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Grundfragen der literaturwissenschaft

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Fiktion oder Nichtfiktion - Zum zweifelhaften Ort der Literatur zwischen Lüge, Schein und Wahrheit



Pro captu lectoris habent sua fata libelli.
Terentianus Maurus: De litteris, syllabis et metris. Vers 1

   Widersprüchliche Auskünfte
Unter denen, die über Wahrheitsgehalt und Wirklichkeitsbezug von Literatur diskutieren und richten, sind zwei Gruppen unterscheidbar1: zum einen diejenigen, die sich Wahrheit sicher sind, Philosophen und Theologen, Volks- und Gesellschaftsbilder, nicht zuletzt Zensoren; zum andern die Kenner im engeren Sinn, die Kunst-und Literaturexperten. Beiden Gruppen liegt daran, der Literatur ihren Ort zuzuweisen: den einen zur Absetzung ihrer Rede- und Schreibweisen von denen der Literatur, den andern zur Ausgrenzung ihres besonderen Gegenstands- und Zuständigkeitsgebiets Literatur. Denn Ordnung soll herrschen im Felde jedes Diskurses, besonders aber an seinen Rändern.
      Bei allen Differenzen - einheitlich ist das Prinzip des Vorgehens der Experten: die Ab- und Ausgrenzung der Literatur. Die Bestimmung ihres Wesens ist immer auch die Bestimmung durch ihr Anderssein. Drei Kriteriensätze haben sich zur Begründung dieser Differenz durchgehalten und bewährt:i. Das Kriterium der Herkunft oder Quelle dichterischer Begabung und Eingebung, deren Bestimmungen reichen vom Numinosen über die Unfaßbarkeit bis zum Dubiosen .z. Das Kriterium der Wirkungen und Folgen des Umgangs mit Literatur. Selbst bei behaupteter Nutz- und Folgenlosigkeit bestreitet niemand ernstlich, daß z. B. das Lesen reale Auswirkungen hat, und sei es die Ablenkung und Zeitvergeudung. Strittig sind hier weniger die Auswirkungen selbst als vielmehr deren Benennung und Bewertung. Dem Vergessen des Wahren und Wichtigen stehen positiv gegenüber: Reinigung von Affekten , allgemeiner Nutzen und Vergnügen bis hin zur Erfahrung von Freiheit , Autonomie oder gar Versöhnung .
      Konstitutiv für die beiden bisher genannten Kriterien ist das Wahrheitskriterium: das Verhältnis der Literatur zur Wirklichkeit und zur . Hier lassen sich vier Grundpositionen unterscheiden:
- Die Verwerfung aufgrund fehlender Wahrheit und nur vorgetäuschten Wissens: Die Dichtung ist nur Kopie einer selbst schon scheinhaften oder ideologisch verfälschten Wirklichkeit, verbreitet also ungewollt Irrtümer oder, noch verwerflicher, willent- und wissentlich Falsches; sie ist dann Lüge, Täuschung, Trugbild .
      - Die Indienstnahme: Wenn Literatur und das Bedürfnis nach ihr schon nicht auszumerzen sind, dann soll sie die Wirklichkeit wenigstens so darstellen, wie sie die Wissenden < erkannt > haben, die Position aller dogmatisch und totalitär eingestellten Einzelnen, Gruppen, Systeme.
      - Formen der Rettung: Vorausgesetzt wird auch hier, daß Literatur keine im strengen Sinne wahre Rede ist, sondern deren unbeholfene Vorstufe , didaktisch nützliche Unterform oder auch eine für Schreibende unumgängliche Ausdrucks- und Bewältigungsform. In jedem Fall ist Literatur hier Einkleidung oder Verhüllung, die zwar unterschwellig < nützen > kann, deren wörtliches Verstehen aber nicht ausreicht, sondern die, in Fortführung der Homer- und vor allem der Bibelexegese, der zweier < Sprachen > mächtigen Hermeneuten bedarf,auf daß ihre verborgene Meinung und, gegebenenfalls, Wahrheit ausdrücklich werde.
      Rettung durch Ausgrenzung - damit kann auch die Auffassung von der Autonomie der Literatur bestimmt werden. Literatur soll nun gerade nicht an anderen Formen des Sprachgebrauchs gemessen werden; ihre garantiert ihr dann die Freiheit, deren das Genie bedarf, um « sich seine Regeln selbst geben» zu können . Diese Freiheit von Vorschriften und Zwecken und vor allem von Wirklichkeitsanbindung wird zu Ende gedacht im L'art-pour-1'art-Konzept.
      - Hier genau setzt die Ausgrenzung durch Ãœberbietungen ein. Ihren Verfechtern eröffnet Literatur gerade aufgrund ihrer Andersartigkeit und ihres Freiraums der Erfindungen und im Gegensatz zu den zweck- und herrschaftsgebundenen Sprachformen den Zugang zu < eigentlichem Sinn> und < höherer Wahrheit >, die anders weder gesagt noch gar erfahren werden können. Diese Position wird eröffnet durch Aristoteles' These, Dichtung sei philosophischer als die Geschichtsschreibung, da sie nicht das - oft unwahrscheinliche - wirklich Geschehene darstelle, sondern das, « was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche»4. Diese Absage an einen engen Wahrheitsbegriff läßt nun auch Erfindungen zu und begründet Glaubwürdigkeit nicht mehr nur in einer Wirklichkeitsentsprechung, sondern auch in der inneren Stimmigkeit der poetischen Komposition. Das Kriterium der Wahrheit wird dadurch erweitert, so daß gerade Erfindungen sie darstellbar, vermittelbar und erfahrbar machen, eine Auffassung, die noch Adornos « Ästhetische Theorie » fundiert. Nach ihr ist es der Rätsel- und Scheincharakter der Kunstwerke, der deren Wahrheitsgehalt allererst ermöglicht. Fiktionalität als Wahrheitsbedingung?
Einige unumgängliche Absprachen
Ist Literatur nun fiktional oder nicht? - Die Experten sind uneins. Zudem ist an literaturinternen Problemfällen kein Mangel, wie die Genres und belegen. Grenzüberschreitungen finden sich auch bei Lesern, die aus der Lektüre südamerikanischer Romane landeskundliche Informationen ziehen und die philosophischen Reflexionen eines Romanautors als Wahrheiten aufnehmen. Erschwerend kommt hinzu, daß der Begriff Fiktion undseine Ableitungen im modernen Verständnis erst seit Ausgang des 17. Jahrhunderts verwendet werden. Zunächst sind deshalb die Begriffe zu klären. Aber nicht im Sinne von Vorentscheidungen darüber, was wahr, wirklich etc. ist, denn dies fordert dogmatische Setzungen und logische Zirkelschlüsse geradezu heraus. Die Begriffsbestimmungen sollen einzig als Beschreibungsbegriffe dienen, für deren Anwendung Bedingungen anzugeben sind. Zu ändern ist dafür die Fragestellung. Sie lautet nun: Unter welchen Bedingungen kann sinnvoll davon gesprochen werden, daß Menschen etwas als wahr, wirklich, möglich, erfunden und eben auch fiktional gilt?
Zum Gegenstand wird so die Einstellung realer Menschen im Umgang mit Literatur. Bestimmungsgrund ist demnach allein die Auffassung der an Kommunikations- und Literaturprozessen Beteiligten.

     
   Dann kann gelten: Wahr, wirklich, fiktional etc. ist, was bestimmte Menschen für wahr, wirklich, fiktional etc. halten.
      Zur Vermeidung unnötiger Verwirrungen sei vereinbart:
1. Wahr und falsch gelte zunächst nur für Aussagen aufgrund ihres Wirklichkeitsverhältnisses - immer nach Auffassung der Beteiligten.
      Wahr sind Aussagen dann, wenn die Gegenstände, auf die sich die Aussage bezieht, die Referenzbereiche, als wirklich gelten und die Eigenschaften , die ihnen zugeschrieben werden, als ihnen wirklich zukommend gelten. Falsch sind Aussagen, in denen nicht zutrifft. Ist die Aussage wahr, drückt sie einen bestehenden Sachverhalt aus; ist sie falsch, einen nichtbestehenden .
      2. Gegenstände und Sachverhalte können angesehen werden als wirklich oder nichtwirklich und als möglich oder unmöglich. Diese Begriffe bezeichnen die Auffassung der Seinsweise oder, weniger irreführend", des Status der Gegenstände/Sachverhalte. Ihre Relationen können, etwas vereinfacht12, so veranschaulicht werden:möglich unmöglichwirklich nichtwirklich
D. h.: Alles Wirkliche ist möglich, aber nicht alles Mögliche ist wirklich; das Unmögliche ist immer nichtwirklich; das Nichtwirkliche ist teilweise möglich, teilweise unmöglich. Mittels dieser Modalitätenkönnen Nichtfiktion und Fiktion hinreichend und brauchbar bestimmt, ihre Anwendbarkeit auf den Umgang mit Literatur untersucht werden.
      Der Bereich der Nichtfiktionen
Aufgrund ihrer Sprachlichkeit sei Literatur vorläufig verstanden als Form der Kommunikation. Da Nichtfiktion wie Fiktion als Modi und Ergebnisse des Kommunizierens aufgefaßt werden, sind Besonderheiten des Umgangs mit Literatur vor zwei Folien zu ermitteln:
1. der direkten Kommunikation; für sie sei das Modell des Gesprächs gewählt mit Anwesenheit der Beteiligten und real gegebener Situation;
2. der Kommunikation mittels Schriften. Für sie soll gelten: Abwesenheit des Schreibers, daher keine Rückfragmöglichkeit und Trennung der Situationen des Schreibens und Lesens. Und hier hängt, entgegen manchen Verzeichnungen, alles vom Leser ab: von seinen Kenntnissen und Fähigkeiten, seinem Wissen und Wollen, seiner Bereitschaft, auf Textvorgaben und -lenkungen einzugehen - oder sie zu verkennen oder zu verwerfen. Sein Vorgehen entscheidet über die Ausarbeitung der Schrift zu einem Text durch Wahl seiner Leseeinstellung und die Zuordnung zu einer Textsorte. Dabei entscheidet er, als was er den Text liest, und damit über das Verhältnis des Textes zunächst zu seiner, aber eventuell auch zu des Autors Lebenswelt und Wirklichkeit. «Pro captu lectoris ...» . Darum genügt hier der Bezug auf das Lesen.
      In einem dritten Schritt ist dann zu fragen, ob das Lesen von Schriften, die konventionell als Literatur gelten, den modalen Varianten in diesen zwei Kommunikationsformen entsprechen kann.

      Wirkliches
Nichtfiktional ist die direkte Kommunikation des Gesprächs, wenn die Äußerungen sich auf Gegenstände beziehen, die allen Beteiligten als wirklich gelten, und die Aussagen als wahr gelten und die Beteiligten « als sie selbst», d. h. ernsthaft, aufrichtig und verpflichtungsbereit sprechen und hören sowie die gegebene Situation von keinem der Beteiligten miß- oder umgedeutet wird. Erfüllt sein müssen alle drei Bedingungen; denn es verändert alles, wenn jemand z. B. ein Polizist zu sein vorgibt und andere wegen eines wirklichen Verstoßes zur Redestellt oder wenn mir jemand, in der Meinung, ich sei Pfarrer oder Therapeut, seine Lebensbeichte ablegt oder wenn bei einzelnen Teilnehmern Irrtümer bezüglich des institutionellen Rahmens vorliegen, eine Situation, von der Lustspiele, aber auch Kafkas Romane zehren.
      Nicht nur der Inhalt ist also entscheidend, sondern auch die Ausdrucksweise, die Sprechhandlungen und die in diesen ausgedrückten und konstituierten Rollen müssen verträglich* sein sowohl mit den jeweiligen Wirklichkeitskriterien als auch mit der gegebenen Situation.
      Nichtfiktional sind daher Schriften und Lesesituationen, bei denen nach Auffassung der lesenden Person Schreibweise und zugewiesene Textsorte verträglich sind mit wahrheitsfähigen und ernsthaften Äußerungsformen, der Text sich auf Wirkliches bezieht und der Schreiber zurechnungsfähig ist und spricht, also mit sich auf sich selbst bezieht.
      Können Texte, die konventionell als Literatur gelten, als nichtfiktional gelesen werden? Sie werden es: historische Romane als Tatsachenberichte, Gedichte als wahre Aussagen des wirklichen Menschen Goethe, Rilke, Brecht... So gelesen, sind literarische Texte Nichtfiktionen.
      Irrtum und Lüge: verzerrte Kommunikation
Nichtfiktionen, wenngleich keine < normale > Kommunikation, sind auch Irrtum und Lüge. Die Auffassungen der Beteiligten, d. h. ihr Wissen, ihre Absichten und Absichtsunterstellungen, entscheiden hier alles. Und dieses Wissen ist einseitig, sofern es nicht, metakommunikativ, wieder gemeinsam wird.
      Einfach ist der Fall des Irrtums: Eine Person behauptet in einem Gespräch etwas, von dem sie überzeugt ist, daß es wahr ist, eine andere Person weiß oder ist überzeugt, daß die Behauptung falsch ist.
      Bei der Lüge ist zu unterscheiden: Weiß in einer Gesprächssituation nur die lügende Person, daß sie lügt, ist die Lüge erfolgreich und damit die Äußerung für die anderen wahr. Wissen es aber alle Beteiligten, ist es zwar noch eine Lüge, aber sie ist nicht erfolgreich. Schließlich können die zuhörenden Personen dem Sprecher unterstellen, wissentlich und willentlich zu lügen, dann kann dies zutreffen oder auch nicht. Verzerrt ist die Kommunikation in jedem Fall.
      In der schriftlichen Kommunikation entscheidet wiederum allein der Leser, ob er dem Schreiber Irrtum aufgrund falschen oder fehlenden Wissens oder aber Täuschungsabsichten unterstellt.

     
Kann auch Literatur als Irrtum oder gar als Lüge gelesen werden ? Als Irrtum dann, wenn es bei sonst verläßlichem Erzählen zu internen Widersprüchen kommt oder bei realistischem Erzählen zu < falscher > Darstellung von äußeren Fakten, z. B. in historischen Romanen. Und für die Lüge braucht nur auf den vielzitierten Vorwurf Piatons verwiesen werden, daß «die Dichter lügen». So gelesen, sind literarische Texte keine Fiktionen, sondern sie vermitteln wissent- und willentlich Falsches zum Zwecke der Täuschung. Die Entscheidung liegt auch hier bei den Lesenden.

      Träume und Gespenster
Ernsthaft, aufrichtig und verpflichtungsbereit können wir auch reden über Noch-nicht- und Nicht-Wirkliches sowie über entschieden Nicht-und-niemals-Wirkliches: über Künftiges, Erwartetes, Geplantes; über Geträumtes, nur Vorgestelltes, Gewünschtes und Erfundenes sowie über die Vorstellungen, Einbildungen und Erfindungen anderer: über Einhörner, Nixen und eben auch Gespenster. Solche Kommunikation ist nichtfiktional dann, wenn allen Beteiligten durch den Kontext oder durch ausdrückliche Hinweise klar ist, daß es sich um Künftiges, Erwartetes, Geträumtes, Erfundenes handelt. Unproblematisch sind dann auch Äußerungen über Drachen, Pegasus, Sherlock Holmes. Auf sie wird Bezug genommen nicht als Gegenstände in der Welt, sondern als Inhalte von wirklichen Vor- und Darstellungen. « Peter glaubt an Gespenster », « Einhörner werden dargestellt als...» sind nichtfiktionale, da wahrheitsfähige Aussagen.
      Der Leser von Vorhersagen und Traumgeschichten sowie von Texten über Vorstellungen, Erfindungen und Darstellungen behandelt diese dann als nichtfiktional, wenn er ihnen diesen Status aufgrund von ausdrücklichen Hinweisen oder aufgrund eigener Entscheidung zuweist. Dem Schreiber wird dabei unterstellt, daß er zurechnungsfähig ist, d. h. die Unterscheidung von wirklich und nichtwirklich kennt und berücksichtigt.
      Gar nicht so selten werden literarische Erfindungen von Lesern als bloße Hirngespinste und Phantastereien abgetan. Literatur wird damit als völlig sinn- und funktionslos eingestuft, und es wird ihr jeder Wirklichkeitsbezug und Wahrheitsgehalt abgesprochen. Wer Literatur so völlig ausgrenzt und sie als Darstellung bloßer Erfindungen distanziert liest, liest sie als nichtfiktional.
      Welcher Raum bleibt dann noch für Fiktionen ?

Merkwürdige Verdoppelungen: das Fiktionsspiel
Wenn jemand, der sagt: «Ich habe geträumt, ich hätte einen Fisch gefangen, und den essen wir heute zum Mittagessen», sich weigert, gescherzt zu haben und auf seinem Vorsatz beharrt, müssen seine Gesprächspartner an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Irritationen beginnen immer dann, wenn unklar ist, als was etwas gemeint ist oder wenn es für andere zu Vermischungen der Statusbereiche wirklich und nichtwirklich kommt. Die Zuschreibung des Wahnsinns hat hier ihren Grund, die Grenzziehungen müssen, bei Strafe des Ausschlusses, gewahrt werden; streng ist hier «die Ordnung des Diskurses», der «Wille [und die Verpflichtung] zur Wahrheit».' Spätestens seit diese Ordnung etabliert ist, bestehen aber auch Möglichkeit, Drang und Lust, diese Ordnung zu durchbrechen, die Grenzen zu überschreiten: im Fiktionsspiel.
      Im Fisch-Beispiel: Wenn die anderen nicht am Verstand des Sprechers zweifeln, sondern den Tisch decken und von leeren Tellern essen, treten sie ein in dieses Spiel.
      Fiktionen entstehen immer dann, wenn etwas gewußt Nichtwirkliches als wirklich gesetzt und gebraucht wird, als ob es wirklich sei: Gegenstände und/oder deren Eigenschaften, Sachverhalte, aber auch Rollen der Beteiligten und/oder Situationsgegebenheiten. Für das Zustandekommen der Fiktion genügt die Setzung schon eines dieser Bereiche. Fiktionen sind Formulierungen von Äußerungen , die unter diesen Bedingungen der umdeutenden Setzung oder der freien Erfindung eines oder mehrerer Bereiche hervorgebracht oder, vor allem, als solche « gebraucht» werden. Hierin dann unterscheiden sie sich vom Spiel: Fiktionen sind formulierte, aufgezeichnete Spiele.
      Entscheidend dafür ist in direkter Kommunikation, daß der Eintritt in dieses Spiel bei klarem Verstand, willent- und wissentlich und für alle Beteiligten erkennbar vollzogen wird und die Beteiligten diesen Ãœbertritt mitvollziehen, zumindest tolerieren.
      Ernsthaft und aufrichtig ist das Eingehen der Beteiligten auf diese Setzung, real ist auch ihr Tun im Spiel. Das Fiktionsspiel ist ein eigenes, historisch und kulturell ausdifferenziertes Handlungsschema, das erlernt werden muß. Das Eingehen darauf ist in der Regel freiwillig und kann deshalb auch aufgekündigt werden, freilich um den Preis des (Selbst-(Ausschlusses aus dem Spiel . Einigung vorausgesetzt, ist in diesem

Spiel alles zulässig, ist das Verträglichkeitsprinzip der nichtfiktionalen Kommunikation aufgehoben: Nur Mögliches, aber auch Unmögliches kann als wirklich gesetzt werden , jede beliebige Rolle kann eingenommen werden; auch Ausdrucksweisen und Sprechhandlungen unterliegen keinen Beschränkungen.
      Damit entstehen jedoch merkwürdige Doppelungen: Die Beteiligten sind zugleich sie selbst , und zugleich können sie, selbstvergessen, jemand anderes sein; die wirkliche Umgebung bleibt bestehen, und zugleich formen sie innerhalb dieser eine eigene Welt mit selbstgesetzten Regelungen und Regeln , mit selbstgesetzten Gegenständen und Sachverhalten, auf die sie sich als wirklich beziehen können. Deshalb ist es nur sinnvoll, wenn das Eingehen auf Fiktionen als Vertrag bezeichnet wird, der innerhalb der wirklichen Situation eine eigenständige Enklave aus- und eingrenzt.
      Beim Lesen ist nun die entscheidende Differenz zu den Nichtfiktio-nen, daß der Leser dem Schreiber die Fähigkeit unterstellt, zwischen wirklichen und nichtwirklichen Gegenständen, Sachverhalten und Rollen unterscheiden zu können und ihn nicht täuschen zu wollen, und daß er bereit ist, dessen umdeutende Setzungen und freie Erfindungen für die Enklave seiner Lektüre zu behandeln, als ob sie wirklich seien, z. B. die juristischen, mathematischen, philosophischen Fiktionen .
      Für dem Umgang mit Literatur gilt dann analog: Literatur wird als Fiktion gebraucht, wenn dem Schreiber Zurechnungsfähigkeit und Unterscheidungsvermögen unterstellt werden, aber auch die Absicht, eine Fiktion zu schreiben Hinzutreten muß aber die Bereitschaft, die dargestellte Welt und auch die Instanzen im Text, die das literarische Fiktionsschreiben erst hervorbringt, als wirklich aufzufassen: Erzähler, lyrisches Ich und ihre Adressaten im Text, aber auch die erschriebene Autorrolle. In diesem Wirklichnehmen haben die Selbstvergessenheit, die Illusion und das Vergnügen am imaginierend Mithervorgebrachten, Furcht und Mitleid ihren Grund. Der so liest oder zuschaut, ist demnach zugleich er selbst und ein anderer, nämlich ein Mitspieler - eine für alle, die gelenkt sind vom Willen zur Wahrheit , nicht nur merkwürdige, sondern erschrek-kende Verdoppelung, da ein unkontrollierbarer Freiraum.
      Mit Hilfe dieser Bestimmungen des Fiktionsbegriffs lassen sich auch einige oft verwirrte Begriffe sinnvoll präzisieren:

Fiktional bezeichnet die Eigenschaft, Fiktion zu sein, und ist anwendbar auf Äußerungen und Texte sowie auf das in diesen Äußerungen Hervorgebrachte .
      Fiktiv ist ein Oppositionsbegriff zu wirklich und bezeichnet den Status ausschließlich von Gegenständen und Sachverhalten, die, obwohl als nichtwirklich gewußt, als wirklich behandelt werden.
Fingiert schließlich bezeichnet den Status von Gegenständen und Sachverhalten, die es gleichfalls nicht gibt, deren Existenz bzw. Bestehen aber vorgetäuscht wird mit dem Ziel der Täuschung.
      So eindeutig also die Begriffe bestimmbar sind, so ungenau, verworren und vieldeutig ist das Feld des faktischen Gebrauchs von Fiktionen und ihrer Funktionen.
      Gewußte Fiktionen müssen reale Funktionen haben, es gäbe sie sonst nicht. Als freischaltende Setzungen wie als freie Schöpfungen dienen sie in jedem Fall der Freisetzung von den Beschränkungen des Wirklichen, darin dann der Vereinfachung, Erleichterung, Entlastung wie auch der Entfaltung der kreativen Fähigkeiten, der Erprobung von Alternativen, dem Durchspielen von Möglichkeiten etc. - Aber sie sind Äußerungen, Aufzeichnungen, Codierungen. Und als solche treten sie scheinbar gleichwertig neben andere Reden, Texte, Bilder - und können so mit den wahren verwechselt werden. Denn Fiktionen können nur metakommunikativ indiziert werden; in Reden und Schriften gibt es keine übergreifenden fiktionsanzeigenden Indizien19, die Angst Piatons und vieler Späterer vor Grenzverwischungen ist also nicht unbegründet. Zeichenrealität gewinnen auch die Inhalte von Fiktionen, werden Bestandteil unseres Wissens und stehen dann gleichwertig neben anderem Verzeichneten: Gewußtem, Erinnertem. Verkeh-rungsbedroht ist auch das Rollenspiel: Was geschieht, wenn einer seine erklärte Rolle z. B. als benutzt, um ungefährdet seine wirkliche Meinung sagen zu können? Und weiter: Wo genau verläuft die Grenze zwischen dem als Fiktion Imaginierten und dem «Imaginären» mit seinen undurchschauten Vertauschungen von « Realem » und selbst- oder fremdentworfenem Bild ? Einbildungskraft ist hier wie dort am Werke. Was verhindert schließlich, die Vorgabe der Fiktionen zu « agieren » , zu leben nach den Vor-Schriften und -bildern der Literatur, des Films, und eigene wie fremde Einbildungen «rückzuschreiben» in die eigene Vergangenheit ? - Die Verwirrung der « Liebhaber », auch sie ist so unbegründ-bar nicht. Das Leben ist ungenau.

     
Erneute Komplikationen -und die Andeutung eines Auswegs
Wenn, pro captu lectoris, Literatur als Fiktion gelesen wird, sind die Fragen des Wahrheitsgehalts und des Wirklichkeitsbezugs, so scheint es, negativ entschieden, und die ab- und ausgrenzenden Experten wären im Recht: Solches Lesen wäre nur ein - enklavisches - So-tun-als-ob. Und doch wird Literatur seit alters auch als Mimesis gesehen, als Nachahmung, Abbildung, Widerspiegelung, als Darstellung von Exemplarischem. Und immer wieder gelten diese Abbildungen oder Darstellungen als wahrer, treffender, unmittelbar-anschaulicher als andere Formen des Redens über Welt.
      Hier genau greifen die realistischen Verwechslungen, die naiven und raffinierten Entfiktionalisierungen. Literatur wird verstanden entweder als Aussage über Wirkliches oder als exemplarische Darstellung von Wirklichkeitsentsprechendem. Doch muß schon die Frage, ob von einzelnem auf Allgemeines geschlossen werden darf, strenggenommen verneint werden. Entscheidender ist, daß zwischen der Struktur einer sprachlichen Äußerung/Gestaltung und Wirklichkeit keine Analogie bestehen kann: Wirkliche Abläufe folgen keiner Erzähllogik. Und realistische Verwechslungen sind auch die Auffassung der Literatur als Autor-Rede: als Ausdruck der Meinung, des FLrlebens etc. des schreibenden Menschen .
      Ist dagegen dann alles doch nur enklavisches Spiel ?
Literatur ist kein Reden-über und keine Kommunikation im üblichen Sinn; sie ist Kunst, künstlerische Gestaltung von und mittels Sprache. Erst die sprachkünstlerische Schreibweise, die , die Komposition ermöglichen, erstalten die Rollen des Autors im Text, des Erzählers, des lyrischen Ichs und die dargestellte Welt. Die Komposition ist daher notwendig Konstruktion, ihr Ergebnis immer «übernatürlich», «das Ãœberirdische», «eine kleine Welt für sich» mit nur «innere[r] Wahrheit» ; also Ãœberordnung und Surrealismus im eigentlichen Sinn. Und überordnend sind noch die dargestellte Unordnung, das Absurde, das Groteske. Es sind die literarische Gestaltung auf ein Ende, einen Zielpunkt zu und daher die Komposition vom Ende her, die den Eindruck geordneten Lebens erweckt und dadurch Sinn suggeriert, dem Sinnbegehren der Lesenden zu antworten scheint. Und doch ist diese Ordnung geschaffen nur als Einschrei-bung in literarischen Schriften, die die Lesenden nach- und mitschaffend erst ausimaginieren zu einer . Hier kann der Umschlag erfolgen: Die lesend mithervorgebrachte Welt kann kurzschlüssig gleichgesetzt werden mit Wirklichkeit; die Grenzen der Enklave sind aufgehoben. Oder aber das gerade enklavisch Imaginierte wird zur Kompensation, zur Flucht- und Ersatzwelt. Die Enklave wird zur wahren Welt schlechthin: Eintritt ins Imaginäre. - Kein Ausweg?
Auch in der Enklave spielen wirkliche Spieler wirklich; auch Lesen von Literatur als Fiktion ist reales Tun. Und real sind daher auch die Erfahrungen des Lesens - im Gegensatz zu den im Wortsinn nur eingebildeten Inhalten. Wird nun Literatur als Kunst gelesen, wird der Leser zum Koautor, sein Lesen wird zum Mitschaffen, zur « Sympoie-sis » . Und in diesem — realen - Mitschaffen kann er erfahren: die Entfaltung seiner , seine Einbildungskraft ebenso wie sein Sprach- und Sprachkunstvermögen im Sprachspiel der und mit Literatur, die dies längst vorgezeichnet hat in selbstverauffäl-ligenden Spielen mit ihren Mitteln, in Selbstzitaten und -reflexionen. So gelesen, wird Literatur zu einem Exemplum anderer Art, zur «Vorahnung »" nämlich anderen Handelns, zur Erprobung und Erfahrung von Alternativen, die so anderswie und -wo nicht möglich sind: von surrealer Ordnung, Stimmigkeit und Schönheit oder auch deren surrealer Infragestellung, von praktizierter Reflexion von Sprache und Welt in den < Gegenwelten > der Literatur, von eigenem Tun und Können. Dieses Handeln hat Wirklichkeitsbezug, als selbst reales wie auch im Vergleich zu anderem, und Wahrheitsgehalt dann, wenn es als im Unterschied zu anderem Handeln begriffen wird. Auch dies kann gemeint sein, wenn von der Wahrheit der Literatur die Rede ist: wirkliche Provokation im Wortsinn zu sein gerade durch ihr Anderssein, ihre Freiheit zum Fiktionsspiel, zur überbietenden Ãœberschreitung der Grenzen nun des Wirklichen, auch der Wirklichkeitsverpflichtung der Sprache und des Denkens. Solche Andersartigkeit und Freiheit werden versinnlicht im Lesehandeln und darin ästhetisch erfahrbar. Das Wahrheitskriterium aber ist nicht länger mehr gebunden allein an das Dargestellte, sondern «handlungsästhetisch» zu begründen und zu erfüllen.
      Dies ist eine Möglichkeit des Lesens. Diese Freiheit vorzuschreiben, wäre paradox. Zu ihrer Nutzung zu provozieren, wie schon die Literatur selbst, ist es nicht. Verwirrende Fragen können auch Möglichkeiten erschließen: Fragemöglichkeiten für Kenner und Forschung, aber auch Erfahrungsmöglichkeiten beim Lesen.
     

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Fiktion  oder  Nichtfiktion  -  Zum  zweifelhaften  Ort  der  Literatur  zwischen  Lüge,  Schein  Wahrheit    


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