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Grundbegriffe der texterschließung

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Weitere Ereignisketten: Die Figur siebt sich bedroht, sie erfährt eine Schädigung, sie fühlt sich schuldig



Eine zweite ereignishafte Ausgangserfahrung liegt vor, wenn die Figur sich in dem, was sie als Gut besitzt und genießt, bedroht fühlt. Die handlungseröffnende Erfahrung ist also semantisch und psychologisch anders aufgebaut als die des Begehrens. Gesetzt, der junge Mann hätte in Ruhms Geschichte das Mädchen glücklich geheiratet, wäre doch als Fortsetzung eine neue Geschichte denkbar, in der er ereignishaft in eine Situation gerät, die ihn um sein Glück bangen läßt .

      Die handlungseröffnende Erfahrung der Sorge und Furcht um das, was man hat, läßt sich unter denselben Aspekten wie die Erfahrung des Begehrens bestimmen. Die Figur erfährt unerwartete Hindernisse, sie sieht sich in Unruhe versetzt und kann nicht sicher sein, die Gefahr erfolgreich zu beseitigen. Natürlich kann die Sorge auch eingebildet sein - « Du bebst vor allem, was nicht trifft, / Und was du nie verlierst, dasmußt du stets beweinen » -, was aber nichts daran ändert, daß die Figur aus ihrer Perspektive ereignishafte Erfahrungen sammelt. Auch die handlungsbegleitenden Erfahrungen sind nach dem Muster der Ereigniskette beschreibbar. Entsprechend lassen sich die dort entfalteten handlungsabschließenden Erfahrungen auf diese Ereigniskette anwenden: Die Figur vermag die Gefahr erfolgreich abzuwehren und kehrt in die beruhigte Anfangssituation zurück; die Figur erleidet einen Mißerfolg, lernt aber den Verlust rasch zu verwinden etc. Auch kann die Figur aus den Erfahrungen neue Erkenntnisse ziehen .
      Eine dritte ereignishafte Anfangserfahrung, welche die Kette - Erfahrung eines Werts, eines Hindernisses, einer Unruhe und Intentiona-lität, einer Offenheit etc. - auslösen kann, ist das Erlebnis einer Schädigung oder eines empfindlichen Verlusts. Die Geschichte kann damit beginnen, daß die Figur eine Schädigung oder den Verlust eines Guts erlebt, und der Leser ist nun gespannt, ob die Figur die Trauer zu bewältigen vermag. Oder die Figur erleidet handelnd eine Schädigung, wenn sie ein Gut zu erwerben versucht wie der junge Mann, der bei der Werbung den Kopf verliert. Die Erfahrung von Schädigung und Verlust kann aber auch an die Ereigniskette der Bedrohung anknüpfen, wenn es der Figur dort nicht gelingt, die Gefahr abzuwenden. Die Ausgangssituation der Schädigung bzw. des Verlusts kann aus der Perspektive der Figur unterschiedlich wahrgenommen werden. Im ersten Fall glaubt die Figur daran, daß der Schaden heilbar ist und das verlorene Gut wiedergewonnen werden kann, so daß die Ereigniskette nach dem Muster aufgebaut ist. Im anderen Fall hält die Figur die Schädigung und den Verlust für irreparabel und muß mit dieser Erfahrung fertig werden analog zu den Figuren, die im Begehren oder in der Abwehr einer Gefahr einen Mißerfolg erleiden. Wie auch immer die Situation figurenperspektivisch definiert wird, die Folgeereignisse können stets unter den schon genannten Aspekten betrachtet werden .
      Eine vierte figurenperspektivische Ereigniskette wird dadurch ausgelöst, daß die Figur ein bestimmtes Gut verletzt und darüber Schuldgefühle und Reue empfindet. Man könnte diese Erfahrung als Sonderfall der Kette begreifen, wenn man definiert, die Fi-gur habe sich hier selbst geschädigt. Auf einer Ebene mittlerer Abstraktion ist es jedoch sinnvoll, dieses Anfangsglied einer Ereigniskette in seiner Besonderheit hervorzuheben. Der Leser lernt eine Figur kennen, die ein Gut geschädigt hat und bei dem Versuch, diesen Schaden wiedergutzumachen, die zuvor schon genannten Erfahrungen durchlaufen kann . In dieser Ereigniskette kann wiederum die Erfahrung bzw. Erkenntnis für die Figur besonders bedeutsam werden, warum sie einen Regelverstoß, eine Schädigung, ein Verbrechen beging. Ein zentrales Thema der epischen und dramatischen Literatur vom«Parzival» bis zu «Anna Karenina» und «Kaltblütig», vom «Ã-dipus» bis «Richard III» und «Faust» ist ja die Verletzung von Normen sowie die Frage nach den Ursachen und der Bewertung des Verstoßes bzw. Verbrechens.
     

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