Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundfragen der literaturwissenschaft

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Begriffe der literarischen Wertung



Wo es Literatur gibt, da gibt es auch das, was man sich in der Literaturwissenschaft angewöhnt hat, literarische Wertung zu nennen. Der Umgang mit Literatur, Schreiben und Lesen, literarische Kultur und Kommunikation insgesamt sind von Wertungsvorgängen durchsetzt. Literarische Wertung heißt, einem Text künstlerische Qualität zu-oder absprechen. Sie ist nicht nur, in einem engeren Sinn, das, was man seit der klassischen Kunstphilosophie ästhetisches Urteil nennt. Sie ist ebenso, in weiterem Sinn, in persönlichen Zuneigungen und Abneigungen enthalten, in Zustimmungen und Ablehnungen gegenüber einzelnen Werken, Autoren, Richtungen oder Gattungen, in Buchkauf, Lektürewahl und Lesetip, in Einstellungen und Einschätzungen, Urteilen und Vorurteilen gegenüber literarischen Erscheinungen aller Art, in der Annahme oder Abweisung von Manuskripten durch Verleger und Lektoren, in der Auswahl von Gedichten in Anthologien, von besprechenswerten Neuerscheinungen durch Zeitungs- und

Rundfunkredakteure, in Curricula für den Literaturunterricht wie in Studienplänen der philologischen Hochschulfächer, in Förderungs-, Zensur-, Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber Literatur durch staatliche, religiöse oder andere Machtapparate, in Bestsellerlisten, Autorenwettbewerben und Preisverleihungen.
      Literarische Wertung vollzieht sich ausdrücklich oder unausdrücklich, bewußt oder unbewußt, als begleitendes Gefühl beim Lesen oder als Argumentation in literarischen Gesprächen, Debatten, Kontroversen. Sie findet sich in der Literaturwissenschaft - und zwar in allen ihren Bereichen - ebenso wie in der Literaturkritik. Begriffe der literarischen Wertung sind diejenigen Konzepte, die wir, als Mitspieler der literarischen Kommunikation, benutzen, um unsere Einschätzungen und Stellungnahmen gedanklich zu artikulieren und rational zu begründen, oder die wir, als wissenschaftliche Beobachter der literarischen Kommunikation, benutzen, um die in ihr auftretenden Wertungsvorgänge zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären.
      Der Begriff < literarische Wertung > selbst ist eine akademische, dem literarischen Leben und der Praxis von Literaturkritik eher fernstehende Prägung. Er verweist auf das allen einzelnen Begriffen vorausliegende Problem der literarischen Wertung, das seinerseits letztlich auf eine Krise der literarischen Kultur insgesamt zurückgeht, thesen-haft formuliert: auf die Spannung von Unvermeidbarkeit und Unsicherheit literarischer Wertung in der heutigen westlichen Kultur. In unserer modernen Welt des Konsumkapitalismus und der Medienkultur ist das Angebot an Kunst und Literatur ins Unermeßliche gewachsen. Zugleich sind Geltung und Orientierungskraft traditiona-ler Weltbilder und Wertsysteme, zu denen auch bis heute vertretene Kunst- und Literaturauffassungen gehören, geschwunden oder zumindest gebrochen. Die künstlerische Literatur gerät in den westlichen Industrieländern aus einem über zweihundert Jahre lang zentralen in einen marginalen Geltungsbereich der Kultur. Kunst und Literatur werden, wie vor ihnen Religion, aus einer auch öffentlichen zu einer nur mehr rein privaten Sache. Der einzelne Literaturinteressierte ist konfrontiert mit einer immer weiter expandierenden, weltumspannenden Kultur- und Medienindustrie, die den zur Verfügung stehenden Reichtum der Kulturgüter durch die Beliebigkeit ihrer Verwertbarkeit zu entwerten droht. Er steht vor der Entscheidung, sich dieser Beliebigkeit lustvoll auszuliefern oder, ohne das sichernde Netz allgemein verbindlicher Normen und Werte, die geistige Anstrengung auf sich zu nehmen und eine individuelle kritische Kompetenz zu entwik-kein, um angesichts der Unendlichkeit des Leseangebots denjenigen Bereich seines endlichen Lebens, in welchem Literatur eine Rolle spielen soll, möglichst sinnvoll zu gestalten. Vielleicht aber ist gar nicht eine Entscheidung, sondern eine befriedigende Balance zwischen beiden Haltungen, zwischen und , beim literarischen Lesen erstrebenswert. Ob dabei allerdings Begriffe und Theorien der literarischen Wertung, die seit siebzig Jahren in der Literaturwissenschaft ausgearbeitet worden sind, hilfreich sein können, ist mehr als zweifelhaft. Denn die Geschichte der Wertungstheorien gehört weitgehend zur Ideologiegeschichte der Literaturwissenschaft.
      Erst im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte, mit der überfälligen Kritik an der bisherigen Theorieentwicklung, mit der Integration von Wertung und Kritik in die literarische Hermeneutik1, mit der Analyse der logischen Grundlagen und der soziologischen Dimensionen literarischer Wertungsvorgänge, erreichte die Wertungstheorie ein Reflexionsniveau, das modernen literatur- und wissenschaftstheoretischen Standards ebenso wie der Erfahrung von Verschiebungen auf dem literarisch-kulturellen Feld im elektronischen Zeitalter adäquat ist. Eine zunehmende Tendenz zu potenzierter Metatheorie freilich, indem die literaturwissenschaftliche Wertungstheorie nunmehr sich selbst als akademisch institutionalisierten «Wertungsdiskurs» zum Gegenstand macht3, potenziert auch, anstatt es aufzuheben, das Auseinanderdriften von Literaturwissenschaft und literarischer Kultur, auf das die Wertungstheorien von Anfang an eine problematische, weil diesen ihren Ausgangspunkt verdrängende, Reaktionsbildung darstellten. Nachdem alle modernen und postmodernen Theoriepositionen zum Problem der literarischen Wertung durchgespielt worden sind, wäre es angebracht, Wertungstheorie zurückzuführen auf Anleitung und begleitende Reflexion zu einer kompetenten und kritischen Wertungs-praxis. Ohne eine solche Praxis dürfte sich die literarische Kultur in den Beliebigkeiten eines Konsumismus auflösen, der das Alltagsleben ohnehin immer stärker durchdringt.
      Soziologie der literarischen Wertung
Der weiteste Rahmen, in welchem Problem und Begriffe der literarischen Wertung behandelt werden können, ist der soziologische. Eine Soziologie der literarischen Wertung, zu der in bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten erst Bausteine vorliegen, untersucht Wertungs-

Vorgänge im , also auf demjenigen kulturellen Feld der Gesellschaft, wo sich das literarische Leben abspielt. Sie analysiert die sozialen Determinanten, Funktionen, Wirkungen der Wertungshandlungen von einzelnen und gesellschaftlichen Gruppen in be-zug auf Literatur. Sie beschreibt Formen institutionalisierter Wertung, also in zentralen Institutionen wie Literaturkritik4, Verlagen, Medien, Schule und Wissenschaft. Sie untersucht aber auch Grenzbereiche wie Justiz und Zensur, wo Wertung eine Rolle spielt in Gestalt staatlicher Normen und Sanktionen, als Aushandeln ästhetischer gegen ethische, religiöse, politische Werte. In modernen Demokratien westlichen Typs spielt der in den Verfassungen garantierte Grundwert der Kunstfreiheit dadurch eine Schlüsselrolle, daß einer inkriminierten Schrift entweder Kunststatus oder literarischer Wert zu- oder abgesprochen werden kann.
      Weiterhin widmet sich die Soziologie der literarischen Wertung dem sozialgeschichtlichen Aufstieg und Niedergang von literarischen Normen 5, Einstellungen, Geschmacksrichtungen, den Normierungs- und Kanonisierungsprozessen in der Literaturgeschichte sowie den Diskursen, die diese Prozesse steuern und begleiten. Sie fragt nach der Funktion von literarischen Kanons in verschiedenen sozio-kulturellen Bereichen6, und sie entwickelt mit dem Begriff der Kanonizität ein neuartiges Analyseinstrument. Sie untersucht die soziologischen Aspekte von normativen Hierarchisierungen und Dichotomisierungen der Literatur. Besonders wichtig ist dabei die für das Literatursystem der vergangenen zweihundert Jahre konstitutive Dichotomie von Kunst- und Trivialliteratur7, die allzu lange Zeit auch in den Debatten über Kitsch und Kulturindustrie dominierte, ehe für diese Bereiche differenziertere Konzepte der Analyse und Kritik entwickelt wurden.
      Schließlich beobachtet die Soziologie der literarischen Wertung, in spezifischer < Außensicht >, die aus der Einbettung des literarisch-kulturellen Feldes in die gesamtgesellschaftliche Sozialstruktur hervorgehenden als ästhetische Urteilskraft und literarische Wertungskompetenz erscheint, als Aneignung von < kulturellem Kapital> und analysiert dessen sozialdistinktive Funktion.
      Eine Soziologie der literarischen Wertung fände an der letzten west-bzw. ersten gesamtdeutschen Literaturdebatte geeignetes Beobachtungsmaterial. Diese begann mit kontroversen, überwiegend negativen Bewertungen der Erzählung «Was bleibt» von Christa Wolf durch

Rezensenten.9 Sie steigerte sich unter dem polemischen Schlagwort « Gesinnungsästhetik»IO zu einem Streit um Wert und Geltung zunächst der Literatur in der DDR, dann auch in der früheren Bundesrepublik, und sie gipfelte in einem Normendiskurs über das Verhältnis von Ã"sthetik, Politik und Moral. Es ging im einzelnen um die argumentative Begründung und die ethische Legitimation von literaturkritischen Wertungen, die, in geradezu < konzertierter Aktion > und in einflußreichen Medien vorgetragen, ihrerseits als diktatorischer Dogmatismus, politische Kampfpublizistik oder « am Maul des Zeitgeistes speichelleckender Opportunismus » " kritisiert wurden. Es ging, unter dem Motto , um kritisch wertende Bilanz einer ganzen Literaturepoche, die mit dem Ende der deutschen Teilung ihren endgültigen Abschluß gefunden hat. Und es ging, im Streit um Literatur als politisch-moralische Instanz, als stellvertretende Trauer-, Erinne-rungs- und Gewissensarbeit, auch um die Divergenz generationsspezifischer Lektüreerfahrungen und Werturteile."
Soziologisch interessant an dieser Debatte - Stichwort: Wer darf sprechen ? " - ist vor allem die unauflösliche diskursive Verflechtung literarischer Wertung mit Macht: mit publizistischer, sofern es um Positionsgewinne auf einem Feld geht, das, wie das literarische, als ganzes von Marginalisierung bedroht ist; und mit politischer und ökonomischer Macht, sofern das Ende der DDR samt ihrer Kultur und Literatur willkommenen Anlaß gibt, politischen Dissens, Differenzerfahrungen und Entwürfe von Alternativen gegenüber dem triumphierenden Konsumkapitalismus zum Schweigen zu bringen.
      Logik der literarischen Wertung
Der engste Rahmen einer Erörterung von Fragen der literarischen Wertung ist der logisch-argumentative. Explizit vollzogene und artikulierte literarische Wertungen sind Formen kommunikativen Handelns, selbst dann, wenn ein einsamer Leser sich selbst über den Wert des Gelesenen Rechenschaft zu geben bemüht. Aber nicht nur um eigene literarische Wertungen plausibel begründen und mitteilen, sondern auch um solche anderer, z. B. als Autorität auftretender Kritiker, durchschauen und kritisch prüfen zu können, muß man Hauptbegriffe einer Logik der literarischen Wertung kennen. Dazu gehören: der Begriff des Wertes selbst; das Grundmodell, nach welchem literarische Wertungen als rationale Argumentationen geformt sind; dervon der philosophischen Tradition geprägte Begriff des ästhetischen Urteils und das Problem der Geltungsgründe solcher Urteile.
      Der Begriff des Wertes und seine Verwendung in den Theorien der literarischen Wertung bedürfen kritischer Prüfung. Denn gleichen Ursprungs mit dem defensiven historischen Ausgangspunkt dieser Theorien in der Kulturkrise der Moderne ist ihre Prägung durch einen Leitbegriff, der genau die Verdinglichung der Kultur zum Ausdruck bringt, gegen die jene Werttheoretiker kulturkritisch wetterten. Wie in der industriellen Praxis «das Produkt von den Produzenten sich trennt und in der allgemeinen Dingform des < Gutes > sich verselbständigt, so verfestigt sich in der kulturellen Praxis das Werk, sein Gehalt zu einem allgemeingültigen ». Diese im Wertbegriff selbst enthaltene Tendenz zur Verdinglichung, zur Mystifikation hat sich bei den phänomenologisch ausgerichteten Theoretikern der literarischen Wertung bis heute fortgesetzt, indem sie von Werten wie von kostbaren Dingen reden, die am Kunstwerk als einem «Wertträger > hängen wie Schmuck am Weihnachtsbaum. In der gegenwärtigen, sprachanalytisch aufgeklärten Theoriebildung dagegen wird Wert als reiner Relationsbegriff grundsätzlich im Kontext kommunikativen Handelns betrachtet: als Eigenschaft, Bedeutung, Beziehung, aufgrund deren etwas für jemand oder für eine Gruppe als - mehr oder weniger, in dieser oder jener Hinsicht - wertvoll erscheint oder gilt.
      Das logische Grundmodell literarischer Wertung ist eine dem Gegenstand gemäße Abwandlung des Modells wertender Argumentation überhaupt: Es ist eine Verkettung logisch verschiedener Satztypen mit normativem Obersatz , deskriptivem Untersatz und präskriptivem Schlußsatz . Ein Beispiel: Obersatz: Eine gute Kurzgeschichte soll ein Stück Alltagswirklichkeit in erzählerischer Konzentration darstellen. Untersatz: Die Kurzgeschichte XXX des Autors Y stellt folgendes Stück Alltagswirklichkeit.. . mit folgenden Mitteln erzählerischer Konzentration... dar. Schlußsatz: Die Kurzgeschichte XXX des Autors Y ist eine gute Kurzgeschichte.
      Dementsprechend gehen Begründung und Geltungsprüfung von literarischen Wertungsäußerungen immer in zwei Richtungen: auf den besonderen Gegenstand, den literarischen Text, und auf ein allgemeines Kriterium, eine Norm. Plausibel, intersubjektiv nachvollziehbar wird eine literarische Wertungsäußerung also unter drei Bedingungen: Die empirischen, auf den bewerteten Text bezogenen beschreiben-den, analysierenden, interpretierenden Aussagen müssen wahr bzw. plausibel sein. Das herangezogene allgemeine Kriterium muß intersubjektiv akzeptiert sein oder werden. Die Verknüpfung von text- und von normbezogenen Aussagen in der Wertungsäußerung muß logisch-argumentativ richtig sein.
      Natürlich ist dies ein idealisiertes und vereinfachtes Modell. Literaturkritische Argumentation ist in der Regel sehr viel komplexer und gemischter, und die Logik wird in ihr auf oft schwer durchschaubare Weise von einer Rhetorik der literarischen Wertung artikuliert und überlagert, die auf Ãoberreden wie auf Ãoberzeugen gerichtet sein kann. Aber gerade darum benötigen wir ein analytisches Modell, das uns zeigt, wie wir im Zweifelsfall die Schlüssigkeit einer literaturkritischen Argumentation prüfen können.
      Das Problem des < ästhetischen Urteils > wird seit Kant in der Frage nach dessen Geltungsgründen gesehen. Denn anders als empirische Aussagen greift es zwar auch auf Erfahrung zurück, nicht jedoch auf begriffliche Regeln, nach denen sie zu einer objektiven, allgemeingültigen Erkenntnis verarbeitet werden könnte. Seit Hegel und anderen Kritikern der Ã"sthetik Kants bewegt sich die Wertungsdebatte zwischen und , und , < Absolutismus> und < Relativismus> hin und her. Angesichts dieser offenen Debatte, die heute unter postmodernen Vorzeichen erneut aufgerollt und < dekonstruiert > wird, sollte auf zwei Einsichten nicht verzichtet werden: Nur ein Objektbezug zum literarischen Werk, wie immer subjektiv vermittelt und individuell gefärbt in ästhetischer Erfahrung und literarischer Lektüre, ermöglicht Objektivierung in empirischen, analytischen, interpretativen Sätzen, welche die eine Seite der intersubjektiven Plausibilität von literarischen Wertungen ausmacht. Der von Kant behauptete, letztlich anthropologisch begründete Allgemeinheitsanspruch des ästhetischen Urteils muß zwar zugunsten eines ästhetischen Pluralismus zurückgenommen werden; doch dieser entgeht einem Relativismus des , indem er die von Kant herausgestellte Autonomie, den Eigenwert und die Eigenleistung von Kunst und Literatur nicht als idealistische Illusion denunziert, sondern als offenes Angebot an einen potentiell unbegrenzten Teilnehmerkreis über historische, soziale, kulturelle Geschmacksgrenzen hinweg versteht.

     
Lektüre - Wertung - Kritik
Welche Rolle spielt literarische Wertung im Kernbereich literaturwissenschaftlicher Arbeit, der Kommentierung von Texten? Der Kommentar muß nicht nur das Auseinanderdriften von literarischer Kommunikation und akademischer Wissenschaft kritisch reflektieren, sondern auch in sich selbst die Spannung zwischen Lektüre und Theoriebildung immer neu austragen. Dabei könnte ein neuformuliertes Leitkonzept des «kritischen Interpretierens> von Nutzen sein.
      Längst ehe sich der problematische Diskurs über literarische Wertung etablierte, ist plausibler von Kritik die Rede gewesen. Im Begriff der Kritik sind bis heute gültige Leitvorstellungen der Aufklärung und des «Projekts der Moderne> wie Emanzipation, Ã-ffentlichkeit, Autonomie konnotiert. Dadurch enthält er eine permanente Kritik derjenigen Institution, die mit ihm den Namen gemeinsam hat: der Literaturkritik, wie auch der anderen, welche sich von dieser abgrenzend schied: der Literaturwissenschaft. So weit sich beide Institutionen von jener Leitidee der Kritik und von ihrem ursprünglichen Miteinander unter dieser Idee - bis heute wegweisend formuliert und realisiert von den Brüdern Schlegell - entfernt haben, so sehr bleiben sie weiterhin an ihr zu messen. Gesellschaft und Bewußtsein, Kultur und Wissenschaft in der modernen Welt, deren intendierter, wenn auch längst nicht realisierter demokratischer Pluralismus alle überlieferten und neu entstehenden Dogmatiken in Frage stellt, müssen sich am Prinzip der kritischen PrüfungI orientieren. Auch Kunst und Literatur und die Weisen ihrer Aneignung sind davon nicht ausgenommen. Ohne Kritik, das - möglichst weit zu verbreitende - Vermögen, begründet zu unterscheiden, auszuwählen, zu verwerfen, würden Literatur und ihre Rezeption noch mehr in den Beliebigkeiten bloßen Kulturkonsums versinken, als dies ohnehin geschieht. Ohne Kritik wird Literatur als Kunst nicht ernst genommen.
      Dem widerspricht keineswegs deren Spielcharakter. Freilich erfordert es eine spezifische geistige Beweglichkeit, um ins wahrnehmende, imaginierende, sinnbildende und -auflösende Spiel ästhetischer Lektüre Kritik so einzubeziehen, daß sie weder auf ein «Potztausend » l hinausläuft noch auf ein scheinbar abschließend-schlüssiges «Werturteil >, das eine ganzheitlich komplexe, aspekt- und widerspruchsreiche, bald mitspielend-mimetische, bald distanzierend-kritische Lektürebewegung mit einer der von den Wertungstheorien angebotenen dürren Formeln zum Stillstand bringt.

     
Die Rezeptionsforschung hat bisher, außer der Dialektik von Norm und Wert , Erwartungshorizont und Innovation , wenig über Wertungsaspekte literarischer Lektüren zu sagen gewußt. Es käme bei der Analyse von Lektürezeugnissen, seien es literaturwissenschaftliche Kommentare, seien es einfache Leseprotokolle, darauf an, die Vielfalt und Komplexität von gedanklichen Operationen und rhetorischen Strategien der Wertung zu erfassen. Ebenso käme es darauf an, das unaufhebbare Spannungsverhältnis zwischen Lektüreerfahrung, an die alle Wertungsakte zurückgebunden bleiben, und Theoriebildung, in deren Rahmen allein Wertungskriterien und -normen rational begründet werden können, bewußt zu halten. Die Kunst der Kritik besteht darin, allgemeine Wertungskriterien und besondere Texterfahrung experimentierend einander anzunähern und in plausibler evaluativer Argumentation zu verknüpfen. Dem entspräche eine Form des literaturwissenschaftlichen Kommentars, die sich an einem Konzept < kritischen Interpretierens > orientiert, das die Spannungen von Lektüre und Verstehen, Poetik und Hermeneutik nicht beseitigt, vielmehr produktiv macht.
      Das Epitheton < kritisch >, das in der Wertungstheorie der vergangenen Jahre allzuoft als bloß schmückendes gebraucht worden ist, besagt, daß die Wertungsmomente, die aller hermeneutischen Praxis eingelagert sind, auf die umfassende Leitidee der Kritik bezogen werden, auf einen weiten Reflexionsrahmen also, der Kunst, Kultur und Gesellschaft umfaßt. Es besagt, daß der dialektische Doppelcharakter von Kunst und Literatur, ihr ästhetischer Autonomieanspruch bei gleichzeitiger historisch-sozial-kultureller Verflechtung, wahrgenommen wird, methodisch: durch Rollenwechsel zwischen und < Beobachten >, Verstehen und Erklären. Es besagt, daß die innere Dynamik der Texte, die in ihrem ästhetisch-poetischen Spiel- und ihrem sprachlich-schriftlichen Zeichencharakter angelegt ist, aufgenommen wird: Texte als kohärent-inkohärente, Sinn auf- und abbauende Spannungsfelder. Wertung und Kritik können dabei ebenso wie dem Ganzen eines Werks auch Teilaspekten gelten. Hierbei könnte kritisches Interpretieren viel von dem antihermeneutischen Verfahren lernen, das sich Dekonstruktion nennt21, ohne dessen dogmatische Poetik übernehmen zu müssen.

     
Kriterien der literarischen Wertung
Kriterien sind Maßstäbe, nach denen wir etwas bewerten. Sie können direkt akzeptierte Normen oder, häufiger, aus solchen Normen abgeleitete, im Blick auf die mit Text und Lektüre gegebene Bewertungslage formulierte und kombinierte Konzepte sein. In idealtypischer literaturkritischer Argumentation bildet ihre Aufstellung und Explikation den Obersatz, den Schlußsatz ihre schlüssige Anwendung auf den Text, der im Untersatz beschrieben wird, welcher natürlich aus mehreren Sätzen oder sogar aus einer ganzen Abhandlung bestehen kann. Die Schwierigkeiten und die Kunst der literarischen Wertung liegen indessen nicht erst in dieser im Prinzip leicht durchschaubaren Logik der Kriterienanwendung, sondern zum guten Teil schon im Auffinden, Auswählen, Kombinieren von geeigneten Kriterien. Denn Festigkeit, Eindeutigkeit und Geltungskraft literarischer Normen und Kriterien drohen sich nicht erst im literaturkritischen < Sprachspiel > selbst, seiner Dialektik von Lektürewahrnehmungen und theoriebezogener begrifflicher Fixierung, immer wieder aufzulösen. Schon die Kriterienwahl wird irritiert durch einen soziologischen oder historischen Blick, unter dem sich Normen und Kriterien als Verfestigungen, Vereindeutigungen und Dogmatisierungen von Wertungskommunikation und Wertungsgeschichte erweisen.
      Seit dem Zerfall vormoderner Weltbilder und der ihnen zugehörigen normativen Poetiken vollzieht sich ein permanenter Aufstieg und Niedergang von literarischen Wertungskriterien, der mit dem Wandel der Epochen und Strömungen und der sie begleitenden Literaturauffassungen verflochten ist. Wertungskriterien treten dabei in der Regel verdeckt auf: als poetologische Wesensbestimmungen. Das gilt wie für Kriterien der klassischen Literaturdoktrin, die Wesen und Wert der Dichtung in ihrer Symbolisierungskraft sah, ebenso für Kriterien der literarischen Moderne wie das der Verfremdung. Um das chaotisch anmutende Neben- und Gegeneinander der Kriterien überschaubar und handhabbar zu machen, bedarf es einer kritischen Literaturtheorie, welche Offenheit für die historische und kulturelle Vielfalt der Literatur, ihrer Funktionen und Gebrauchsweisen mit einem Festhalten am universalistischen Prinzip der Kunstautonomie verbindet, das ein kritisches Prinzip ist, indem es jeder Reduktion des und Eigenwerts der Literatur entgegentritt.
      Zur Praxis der literarischen Wertung gehört die ständige Kritik der Kriterien. Solche Kritik kann dann zu begründeter Veränderung der

Kriterienwahl, -kombination und -gewichtung führen oder zumindest zu einem differenzierteren, genaueren Verständnis eingespielter Kriterien. Nehmen wir als Beispiel das ebenso verbreitete wie vieldeutige Kriterium der Modernität. Von Anfang an wohnt ihm ein Widerspruch inne. Denn gleichzeitig mit dem Aufstieg des geschichtlichen Bewußtseins, das auch Kunst und Literatur in ihre Zeit verflochten sieht, wurde die Idee der Kunstautonomie geboren, der gemäß künstlerische Werke ihre Bedeutung und ihren Eigenwert immer auch in Distanz zur Zeit entfalten. : Zeitad-äquatheit, Progression, Innovation - diese und verwandte Konzepte geben recht unscharfe Kriterien ab, es sei denn, sie werden sehr eng auf die Entwicklung künstlerischer Gestaltungsmittel eingegrenzt. Sie unterliegen der Gefahr dogmatischer Fixierung, denn jede Zeit nimmt sich selbst gern zum Maßstab. Das wiederum provoziert einen Skeptizismus, der dem Kriterienbündel der Modernität prinzipiell ablehnend gegenübersteht. Rational begründen ließen sich solche temporalen Kriterien allein im Rahmen gesellschaftlicher und literarischer Entwicklungslogiken; aber diese geraten leicht in den Verdacht, bloße Rationalisierungen von Geschichts- und Literaturideologien zu sein.
      Wenn Modernität ein Kriterium sein soll, was ist dann das Kriterium für Modernität? Und wenn Modernität einen Vorrang bestimmter Texte begründen soll, wo bleibt dann die fundamentale ästhetische Erfahrung der Gegenwärtigkeit nichtmoderner Literatur aus früheren Zeiten oder anderen Kulturen in unseren heutigen Lektüren ? Vollends in der jetzigen, als postmodern - oder bereits als post-postmodern ? -deklarierten Epoche sind Normativität und Kanonizität der klassischen Moderne, der künstlerischen Avantgardebewegungen des zo. Jahrhunderts und der Kriterien moderner Literatur geschwunden wie zuvor die der älteren Klassiken. Im Zeitalter unbegrenzter kulturindustrieller Reproduzierbarkeit, der Remakes, des postmodernen Spiels mit älteren Schreibweisen verlieren Negativkriterien wie Kon-ventionalität oder Epigonalität - all das, was künstlerisch 'nicht mehr möglich> ist - an Plausibilität. Um diesen Prozeß der Entkanonisie-rung der Moderne nicht in die ohnehin sich ausbreitende Beliebigkeit einmünden zu lassen, bedürfte es eines Wertungsverhaltens, das die einzelnen Kriterien der Modernität sorgfältig differenziert und ihren Gebrauch vorsichtig eingrenzt. Die geschichtlichen Erfahrungen, normativen Grundorientierungen und künstlerischen Potentiale, die das < Projekt der Moderne > enthält, müssen dabei keineswegs aufgegeben werden.

      Literarische Wertungskultur
Begriffe und Theorien der literarischen Wertung sollten nicht als ein steriler Spezialbereich der akademischen Literaturwissenschaft angesehen werden, sondern in Hinblick auf ihre Orientierungsleistung für literaturkritische Praxis: wissenschaftliche, journalistische und vor allem Lektürepraxis literaturinteressierter Leser. Denn Wertungskompetenz, kritische Sensibilität, Wahl- und Urteilsfähigkeit müssen zu den wichtigsten Bildungszielen in unserer gegenwärtigen Kultur mit ihren extrem heterogenen ästhetischen Angeboten gerechnet werden. Das praktische Erkenntnisinteresse der literaturwissenschaftlichen Wertungstheorie sollte sich demgemäß auf Entwicklung und Pflege einer literarischen Wertungskultur richten.
      Daraus ergeben sich Gesichtspunkte für eine Didaktik der literarischen WertungZ in Schule, Universität und weiteren Bildungseinrichtungen, andererseits Kritikpunkte in Hinblick auf eine gegenwärtige Wissenschaftskultur, die sich solchen Zielsetzungen weitgehend verschlossen hat. Schulische Didaktik der literarischen Wertung hätte statt fachwissenschaftlicher Propädeutik und literaturhistorischen Faktenwissens die altehrwürdige und nicht widerspruchsfreie Idee ästhetischer Erziehung - denn Ã"sthetik und Erziehung stehen notgedrungen in Spannung zueinander - als Anleitung zu einer Kunst des Lesens zu konkretisieren, einer Kunst, die kritische Kompetenz einschließt. Die entsprechende Kunst des Lehrens bestünde dann weniger in curricularer und unterrichtsplanerischer Rationalität als vielmehr darin, eigene Fähigkeit zu Freude und Kritik an literarischen Werken -jene wäre ohne diese blind wie diese ohne jene leer - in sich lebendig zu halten und etwas davon an die Lernenden weiterzugeben.
      Im literaturwissenschaftlichen Fachstudium, gerade weil es längst nicht mehr vorrangig Lehrer ausbildet, sondern Kompetenzen für ebenso breitgestreute wie stellenknappe Berufsfelder, vorwiegend im Kulturbereich, vermitteln soll, gewinnt Wertungskompetenz eine entsprechende Bedeutung. Literaturstudenten sollten noch so geringe Freiräume, die ihnen heutige Studien- und Prüfungsordnungen lassen, durch Teilnahme am kulturellen und literarischen Leben, durch selbstbestimmte - einsame oder gemeinschaftliche - Lektüre alter und neuer literarischer Werke, durch Wahl solcher Lehrveranstaltungen, die zugleich mit wissenschaftlicher Fachkompetenz literarische Bildung und literaturkritisches Bewußtsein vermitteln, dazu nutzen, ihre eigene literarische Wertungskompetenz auszubilden. Dabei sollten spezielle

Studienkomponenten oder ergänzende Studiengänge für Literaturkritik genutzt werden, wie sie einzelne - leider zu wenige - Universitäten anbieten.
      Im ganzen ist die derzeit herrschende Wissenschaftskultur diesem Lern- und Bildungsziel wenig günstig. In der heutigen Literaturwissenschaft hat sich mit der immer weitergetriebenen Spezialisierung ein Mangel an Interesse und Kompetenz für literarische Erfahrung und Wertung ausgebreitet. Der gegenwärtige «Regel-Germanist» - so sieht ihn ein Kenner der Szene - hat keine Zeit für Literatur, weil damit beschäftigt, « eine neue Theorie wie Jägersoße über die längst hundertmal abgeschossenen Gegenstände zu gießen». Neben dem verbreiteten Typus des literaturblinden oder -erblindeten Wissenschaftsmanagers nimmt sich der des philologischen Spezialisten, der sich um seine Autoren mit seinesgleichen nach Art von Fan-Gemeinden vereinigt, unter entsprechender Verkümmerung kritischer Urteilsfähigkeit, geradezu liebenswert aus. Nichts jedenfalls deutet darauf hin, daß Literaturwissenschaftler - und auch literaturwissenschaftliche Wertungstheoretiker - eine größere literarische Wertungskompetenz hätten als nichtprofessionelle Leser.
      Ein Literaturwissenschaftler dagegen, der nicht verdrängt hat, daß der Grund seines Tuns literarische Erfahrung und daß er selbst immer auch Teilnehmer, nicht nur Beobachter der literarischen Kommunikation ist, sollte die Literaturwissenschaft als einen immer mehr nur sich selbst reproduzierenden Betrieb weniger und mehr die Literatur ernst nehmen. Er - oder sie - sollte sich nicht scheuen, persönliche Erfahrung mit Literatur in die wissenschaftliche Arbeit einzubeziehen und entsprechend zu lehren und zu schreiben. Ein dialogisches Verhältnis nicht nur zwischen Literaturwissenschaft, Literaturkritik und Autoren, sondern auch zwischen < Experten > und < Laien > wäre zu kultivieren, wobei jene mittlerweile lernen müßten, von diesen zu lernen. Schließlich sollten die Grenzen des eigenen professionellen und kulturellen Feldes immer wieder überschritten werden zugunsten interdisziplinärer und vor allem inteikultureller Offenheit, des wohl wichtigsten < Lernziels > moderner Kulturen überhaupt. Solche Offenheit könnte der Verfestigung institutioneller kultureller Praxis entgegenwirken und eine literarische Wertungskultur fördern, die literaturwissenschaftlicher Wertungstheorie ein gutes Stück voraus wäre.

     

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Begriffe  der  literarischen  Wertung    


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