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Zeichensysteme und Sprachen



Stellen wir uns nun eine Szene zwischen Goethe und seiner Geliebten Marianne von Willemer auf der «Gerbermühle» im Jahre 1815 vor: Der Dichter schenkt der Tänzerin rote Rosen, sie blinzelt ihn durch Zwischenräume eines Fächers verliebt an. Sie trinken Wein, abwechselnd aus einem Glas, das sie sich hin- und herreichen. Alle Gegenstände dieser Situation sind erotisiert, bilden Zeichen einer < Sprache der Liebe>. Die Rosen gehören zum Fächer und zum Wein und zum Glas usw. Befindet sich auf solche Weise eine bestimmte Menge von Zeichen auf ein und derselben kohärenten einer Kultur, sodaß das einzelne Zeichen im Zusammenhang mit den anderen funktioniert, die Gesamtheit dieser Zeichen sogar eine bestimmte gesellschaftliche Funktion erfüllt, handelt es sich um ein Zeichensystem.

      Ein einfaches Beispiel für ein Zeichensystem liefert die Gesamtheit aller Verkehrszeichen mit der gesellschaftlichen Funktion der Verkehrsregelung. So verweist eine abgeschaltete, lediglich blinkende Verkehrsampel auf die an der gleichen Kreuzung aufgestellten Vorfahrtszeichen usw. Die sog. Schilderwälder bilden komplexe < Nachrichten > bzw. < Botschaften >, bei denen mehrere Einzelzeichen des Systems im Zusammenhang gelesen werden wollen.
      Ein klassisches Beispiel von Zeichensystemen in menschlichen Gesellschaften sind die natürlichen Lautsprachen. Jedes dieser Systeme besteht aus zahlreichen einzelnen Zeichen, den Wörtern , die unter verschiedenen Aspekten und auf verschiedenen Ebenen aufeinander bezogen sind. Jedes einzelne Sprachzeichen besteht aus einem Signifikanten, d. h. seiner lautlichen Gestalt , und dem zugehörigen Signifikat, d.h. dem «Konzept», wie Saussure es nannte, worunter er eine Art Vorstellungsbild als Kern der Bedeutung verstand. Durch deutliche Unterschiede auf der Ebene der Signifikanten wird die Bedeutung differenziert. Als Beispiel diene der erste Reim von «Wink»: «schelte» - «gelte». Der Lautkörper dieser beiden Ausdrücke stimmt bis auf einen einzigen Laut, den Anlaut, überein. Ã"hnliches würde für folgende Ausdrücke gelten: , , . Auch diese Wörter wären also als Reimwörter in Frage gekommen, wobei es sich bei < schelte > - < schellte > um vollständige Gleichheit des Signifikanten bei völliger Verschiedenheit des Signifikats, also um Homonymie handelt. Das Beispiel einer Reimserie zeigt, daß es genügt, einzelne Laute kombinatorisch auszutauschen, um die Bedeutung zu differenzieren. Tatsächlich bestehen alle natürlichen Sprachen trotz ihres enormen lexikalischen Reichtums aus relativ wenigen Basislauten , aus denen die Wörter kombinatorisch generiert sind.
      Wie bei Reimserien lassen sich durch Konstanthaltung bestimmter Elemente und kombinatorische Variation anderer Elemente in Zeichensystemen und insbesondere in Sprachen eine Fülle von Serien bilden, in denen sich unter verschiedenen Aspekten der Systemcharakter manifestiert.
      Auch auf der Ebene des Signifikats lassen sich Elemente der Bedeu-tung konstant halten und dann Serien bilden. Halte ich z. B. das Sem < Farbqualität > konstant, so kann ich die Serie der Farbwörter einer Sprache bilden. Halte ich im ersten der beiden Goethe-Gedichte das Sem «religiös » konstant, so ergibt sich die Serie «Offenbar», «Geheimnis», «heiliger», «mystisch», «fromm», « selig ».
     

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Zeichensysteme  Sprachen    





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