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Grundfragen der literaturwissenschaft

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Textsicherung und Textkritik



In den gängigen Hölderlin-Ausgaben liest der Leser die Verse 91 bis 93 der Hymne « Friedensfeier » so: «Viel hat von Morgen an, / Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, / Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.» In der von Hölderlin angefertigten, deutlich lesbaren Abschrift des Gedichts steht: « bald sind aber Gesang». Das Wort «wir» wurde von späteren Herausgebern eingefügt, wofür es durchaus gute Gründe gibt. In den üblichen Leseausgaben steht jedoch der veränderte Text, ohne daß irgend etwas auf diesen Sachverhalt hinwiese. Der gedruckte Text ist also an dieser Stelle von einem Herausgeber hergestellt, was über die Bedeutung des einzelnen Falls hinaus den Zweifel an der unproblematischen Gegebenheit von Texten weckt und die Aufmerksamkeit auf die oft stillschweigend vollzogenen Herstellungsarbeiten lenkt, auf deren Zuverlässigkeit wir vertrauen, wenn wir uns einem Text als Leser und Interpreten zuwenden.
      Der überlieferte und während der Überlieferung möglicherweise veränderte Text bildet nicht nur die Grundlage der literaturwissenschaftlichen, sondern auch der historischen, rechts- und nicht zuletzt religionswissenschaftlichen Arbeit. Textkritische Fragen stellen sich zudem in der Philosophiez, und eine besondere Tradition hat die kritische Bearbeitung des Notentextes in der Musik. Diese übergreifenden Probleme der wissenschaftlichen Sicherung von Texten haben in Osteuropa zur Entwicklung einer eigenen Disziplin, der Textologie, Anlaß gegeben, während in Deutschland die Textkritik dem jeweiligen Fach zugeordnet ist und die Diskussion allgemeiner Fragen zunächst von der Deutschen Forschungsgemeinschaft initiiert und organisiert wurde.
      Die textkritische Arbeit im einzelnen findet an den Arbeitsstellen der Textausgaben statt, die vorwiegend von Akademien und ähnlichen Institutionen, seltener von Universitäten veranstaltet werden. 1973 wurde eine « Arbeitsgemeinschaft philosophischer Editionen » gegründet, 1985 eine «Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition» . Sie ermöglicht den Austausch zwischen den einzelnen Disziplinen durch regelmäßige Tagungen und legt seit 1987 die Diskussionsbeiträge in dem Internationalen Jahrbuch für Editionswissenschaft «editio» vor.

     
Geschichte und Ziele
Das Fixieren menschlicher Äußerungen durch . Wie bei den Verzeichnissen der Lesarten alter Texte wurden die Abweichungen der verschiedenen Drucke vollständig angegeben. Damit fanden ohne Ausnahme die Unterschiede im Wortlaut Beachtung, die erst im Lauf der Überlieferung zustande gekommen waren, ob nun mit oder ohne Beteiligung des Autors. Daß dieses Verfahren angesichts der günstigeren Situation, von neueren Autoren durchaus Originalmanuskripte zu besitzen und daher die Entstehung der Texte darstellen zu können, der Überlieferungslage nicht angemessen war, hat Reinhold Backmann schon 1924 in einem wegweisenden Aufsatz kritisiert.
      Adäquate Formen, die Entwicklung eines Textes, der in einer mehrfach überarbeiteten Handschrift überliefert ist, dem Leser sichtbar zu machen, legte dann Friedrich Beißner mit der seit 1943 erschienenen « Großen Stuttgarter Ausgabe » der Werke Hölderlins vor. Ausgehend von der Idee, daß jeder neue Entwurf auf ein in sich vollendetes Kunstwerk ziele, stellte Beißner «das ideale Wachstum des Gedichts» vollständig und möglichst übersichtlich dar. Das Wort des Dichters soll von «Verderbnissen und Entstellungen» gereinigt vorliegen, der Leser das Entstehen mitdichtend verfolgen können. Kritisiert wurde an dieser Darstellungsweise, daß der in der Handschrift sichtbare Sachverhalt zu kurz komme. Nicht die Positionen der Varianten, der vom Autor im Verlauf der Entwürfe erwogenen Wendungen, nicht die Art der Korrekturen oder die zeitliche Abfolge der Schreibphasen werden erkennbar, sondern die vom Herausgeber immer schon gedeutete Entwicklung des Gedichts. Dagegen forderte Hans Zeller die Trennung von « Befund und Deutung »9; die Darstellung des Editors müsse sich bemühen, dem Leser die Handschrift rekonstruierbar zu machen. Ein entsprechendes Verzeichnungsverfahren legte er bei der Herausgabe der Werke C. F. Meyers vor. Der entscheidende systematische Fortschritt dabei war der Hinweis auf die Subjektivität des Herausgebers, auf andere Entscheidungsmöglichkeiten oder bleibende Unsicherheiten. Hängt der Leser hier weniger von den Deutungen des Editors ab, hat er sich auf ein äußerst kompliziertes Zeichensystem einzulassen, das den Text weitenteils Vers für Vers, selten in größeren Entstehungsabschnitten vorstellt. Beißners wie Zellers Argumente und Verfahrensweisen regten die Diskussion bis heute an und wurden zu Orientierungspunkten für vorliegende oder entstehende kritische Editionen .
      Damit ist die Spannweite bezeichnet, in der sich die Diskussion, deren Zentrum der Textbegriff bildet und in deren Verlauf die Edition sich von einer Technik zur Wissenschaft entwickelt, seit etwa 20 Jahren bewegt. Eine Reihe deutsch-französischer Kolloquien fand seit 1977 statt, der Dialog mit der anglo-amerikanischen Tradition blieb allerdings in Ansätzen stecken. Insgesamt hat die Diskussion wenig Abschließendes erreicht, nicht einmal eine verbindliche Fachsprache, was sich z. B. an der Auseinandersetzung um den Textbegriff zeigt, der weder nur mit der Beschreibung historischer und materialer Daten noch durch die Herausarbeitung des Kunstcharakters faßbar ist." Am zutreffendsten und folgenreichsten dürfte der Textbegriff sein, der den Text als dynamisches Phänomen versteht. Die Entwicklung eines

Werks hängt danach nicht von äußeren Voraussetzungen ab, wie einer vom Editor stillschweigend angenommenen Absicht des Autors, sondern entfaltet sich mit den verschiedenen Fassungen, vom Entwurf bis zur Letztfassung des Autors, ohne daß eine Fassung als der endgültige Text, die übrigen als Vorarbeiten angesehen werden. Die Textfassungen - «vollendete oder nicht vollendete Ausführungen eines Werks, die voneinander abweichen » J - stellen insgesamt den Text des Werks dar, wobei die Entwicklung wie die Eigenständigkeit gleichermaßen zu beachten sind. Dieser Textbegriff schließt auch das Verhältnis des Lesers zum Text ein, insofern ein Text nicht als eine ein für allemal bestehende, sondern als eine immer erneut wahrnehmend zu konstituierende Größe angesehen wird. Dadurch kommt die geschichtliche Komponente in den Blick: Der Text wird zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gelesen und wirkt auch verschieden. Als geschichtlicher löst er sich vom Autor; denn eine gedruckte Fassung, die so nicht beabsichtigt war, kann eine beachtliche Wirkung entfalten und derart zur Geschichte des Textes beitragen.
     
   Die Erfahrung mit den vorliegenden Editionen und die theoretische Diskussion darüber führten zu einer konsequenten Erneuerung der Textpräsentation in der «Frankfurter Ausgabe» der Werke Hölderlins . Die Handschriften werden hier vollständig fotomechanisch reproduziert, eine nach Arbeitsphasen typographisch differenzierte Umschrift gibt auf der gegenüberliegenden Seite die Entzifferung der Herausgeber und ihre Deutung des Schreibprozesses wieder. Daran schließt sich in «linearer Textdarstellung » die chronologische Abfolge der Textphasen, aus der der jeweils gültige Text einer Phase durch die Schrifttype hervorgehoben ist. Lassen sich «wesentliche Abweichungen»I unter den Texten der einzelnen Phasen feststellen, wird schließlich von jeder Fassung ein konstituierter Text gedruckt. Die sonst übliche Trennung von ediertem Text und Apparat ist damit aufgehoben, die Handschrift wird ebenso sichtbar wie die dynamische Entwicklung des Textes. Dem Leser gibt die fotomechanische Wiedergabe Gelegenheit, die Ergebnisse der Editoren zu überprüfen und zu revidieren; allerdings ersetzt in schwierigen Fällen selbst eine gute Reproduktion nicht die Handschrift.
      Ein derart differenziertes Verfahren läßt sich wohl nur für ein anders kaum zu erfassendes, nicht allzu umfangreiches Werk rechtfertigen. Demgegenüber wurden Konzepte entwickelt, Auswahlausgaben einiger vollständig dargestellter Werke eines Autors vorzulegen, die als exemplarisch für das Gesamtwerk gelten können. Spätestens hierwird deutlich, daß das Bedürfnis nach gesicherten Texten sich nicht außerhalb jeder Ökonomie und jenseits wirtschaftlicher Interessen bewegen kann.

      Aufgaben und Verfahren
Welche Arbeitsschritte sind nötig, um einen kritisch gesicherten Text herauszugeben ? Zunächst bedarf es der Ermittlung möglichst aller vorhandener Überlieferungsträger, d. h. der erhaltenen Handschriften, Drucke und, bei Autoren des zo. Jahrhunderts, der audiovisuellen Aufzeichnungen durch Anfragen bei Literaturarchiven und der Zentralkartei deutscher Autographen . Das entstehende Archiv wird neben den Originalen oder Reproduktionen der Werkhandschriften etc. die der Briefe und für die Textgeschichte wichtigen Dokumente enthalten sowie die Forschungsliteratur. Kataloge, bisher auf Karteikarten, künftig eher elektronisch gespeichert, ermöglichen das Auffinden der Überlieferungsträger zu einzelnen Werken, bieten Querverweise und verzeichnen Namen und Datierungen; liegen alle Überlieferungsträger zu einem Werk vor, ist der Arbeitsvorgang abgeschlossen, der traditionell als recensio bezeichnet wird.
      Bezüglich der abschriftlich überlieferten älteren Texte käme die Auswahl der begründbar dem Werk zuzuordnenden Lesarten und die Aussonderung von nicht Zugehörigem hinzu. Bei neueren Autoren sind in den Handschriften Eintragungen fremder Hände zu beachten, in den Drucken Eingriffe, die nicht auf den Autor zurückgehen. Sie reichen von Druckfehlern über die Normierung von Orthographie und Interpunktion - Hofmannsthals Gedichte wurden, trotz seines vehementen Protests, in den Buchausgaben von 1907 bis 1924 mit immer mehr Satzzeichen gedruckt - bis zur Umgestaltung des ganzen Werks oder Eingriffen der Zensur. Die kritische Prüfung der Überlieferungsträger sollte bei älteren Texten die im Laufe der Abschriften verderbten Stellen markieren, um eine begründete Verbesserung aufgrund anderer Zeugnisse oder einer Vermutung des Editors vornehmen zu können. Dies ist bei neueren Autoren dann nötig, wenn der edierte Text, also die Fassung, die repräsentativ für das Werk steht, auf einem Druck beruht, dem eine verlorene Reinschrift zugrunde gelegen haben muß und der erkennbare Fehler aufweist, die aufgrund der mit anderen Handschriften belegten Textentwicklung emendiert werden können.

     
Die Kriterien für die Auswahl einer repräsentativen Fassung haben sich im Laufe der Forschung verändert. Zog man im 19. und der ersten Hälfe des zo. Jahrhunderts die Ausgabe letzter Hand als letzte Willensäußerung des Dichters und < reifstes > Stadium des Werks vor, geht man heute vom Erstdruck als dem entscheidenden Schritt in die Öffentlichkeit aus und bietet bei Neufassungen wichtige Textstadien parallel. Die reinschriftliche Druckvorlage des Autors gilt als deutlichster Beleg seiner Absichten, sie wird häufig der Textkonstitution zugrunde gelegt; für den Erstdruck als der Gestalt, mit der der Text historisch zu wirken begann, sprechen auch rezeptionsgeschichtliche Argumente. Sahen es frühere Editoren als Auftrag an, einem oft schwer belegbaren Autorwillen zur Geltung zu verhelfen, bezieht man heute im Sinn eines dynamischen Textbegriffs die Autorisation auf alle Fassungen des Werks, an denen der Autor mitgewirkt hat. Ein Entwurf ist so lange die einzige autorisierte Fassung, bis er durch eine Neubearbeitung ersetzt wird; problematischer ist die Duldung von Druckfassungen , mit denen der Autor womöglich eine historische Gestalt seines Werks, die nicht nur auf ihn zurückgeht, akzeptiert.
      Die Edition von handschriftlichen Entwürfen und Aufzeichnungen, bei zu Lebzeiten ungedruckten Werken das einzig Vorliegende, setzt deren Entzifferung voraus. Das klingt banal, bildet aber in der Praxis meist die entscheidende Herausforderung der textkritischen Arbeit:
«Die Fähigkeit eines Editors zeigt sich darin , ein mit Korrekturen übersätes Manuskript zunächst in unberührtem Zustand sehen zu können, als unbeschriebenes Blatt Papier, um dann möglichst weitgehend erkennen und ermitteln zu können, wie dieses Blatt in einzelnen Arbeitsschritten mit , mit Buchstaben und Zeichen, bedeckt wurde, wie sich Teile dieses veränderten, andere konstant blieben, und warum das so war. Der Editor muß also den konkreten Entwicklungsprozess sehen, d. h. nachvollziehen können, und er muß ihn beschreiben und darstellen, d. h. deuten können.» I
Die Darstellung des entzifferten und nachvollzogenen Schreibprozesses bildet dann, wie oben beschrieben, den weiteren, nicht weniger anspruchsvollen Teil der editorischen Aufgabe.
      Besondere Probleme stellen Aufzeichnungen mündlicher Überlieferung wie Volkskunst oder szenischer Aufführungen mit Tonband, Film etc., die in Schrift übertragen werden sollen. Hörfehler, die Zuordnung zu Sprechern, die Schreibweise insgesamt und die Gliederung der Texte müssen hier bedacht werden. Liegt ein Text dagegen nur in Drucken vor, ist zu prüfen, welcher Wortlaut aus angeb-baren Gründen dem Werk am ehesten zugehören kann. Besonders im 18./19. Jahrhundert stellten Verlage ohne Wissen und Honorierung des Autors häufig Doppeldrucke her, die zwar im Erscheinungsbild der offiziellen Auflage entsprachen, jedoch häufig gravierende Fehler aufwiesen. Der Vergleich der Drucke kann aufgrund bestimmbarer Fehler erkennen lassen, was auf den Autor zurückdeutet und was nicht. Der Begriff des Textfehlers ist allerdings schwer definierbar. Eindeutige Druckfehler oder Sachirrtümer des Autors, die nicht korrigiert, sondern im Apparat erörtert werden, sind noch die überzeugendsten Beispiele für einen Problembereich, der damit bestimmt werden kann, daß ein Textfehler «im Zusammenhang seines Kontexts keinen Sinn zuläßt. In bezug auf die neuere Literatur ist zu verstehen als textspezifische Logik, als textinterne Struktur.» l Ob das vielzitierte Beispiel «er legte seine breite Stimme in Falten » I einen Fehler enthält, kommt auf Art und Entstehungszeit des Textes an; im Zweifel sollte der Editor nicht eingreifen.
      Für das mühsame Kollationieren, d. h. das Vergleichen von Drucken auf Abweichungen hin, wurden bereits vor etwa 50 Jahren Maschinen entwickelt/ Durch die Möglichkeit des automatischen Einlesens gedruckter Texte und mit der Erstellung einer Liste von Abweichungen bieten heutige Computer weitgehende Arbeitserleichterung. Liegt ein Text in mehreren vom Autor anerkannten Drucken vor, sollte die Textkonstitution dennoch auf einer Fassung beruhen und nicht durch Kontamination einen Wortlaut erstellen, der historisch niemals vorlag. Die Edition nachgelassener Werke bedeutet nicht nur das Entziffern der Handschriften, sondern Fragen nach der Zusammengehörigkeit von Entwürfen, der Reihenfolge von Textteilen, der hier besonders schwer zu ermittelnden Datierung der Blätter und der dem unfertigen Textzustand angemessenen Darstellung im Druck.
      Sind die Aufgaben der Textkritik zu differenzieren, wenn es sich um ältere, abschriftlich überlieferte Texte handelt oder um neuere, die als nachgelassene Handschrift, als Druck, als Manuskripte und Drucke oder mittels elektronischer Aufzeichnungsverfahren vorliegen, ist die Frage der Differenzierung nach literarischen Gattungen, nach der Besonderheit des Werks oder Eigenarten der Arbeitsweise des Autors umstritten. Die Edition eines Dramas stellt andere Probleme als die eines Gedichts, ein Versepos des 18. Jahrhunderts, von dem nur eine Abschrift und Drucke bekannt sind , andere als ein Roman des 20. Jahrhunderts, der weitenteils in nachgelassenen Entwürfen überliefert ist , ein

Autor, der nach langem Nachdenken zu schreiben beginnt, wird andere Handschriften hinterlassen als einer, dessen Werk sich auf dem Papier, mit dem Aufschreiben jedes Einfalls entwickelt.
      Diese Unterschiede begründen jedoch nicht prinzipiell andere Methoden der editorischen Arbeit; die Entzifferung und Darstellung des Schreibprozesses, die Ermittlung der Textgeschichte und die kritisch begründete Konstitution des Textes, wozu nach dem dynamischen Textbegriff alle Fassungen gehören, bilden stets die Hauptaufgaben. Sind diese erfüllt, kann das Manuskript, nach dem die Ausgabe gedruckt werden soll, hergestellt werden. Von hier an bietet die EDV Hilfen : z. B. die schnellere und bequemere Korrektur einzelner Stellen im eingegebenen Text, die automatische Erstellung von Registern oder schließlich das Einlesen von Drucken. Bei einfacher Seitengestaltung, z. B. fortlaufendem Prosatext, kann das gespeicherte Editionsmanuskript für die Buchherstellung direkt verwendet werden.
      Der entstehende Band wird nach der herkömmlichen Gliederung alle Teile einer kritischen Ausgabe, und zwar in dieser Reihenfolge enthalten: Text: edierter Text, eventuell mehrere Fassungen; Apparat: Editionsprinzipien, Entstehungsgeschichte, Überlieferung, Varianten, Zeugnisse, Erläuterungen, Register. Der aufgrund der ermittelten Textgeschichte edierte Text soll die genannte repräsentative FassungeN) des Werks bieten. Die Entstehungsgeschichte gibt Nachweise für die Datierung der Arbeitsphasen und beschreibt den Entstehungsprozeß. Der Abschnitt zur Überlieferung verzeichnet jeden Überlieferungsträger mit einer Sigle , beschreibt Aufbewahrungsort , Beschaffenheit und Anzahl der Blätter, Umfang des überlieferten Textes, nennt Datierungen, Eintragungen fremder Hand oder gibt die bibliographischen Daten zu einem Druck. Hier wird begründet, warum ein bestimmter Überlieferungsträger als Textgrundlage für den edierten Text gewählt wurde; sind Emendationen nötig, werden sie in einer Liste aufgeführt und begründet. Als Varianten werden die Abweichungen vom edierten Text verzeichnet. Größere Entwürfe sollen zusammenhängend dargestellt, einzelne Worte in bezug auf die Stelle, von der sie abweichen, geboten werden. Der edierte Text wird mit einem Zeilen- bzw. Verszähler versehen, so daß die betroffene Stelle genau zitierbar ist.
      Unter den Zeugnissen soll der Leser alle überlieferten Äußerungen des Autors und seiner Gesprächspartner zum jeweiligen Werk finden. Weniger Übereinkunft besteht hinsichtlich des nötigen Inhalts der Erläuterungen. Sie sollen dem Leser Verständnishilfen bieten, die auf deneingehenden Kenntnissen beruhen, welche der Editor vom Werkzusammenhang gewonnen hat, sie sollen jedoch nicht die Grenze zur Interpretation überschreiten, indem sie nur Gedeutetes, nicht Belegbares bieten. Erläutert werden Namen, Sachen oder sprachliche Eigenheiten, deren Bekanntschaft beim angenommenen Leserkreis nicht vorauszusetzen ist. Hinzu kommen Hinweise zur Form des Werks, besonders auf Quellen, die der Autor aufnahm, sowie auf den Weg, über den er sie sich aneignete; ähnliche oder identische Formulierungen in anderen Werken des Autors können genannt werden. Namen-und Sachregister, Verzeichnisse von Überschriften und Anfängen sowie ein Inhaltsverzeichnis erschließen die Ausgabe für den Benutzer.
      Liegt das Gesamtwerk eines Autors mit Briefen, Gegenbriefen und anderen Dokumenten in der skizzierten Weise ediert vor, spricht man von einer historisch-kritischen Ausgabe. Die kritisch ermittelte historische Textgestalt sollte bei der Übernahme in abgeleitete Ausgaben nicht nach heutigen Regeln < normalisiert >, d. h. in bezug auf Orthographie und Interpunktion verändert werden. Die Studienausgabe bietet neben dem Text Hinweise zu Entstehung und Überlieferung, eine Auswahl des Varianten Textes, Dokumente zur Wirkungsgeschichte und Erläuterungen, die eher interpretierenden Charakter haben oder auf Interpretationen verweisen. Eine Leseausgabe enthält den Text, dazu vielleicht ein Vor- oder Nachwort sowie Sacherläuterungen; sie verzichtet auf textkritische Erörterungen. In dieser Form liegt der bei weitem größte Teil literarischer Werke vor. Eine Studienausgabe wird in der Regel von den meisten < anerkannten > Autoren veranstaltet, während die aufwendige historisch-kritische Ausgabe einer geringen Anzahl vorbehalten bleibt.
      Verhältnis zur Interpretation
Mit dem gesicherten Text stellt die Edition die Grundlage für die Interpretation, die literaturwissenschaftliche Deutung, zur Verfügung. Die editorische Arbeit selbst enthält aber bereits Interpretation in dem spezifischen Sinn, daß das Entziffern von Zeichen ein Vorverständnis verlangt und somit die editorischen Erkenntnisse und Entscheidungen stets auch Ergebnisse von Deutungen sind. Die Interpretation der Handschrift ergibt die Konstitution des Textes , vom Text geht die Interpretation im allgemeinen Sinn aus. Die Erarbeitung der Textgeschichte eines Werks wird häufig neue Zusammenhänge er-kennen lassen, so daß Überlieferungsträger anders zugeordnet werden können, die vorausgesetzten Annahmen also revidiert werden müssen. Die Methoden der Editionstechnik bedürfen der Grundlegung durch diese Reflexion auf ihre Voraussetzungen, wenn sie über technische Arbeitsverfahren hinaus wissenschaftlich fundiert werden sollen.1'
Die Arbeit des Editors an den Überlieferungsträgern ist immer geleitet von der Vorstellung von dem zu erwartenden Text, die sich, ausgesprochen oder unausgesprochen, bei der Deutung der Handschriften, von der kleinsten Entzifferung bis zur Darstellung komplizierter Entwurfszusammenhänge, bei der Bewertung von Drucken oder der Fixierung von Mündlichem in Gestalt der vorgelegten Ergebnisse zeigt. Daß subjektiv und geschichtlich bedingtes Verstehen zur Interpretation von Überlieferungsträgern und damit zur Voraussetzung eines Textes gehört, soll aber nicht bedeuten, daß dieser willkürlich konstituiert werden darf. Ein Text wird um so mehr überzeugen, je präziser ein Editor das Voraussetzungsverhältnis von Befund und Deutung bei seiner Erarbeitung des Textes bedenkt, so daß sich Idee und Gegebenes, Werk- und Textbegriff wechselseitig korrigieren und derart

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