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Zur Geschichte der «ars rhetorica»



Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. ist Rhetorik Gegenstand wissenschaftlicher und didaktischer Ãoberlegungen. Im öffentlichen Leben des Altertums entfaltete sie ihre eminente soziokulturelle Potenz insbesondere als politische Rede vor Versammlungen und Gremien , als Gerichtsrede und als Festrede . Von der rhetorischen Theorie ging darüber hinaus früh im Zuge einer Literarisierung ein starker Impuls auf die Dichtung aus. Die Rhetorik wurde zudem als Lehrfach fester Bestandteil des Unterrichtswesens und damit unverzichtbares Bildungsgut freier Bürger. Es galt, Regeln zu erlernen, um sich durch eine wirkungsmächtige Rede im Staatsleben und vor der Justiz behaupten und gleichzeitig die Zuhörer für die eigene Meinung gewinnen zu können. Auf seiten der Rezipienten bestand neben sachlichen Motiven geradezu ein Bedürfnis nach einer geschliffenen Rede, die ihnen ästhetisches Vergnügen bereitete. Vornehmlich von der Stoa und von den Römern, aber auch von Aristoteles wurden beträchtliche moralische Ansprüche an den Vortragenden und seine Erziehung gestellt. Die Be-redsamkeit sollte stets der Tugend verpflichtet sein. Der staatsmännische «vir bonus» ciceronianischer Prägung zeichnete sich durch menschliche Vollkommenheit und universale Bildung auf der Basis der Philosophie aus.

      Die Rhetorik des Mittelalters knüpfte an die griechisch-römische Tradition an. In den sieben freien Künsten fest verankert, zählte die «ars rhetorica» neben Grammatik und Dialektik zum Trivium und blieb damit eine essentielle Komponente des Bildungswesens. Die christliche Predigttheorie schuf eine in Lehrbüchern überlieferte « ars praedicandi», um den Geistlichen das sprachliche Rüstzeug zur erfolgreichen Weitergabe der Heilsbotschaft und adäquate Hilfen zur Exegese der Heiligen Schrift bereitzustellen. Für die Abfassung von Urkunden, Briefen und anderen amtlichen Texten gab es Rat in den Handbüchern der «ars dictaminis».
      Im Humanismus bzw. in der Renaissance blieb Rhetorik in Schule und Universität Unterrichtsfach. Das antike Erbe lebte samt seinem Anspruch, Träger einer universellen Bildungsidee zu sein, fort. Die Reformatoren, allen voran Luther, erkannten die Effizienz rhetorischer Mittel für ihre Predigten. Die vorerst letzte große Blüte erlebte die Rhetorik in der Ã"ra das Barock. Im 17. Jahrhundert stellte die gesellschaftlich tonangebende Aristokratie die Beredsamkeit in den Dienst herrschaftlicher Repräsentation. Nicht nur Schule, Wissenschaft und Kunst, Forensik, Verwaltung und Homiletik, nahezu das gesamte öffentliche Leben war geprägt von der Rhetorik. Der , allseitig gelehrte, eloquente Hofmann hat seinen Ahnen im « vir bonus » Cice-ros. Poesie und Rhetorik galten als verschwisterte «artes».
      Gegen Ende des 18. Jahrhunderts büßte die Redekunst einen beträchtlichen Teil ihrer Geltung ein, es kam zu einer Trennung von Rhetorik und Dichtung. Kant, Hegel und Goethe zählen zu den prominentesten Verächtern des als Hohlrednerei mit unseriösen, ja betrügerischen Absichten verunglimpften Vermächtnisses. Die Verdikte dieser führenden Persönlichkeiten des geistigen Lebens wirken bis heute nach. Die idealistische Philosophie und Ã"sthetik folgte neuen Bahnen, so daß die Rhetorik aus der Poetik verdrängt wurde und das Schulfach allmählich an Bedeutung verlor. Den ästhetischen Grundsätzen gemäß stand Dichtung nicht länger im Bann normativer, erlernbarer Regeln, sondern galt als individuelles Medium subjektiver Erfahrung oder Inspiration im Zuge der Propagierung einer zweckfreien Kunst.
      Die Goethezeit markiert eine Zäsur in der Geschichte der nun reduzierten Rhetorik, aber von einer totalen Auflösung kann nicht die

Rede sein. Schon im 18., mehr noch im 19. Jahrhundert wurde die Stilistik, die Lehre vom Redeschmuck, weitgehend von der rhetorischen « elocutio » separiert und zu einem sich verselbständigenden Fach rein technischer Applizierung von Sprache dekorierenden Figuren deklariert. Erst um 1900 war die noch tradierte Schulrhetorik auch aus dem altsprachlichen Unterricht nahezu verschwunden. In beiden Jahrhunderten des allmählichen Verfalls blieben rhetorische Elemente in allen Textgattungen jedoch lebendig. Schiller, Goethe, Heine und andere namhafte Schriftsteller legen ebenso wie Dichter der Romantik Zeugnis ab für die Strukturierung ihrer Werke nach den - wenngleich mitunter modifizierten - Reglements der Redekunst. Die Autoren waren schon infolge ihrer Schulausbildung der Tradition verhaftet und bedienten sich ohne Skrupel aus dem reichen Schatz ihrer Anweisungen zur Texterstellung und Sprachgestaltung. Daneben überdauerte die Rhetorik in der Homiletik des 19. Jahrhunderts fast ungebrochen.
      Die deutsche literaturwissenschaftliche Forschung stieß - von einigen Ausnahmen abgesehen - erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auf die substantielle Bedeutung der Rhetorik in der Kulturgeschichte Europas. Mit der Wiederentdeckung der Literatur der frühen Neuzeit und dem Aufschwung der Mediävistik mußte die « ars bene dicendi» ins Blickfeld anfangs hauptsächlich historisch-rekonstruktiv orientierten Forschens rücken. Weitere Faktoren für das erwachte Interesse waren erprobte strukturalistische und formalistische Programme einer Textinterpretation, die nach einem neuen Werkzeug bei der Analyse von Literatur suchte. Die Erfahrungen mit agitatorischen Reden und Propagandaschriften in nationalsozialistischer Zeit und das Vordringen teilweise aggressiver Konsumentenwerbung in der Nachkriegsgesellschaft weckten eine zunehmende Wachsamkeit gegenüber den mitunter sublimen Verfahren manipulierenden Sprechens. Die amerikanische « New rhetoric » durchleuchtete in Zusammenarbeit mit Semiotikern, Linguisten, Kommunikationswissenschaftlern, Soziologen, Politologen, Philosophen und Psychologen und in Anknüpfung an die alte Affektenlehre die sozialen und psychologischen Bedingungen und Möglichkeiten wirkungsvoller persuasi-ver Beeinflussung im Rahmen verbaler und visueller Interaktion auf empirisch-experimenteller Basis wie die Entlarvung verführerischer Techniken. Den vielfältigen Ansätzen dieses Zweigs reaktivierter Rhetorik ist die betagte Grundeinsicht gemeinsam, daß Sprache immer rhetorisch geformt und intentional sei. Das gilt ebenso für die philosophisch ausgerichtete Argumentationstheorie Perelmans.
     
   In Deutschland zeichnet sich nach einer Phase des historischen Studiums und inzwischen intensivierter sozialgeschichtlicher Analysen eine kritische Weiterentwicklung der Rhetorik ab, die den Gegebenheiten einer Mediengesellschaft Rechnung tragen soll. Ob auf der Basis der linguistischen Pragmatik, der Kommunikationstheorie, der Hermeneutik oder der neueren Toposf orschung - zumeist steht das Verhältnis von demokratischer Ã-ffentlichkeit und Rhetorik und deren emanzipa-torisches Potential im Hinblick auf eine Etablierung einer auf Humanität und praktischer Vernunft in der Dialogführung wie im Handeln gründenden Sozialwissenschaft im Vordergrund." Seriöse Versuche der Reanimation der vernachlässigten «rhetorica utens», sei es als Instrumentarium zum Abfassen überzeugender Texte, sei es als Anleitungen zu deklamatorischer Rede, stecken derzeit in den Anfängen.

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