Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundfragen der literaturwissenschaft

Index
» Grundfragen der literaturwissenschaft
» Sinnfestlegung und Auslegungsvielfalt

Sinnfestlegung und Auslegungsvielfalt



Die Rolle des Interpreten und das Gespenst der richtigen Interpretation
Die Frage nach dem Auslegungsspielraum, den literarische Texte gewähren, ist eigentlich die Frage nach der Macht oder gar Allmacht des Interpreten. Die Geschichte der Textinterpretation demonstriert und illustriert in aller wünschenswerten Deutlichkeit, daß die Grenzen der in Texten das Werk nicht.
      Wichtiger allerdings als dieser wünschenswerte Einfluß des Dekonstruktivismus ist die Konsequenz, mit der die Kontextabhängigkeit aller Interpretation im Dekonstruktivismus herausgearbeitet ist. Was in der Rezeptionsästhetik und in anderen Theorien nur in Ansätzen entwickelt wurde, wird hier als unabdingbare Voraussetzung und Bedingung aller interpretatorischen Arbeit fixiert. Damit ist zugleich entschieden, daß die Auslegungsvielfalt nicht die Folge willkürlicher oder unkontrollierter Deutung ist, sondern notwendiges Ergebnis. An das Gespenst der richtigen Interpretation sollte jetzt auch von denen nicht mehr geglaubt werden, die keine Anhänger des Dekonstruktivismus sind. Daß es bislang noch von keinem einzigen Text die < richtige > Interpretation gibt, konnte bisher vielleicht noch mit dem Argument verteidigt werden, die adäquate Interpretationsmethode sei noch nicht gefunden. Der Dekonstruktivismus hat eines zeigen können, nämlich daß das Fehlen richtiger Interpretationen nicht durch inadäquate Interpretationstheorien, -methoden oder -modeile verursacht, sondern unvermeidliche Wirkung des Interpretierens selbst ist. Interpretationen erfolgen grundsätzlich von außerhalb der Texte liegenden Standpunkten, Perspektiven, Annahmen aus, produzieren darum von den gewählten Standpunkten, Perspektiven, Annahmen her profilierte Bedeutungen. Interpretationen entstehen aus einem Miteinander, aus einem Aufeinanderbeziehen von Text und Außertextlichem, von Textund Kontext. Das Problem der Sinnfestlegung wie das der Auslegungsvielfalt ist ein Problem der Anwendung der Kontexte, die im Vollzug der Interpretation mit dem Text verbunden werden.
      Die Kontextgebundenheit aller Interpretation kann man sich auch mit Ãoberlegungen verdeutlichen, die nicht aus dem Dekonstruktivis-mus, sondern aus der hermeneutischen Tradition hervorgehen, Ãoberlegungen, wie sie z. B. Paul Ricceur angestellt hat. Ricceur kommt zu Schlußfolgerungen, die in mancher Hinsicht denen des Dekonstrukti-vismus gleichen, indem er den Status schriftlicher Texte in ihrem Verhältnis zu mündlichen untersucht.
      Die schriftliche Fixierung eines Textes ist oder war zunächst nichts anderes als die Festlegung einer mündlichen Rede. Diese schriftliche Festlegung reduziert allerdings die zur mündlichen Rede gehörenden außertextlichen Kommunikationselemente . Schriftlich fixieren, schreiben schafft daher Distanz von der mündlichen Redeform. Dadurch werden die in die mündliche Kommunikation eingebundenen Rollen von Sprecher und Hörer geschwächt. Und dadurch wiederum wird auch die in der mündlichen Rede sich akzentuierende Sprecherintention bei zunehmender Schriftlichkeit in zunehmendem Maße schwächer, immer weniger leicht erkennbar, bis sie schließlich gänzlich verschwindet. Schriftlichkeit beraubt den Text seiner ursprünglichen kommunikativen Umgebung, sie ihn. Will man den schriftlichen, ursprünglich mündlichen Text rezipieren, muß man ihn . Die Rekontextualisierung ist nötig, weil der Text ohne sie nicht zu < verstehen >, nicht zu interpretieren ist. Die Rekontextualisierung ist jedoch nicht als etwas nur wohl oder übel Notwendiges aufzufassen, als etwas Negatives, das die eingetretene Verfremdung wieder aufheben muß, mit der Rekontextualisierung sind auch positive und fruchtbare Konsequenzen verbunden. Sie nämlich schafft die Voraussetzung dafür, daß Texte auch in anderen als den originären Kontextsituationen rezipiert werden können. Denn die Rekontextualisierung muß nicht notwendigerweise in der Rekonstruktion der ursprünglichen Kommunikationskontexte bestehen.
      Gesteigert wird die kommunikative Verfremdung bei solchen Texten, die nicht als schriftliche Fixierung vormals mündlicher Rede entstehen, sondern die von vornherein als schriftliche entworfen werden. Sie existieren von Anfang an als dekontextualisierte Texte. Sie richten sich daher auch nicht mehr an bestimmte Leser oder Empfänger, sondern an «ein Publikum, das im Prinzip jeden umfaßt, der lesenkann » 4. Ihren Höhepunkt findet die Distanzierung von einer konkreten Kommunikationssituation nach Ricceur im fiktionalen literarischen Text. Er gewinnt als « Projektion einer Welt» oder als «vorgeschlagene Welt» definitiven autonomen Status, er wird zum «Werk ». Das Werk, als Repräsentant einer eigenständigen Welt, kennt keinen Sprecher mehr, der eine bestimmte Botschaft mit bestimmten Intentionen vermitteln will. An die Stelle des Sprechers ist der Autor getreten, der Schöpfer der Welt des Werks. Darum ist es nicht mehr Aufgabe des Lesers oder Interpreten, die Intention eines Sprechers zu rekonstruieren, sondern sich der Welt des Werks zu konfrontieren. Das literarische Werk appelliert nach Ricceur nicht mehr an konkrete, genau zu identifizierende Wirklichkeit, es richtet sich vielmehr auf die «Lebenswelt» des Rezipienten, der sich der Tatsache bewußt sein muß, daß im literarischen Text die « Referenz i. Grades» durch eine «Referenz 2.. Grades» ersetzt ist.
      Literarische Werke werden erst zugänglich, erhalten Sinn und Bedeutung, wenn sie im Akt der Lektüre oder Interpretation rekon-textualisiert werden. Die Rekontextualisierung zielt dabei nicht auf die Wiederherstellung eines ursprünglichen, durch die schriftliche Fixierung ausgeblendeten Kontextes, wie es bei nichtliterarischen Texten der Fall sein kann, zum Beispiel bei Briefen. Der literarische Text besitzt oder besaß keinen Lesers, der also keine professionelle Interpretation anstrebt, bedarf des Kontextes, damit der Text lesend gedeutet werden kann. In der Regel wird dieser Kontext durch die Lebenswelt des Lesers geprägt. Und dieser lebensweltliche Kontext besteht meist aus einer vielschichtigen Mischung aus persönlichen Erfahrungen, persönlichem Wissen, eigenen Leseerinnerungen und all-gemeingesellschaftlichen Faktoren, wie sie Beruf, Familie, Erziehung u. a. produzieren. Derartige lebensweltliche Kontexte können wiederum in der Perspektive bestimmter übergreifender Leseziele eingesetzt werden. Denn man kann mit sehr unterschiedlichen Absichten lesen: um sich zu entspannen, um zu lernen, um sich bestimmte Wünsche zu erfüllen usw. Leseziele oder -attitüden dieser Art legen die Weise fest, in der mehr inhaltlich orientierte Kontexte angewandt werden. Wie dieser Vorgang auch im einzelnen aussehen mag, das Resultat der Privatlektüre ist in den weitaus meisten Fällen eine mehr oder weniger subjektive Deutung, eine jedenfalls nicht systematisch erarbeitete, eine eher spontan entstehende Bedeutung.

     
   Nicht spontan in diesem Sinn sind Kontextbildung und -einsatz, die der professionelle Interpret vornimmt. Auch bei ihm gibt es allerdings etwas, das mit der Leseattitüde oder dem Leseziel des Privatlesers verglichen werden kann. Der berufsmäßige Interpret führt seine Interpretation gemeinhin als Kommunikationsbeitrag aus, der an Fachgenossen gerichtet ist, der andere überzeugen will, der sich häufig auch mit den Deutungen anderer kritisch auseinandersetzt. Dieser Kommunikationscharakter der - gewöhnlich schriftlich fixierten - Interpretation ist nicht ohne Einfluß auch auf Auswahl und Einsatz der Kontexte, nicht ohne Einfluß auch auf die Argumentation in der eigentlichen Deutung, auf die Präsentation der Resultate. Was an der Deutung des Privatlesers für diesen implizit, unausformuliert oder von selbstverständlicher, darum nicht notwendig zu prüfender Geltung bleiben kann, muß in der professionellen Interpretation explizit gemacht werden. Bereits daraus ergeben sich für die berufsmäßige Interpretation Eigenschaften, die sie von der privat-spontanen Deutung markant abgrenzt.
      Weichen hier professionelle Interpretation und Privatdeutung - die letzte könnte man vielleicht, um sie von der Interpretation zu unterscheiden, < Rezeption> nennen - voneinander ab, in anderer Hinsicht kennen sie wieder Ãobereinstimmungen. Es sind Ãobereinstimmungen, die die Anwendung der Kontexte betrifft. Der Einsatz eines bestimmten Kontextes garantiert nicht automatisch auch bestimmte, in jedem Fall vorhersagbare Sinnfestlegungen. Damit ist nicht gemeint, daß jeder Interpret den Kontext anders verstehen kann, daß der eine ihn strikter mit dem Text verknüpft als der andere, so daß die jeweils erreichten Bedeutungen aus diesen und ähnlichen Gründen differieren. Derartige Divergenzen, die verschiedenartigem Gebrauch des Kontextes entspringen, lassen zwar trotz aller Gleichgesinntheit über den

Kontext als solchen verschiedene Bedeutungen entstehen; doch sind die Unterschiede nicht von der Art, daß die Interpreten sich nicht doch verständigen könnten. Die Bedeutungsunterschiede sind Gradunterschiede innerhalb eines prinzipiell anwesenden Konsensus. Einschneidender sind Unterschiede anderer Art beim Einsatz des Kontextes. Man kann den Text nämlich in dessen Verlängerung deuten, aber auch in einem kritischen Verhältnis zu ihm. Die Bedeutung etwa, die man Kafkas Romanen zuerkennt, wird sehr unterschiedlich sein, je nachdem, ob man die Werke als eine weitgehend zutreffende Wiedergabe der Wirklichkeit deutet oder als verzerrende beruhe. Dem entspricht zunächst die gradlinige und konsequente Handlungsführung, deren kausaler Nexus vollkommen zu sein scheint. Andererseits ist unverkennbar, daß alles, was in dieser Tragödie geschieht, eine schier endlose Reihe von Zufällen bildet. Irrt Orsina und müssen irdische Ereignisse darum als nur lose aneinander-hängende Einzelfakten angesehen werden? Oder ist der Zufall wiederum nur oberflächliche Erscheinung eines verborgenen Sinngefü-ges?
In andere Bedeutungsverbindungen zieht eine psychologisch orientierte Interpretation den Tod der Heldin und seine Aussage. Jetzt treten die psychischen Konditionen der Hauptgestalten ins Zentrum, wird etwa die psychische Entwicklung Emilias zum Tod hin eines der Schlüsselmotive der Deutung. Auch die von Goethe zuerst aufgestellte Behauptung, heimlich liebe Emilia den Prinzen, habe ihn deswegen in der Kirche nicht entschieden genug zurückgewiesen, kann als Interpretationsargument herangezogen werden. Und der von ihr gewollte Tod kann nun verstanden werden als von ihr selbst gewünschte Strafe und Rettung zugleich, Strafe für eine unverzeihliche Schwäche und Rettung vor den möglichen Folgen dieser Schwäche.
      Erneut anders wird die Bedeutung der Tragödie ausfallen, wenn ein sozialer oder sozialgeschichtlicher Kontext die Interpretation lenkt. Dann wird das tragische Schicksal des Bürgers den Hauptakzent erhalten, der Tod als Katastrophe des Bürgers und zugleich als Symptom höfischer Willkür und Macht gedeutet werden. Im sozialen Einfallswinkel aber kann auch die innere Brüchigkeit bürgerlichen Verhaltens aufleuchten, das der vom Hof ausgehenden Gewalt und Verführung nicht gewachsen ist.
      Innerhalb der weiträumigen Interpretationskontexte wie Theologie, Psychologie, Gesellschaft ist die mögliche Auslegungsvielfalt relativ groß, so daß auch noch andere Bedeutungsvarianten als die hier skizzierten unschwer denkbar sind. Dennoch wird an den angeführten Beispielen sichtbar geworden sein, inwiefern unterschiedliche Bedeutungsfestlegungen in direkter Abhängigkeit von den gewählten Kontexten stehen.
      Ebenfalls großräumig, jedoch eher literaturwissenschaftlicher Artsind bestimmte Kontextsorten, die mit ihren historisch-ideologischen Inhalten die Interpretation von Werken und Autoren über längere Zeit konditionieren. Die Interpretationsgeschichte Lessings liefert auch hierfür Anschauungsmaterial. In der Zeit, da man in Lessing vor allem den Begründer des deutschen Dramas sah, lag das Schwergewicht auf anderen Bedeutungswerten seiner Werke als in der Periode, in der man ihn als dritten Klassiker neben Goethe und Schiller verehrte. Weil der Begründer der deutschen Dramatik gegen viele Widerstände kämpfen, gewissermaßen Pionierwerk verrichten mußte, war man schnell geneigt, ihm eine Anzahl angeblicher Unvollkommenheiten zu vergeben, wozu man unter anderem den forcierten Tochtermord in « Emilia Ga-lotti» rechnete. Der Klassiker Lessing wurde hingegen von der Ãoberzeugung aus interpretiert, die frühere Widerspenstigkeit seiner Werke sei gezähmt und sie könnten als sicherer nationaler Besitz genossen werden. In der Phase, in der Lessing insbesondere als bürgerlicher Autor begriffen wurde, wurde auch «Emilia Galotti» vor allem als Zeugnis des Strebens nach bürgerlicher Emanzipation ausgelegt. Gegenwärtig überwiegt das Bild vom dialektischen Aufklärer Lessing, der sich nicht scheut, die Grundsätze seiner kritischen Analysen wieder zum Gegenstand eben dieser Analysen zu machen. Für die «Emilia »-Interpretation heißt das, auch die in dem Drama zur Darstellung gelangenden aufklärerischen Ideale bleiben nicht von wachsamer Untersuchung verschont.
      In gewisser Weise zugespitzt erfolgt Bedeutungszuerkennung innerhalb genuin literarischer oder literaturwissenschaftlicher Kontexte wie Gattung, Stil, Literaturgeschichte, Gesamt uvre eines Autors. Ihre konturierende Funktion ist so deutlich, daß sie hier kaum näher beschrieben zu werden braucht. Die Gattungsperspektive zum Beispiel wird den Tod Emilias vor allem im Vergleich mit früheren bürgerlichen Trauerspielen deuten, wird die Ãobereinstimmungen und Abweichungen dieses Werks mit vorangehenden Repräsentanten der Gattung hervorheben und seine Bedeutung im Rahmen eines solchen Vergleichs festlegen.
      Das Beispiel der « Emilia Galotti» kann umrißhaft illustrieren, auf welche Weise und warum Auslegungsvielfalt die Folge der Vielfalt angewandter Kontexte ist. Selbstverständlich wird die einzelne Interpretation sich in der Regel nicht auf einen einzigen Kontext beschränken, sondern mehrere einbringen, die interferieren, aber auch in einer Art hierarchischer Ordnung wirken können. So kann eine theologische mit einer gattungsspezifischen Interpretation kombiniert werden, undbeide können wieder einer ideologischen Deutungsperspektive untergeordnet sein.
      Die praktisch allen literarischen Werken widerfahrende Auslegungsvielfalt vermittelt die Einsicht, daß nicht die Texte selbst in den Interpretationen sprechen, sondern bestenfalls durch Kontextualisie-rungen zum Sprechen gebracht werden. Die dadurch entstehenden Bedeutungsvarianten werden zugleich durch die Kontexte legitimiert. Darum brauchen unterschiedliche Bedeutungen weder miteinander versöhnt noch gegeneinander ausgespielt zu werden. Auch die Tatsache, daß die Einzelbedeutungen sich nicht zu einer homogenen Gesamtbedeutung ergänzen, braucht nicht zu beunruhigen. Lessings «Emilia Galotti» ist ein Werk, das sich als solches behauptet, auch wenn die verschiedenen ihm zuerkannten Bedeutungen es auf den ersten Blick als Werk in Frage zu stellen scheinen. Natürlich mag es Kontexte geben, die zu unsinnigen und darum unakzeptablen Resultaten führen. Sie werden jedoch vermutlich vor allem in der privaten, spontan-rezeptiven Lektüre zustande kommen, können aber selbst dort noch ihre besondere Funktion haben und für den individuellen Rezipienten einen Wert besitzen.
      Sinnfestlegung ist immer partial. Das ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Denn die Partialität der Sinnfestlegung bewahrt das Werk davor, einseitig usurpiert zu werden. Auslegungsvielfalt ist ein strukturelles Kennzeichen aller Interpretation. Sie ist ein Symptom des unendlichen Prozesses, in dem sich das literarischer Werke vollzieht, die darum auch nie definitiv < verstanden > sind.
     

 Tags:
Sinnfestlegung  Auslegungsvielfalt    




Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com