bibelhermeneutik schon bereitgestellt hatte. Hendrik Birus hat deshalb Schleiermachers Hermeneutik als Vollendung und Ãoberwindung der Auf klärungshermeneutik charakterisiert. Schleiermachers Konzept unterscheidet sich von der Tradition allerdings grundsätzlich durch sein Verständnis der Sprache. Im Gegensatz zur früheren Bibelhermeneutik ist sein Sprachverständnis nicht instrumentell-rhetorisch, auch hält er nicht an der Vermittlung fixer Vorstellungen oder Sachaussagen fest. Wortbedeutungen werden vielmehr durch das sprechende Subjekt konstituiert und schaffen damit immer ein durch das Verstehen des Interpreten analysierbares Verhältnis von Tradition und Innovation. Schleiermacher kennt die Parallelstellen-Methode der Bibelhermeneutik sehr genau und differenziert sie kritisch. So vermeidet er es, Parallelstellen als Textgleichungen zu interpretieren und akzeptiert Parallelstellen als Interpretationsindizien nur dann, wenn sie im Kontext vergleichbaren Zusammenhangs gesehen werden können. In diesem Fall muß nach der Bestimmung der Analogie auch die Differenz des Funktionsstellenwertes analysiert und bestimmt werden .
      Manfred Frank hat, Anregungen Peter Szondis weiterentwickelnd, Schleiermacher als »genetische[n] Strukturalismen] avant la lettre« bezeichnet . Frank erörterte, inwiefern Schleiermachers Hermeneutik aktuelle Streitigkeiten zwischen unterschiedlichen Literaturtheorien antizipiert: solchen, die sich an hermeneutischer Philosophie, und solchen, die sich an strukturalistischen Konzepten der Dekonstruktion des Textes und des Subjekts orientieren. So könnte seiner Hermeneutik als einem »Vermittlungsmodell« zwischen diesen gegensätzlichen Extrempositionen neue Bedeutung und Aktualität zukommen. Schleiermachers Hermeneutik ist weitangelegt, da ihr Gegensatz es erfordert, alle auf Denken und Sprechen bezogenen Disziplinen - die Dialektik, die Rhetorik und die Kritik - zu berücksichtigen. Ihre Sprachanalyse erfaßt Individuelles und Allgemeines, synchrone und diachrone Aspekte der Sprache und der Textsorten. Die Dialektik von grammatischer und psychologischer Interpretation schließlich umfaßt Bereiche, die heute durch den Konflikt zwischen Hermeneutik und anti-hermeneu-tischen Bewegungen von Poststrukturalismus und Dekonstruktion getrennt sind .
     

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