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Grundfragen der textanalyse

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Die hermeneutische Philosophie: Anwendung - Kritik - Transformation



7. / Martin Heideggers Phänomenologie -Ontologische Wende der Hermeneutik Martin Heideggers Hauptwerk »Sein und Zeit« versteht sich selbst als Versuch einer hermeneutischen Phänomenologie. Das Fundament der Diltheyschen Philosophie war das Postulat der Un-hintergehbarkeit des Lebens, der Lebenswelt gewesen. Grundlage der Heideggerschen Philosophie ist nun die Frage nach der Seinsgeschichte, nach dem »Sinn von Sein«, und das Postulat der Un-hintergehbarkeit der Sprache. Wir befinden uns, meint er, immer schon in geschichtlich verstandener, sprachlich erschlossener Welt. Auch philosophische und einzelwissenschaftliche Sprachen sind auf diesen Horizont der Alltagssprache bezogen und in ihrem Zusammenhang zu sehen.
      Heidegger entwickelt sein Verständnis von Verstehen und Auslegung im Paragraphen 32 seines Hauptwerks »Sein und Zeit«. Diese Explikation erfolgt im Kontext der Grundfrage nach dem Sinn von Sein. Dies ist doppelt zu verstehen, erstens als >sein< in der Verbbedeutung >existieren SeinDasein< doppelt, erstens als Bezug des Seins zum Wesen des Menschen und zweitens als Wesensverhältnis des Menschen zur Offenheit des Seins. Dasein des Menschen bezieht sich immer auf offene Möglichkeiten, nicht auf zufällig Aktuelles:
»Das Dasein entwirft als Verstehen sein Sein auf Möglichkeiten. Dieses verstehende Sein zu Möglichkeiten ist selbst durch den Rückschlag dieser als erschlossener in das Dasein ein Seinkönnen. Das Entwerfen des Verstehens hat die eigene Möglichkeit, sich aus-zubilden. Die Ausbildung des Verstehens nennen wir Auslegung. In ihr eignet sich das Verstehen sein Verstandenes verstehend zu. In der Auslegung wird das Verstehen nicht etwas anderes, sondern es selbst. Auslegung gründet existential im Verstehen, und nicht entsteht dieses durch jene. Die Auslegung ist nicht die Kenntnisnahme des Verstandenen, sondern die Ausarbeitung der im Verstehen entworfenen Möglichkeiten. Gemäß dem Zuge dieser vorbereitenden Analysen des alltäglichen Daseins verfolgen wir das Phänomen der Auslegung am Verstehen der Welt, das heißt dem uneigentlichen Verstehen und zwar im Modus seiner Echtheit.«
Der Vorgang des Verstehens ist also nicht mit einem Dekodie-rungsvorgang zu verwechseln, der einen verschlüsselten Text entschlüsselt, wo eine feststehende, immer gleiche Botschaft übermittelt wird. Gegenstand der Auslegung ist nicht ein Text, sondern das Dasein als eigenste, als höchste Möglichkeit der Art und Weise zu sein. Verstehen ist ein »Existential«, das heißt eine Grundbestimmung des Menschen, der sich im Verstehen Möglichkeiten des Seins erschließt. Eigentliches und uneigentliches Verstehen bedingen sich gegenseitig. Verstehen wird dann »eigentliches« Verstehen genannt, wenn es dem Selbst entspringt. Das »Un-« ist, wie Heidegger ausdrücklich ausführt, nicht abwertend gemeint. »Uneigentliches« Verstehen wird es genannt, wenn es sich auf die Welt bezieht. Verstehen in diesem Sinne muß sowohl vom Subjektpol als auch vom Objektpol aus akzentuiert werden. Im Grunde genommen ist keine Trennung der Pole möglich, wohl aber die präzise Auslegung der Subjekt-Objekt-Vermittlung notwendig. Zwar darf dieses Konzept mit der Auslegung von Texten nicht verwechselt werden, wohl aber steht es mit dieser in engem Zusammenhang. Verstehen als Existential ist dem Verstehen als Auslegung von Texten vorgeordnet. Der innere Zusammenhang beider wird deutlich anhand der Erläuterung der Termini »Vorhabe«, »Vorsicht« und »Vorgriff«:
»Die Auslegung von Etwas als Etwas wird wesenhaft durch Vorhabe, Vorsicht und Vorgriff fundiert. Auslegung ist nie ein voraussetzungsloses Erfassen eines Vorgegebenen. Wenn sich die besondere Konkretion der Auslegung im Sinne der exakten Textinterpretation gern auf das beruft, was >dastehtdastehtgesetztan sichhermeneutischen Zirkeh der Auslegung. Heidegger meint aber, daß das Bestreben, diesen Zirkel zu vermeiden, das Verstehen von Grund auf mißverstehen hieße. Entscheidend sei, nicht aus dem Zirkel heraus, sondern auf rechte Weise in ihn hineinzukommen. Er hält das Methodenideal konsequenter Subjekt-Objekt-Trennung für eine Fiktion und kann deshalb behaupten: »Mathematik ist nicht strenger als Historie, sondern nur enger hinsichtlich des Umkreises der für sie relevanten existentialen Fundamente.«
Heidegger kommt deshalb zu einer anderen und neuen Hierarchie der Erkenntnis. Er sieht weder eine Unterordnung historischen Verstehens unter das naturwissenschaftliche Erkenntnisideal noch,wie Dilthey dies getan hatte, eine Nebenordnung zweier verschiedener Formen des Erkennens, des historischen »Verstehens« und des naturwissenschaftlichen »Erklärens« , sondern er ordnet grundsätzlich die naturwissenschaftliche Form der Erkenntnis der historischen Erkenntnis als einer Abart von Verstehen unter, die ihre eigenen Voraussetzungen negiert. Das Objekt der Geisteswissenschaften hingegen wird vom Erkennenden zu großen Teilen selbst konstituiert. Welches Textobjekt eine Interpretin generiert, ist nicht unabhängig von ihrem Vorwissen. Diese Subjekt-Objekt-Konfundierung ist ein Hauptproblem der Textanalyse .
      Die sprachliche und begriffliche Prägnanz des Terminus »her-meneutischer Zirkel« ist allerdings mit guten Gründen kritisiert worden . Der »hermeneutische Zirkel« ist ja, wenn er eine Progression der Erkenntnis beschreibt und nicht nur einen Zirkelschluß darstellt, eher als Wendeltreppe oder Spirale zu beschreiben: Wir konstituieren aus unserer Weltsicht eine erste Vormeinung des Ganzen, analysieren die Teile, schließen von den Teilen aufs Ganze, um es prägnanter zu bestimmen, und konstituieren in der Folge im Rückschluß von diesem Ganzen die Teile neu. Die ontologische Hermeneutik Heideggers betrachtet die Methodologie der historischen Geisteswissenschaften als eine von dieser Hermeneutik abgeleitete Disziplin. Von kritischer Seite der analytischen Philosophie kann dagegen eingewendet werden, daß Verstehen in diesem Sinne keine Methode darstelle, sondern eine Weise, Auslegungshypothesen zu formulieren . Das Moment der Hypothesenprüfung aber fehlt: Diese Hermeneutik fördert zwar kritisches Reflexionswissen, enthält aber weder Hinweise noch Elemente einer Methodik der Validierung der Ergebnisse.
      Emil Staiger hat unter Berufung auf Heideggers Lehre »Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters« als Fundament des Verstehens betrachtet, das es erlaube, die Einheit im Mannigfaltigen einer Dichtung darzustellen. In seinem Aufsatz »Die Kunst der Interpretation« hat er exemplarisch eine Vollzugsform des hermeneutischen Zirkels der Literaturwissenschaft im genannten Sinne beschrieben. Der Aufsatz ist zu einem hermeneutischen Manifest der sogenannten »Stilkritik« oder der immanenten Deutung der Texte geworden. Texte sollen aus sichselbst verstanden werden - dies aber unter ausdrücklicher Voraussetzung des ausgebreiteten Wissens, »das ein Jahrhundert deutscher Literaturwissenschaft erarbeitet hat« .j. Verstehen im Kontext der Wirkungsgeschichte der Tradition:
Hans-Georg Gadamers Hermeneutik »Wahrheit und Methode« Hans-Georg Gadamers epochemachendes Werk »Wahrheit und Methode« steht ganz ausdrücklich und bewußt in der Nachfolge Martin Heideggers. Gadamer grenzt sich ebenso dezidiert gegen den Verstehensbegriff als Methodenbegriff ab wie gegen Diltheys Versuche einer hermeneutischen Begründung der Geisteswissenschaften. Er tut dies im Wissen, daß das für die traditionelle Hermeneutik eine Zumutung ist . Nicht durch die Trennung des Interpreten von seinem Gegenstand werde historische Erkenntnis möglich; vielmehr führe Heideggers Interpretation des Verstehens zu einer neuen Dimension der Hermeneutik:
»Die Zugehörigkeit des Interpreten zu seinem Gegenstande, die in der Reflexion der historischen Schule keine rechte Legitimation zu finden vermochte, erhält nun einen konkret aufweisbaren Sinn, und es ist die Aufgabe der Hermeneutik, die Aufweisung dieses Sinnes zu leisten. [...] Die allgemeine Struktur des Verstehens erreicht im historischen Verstehen ihre Konkretion.«
Gadamer übernimmt Heideggers Beschreibung und existentiale Begründung des >hermeneutischen Zirkels< und betont deren grundsätzlichen Unterschied zu seinem Verständnis sowohl gegenüber der Tradition Schleiermachers wie gegenüber der Sicht zeitgenössischer analytischer Philosophie noch stärker: »Der Zirkel von Ganzem und Teil wird im vollendeten Verstehen nicht zur Auflösung gebracht, sondern im Gegenteil am eigentlichsten vollzogen.« Dies sei weder eine Handlung der Subjektivität noch eine Anpassung an ein bestehendes Dogma, sondern bestimme sich aus der Gemeinsamkeit, die uns mit der Ãoberlieferung verbinde. Freilich sind in diesem Zusammenhang zwei schwer verständliche und häufig mißverstandene Begriffe zu klären, der »Vorgriff der Vollkommenheit« und die »Horizontverschmelzung« .
      Mit »Vorgriff der Vollkommenheit« meint Gadamer die alles formale Verstehen leitende Voraussetzung, daß nur das verständlich sei, was eine vollkommene Einheit von Sinn darstelle .

     
Schon hier kann man fragen, ob das für alle Textsorten, und wenn für literarische Texte, dann nur für die klassische Tradition gelte. Für Gadamer besteht der Vollzug des Verstehens darin, »in konzentrischen Kreisen die Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern« . Jacques Derrida hat als einer der einflußreichsten Vertreter antihermeneutischer Strömungen die bedenkenswerte Gegenfrage gestellt: »Kontinuierliche fortschreitende Ausweitung? oder nicht eher diskontinuierliche Umstrukturierung?« Beide Positionen können je nach konkretem Fall mit mehr oder weniger guten Gründen vertreten werden. Wenn Gadamer von Erweiterung des vorhandenen Sinnes spricht, setzt das allerdings mehr voraus, als man ohne Kenntnis des Gesamtkonzepts meinen könnte. Die Erweiterung des Sinns erfolgt im Kontext der Wirkungsgeschichte der Tradition. Gadamer betont, daß wir, mehr als wir wüßten, immer schon von der Tradition geprägt wären: »Es gibt so weder einen Gegenwartshorizont für sich, wie es historische Horizonte gibt, die man zu gewinnen hätte. Vielmehr ist Verstehen immer der Vorgang der Verschmelzung solcher vermeintlich für sich seiender Horizonte.« Der häufig mißverstandene, wohl auch nicht sehr glücklich gewählte Begriff der »Verschmelzung« meint weder ein unvermitteltes Zusammentreffen von gegenwärtigen und vergangenen Positionen noch gar eine konfuse Vermischung. Vielmehr bezeichnet er einen Prozeß der Konstituierung, der Abhebung von einem Gegenwartshorizont, der sich seiner Bildung durch die Tradition bewußt wird und an ihr seine Vorurteile erprobt, bis er im Prozeß des Verstehens den Horizont findet, der als höhere Allgemeinheit Gegenwärtiges und Vergangenes umfaßt. Am Ãoberlieferungsgeschehen teilhabend, werden die Verstehenden, dieses bestimmend, von ihm bestimmt.
      Gadamers Hermeneutik ist von verschiedenen Seiten kritisiert, aber auch von einflußreichen Strömungen der Literaturwissenschaft rezipiert und für die Entwicklung ihrer Methoden und Verfahrensweisen in Anspruch genommen worden. Emilio Betti grenzt sich in seiner »Teoria generale della interpretazione« und in »Zur Grundlegung einer allgemeinen Auslegungslehre« von der Heidegger-Gadamer-Tradition ab und entwickelt seine Auslegungslehre in traditioneller Weise als prozeßhaft sich entfaltende Subjekt-Objekt-Relation zwischen Interpret und sinnhaltigen Formen . Die Vorgeschichte dieser Position und eine reichhaltige Verarbeitung der Literatur zur historischen, philologischen, juristischen und theologischen Hermeneutik sind in imponierender Materialfülle dargestellt, so daß Bettis Buch auch für Leser von Interesse bleibt, die seine idealistischen Vorannahmen nicht akzeptieren können. Auch wenn Bettis Hermeneutik ihr Ziel, Objektivität verbürgende Regeln zu entwickeln, nicht erreicht, bleibt seine Problematik aktuell .
      Im Gegensatz zu, aber in produktiv-kritischer Auseinandersetzung mit Gadamer versucht Jürgen Habermas die Bedeutung der Hermeneutik für die Sozial Wissenschaften zu klären. Für Habermas bedeutet Verstehen freilich nicht Einrücken in einen Traditionszusammenhang, sondern den Gewinn eines »handlungsorientieren-den Selbstverständnisses« . Habermas wirft Gadamer vor, sein Konzept der Hermeneutik vermittle nicht nur Einsicht in die Vorurteilsstruktur des Verstehens, sondern rehabilitiere das Vorurteil als solches und verzichte damit auf die Kritik der Tradition durch Reflexion. Gadamer sieht den umfassenden Anspruch der Hermeneutik in der umfassenden sprachlichen Bestimmtheit der gesamten Kultur begründet. Habermas betrachtet dies als Universalitätsanspruch und setzt Gadamer seinen am Modell der Psychoanalyse entwik-kelten Begriff einer »Tiefenhermeneutik« und eine »emanzipa-torische Ideologiekritik« entgegen, deren Aufgabe es sei, systematisch verzerrte Kommunikation aufzuklären. Sinnverstehen ist auch für Habermas' Konzept von Sozialwissenschaft die Voraussetzung jeder Gewinnung wissenschaftlicher Daten .
      Gadamer kritisiert in seiner Replik die Ãobertragung des Arzt-Patienten-Modells der Psychoanalyse auf die Gesellschaft. Es erscheint ihm problematisch, ob die Kompetenz zur Bestimmung dessen, was als gesund oder krank zu bezeichnen sei, einer bestimmten Richtung der Sozialwissenschaft zuerkannt werden dürfe. Droht in diesem Fall nicht der Ideologiekritik die Gefahr, selbst ideologisch zu werden? Andererseits bleibt bei Gadamer die Frage offen, welches denn nun die Kriterien seien, die >richtiges< von >falschem< Verstehen der Tradition unterscheiden, und wie die normativ wirkende Autorität der Tradition zu begründen sei.
      Die Auseinandersetzungen um Hermeneutik und Ideologiekritik waren im historischen Kontext der Studentenrevolution und neo-marxistischer Renaissancen heftiger als heute, wo angesichts der poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Herausforderung das Gemeinsame wieder stärker hervortritt als das Trennende. Gadamer und Habermas sind sich einig in der Kritik des Positivismus. Habermas selbst hat von »Gadamers großartiger Kritik an dem objektivistischen Selbstverständnis der Geisteswissenschaften« gesprochen , und beide zeigen Gemeinsamkeiten in ihrer Kritik des Dekonstruktivis-mus . Beide betonen gegenüber der dekonstruktivistischen Vielfalt der Dimensionen nicht eindeutig bestimmbaren Sinns die »Einheit der Vernunft in der Vielfalt ihrer Stimmen« . Freilich bleibt eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit zwischen Gadamer und Habermas bestehen, die für jede Methodik der Geistes- und Sozialwissenschaften, insbesondere aber für die Literaturwissenschaft von großer Bedeutung ist. Im Gegensatz zur radikalen Kritik der Methode bei Gadamer relativiert Habermas die scharfe Polarisierung von geisteswissenschaftlichem »Verstehen« und naturwissenschaftlichmethodischem »Erklären«. Durch Sprachzeichen vermittelte Erkenntnis bedarf sowohl des interpretierenden Verstehens als auch der methodisch geregelten Kritik und Erklärung der Bedeutungsund Sinnkonstitution .
      Eine gegenüber Gadamer kritische, traditionalistische Richtung vertritt Eric Donald Hirschs Hermeneutik »Validity in Interpretation« . Nachdem er »Wahrheit und Methode« als wichtigste Abhandlung über hermeneutische Theorie bezeichnet hat, die in diesem Jahrhundert in Deutschland hervorgebracht wurde, versucht Hirsch gleichwohl, ihr innere Konflikte und Widersprüche nachzuweisen. Wenn Gadamer den Sinn schriftlicher Aufzeichnung grundsätzlich für identifizierbar und wiederholbar halte, lesendes Verstehen aber nicht als Wiederholen von etwas Vergangenem, sondern als Teilhabe an einem gegenwärtigen Sinn betrachte, dann widerspreche er sich selbst: »Damit scheint gesagt zu werden, daß der Sinn eines Textes mit sich selbst identisch und wiederholbar ist, im gleichen Atem aber, daß die Wiederholung eigentlich keine Wiederholung, die Identität eigentlich keine Identität ist.« Hirsch sieht den Text als eine von der Autorintention eindeutig bestimmte Substanz und Interpretation als Bedeutungszuweisung. Gadamer hingegen betont eine

Lösung des schriftlichen Textes vom Autor, der sich im Gegensatz zu mündlicher Rede sowohl vom Verfasser wie von eindeutiger Bestimmung des Adressaten löse . Deshalb sieht Gadamer Interpretation als nicht nur reproduktive, sondern auch produktive Handlung, die sich im dialektischen Prozeß der Horizontverschmelzung ereignet. Wie für viele andere ist dieser Begriff Gadamers auch für Hirsch ein Ã"rgernis:
»Denn wenn man einmal zugibt, daß der Interpret eine aus einer Verschmelzung hervorgegangene Perspektive, die sich von seiner eigenen, gegenwärtigen unterscheidet, annehmen kann, so gesteht man im Prinzip zu, daß er aus seiner eigenen Perspektive ausbrechen kann. Ist dies aber möglich, so zerschellt das Fundament der Theorie.«
Gadamer betrachtet und beschreibt diesen Prozeß als dialektischen Prozeß der gegenseitigen Konstitution und Transformation eines Gegenwarts- und Vergangenheitshorizonts, so daß der vergangene Text durch gegenwärtige Auslegung zum Sprechen kommt. Hirsch betrachtet dies als Versuch, die traditionelle Trennung von »subtilitas intelligendi« und »subtilitas explicandi«, der Kunst des Textverstehens und der Kunst, diesen Text anderen verständlich zu machen, aufzuheben. Er selbst sieht es als möglich an, linear fortschreitend diese Prozesse zu trennen. Ersteres wäre nach Hirsch, der mit dieser Trennung die Traditionen der Bibelhermeneutik des 18. Jahrhunderts wieder aufnimmt, Aufgabe der Literaturwissenschaft, die die objektiv rekonstruierbare Bedeutung bestimmt , während die Literaturkritik die Bedeutsamkeit für konkrete Leser in bestimmten historischen Situationen vermittle .
      Für Gadamer aber gibt es kein rein objektives Sinnverstehen, dem in konkretem Bezug auf je eine besondere Situation eine bestimmte Bedeutsamkeit zugeordnet werden könnte. Für ihn fallen Verstehen und Anwendung zusammen. Fraglich und umstritten ist also, ob eine Trennung dieser Akte überhaupt möglich sei. Vermitteln sie sich nicht gegenseitig ? Ist die Wahrnehmung des Textes nicht immer schon durch Lebenswelt und Erkenntnis mitbestimmt ? Wäre deshalb die von Hirsch genannte Reihenfolge nicht umzukehren ? Die von Hirsch stillschweigend vorausgesetzte Trennbarkeit der Akte setzt ja ein beide Aspekte immer schon umfassendes Verstehen voraus. Wäre eventuell nach Analyse dieses Vermittlungsprozesses ein objektivierbares Textkonstrukt zu gewinnen ? Hirsch postuliert ein sehr einfaches Prinzip der Bestimmung derobjektiven Bedeutung des Texts durch Rekonstruktion der Autorintention: »[...] das letzte Prinzip der Verifizierung ist jedoch sehr einfach: die imaginative Rekonstruktion des sprechenden Subjekts.«
Damit sind allerdings zwei Momente ausgeblendet, die kritische Einwände ermöglichen, die Lösung des Texts vom sprechenden Subjekt durch schriftliche Aufzeichnung und die besondere, durch Lösung vom direkt referentiellen Bezug charakterisierte Eigenart des literarischen Texts. In der Anmerkung zur zitierten Stelle bemerkt Hirsch: »Ich bringe hier absichtlich meine Sympathie für Diltheys Begriffe >Sichhineinfühlen< und >Verstehen< zum Ausdruck«. Freilich versucht er dieses Konzept mit modernen linguistischen Mitteln neu zu begründen, indem er die zwischen Autor und Lesenden vermittelnde Kategorie des »Genre« einführt. Gemeint ist damit »jener Sinn des Ganzen, durch den ein Interpret jeden der Teile des Ganzen in dessen Determiniertheit korrekt verstehen kann« . Nach Hirsch gehören alle gesprochenen und geschriebenen Sprachakte zu einer begrenzten Anzahl von Genres, die durch die Normen und Konventionen früheren Sprachgebrauchs determiniert wurden:
»Jede kommunizierbare Ã"ußerung gehört zu einem so definierten Genre; es kann in kommunizierter Sprache kein wirklich neues Genre geben, da aus sprachlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten sogenannte neue Genres stets Erweiterungen und Variationen bestehender Normen und Konventionen sind.«
Das Autor und Interpret gemeinsame System von Konventionen der Sprache und des Sprachgebrauchs ermöglicht die Objektivier-barkeit des Sinns. Es läßt aber die Frage offen, ob damit literarische Texte nicht auf konventionelle Sprachmuster reduziert würden, so daß mit dieser Kategorie des »Genres« allenfalls eine Hermeneutik normierter Gebrauchstexte, nicht aber eine solche literaturwissenschaftliche Theorie der Interpretation begründet werden könnte, die auch die Aktivität und Produktivität der literarisch Lesenden einbezöge .
      Ein Grundproblem der Bedeutungs- und Sinnkonstitution ist in diesem theoretischen Ansatz überhaupt nicht berücksichtigt worden, die Tatsache nämlich, daß diese Konstituierungsvorgänge bei verschiedenen Textsorten und je verschiedenen Kommunikationsmodi je verschieden sind. Hirsch reduziert diese Problematik aufden durch den Autorwillen initiierten, durch gemeinsame Kenntnisse der Genre-Konventionen von Autor und Leserinnen garantierten Transport identischer Bedeutung. Eine vielleicht produktivere Lösung erörtert die Konstanzer Rezeptionsästhetik.
      7.J Die ideologische Beziehung Werk - Leser im historischen
Kontext: Die Konstanzer Rezeptionsästhetik In produktiver, differenzierterer, aber nicht unkritischer Weise ist Gadamers Hermeneutik in Konstanz rezipiert worden. Hans Robert Jauß folgte in seiner Konstanzer Antrittsvorlesung »Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft« Gadamers Kritik des historischen Objektivismus .
      Jauß übernimmt Gadamers Prinzip der Wirkungsgeschichte und der Horizontverschmelzung. Er versucht, Produktions- und Darstellungsästhetik in einer Rezeptions- und Wirkungsästhetik zu fundieren, indem er die Literaturgeschichte als Prozeß der Rezeption von Texten durch Leser und als Prozeß der Wirkung von Texten auf Autoren betrachtet. Literaturgeschichte hat dann nicht eine identische Bedeutung von Texten zu rekonstruieren, sondern die historische Entfaltung eines Sinnpotentials zu beschreiben, das sich in der Rezeption aktualisiert und in der Wirkungsgeschichte immer wieder neu vergegenständlicht. Es ist dies ein Sinnpotential, das sich verstehendem Urteil erschließt, sofern es die Verschmelzung der Horizonte »in der Begegnung mit der Ãoberlieferung kontrolliert vollzieht« . Collingwood und Gadamer folgend versucht auch Jauß, einen Text zu verstehen, indem er die Frage zu verstehen sucht, auf die dieser eine Antwort ist; und er begründet die Forderung der Rekonstruktion des Erwartungshorizonts, den die Lesergesellschaft eines bestimmten Zeitraums gegenüber dem literarischen Text ins Spiel bringt . Im Gegensatz zu Gadamer aber sieht er das Klassische nicht als Norm, sondern nur als historisches Moment. Deshalb betrachtet er literaturgeschichtliches Verstehen nicht als ein Einrücken in ein Ãoberlieferungsgeschehen, sondern letztlich als Versuch, die Kluft zwischen Literatur und Geschichte zu überbrücken, »wenn sie im Gang der literarischen Evolution jene im eigentlichen Sinn gesellschaftsbildende Funktion aufdeckt, die der mit anderen Künsten und gesellschaftlichen Mächten konkurrierenden Literatur in der Emanzipation des Menschen aus seinen naturhaften, religiösen und sozialen Bindungen zukam« .

     
Jauß betont im Gegensatz zur traditionellen autorzentrierten Konzeption Hirschs die produktive Funktion des Lesers. Sein anglistischer Freund und Kollege Wolfgang Iser hat sich in seiner Konstanzer Antrittsrede »Die Appellstruktur der Texte« 1971 die Aufgabe gestellt, das Verhältnis von Text und Leser beschreibbar zu machen . Bedeutungen werden danach nicht als rekonstruierbare Substanzen betrachtet, sondern erst im Lesevorgang als Produkt der Interaktion Text - Leser generiert. Der literarische Text ist nach Iser von allen Texten zu unterscheiden, die einen vom Text unabhängig existierenden Gegenstand vorstellen oder mitteilbar machen. Der Text ist aber auch nicht bloße Projektionsfläche des Lesers. Er bietet vielmehr Einstellungen und Perspektiven, die die empirisch bekannte Welt verändern und verfremden. Daraus resultiert eine gewisse Unbestimmtheit, die der Leser auf unterschiedliche Weise verarbeiten kann. Wer den Text auf seine Erfahrung reduziert, normalisiert ihn und vernachlässigt damit die spezifisch literarische Qualität. Wer die Differenz wahrnimmt und produktiv verarbeitet, macht die eigentliche Qualität des literarischen Textes sichtbar. Ein solcher Text sei nie allseitig bestimmt, und diese Unbestimmtheit wachse in literarischen Texten seit dem 18. Jahrhundert. Es ist dies eine These, die er 1972 in seinem Buch »Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Beckett« belegt hat.
      Wenn die Textbedeutung allerdings erst in der Interaktion Text -Leser generiert wird, stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis Rezeption und objektivierende Analyse zu sehen seien. Wie weit gelingt es, Werksystem und Interpretationssystem zu trennen? Welche Kriterien adäquaten Verstehens sind denkbar? Eine kritische Diskussion der Theorie und praktische Beispiele finden sich in Rainer Warnings Reader »Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis« und in Gunter Grimms »Rezeptionsgeschichte« . In seinem Buch »Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung« betrachtet Iser den Text gleichsam als Partitur, die der Leser, indem er dem im Text vorgezeichneten Aktcharakter des Lesens folgt, konkretisiert. Die Leserin agiert als gleichsam »wandernder Blickpunkt« , der sich durch den Text bewegt, durch immer wieder neue Vor- und Rückgriffe neue Relationen schafft und neue Bedeutungsspielräume und Leerstellen wahrnimmt. Der Autor schreibt sich durch die Rezeptionsdisposition, auf die der Text angelegt ist, und durch die Brüche und Leerstellen ermöglichende Segmentierungund Perspektivierung des Texts in den Text ein. Der Leser konkretisiert diese Aktstruktur des Lesens und konstituiert im Rahmen dieser Spielräume und Lücken Bedeutung und Sinn.
      Isers phänomenologisch inspirierte Untersuchung des Leseaktes wie Hans Robert Jauß' »Ã"sthetische Erfahrung und literarische Hermeneutik« machen beide mit exemplarischen Fallstudien deutlich, wie sehr eine Hermeneutik, die Interpretation als Bedeutungszuweisung betrachtet, die differenzierte ästhetische Erfahrung reduziert. Kritische Stimmen meinten allerdings, daß solch differenzierte Analyse der Leseerfahrung unweigerlich im Subjektivismus individueller Reize und Reaktionen ende . Dies führte Jauß dazu, Wirkung als das vom Text bedingte und Rezeption als das vom Leser bedingte Element der Konkretisation zu beschreiben. Natürlich bleibt dabei die von Vertretern einer autorzentrierten Interpretation gestellte Frage offen, welche Norm denn über richtige oder falsche Interpretation entscheide. Hans Ulrich Gumbrecht schlug deshalb vor, »im Rahmen einer deskriptiven Rezeptionsgeschichte die vom jeweiligen Autor intendierte Sinngebung als Hintergrund des Verständnisses und des Vergleichs von Sinngebungen über den von ihm produzierten Text zu benützen« . Alle Begründungen sind einleuchtend mit Ausnahme der ersten und grundlegenden Voraussetzung, der Behauptung nämlich, die vom Autor intendierte Sinngebung sei leicht und unabhängig von den Voraussetzungen der Literaturwissenschaft rekonstruierbar. Damit würden grundsätzliche Einwände, die die Rezeptionsästhetik mit Gadamer gegen die alte Hermeneutik moniert hat, zumindest relativiert. Praktisch dürfte sich die Rekonstruktion der vom Autor intendierten Sinngebung nur bei Verfassern rhetorischer Texte mit eindeutiger Wirkungsintention und Verwendungsfunktion ergeben . Ich würde statt dessen vorsichtiger vorschlagen, die Zeichenrelationen, die auf Rezeptionsdispositionen verweisen, als Indizien eines vom Autor intendierten Potentials möglicher Sinngebung zu interpretieren . So kann zwar keine Norm, wohl aber ein Vergleichsgegenstand gegenüber anderen Sinnbildungen konstituiert werden, der zusammen mit den von Karlheinz Stierle postulierten historisch-systematischen Rezeptionsmodellen Stufen der Adäquatheit von Rezeptionen und Interpretationen zu qualifizieren erlaubt. Wir könnten Rezeptionsformen, die das Wahrgenommene unreflektiert nach privaten Erfahrungsnormen konkretisieren, historische Analysen, die die im

Text angelegte Rezeptionsdisposition rekonstruieren, und rezeptionsgeschichtliche Analysen und Interpretationen unterscheiden.
      Die Konstanzer Rezeptionsästhetik hat die Literaturwissenschaft zu einer historischen Kommunikationssoziologie entwickelt, die mit Gadamer die Vorstellung eines unabhängig vom Prozeß des Verstehens existierenden Objekts des Verstehens negiert, aber gegen Gadamers Negation der Methoden die durch -> Formalismus und Strukturalismus bereitgestellten analytischen Instrumente einsetzt, um die Steuerung der literarischen Kommunikation durch die Wirkungen des Textes zu analysieren und Aufnahme und Wirkung der Werke im objektivierbaren Bezugssystem zur Lesererwartung zu beschreiben, das sich aus dem Vorverständnis der -> Gattungen und dem Gegensatz von poetischer und praktischer Sprache ergibt.
      7.4 Auf der Suche nach Wahrheit mit Methode: Paul Ricceur Im Gegensatz zu Gadamer, der die durch die moderne Linguistik und Literaturtheorie bereitgestellten Methoden weitgehend ausklammert, bezieht die hermeneutische Philosophie Paul Ricceurs diese in weitestem Umfang ein. Sein Buch »De l'interpretation« ist zwar eine Abhandlung über Freud, enthält aber schon in der Einleitung ein Kapitel über das Gebiet der Symbolinterpretation. In seinem Beitrag für die Festschrift Gadamer analysiert er die für die literaturwissenschaftliche Hermeneutik grundlegend wichtige Differenz von mündlicher Rede und schriftlichem Text , indem er die unterschiedlichen Relationen von Sprecher und mündlicher Rede und Autor und Text, von Sprechenden und Angesprochenen, von Autor und Adressat, schließlich von mündlicher und schriftlicher Sprache und Wirklichkeit klärt. Durch Verschriftlichung löst sich der Autor von seiner Rede, gewinnt der Text eine gewisse Autonomie, transzendiert sich der Autor durch die Perspektivierung zunächst des literarischen Textes. Während die mündliche Gesprächssituation auf eindeutige Adressaten verweist, ist der schriftliche Text im Prinzip unendlich großer Leserschaft offen und deshalb vielfältig interpretierbar. Im Gegensatz zum beschreibenden Sachtext, der wie die mündliche Rede auf eine bestimmte wirkliche Situation verweist, eröffnet der literarische Text einen Raum der Einbildungskraft, der zwar auf eine charakteristische Welt verweist, diese aber nicht wie der Sachtext oder der historische Quellentext raumzeitlich eindeutig bestimmt . Der


Autor berücksichtigt diese dreifache Distanzierung mehrfach: indem er den Text so formuliert, daß er für sich selbst spricht, indem er die Redesituation mindestens durch Anzeichen skizziert und indem er eine spezifische Rezeptionsdisposition schafft. Diese soll dem Kommunikationsmodus einer bestimmten Gattung, eines Genres des Texts entsprechen und doch - im Falle eines literarischen Textes ersten Ranges - dem Text so viel Universalität zugestehen, daß er in verschiedensten historischen Epochen durch verschiedenste historische Leser rezipierbar bleibt . Textproduktion ist bei Ricceur durch Distanzierung und Dekontextualisierung charakterisiert. Diese sind Voraussetzung für universale Rezeption des Textes und Ursache des Bedürfnisses nach Interpretation.
      Ricceurs Konzept verarbeitet umfangreich strukturalistische Ansätze der Erklärung syntaktischer und semantischer Relationen des Textes und strukturale Methoden einer Relationierung der im Text verbundenen Sprachhandlungen . Im Gegensatz aber zu einem -> Strukturalismus, der Sprache als System von Zeichen und Regeln, der vor allem die »langue«, den Systemcharakter der Sprache analysiert, beschäftigt sich Ricceur mit der Semantik und Funktion der Texte im konkreten historischen Kontext. Ricceur entwickelt eine doppelte Front gegen den methodischen Rigorismus rein technischer Wissenschaftsrationalität einerseits und gegen eine antimethodische Ontologie andererseits. Er versucht, analytische Methodik und hermeneuti-sches Reflexionswissen mittels einer Dialektik von Verstehen und Erklären zu verbinden. Verstehen und Erklären betrachtet er als relative Momente eines Interpretation genannten komplexen Prozesses.
      Ein zweiter Sammelband mit Beiträgen zur Theorie und Praxis der Interpretation behandelt sowohl Probleme der Tradition hermeneutischer Philosophie, der Texthermeneutik, als auch der Ideologiekritik . Für die Literaturwissenschaft von größter Bedeutung aber sind seine Studien über die Metapher und vor allem das in drei Teilen vorliegende Hauptwerk »Temps et recit« . Im zweiten und dritten Teil analysiert Ricceur die Zeitstrukturen historischer und fiktionaler Texte und legt Beispielanalysen und
Interpretationen von Romanen Virginia Woolfs, Thomas Manns und Marcel Prousts vor. Im dritten Band erläutert Ricceur auch das Verhältnis zwischen Werk und Leser, angeregt und in Auseinandersetzung mit Jauß, Gadamer und Iser. Entsteht das Werk nach Ricceur durch Distanzierung , durch Lösung des Texts vom Autor, so versteht er in spiegelbildlicher Entsprechung Interpretieren als Aneignung . Er bezieht sich auf den durch Gadamer neu bestimmten, pietistischer Hermeneutik entstammenden Begriff der Applikation als integrierenden Bestandteil jedes hermeneutischen Prozesses. Während Ricceur den impliziten Autor als Maske des wirklichen Autors betrachtet, der im Werk verschwindet, indem er sich zur narrativen Stimme macht, betont er, daß der implizite Leser erst im wirklichen Leser Gestalt gewinne. Isers Analysen des Leseakts und Jauß' rezeptionsgeschichtliche Ã"sthetik aufgreifend, beschreibt er die Interaktion zwischen Text und Leser als Dialog mit mehreren Phasen verschiedener Qualitäten der Lektüre, von der wahrnehmend genießenden Rezeption vorerst noch unbestimmter Bedeutungselemente zur Thematisierung der provozierten Fragen der Bedeutung, schließlich zur Frage nach dem historischen Horizont des Textes, um endlich die Frage: >Was sagt der Text ? Auf welche Frage war er eine Antwort ?< in die Frage überzuführen: >Was sagt mir der Text ? Inwiefern greift er ein in mein Leben ? Inwiefern bewegt er nach Prozessen der Wahrnehmung, der Identifikation und Verfremdung der kathar-tischen Wirkung nicht nur Reflexion und Selbsterkenntnis, sondern wirkt durch die Schaffung neuer Werte und Normen, die der herrschenden Moral entgegenstehen oder sie erschüttern, auch auf mein Handeln im wirklichen Leben ?<
Ricceurs Versuch hat vorerst vor allem im französischen Sprachbereich sowohl Zustimmung wie Kritik ausgelöst , ist aber selbst von Vertretern analytischer Philosophie in Deutschland positiv aufgenommen worden, da hermeneutisches Verstehen »so nicht von den methodischen Erkenntnissen der Einzelwissenschaften getrennt, sondern darauf bezogen« wird .
     

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