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Grundfragen der literaturwissenschaft

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Autonomie und Funktion



Theoretiker der modernen bürgerlichen Gesellschaft wie Jürgen Habermas, Niklas Luhmann, Reinhart Koselleck oder Michel Foucault gehen davon aus, daß im Ãobergang vom 18. zum 19. Jahrhundert eine Epochenschwelle zu lokalisieren ist. Folgt man Niklas Luhmann, wird von der stratifikatorischen Gesellschaft, die schichtenmäßig spezifi-ziert und in einem Zentrum abbildbar ist, auf die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft umgestellt. Diese besteht aus einzelnen Teilsystemen, ohne daß ein Teilsystem - sei es Politik oder Wirtschaft - eine strenge Führungsrolle beanspruchen könnte. Das hat auch gravierende Folgen für Kunstproduktion, -distribution und -rezeption. Die Moderne ist nämlich dadurch gekennzeichnet, daß sich ein eigenständiges Kunstsystem herausbildet, das mit Hilfe eines Leitcodes , spezifischer Programmatiken und neuer Rollenverteilungen sich selbst als Institution organisiert. In dem unter Innovationsdruck stehenden Kunst-und Literatursystem äußern sich Autoren über das Autonomiepostulat und über mögliche Funktionszuweisungen von Kunst/Literatur aus der Teilnehmerperspektive. Das sind meist kognitiv interessante, aber eben auch interessengeleitete Stellungnahmen innerhalb des Kunstsystems, die häufig genug Selbstüberschätzungen enthalten.
      In der modernen Gesellschaft haben die funktional nicht ersetzbaren Teilsysteme unterschiedlichen Erfolg. Am besten haben in der Moderne die Teilsysteme Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt Wissenschaft reüssiert. Unzweifelhaft ist aber auch im Kunstsystem mit der Ausdifferenzierung ein interner Komplexitätszuwachs verbunden. Da Kunst als schöne oder nicht mehr schöne Kunst in der Moderne nicht mehr unauflöslich mit religiösen, metaphysischen, kognitiven und moralisch-praktischen Fragestellungen verknüpft ist, kann sie als eigensinnige Wertsphäre Autonomie für sich beanspruchen, die erhebliche ästhetische Verfahrenszugewinne ermöglicht. Sie wird viel stärker als in vormodernen Zeiten auf Selbstreferenz umgepolt. Diese Selbstreferenz aktualisiert sich in Programmen wie dem der Schlegel-schen progressiven Universalpoesie, welches erlaubt, mit Hilfe allegorischer und ironischer Verfahren ein vielfach selbstbezügliches Spiel zu inszenieren, das allerdings stets auf eine begrifflich nicht mehr faßbare, eben nur noch ästhetisch vermittelbare Sinnfülle verweisen soll.z
Jedoch keine Selbstreferenz ohne Fremdreferenz; denn bevor man sich auf etwas selbstreferentiell beziehen kann, muß man etwas als etwas schon beobachtet haben. Deshalb konkurrieren in der Moderne und < realistische > Kunstkonzeptionen, die das Spiel zwischen Fremdreferenz und Selbstreferenz auf unterschiedliche Weise spielen: Ã"sthetizistische Positionen betonen die Selbstreferenz, indem sie den Hauptakzent auf das Selbstverweisungsspiel von Kunst legen; realistische Positionen setzen auf Fremdreferenz und heben die Abbildungsqualität von Kunst hervor. Darüber hinaus stellt Ausdifferenzie-rung als Ausdifferenzierung Kunst und Literatur vor erhebliche Probleme. Denn die funktionale Ausdifferenzierung ermöglicht zwar ästhetischen Komplexitätszugewinn, impliziert zugleich aber religiösen, metaphysischen, kognitiven und moralisch-praktischen Verbindlichkeitsverlust. Daß das Kunstsystem z. B. das politische oder das ökonomische System zur Umwelt hat, wird bis heute von vielen, die sich in ihrem Selbstverständnis vorwiegend im Kunstsystem situieren, als irritierend und verstörend erfahren. Auf die des Kunstsystems antworten sie häufig mit Zentralisierungswünschen, in die sich fast immer Entdifferenzierungsträume einklinken, die entweder von alten Einheiten vor der Ausdifferenzierung oder von neuen Einheiten jenseits der Ausdifferenzierung träumen. Das kann man sich besonders gut an der Kunstreligion klarmachen, wie sie auf unterschiedliche Weise vom Deutschen Idealismus präsentiert worden ist. Die bis heute erfolgreichste Formulierung eines derartigen idealistischen Programms, das in the long run die Umweltgrenzen zu den anderen Teilsystemen wieder aufheben will, hat Friedrich Schiller in seinen «Ã"sthetischen Briefen » vorgenommen. Sie sind Zeugnisse eines Autors, der in der außerordentlich krisenhaft verlaufenden Umbauperiode zur modernen Gesellschaft und angesichts der bestürzenden Ereignisse der Französischen Revolution mit konstruktiver Energie folgende Selbstbeschreibung anfertigt: Der Künstler als Individuum ist zugleich Repräsentant der Menschheitsgattung, deren Geschichte geschichtsphiloso-phisch mit einem triadischen Fortschrittsmodell eingefangen werden kann. Der nicht erreichbare ideale Zielpunkt wird mit Hilfe einer Entdifferenzierungsphantasie gefaßt: Schiller träumt den utopischen Traum einer ursprungsphilosophisch abgesicherten ästhetischen Versöhnung von Natur und Kultur, von Politik, Ethik und Kunst, also von einem Zustand jenseits von Ausdifferenzierung. Die entscheidenden Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel leistet nun das Kunstsystem, wobei es die Funktion des für autonom erklärten Kunstwerks als < lebende Gestalt' ist, stets zwecklos - d. h. symbolisch - auf jene utopische Zielprojektion zu verweisen, indem die Kunstwerke so strukturiert werden, daß sie in ihrer Faktur die Versöhnung vorwegnehmen.
      Friedrich Schillers Funktionsbestimmung der autonomen, < funktionsloseN) Kunst innerhalb eines geschichtsphilosophisch ausgelegten universalen Versöhnungsprogramms geht von der Voraussetzung aus, daß der Kollektivsingular < Geschichte > eine sinn- und identitätsver-bürgende Qualität enthält. Den Glauben an diese Form von Geschichtsmetaphysik, der es ja allererst ermöglicht, den Kunstwerken aufrich-tigen, selbständigen Schein als utopischen Vor-Schein zuzuweisen, teilt Friedrich Nietzsche nicht mehr. Denn für Nietzsche hat mit dem Tod Gottes auch der Kollektivsingular < Geschichte > seine Legitimationskraft verloren. Nicht umsonst verspottet er den schwäbischen Dichter als «Moraltrompeter von Säckingen». Dennoch ist Nietzsche zumindest in einer spezifischen Hinsicht nicht so weit von Schiller entfernt, wie häufig von vielen Nietzsche-Adepten angenommen wird. Auch für Nietzsche steht nämlich das ästhetisch-poietische Vermögen des Menschen im Zentrum seiner Ãoberlegungen. Im Insgesamt der menschlichen Handlungs- und Verhaltensweisen erhält es absolute Priorität als Ort, wo Neues imaginiert und Sinnentwürfe produziert werden können. Und wie Schiller träumt er einen Entdifferenzierungstraum, der allerdings nicht mehr geschichtsphilosophisch domestiziert ist: Es ist der Traum einer differenzlosen Einheit von Politik und Kunst. Das Idealbild, das Nietzsche vorschwebt, skizziert er mit kräftigen Zügen in seiner Schrift « Genealogie der Moral»; es ist aus heutiger Perspektive symptomatisch, daß Nietzsche zur Exemplifizierung seiner Entdifferenzierungsphantasie vormoderne Staatsgründergestalten bemüht:
«Dergestalt beginnt ja der «Staat» auf Erden: ich denke, jene Schwärmerei ist abgetan, welche ihn mit einem «Vertrage > beginnen ließ. Wer befehlen kann, wer von Natur ist, wer gewalttätig in Werk und Gebärde auftritt, was hat der mit Verträgen zu schaffen! Mit solchen Wesen rechnet man nicht, sie kommen wie das Schicksal, ohne Grund, Vernunft, Rücksicht, Vorwand, sie sind da, wie der Blitz da ist, zu furchtbar, zu plötzlich, zu überzeugend, zu sie wählen wollen, d. h. wie und auf welche Weise sie ihr Leben kognitiv, moralisch-praktisch und expressiv strukturieren wollen. Allerdings gibt es in der Moderne dafür jenseits formaler Kommunikationsbedingungen, die mit Hilfe von Formen schwacher transzendentaler Argumentation abgesichert werden können, keine universalisierbare Generallösung.
      Jürgen Habermas' «Theorie des kommunikativen Handelns» ist allerdings von einer normativ aufgeladenen Ausgangsintuition geprägt, die seine stupende intellektuelle Produktion massiv motiviert. Sie impliziert die Hoffnung, daß es möglich sei, auch in der ausdifferenzierten Moderne mit ihren pathologischen Deformationen Formen von unversehrter Intersubjektivität auszubilden. In einer gerade erschienenen Veröffentlichung hat Jürgen Habermas im Rückgriff auf seine Gewährsleute Walter Benjamin und Theodor W. Adorno seinen leiten-den Impuls, der zugleich die gesamte Kritische Theorie motiviert, so in Worte gefaßt:
«Intuitionen retten, die in der Philosophie unabgegolten sind. Dabei geht es um die Erfahrung von nicht-nivellierender Gleichheit und individuierender Gemeinsamkeit, um die Erfahrung einer Nähe über die Distanz zu einem in seiner Differenz anerkannten Anderen hinweg, um die Erfahrung einer Verschränkung von Autonomie und Hingabe, einer Versöhnung, die die Differenzen nicht auslöscht, einer zukunftsorientierten Gerechtigkeit, die solidarisch ist mit dem ungesühnten Leid vergangener Generationen, um die Erfahrung der Reziprozität freigebender Anerkennung, eines Verhältnisses, in dem ein Subjekt dem anderen assoziiert ist, ohne der entwürdigenden Gewalt des Tausches zu unterliegen - einer höhnischen Gewalt, die Glück und Macht des einen nur um den Preis des Unglücks und der Ohnmacht des anderen zuläßt.»

Nachbemerkung
In den präsentierten Modernetheorien ist die nur knapp skizzierte Benjaminsche trotz ihrer eigenständigen Umschrift am ehesten noch strukturell mit herkömmlicher Geschichtsphilosophie und ihren Ent-differenzierungsträumen verknüpft; bei Adorno hat die als ambivalent charakterisierte Kunst, die autonom und fait social zugleich ist, gleichviel die Qualität einer promesse de bonheur, weil Kunst unverzichtbare Erfahrungsmöglichkeiten eines mimetischen Umgangs mit sich, der Natur und anderen aufbewahrt; Jürgen Habermas vertritt eine nachmetaphysische Konzeption der Moderne jenseits geschichts-philosophischer Rahmenkonstruktionen. Sie erlaubt es ihm, Kunst als eigenständige, autonome, ausdifferenzierte Wertsphäre zu fassen. Er setzt aber seine Hoffnung auf eine dialogische Hin- und Herbewegung zwischen Lebenswelt und Kunstsystem, die ermöglichen soll, daß in der Lebenswelt Anregungen des Kunstsystems aufgenommen werden, um auf individuelle Weise Formen von unversehrter Intersubjektivität ausbilden zu können.
      Zu diesem Dialog könnte die Literaturwissenschaft, die auch einmal über die von ihr verursachten sinnverödenden Effekte nachdenken sollte, einen produktiven Beitrag leisten. Dabei müßte sie immer wieder die Anstrengung auf sich nehmen, Theorien der Jetztzeit mit ästhetischen Erfahrungen zu konfrontieren, damit sich aus dem Wechselspiel zwischen Erfahrung und Theorie innovative Erkenntnisse erzielen lassen.
     

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