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Grundfragen der literaturwissenschaft

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Wissenschaftstheoretische Voraussetzungen der Texterschließung



Die Literatur spricht - darstellend, exemplifizierend und ausdrük-kend, verallgemeinernd und typisierend, metaphorisch, symbolisch, allegorisch usw. - über die Welt. Die Literaturwissenschaft und als ihr zentraler Bestandteil die Interpretation spricht - möglichst buchstäblich und genau - über die Literatur. Die Wissenschaftstheorie bzw. literaturwissenschaftliche Methodologie spricht - auch möglichst buchstäblich und genau, wenn auch riskanter - über die Wissenschaften bzw. die literaturwissenschaftlichen Tätigkeiten. Und metameta-theoretisch kann man natürlich auch über den Status der Wissenschaftstheorie sprechen.
      Das wissenschaftstheoretische Programm einer rationalen Kon-struktion und kritischen Revision der Wissenschaftspraxis bedeutet für die Methodologie der Literaturwissenschaft, daß sie zunächst angewiesen ist auf eine Bestimmung des spezifischen Gegenstands dieser Wissenschaft selbst. Insofern impliziert sie stets eine Ã"sthetik bzw. Literaturtheorie. Denn nur auf dieser Basis kann sie ihre zentrale Aufgabe, nämlich die Klassifikation, Abgrenzung, Systematisierung und normative Reflexion der wissenschaftlichen Verfahrensweisen, überhaupt übernehmen.
      Erklären und Verstehen
Die zentralen Kategorien der neueren Wissenschaftsphilosophie sind die des Erklärens und des Verstehens. Die logisch-empiristische Wissenschaftstheorie hat nun versucht, ein universales Modell wissenschaftlicher Erklärungen aufzustellen, das sowohl für die Naturwissenschaften wie für die Sozial- und historischen Wissenschaften gelten soll: « Eine kausale Erklärung eines bestimmten spezifischen Ereignisses zu geben, heißt einen Satz, der dieses Ereignis beschreibt, aus zwei Arten von Prämissen abzuleiten: aus universalen Gesetzen und aus singulären Sätzen, die wir die spezifischen Randbedingungen nennen können.» Während aber dem Naturwissenschaftler primär an der Aufstellung möglichst allgemeiner Theorien bzw. deren experimenteller Erprobung gelegen ist, also an der Bestätigung der Prämisse des universalen Gesetzes durch das gefolgerte spezifische Ereignis, ist der Historiker umgekehrt an der Erklärung besonderer Ereignisse oder Ereignisreihen und -komplexe interessiert. In der naturwissenschaftlichen Erklärung gilt das einzelne Ereignis nur als typisches, generisches, nicht wie in den historischen Wissenschaften als individuelles, das gerade in seiner Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit zu erfassen ist. Eine solche Erfassung aber ist zunächst ein Akt der Interpretation, die jeder Identifikation, Klassifikation, Benennung, sogar der sinnlichen Wahrnehmung vorausgeht. Das Verstehen ist seinerseits Voraussetzung der Erklärung, das Was-Verstehen Voraussetzung des Warum-Verstehens, und man kann den skizzierten Antagonismus vielleicht dadurch beseitigen, daß man die beiden Verfahren als Antworten auf je verschiedene Fragen ansieht. Verstehen und Erklären wären also weder Konkurrenten noch Alternativen, sondern komplementär. Da nun aber geschichtliche Darstellungen vor allem auch der Mitteilung von Tatsachen dienen,d. h. sagen, was gewesen ist oder wie es gewesen ist, sind Erklärungen, d. h. das Sagen, wie es dazu gekommen ist, faktisch zumeist in Beschreibungen, Interpretationen und Erzählungen verflochten; und umgekehrt setzen Erzählungen, insofern sie ordnen und systematisieren, in der Regel Erklärungen voraus.
      Dafür ein Beispiel. Wilhelm Scherer setzt in seiner Literaturgeschichte von 1883 Goethes «Werther» zu Rousseau in Beziehung und schreibt in diesem Zusammenhang: «Im weht, wie in allen Schriften Rousseaus, ein wahrhaft revolutionärer Atem.» Dieser Satz enthält zunächst eine Interpretation, nämlich die - im folgenden an Sprache, Stil, Gedanken und politischer Intention erläuterte - Charakterisierung des «Werther» als «revolutionär»; aber diese Interpretation ordnet den «Werther» in einen allgemeinen geschichtlichen Kontext ein und insinuiert insofern zugleich eine Erklärung. Die erklärende Bezugnahme auf die Schriften Rousseaus taucht wiederum als Parallelisierung auf und wird zudem ihrerseits in den interpretativ-er-klärenden Kontext des Revolutionären hineingestellt. Das «wahrhaft » schließlich akzentuiert und wertet zugleich.
      Aus dem tatsächlichen Ineinander verschiedener Verfahrensweisen folgt jedoch nicht die Unmöglichkeit ihrer logischen und funktionalen Differenzierung. Sonst bestünde die Gefahr, daß die Reduktion von Objektivität auf Interaktion oder die Aufhebung des Wahrheitsanspruchs an Interpretation dazu führt, daß in der intimen Kommunikation mit dem Vergangenen, in der aktualisierenden Aneignung des anderen, zugleich die Eigentümlichkeit und damit gerade die Produktivität des Fremden verschwinden. Aus diesem Grund hat Dilthey an einem wenn auch auf intersubjektive Verständigung hin relativierten Objektivitätsanspruch der Geisteswissenschaften, der mit einem Verzicht auf einen Absolutheitsanspruch ja durchaus vereinbar ist, stets festgehalten. Objektivismus und Antidogmatismus waren für ihn und sind tatsächlich kein Widerspruch.
      Interpretation
Das Zentrum der Literaturwissenschaft ist die metasprachliche Explikation artikulierten Sinns, die Interpretation. Welche prinzipiellen Rahmenbedingungen lassen sich für sie angeben? Die sich zunächst stellenden Probleme sind die Frage der Anwendbarkeit der Wahr-falsch-Dichotomie sowie - damit zusammenhängend - das Postulat der Widerspruchsfreiheit.
     

Wahrheit
Das Postulat der Widerspruchsfreiheit besagt, daß Systeme wissenschaftlicher Aussagen - und auch Interpretationen sind solche Systeme - keine einander widersprechenden Sätze enthalten dürfen, da aus einer Kontradiktion, dem logisch Falschen, jeder beliebige Satz logisch folgt. Daß diese Alternative speziell der Literaturwissenschaft Schwierigkeiten bereitet, hat mehrere Gründe. Einer dürfte in der Eigenart des Gegenstands der Literaturwissenschaft, der schönen Literatur, liegen. Im Vergleich zu anderen Textsorten - z. B. wissenschaftlichen, die möglichst präzise darstellen, oder Gesetzestexten, die auf Eindeutigkeit zielen - zeichnen sich ästhetische Texte durch Ambivalenz, Polyvalenz, Mehrdeutigkeit aus. So liegt es nahe, über die nahezu topische Unausschöpfbarkeit des poetischen Sinns hinaus eine prinzipielle Unsagbarkeit des Sinns zu postulieren und den Sinn in der Vielfalt der faktischen Interpretationen aufgehen zu lassen.
      Dagegen läßt sich einiges einwenden: Die im Vergleich zu sog. ex-positorischen, Sach- und Gebrauchstexten vielfältigen symbolischen Funktionen ästhetischer Gegenstände machen diese nicht zu Mysterien und lassen sich, wie die Geschichte der Ã"sthetik und der Literaturtheorie zur Genüge zeigt, ihrerseits analysieren. So stellen Kunstwerke etwas dar, stellen Eigenschaften, die sie besitzen, aus, exemplifizieren sie und/oder drücken etwas, oft Gefühle, aus, exemplifizieren es metaphorisch, und zwar tun sie meistens alles dieses.
      Analoges gilt für die Analyse des einzelnen Werks. Zunächst ist individueller Sinn als individueller unsagbar. Individualitäten sind allenfalls - durch Namen - benennbar, charakterisiert werden können sie nur durch Eigenschaften bezeichnende Allgemeinbegriffe, und Allgemeinbegriffe treffen definitionsgemäß immer auch auf andere Gegenstände zu. Insofern sind Individualitäten nur beschreibbar, als sie als Durchschnitt verschiedenen allgemeinen Klassen gleichzeitig angehören. Jedes interpretatorische Modell ist eine Idealisierung6, deren Genauigkeit abhängig ist von der Vollständigkeit der Erfassung der spezifischen Eigenschaften des Textes und der Differenziertheit des zu dieser Erfassung zur Verfügung stehenden Vokabulars. Natürlich kann «keine kritische Erläuterung der inneren Metapher des Werks das Werk ersetzen, insofern die Beschreibung einer Metapher einfach nicht die Kraft der Metapher besitzt, die sie beschreibt» 7; aber dies ist auch nicht ihre Aufgabe und würde obendrein eine unnötige Verdoppelung bedeuten.
      Auch in bezug auf die Polyvalenz ist zu differenzieren. Es ist ein Un-terschied, ob eine Textstelle genuin ambig ist oder mehrdeutig in dem Sinn, daß sie mehrere konträre Deutungen zuläßt. Ersteres ist eine Eigenschaft des Textes und der Nachweis seiner Ambiguität eine interpretatorische Aussage, letzteres ist eine Schwierigkeit der Interpretation, und die Aussage über die Nicht-Nachweisbarkeit einer einsinnigen Interpretation ist eine meta-interpretative. Ambiguität im ersteren Sinn läßt sich ihrerseits eindeutig bestimmen, und jede Interpretation, die der Ambiguität nicht Rechnung trägt, ist falsch. Mehrdeutigkeit im letzteren Sinn ist ein bedauerlicher wissenschaftlicher Sachverhalt, und jede Interpretation, die von zwei gleichberechtigten Deutungsalternativen nur eine nennt, ist unvollständig. Jedenfalls ist es ein Kategorienfehler, aus , , d. h. gegensätzliche Deutungen vereinigende, oder

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